Der Takt der Wahrheit

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Heike Bauer

Mitglied
Das rhythmische Klackern von Frau Kollers mechanischer Tastatur wirkte in der stickigen Luft des Sitzungssaals wie ein ungeduldiger Herzschlag. Es war ein vertrautes Geräusch, das Beständigkeit suggerierte, doch an diesem Abend wurde es gnadenlos vom aggressiven, fast schneidenden Wischen auf einem Tablet-Bildschirm übertönt.

Lukas, der neue Gemeindereferent – kaum dreißig, den Vollbart so akkurat getrimmt wie seine Excel-Tabellen –, unterbrach Pauls Ausführungen zum maroden Verteilerkasten mit einem kurzen, kehlscharfen Lachen. „Paul, ganz ehrlich, wir müssen hier nicht über Kabelschuhe philosophieren“, sagte Lukas, ohne aufzublicken. Sein Zeigefinger tanzte über das Glas. „Wir haben jetzt die ‚Dorf-App‘. Da ist der Stromplan als PDF hinterlegt – zertifiziert und schreibgeschützt. Wenn das System sagt, der Verteiler ist okay, dann ist er okay. Wir können uns nicht mit Instandhaltungsprosa aufhalten, während das Marketingkonzept für das ‚Dorf-Update 2.0‘ noch nicht durchgewinkt ist. Wir verkaufen hier eine Vision, keine Kleinteiligkeit.“

Dr. Steiner, der neureiche Zugezogene aus der Glas-Stahl-Villa im „Sonnenhang“, nickte so eifrig, dass seine randlose Brille leicht verrutschte. „Ganz meine Meinung. Professionalität heißt Effizienz. Diese endlosen Diskussionen über Grabschmuck-Verordnungen und die korrekte Bindung von Maibaumbändern kosten uns wertvolle Zeit. Wir brauchen Event-Management, keine Bastelstunde. Wer investiert schon in ein Dorf, das sich über Amperezahlen streitet?“

Paul schwieg. Er sah zu, wie Lukas auf seinem Display eine Liste verschob – jene Liste, die Paul erst letzte Woche eigenhändig mit Bleistift und Lineal korrigiert hatte. Er sah den Fehler im PDF, die gefährlich falsche Amperezahl, die bei der geplanten Last des Volksfestes unweigerlich zum Schwelbrand führen würde. Er öffnete den Mund, doch die Worte blieben trocken in seiner Kehle stecken. Gegen ein PDF kam ein Uhrmacher nicht an.

Er spürte den Blick von Marianne, der Bibliothekarin, die hinten im Halbschatten der Aktenregale saß. Sie lächelte ihm zu – ein trauriges, wissendes Lächeln. Marianne liebte dieses Dorf mit einer Intensität, die fast weh tat. Aber sie hasste, was daraus wurde. Sie sah, wie der alte Spielplatz am Bach – ein Ort aus Matsch und Weidenhütten, auf dem Generationen von Kindern ihre Knie aufgeschürft hatten – einem „Multifunktions-Beton-Areal“ weichen sollte: pflegeleicht, sicher, seelenlos. Marianne war keine Mörderin, kein böswilliger Geist. Sie war eine Bewahrerin des Sandes im Getriebe. Wenn der Fortschritt bedeutete, die Wurzeln zu betonieren, dann musste man eben dafür sorgen, dass der Beton nicht rechtzeitig eintraf.

Als die Sitzung endlich endete, blieb sie als Letzte sitzen. Während Lukas sein Tablet hastig in die Ledertasche schob, ließ sie „aus Versehen“ ihren schweren, schmiedeeisernen Schlüsselbund auf den USB-Stick fallen, der ungeschützt auf dem Protokolltisch lag. Er enthielt die Druckdaten für die Festzeitschrift – das Herzstück von Lukas’ digitaler Offensive.

Ein kurzes, hässliches Knacken durchschnitt die Stille. „Oh je“, hauchte sie mit einer Stimme wie Samt. „Wie ungeschickt von mir.“ Lukas fluchte leise, ein Wort, das so gar nicht zu seiner glatten Fassade passte. Paul, der gerade die schweren Fensterflügel schloss, sah den zertrümmerten Stick. Er sah auch, dass Mariannes Augen nicht erschrocken waren. Sie waren klar und ruhig wie ein Bergsee vor dem Sturm.

