Der Sensenmann und ich

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Roger Izzy

Mitglied
Der Sensenmann und Ich

Ich habe viel geschrieben, zu predigen auf der Kanzel, im Bundeshaus oder im Stadthaus hätte ich noch viel mehr!
Nur, die werden mich dort nicht predigen lassen, da bin ich mir sicher. Dabei wäre es doch gerade heute von immenser Wichtigkeit, auf einen Mann wie mich zu hören.
Es ist Zeit, dass viele Pfarrer, Priester, Imane und Politiker endlich mal die Schnauze halten oder abhauen, oder beides, um Platz zu machen für diejenigen, die auch was erlebt haben und darüber sprechen können.
Ich denke dabei natürlich an mich. Früher wären es Sid Vicious, Bobby Sands, Ian Curtis, Curt Cobain oder Amy Winehouse gewesen. Aber die sind tot, die hatten zu viel erlebt oder gingen zu weit, aus innerer Überzeugung oder warum auch immer.
Wie es mit mir weitergeht, weiss ich nicht. Ich bin nun seit sieben Wochen wieder stabil, mache nicht sehr viel, nehme meine Medikamente und schwitze in meiner Ritze vor mich hin. Ziemlich langweilig.

Als ich das letzte Mal unterwegs gewesen war, hatte ich übertrieben, war besoffen, schlief am Tresen in einer Bar ein. Die Weiber waren zwar bemüht, mir zu gefallen, nur, sie gingen mir alle am Arsch vorbei.
Ich hatte aber auch, als ich nicht kontemplativ an der Bar sass und nichts sagte, beseelte Begegnungen, Gespräche.
Es gab Gefallene, Gestrandete, die mir ihre Geschichten erzählten.
Es gab solche, die keinen Kontakt mehr pflegten mit ihren Familien oder ihren Frauen.
Ich denke, die meisten waren darüber nicht unglücklich…
Einer erzählte mir, dass sein Vater ihn nie akzeptiert hätte. Nichts war gut genug. Sein Alter nahm ihm seinen freien Willen und sogar seine Freundinnen weg. Er fickte sie auch. Ziemlich bizarr.

Geschichten über Geschichten, langweilige Stories und solche mit traurigem Inhalt. Wo ordne ich meine Geschichten ein? Wohl eher bei den kaputten. Sicher sind auch einige davon traurig, nur nehme ich die Scheisse hin und versuche, mich nicht zu beklagen.
Nun, der letzte Rückfall im Sommer mit Saufen und Ficken war nicht ohne. Ich weiss noch, ich war auf Entzug und der Sensenmann war wieder einmal zu Besuch. Das letzte Mal hatte er ja im Winter nach mir geschaut, hatte mich aber nicht mitgenommen. Es war auch zu kalt draussen und erkälten wollte ich mich nicht.
Ja, da war er nun, schwitzte sicher noch mehr unter seiner schwarzen Kutte als ich in meiner stinkigen Unterhose.
“Wie sieht’s aus?”, fragte er mich, “gehen wir?”
“Nein, ich muss dich wieder enttäuschen wie so oft, mir ist nicht gut, ein bisschen flau im Magen, ich denke, ich habe was Schlechtes gegessen. Nimm einen anderen mit, es gibt genug Idioten in unserer Siedlung.”
“Du hast recht. Mach ich. Tschüss! Bis bald!”

Vielleicht gehe ich ja das nächste Mal mit...

Wenn ich zurückschaue, ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen und Amen und so. Vieles in meinem Leben hätte nicht sein müssen: Begegnungen mit meinen Nächsten, die für den Arsch waren, sexuelle Begegnungen und natürlich auch emotionale und intellektuelle.
Den ganzen Scheiss von füher vergessen geht ja nicht. Oder doch?
Es gibt da eine Methode, die sogenannte partielle Lobotomie, das Entfernen eines Teils des vorderen Frontallappens.
Der Vorteil besteht darin, dass die meisten Menschen nach der Lobotomie nicht nur die Erinnerungen an ihr beschissenes und verlogenes Dasein auf Erden jeden Tag vergessen, sondern, wenn die Lobotomie schief geht, auch ihr sündhaftes Leben von früher.
Oder alles. Tabula rasa.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, ich mache jetzt mal eine längere Schreibpause. Ich denke, ich werde vielleicht noch mehr über die Menschen als solches schreiben, über Männer und Frauen. Vielleicht ein Handbuch für Männer, wie sie die Frauen nehmen müssen und vor allem ein Handbuch für Frauen, wie sie sich gegenüber dem Mann zu benehmen haben... Der Inhalt würde dann unter anderem auf dem alten Testament basieren, ein altes göttliches Buch der Gesetze und Weisheiten. Dieses Werk definiert auf natürliche Weise das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau...

Frei nach den Gebrüdern Grimm sage ich mal:
“Wenn ich nicht gestorben bin, dann schreibe ich noch weiter!”
 

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