Der Tag beginnt

Sally Winter

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Der Tag beginnt

Der Duft von Kaffee und frischem Brot lag in der Luft, als das Haus erwachte. Irgendwo summte die Kaffeemaschine. Für einen kurzen Moment war alles still. Ich war wach – und genoss diese Ruhe, wohl wissend, dass sie nicht lange halten würde.
„Maamaa!“, hallte es plötzlich von der Treppe.
„Mama, ich bin wieder gesund und habe ganz viel Hunger!“
Ich musste lächeln. Ralf. Unser Jüngster, vier Jahre alt, kaum wieder fieberfrei, und doch schon wieder voller Tatendrang, als hätte er die Nacht genutzt, um neue Energie zu sammeln. Gestern noch hatte er schlapp im Bett gelegen, heute erklärte er sich lautstark für gesund. Für einen Moment sah ich wieder den kleinen Jungen vor mir, der einst stolz seine ersten Schritte gemacht hatte.
„Komm, schnell waschen und anziehen!“, rief Karin aus dem Flur. „Manu, Kai!“
Ihre Stimme trug Ruhe und Bestimmtheit zugleich. Ein Wort von ihr, und das Haus fand seinen Rhythmus.

Kurz darauf polterten kleine Füße über die Holztreppe. Türen öffneten und schlossen sich. Verschlafenes Murren mischte sich mit Gelächter. Die Küchentür quietschte, wie sie es jeden Morgen tat.
Stefan stand im Türrahmen. Fast zwölf war er inzwischen und trug ein breites Grinsen im Gesicht. In letzter Zeit blieb er oft länger mit seinen Freunden draußen. Heute grinste er wieder, als wäre nichts gewesen.
„Au!“
Ich brauchte mich nicht umzudrehen. Kevin war beteiligt. Aus der Küche erklang nun Omas Stimme, ruhig, aber bestimmt: „Kevin.“
Mehr brauchte es nicht.
Kevin verzog das Gesicht. Seine Fantasie kannte kaum Ruhe – und selten blieb jemand unversehrt.
„Das war doch nur Spaß“, murmelte er.
Oma sah Kevin an. Nicht streng. Nur klar.
„Wenn jemand ‚Au‘ sagt“, erklärte sie, „ist es kein Spaß. Entschuldige dich.“
Kevin zögerte kurz, dann nickte er. Stefan grinste schon wieder. Die Sache war erledigt.
„Jetzt anziehen“, sagte Oma, und sofort setzte Bewegung ein. Kleidung raschelte, Schritte entfernten sich.
Tobias und Andreas stürmten herein. Zwillinge – und doch kaum zu verwechseln. Tobi suchte den Blickkontakt, den nächsten Lacher. Andreas blieb einen Moment stehen, beobachtete, dachte nach, bevor er leise „Morgen“ sagte.

Als ich die Küche betrat, band Karin sich gerade die Schürze um.
„Alles gesund und munter?“
„Ja, Papa!“, riefen sie im Chor, und für einen Augenblick war da diese seltene Einigkeit, die einen innehalten ließ.
„Dann frühstücken wir“, sagte Karin.
Die Kinder stürzten sich auf die Brötchen. Gespräche überschlugen sich, Pläne für den Tag wurden gemacht, vergessen und neu erfunden.
„Was war denn vorhin los?“, fragte ich und sah Kevin und Stefan an.
Kevin strahlte: „Ich hab’ bei Stefan den Gummi von der Schlafanzughose schnalzen lassen. Dann Stefan bei mir.“ Er zuckte mit den Schultern.
Ich nickte. „Dann ist es jetzt gut.“
Tobi reichte mir den Brotkorb. Manu beugte sich vor.
„Oma, gehen wir heute auf den Spielplatz?“
Omas Gesicht hellte sich auf.
„Ja, wir gehen.“
„Mama“, fragte Manu eifrig, „dürfen Ralf und ich Haferflocken mit warmer Milch haben?“
„Natürlich“, antwortete Karin. „Mit Banane?“
„Und Schokolade!“, rief Ralf.
„Ich auch!“, meldete sich Kai und schlenkerte mit den Beinen.
Karin lachte. „Also dreimal.“
„Wie im Hotel“, sagte ich schmunzelnd.
Doch es war nicht das Frühstück, das mir im Kopf blieb. Es war dieser Moment. Stimmen. Die kleinen Konflikte, die genauso schnell verschwanden, wie sie entstanden waren. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir zusammen am Tisch saßen.
„Kevin, Tobi – benehmt euch. Stefan, setz dich gerade hin. Du sitzt da wie ein Fragezeichen.“
„Ja, Mama“, kam es zurück.
Die Brotkörbe wurden leerer, die Stimmen lauter – und draußen begann der Tag.
Nicht spektakulär. Nicht perfekt. Doch lebendig. Und liebevoll – verborgen in diesen kleinen Momenten.
 



 
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