Der Sitzungssaal leerte sich langsam. Das Geräusch rückender Stühle und schwerer Jacken hallte hohl nach. Frau Koller speicherte das Protokoll, schloss den dicken Ordner mit einem satten, endgültigen Geräusch und atmete tief aus. Wieder ein Abend, der nach Routine roch und doch dieses feine, unangenehme Ziehen hinterließ – als hätte jemand einen Faden an einem sorgsam gewebten Teppich gelockert, den man erst vermissen würde, wenn das ganze Muster zerfiel.

Sie hatte gelernt, auf solche Empfindungen zu achten. Vielleicht kam das vom vielen Lesen; abends, wenn die Stille im Haus zu laut wurde, las sie Krimis. Nicht wegen der Leichen, sondern wegen der Strukturen – wegen jener Momente, in denen etwas scheinbar Nebensächliches plötzlich zur Bruchstelle wurde. Protokollführerin war sie nicht aus Zufall geworden; sie war die Chronistin der Risse.

„Ich schick das Protokoll gleich rum“, sagte sie in die müde Runde. „Am besten digital, als Push-Nachricht“, meldete sich Jonas Lenz sofort. Er saß schräg auf seinem Stuhl, die Turnschuhe wirkten auf dem alten Parkett wie ein Fremdkörper. Er war der Assistent von Lukas, zuständig für „Zukunft und Prozesse“. Sein Ernst hatte etwas Rastloses, fast Getriebenes, als müsse er stündlich beweisen, dass Stillstand gefährlicher war als jeder Fehler. „Wie immer“, entgegnete Frau Koller mit jener unerschütterlichen Ruhe, die junge Männer wie Jonas zur Verzweiflung trieb. „Per Mail und ein Ausdruck fürs Schwarze Brett. Manche Dinge brauchen Papier, Jonas. Papier vergisst nicht, wenn der Akku leer ist.“ Jonas verzog kaum merklich den Mund. „Das liest doch keiner mehr. Wir müssen die Aufmerksamkeitsspanne der Bürger bedienen, nicht ihr Archiv.“

Doch, dachte Frau Koller. Die, die es betrifft, lesen es. Sie lesen zwischen deinen Zeilen.

Paul sagte nichts. Er stand auf und griff nach seiner abgetragenen Jacke. Neben der Tür blieb er kurz stehen und sah Jonas an. Sein Blick wanderte von den glänzenden Turnschuhen hoch zu den nervösen Händen des jungen Mannes. Er wollte etwas sagen – über Lastgrenzen, über die Trägheit von Metall und darüber, dass man Geschichte nicht „updaten“ kann. Er tat es nicht. In einer Welt aus Wischgesten war seine Stimme zu leise geworden.


Früher hätte er vielleicht gekämpft. Früher, als er noch in der Werkstatt gestanden hatte, die Lupenbrille auf der Stirn, die kleinsten Zahnräder zwischen den Fingern. Uhrmacher war er gewesen, bevor Zeit etwas wurde, das man einfach vom Smartphone ablas. Später Instandhaltung, dann Hausmeister – der Mann für alles, was klemmte. Ihm ging es nie um Titel, nur um Abläufe. Nach dem Tod seiner Frau war die Stille sein einziger Verbündeter geworden. Er wusste: Menschen waren ungenauer als Maschinen. Und viel leichter zu beschädigen.

Draußen auf dem Flur trafen sie auf den Bürgermeister, Herrn Brandner. Er telefonierte leise, nickte mehrfach in die Leere. Kreisverwaltung, Fördermittel, Fristen. Als er auflegte, wirkte sein Lächeln so müde wie das Licht der alten Leuchtstoffröhren über ihm. „Wir reden nächste Woche, Frau Koller“, sagte er flüchtig. „Die Vorgaben vom Kreis … Sie wissen schon. Wir müssen liefern.“ Sie wusste es. Zwischen dem, was hier über Jahrhunderte gewachsen war, und dem, was die Statistik verlangte, blieb kaum noch Platz zum Atmen.

Ein paar Schritte weiter positionierte sich Alexander Krüger. Neubaugebiet, Haus mit Glasfront, ein SUV wie eine Drohgebärde vor der Tür. Er wartete nicht, er besetzte den Raum. Sein Lächeln war höflich, aber seine Augen glitten über die alte Holzvertäfelung des Flurs wie über eine Liste von Mängeln. „Interessante Sitzung“, sagte er im Vorbeigehen. „Sehr … bodenständig. Aber wissen Sie, Wachstum braucht manchmal einen harten Schnitt, damit das Neue Licht bekommt.“

Paul hörte das Wort wie ein falsches Ticken in einer Präzisionsuhr. Ein Schnitt bedeutete Stillstand. Oder etwas, das nicht mehr repariert werden konnte. Er zog die schwere Eichentür auf. Draußen war es kühl geworden, die Luft roch nach feuchtem Asphalt und dem nahenden Regen. Für einen Moment blieb er auf den Steinstufen stehen. Am Rand des Parkplatzes wartete Frau Neumann im Schatten einer Linde. Sie war bei der Sitzung still geblieben, wie immer seit dem Hochwasser vor fünf Jahren. Damals hatten keine digitalen Pläne geholfen, sondern nur Menschen, die Sandsäcke schleppten, ohne nach einer App zu fragen. Sie sah Paul kurz an – ein Blick, kaum merklich, ein stilles Einverständnis derer, die das Fundament halten, während oben die Fassade gestrichen wird.

Drinnen im Sitzungssaal griff Herr Brandner nach seiner Jacke. Seine Hände zitterten leicht, doch niemand bemerkte es. Er dachte an Rechnungen, die noch offen waren; an Dinge, die er besser hätte klären sollen. Verdächtig sein konnte man schneller, als man glaubte. Frau Koller schaltete das Licht aus. Im Ordner lag nun alles richtig. Jeder Satz an seinem Platz. Und doch hatte sie das Gefühl, dass etwas fehlte. Nicht im Text. Sondern zwischen den Zeilen.


In den darauffolgenden Tagen fraß sich das Chaos wie ein schleichendes Gift immer tiefer in das Gefüge des Dorfes. Die Vorfreude auf das Fest, die sonst wie ein heller Glanz über den Straßen gelegen hatte, war einer bleiernen Atmosphäre aus Misstrauen und hektischer Betriebsamkeit gewichen.

Besonders den Sportverein traf es hart: Man suchte verzweifelt nach jener entscheidenden Quittung über 500 Euro. Es war weit mehr als nur ein verlegtes Stück Papier; ohne diesen Nachweis der Platzgebühren drohte der sofortige Ausschluss vom großen Turnier, dem unbestrittenen Höhepunkt des Jahres. Paul sah die Szene noch genau vor sich, so scharf gezeichnet wie das Innenleben eines Chronometers: Er hatte den Beleg Frau Koller persönlich überreicht. Er erinnerte sich an das vertraute Geräusch der Lochmaschine und an ihr flüchtiges, beinahe mütterliches Lächeln, als sie das Papier entgegennahm.

Frau Koller wiederum schwor Stein und Bein, das Dokument ordnungsgemäß in den grünen Finanzordner einsortiert zu haben. Ordnung war für sie kein Zustand, sondern ein Naturgesetz. Doch als man den Ordner im Beisein des Vorstands aufschlug, starrte ihnen gähnende Leere entgegen. Es gab keine Eselsohren, keine losen Blätter – nur die nackte, kalte Mechanik der Abheftringe. Es war, als hätte sich nicht nur die Quittung, sondern die gesamte Logik ihres Archivs über Nacht in Luft aufgelöst.


Früher hätte er vielleicht etwas gesagt. Damals, als er noch in seiner Werkstatt gestanden hatte, die Lupenbrille auf der Stirn und die winzigen Zahnräder einer Welt zwischen den Fingern, die noch nach festen Regeln funktionierte. Uhrmacher war er gewesen, bevor Zeit zu einer digitalen Ware wurde – billig, beliebig und seelenlos. Später kam die Instandhaltung, dann der Posten als Hausmeister. Titel waren ihm stets gleichgültig gewesen; ihn interessierten nur die Abläufe. Ihn faszinierte das Ineinandergreifen von Dingen, die zusammen mehr ergaben als ihre Einzelteile. Seit dem Tod seiner Frau war die Stille sein engster Verbündeter geworden. Er hatte gelernt: Menschen waren ungenauer als Maschinen. Und weitaus verletzlicher.


Auf dem Flur trafen sie auf den Bürgermeister. Er telefonierte leise, nickte beflissen in die Leere des Hörers, als könne sein Gegenüber die Unterwürfigkeit sehen. Kreisverwaltung. Fördermittel. Fristen. Das bürokratische Räderwerk mahlte lautlos. Als er auflegte, wirkte sein Lächeln so verbraucht wie eine ausgelaugte Feder. „Wir reden nächste Woche, Frau Koller“, sagte er flüchtig. „Die Vorgaben vom Kreis … Sie wissen schon.“ Sie wusste es. Zwischen dem, was hier über Generationen organisch gewachsen war, und dem, was die neuen Raster verlangten, blieb kaum noch Platz zum Atmen.

Ein paar Schritte weiter stand Alexander Krüger. Neubaugebiet, eine unterkühlte Glasfront als Visitenkarte, der wuchtige SUV wie eine Drohgebärde vor der Tür. Krüger wartete nicht einfach; er positionierte sich, als gehöre ihm bereits der gesamte Flur. Sein Lächeln war von jener glatten Höflichkeit, die keinen Widerspruch duldet, während sein Blick über die Anwesenden glitt wie über eine Liste abzuarbeitender Mängel. „Interessante Sitzung“, bemerkte er. „Sehr … bodenständig.“ In der Luft blieb hängen, dass „bodenständig“ in seinem Mund wie eine höfliche Umschreibung für „rückständig“ klang. „Beim Dorffest sollten wir dieses Jahr mehr Struktur wagen“, fuhr er fort. „Ein professioneller Auftritt. Einheitliche Stände, eine klare Wegeführung. Nicht mehr dieses … Gewachsene.“ „Das Gewachsene ist das Dorf“, entgegnete Frau Koller ruhig. Sie meinte es nicht pathetisch, sondern als bloße Feststellung der Tatsachen. Wachstum war für sie kein Management-Projekt, sondern ein lebendiger Zustand. Krüger nickte langsam. „Eben. Aber jedes gesunde Wachstum braucht irgendwann einen harten Schnitt.“

Paul hörte das Wort wie ein falsches Ticken in einem Präzisionswerk. Ein Schnitt bedeutete Stillstand. Oder eine Wunde, die sich nicht mehr reparieren ließ. Er zog die schwere Eichentür auf. Draußen war es kühl geworden; die Luft roch nach feuchtem Asphalt und dem heraufziehenden Regen. Für einen Moment blieb er auf der Schwelle stehen und spürte, wie das Dorf unter dem Druck des Neuen leise zu knirschen begann.


Nicht weit entfernt, am Rand des Parkplatzes, stand Frau Neumann im Schatten und wartete, bis die anderen gegangen waren. In der Sitzung war sie still geblieben, wie so oft seit dem Hochwasser vor Jahren. Damals hatten keine Pläne geholfen, sondern nur Menschen, die einfach taten, was nötig war. Sie hatte gesehen, wie die Bürokratie zögerte, während die Nachbarn handelten; seitdem glaubte sie nicht mehr an Abläufe, nur noch an nackte Notwendigkeit. Sie sah Paul kurz an – ein Blick, kaum merklich, ohne Gruß, getragen von einem stillen Einverständnis.

Drinnen im Saal griff Bürgermeister Brandner nach seiner Jacke. Seine Hände zitterten leicht, doch im fahlen Licht der Deckenleuchten bemerkte es niemand. Er dachte an Rechnungen, die noch offen waren, und an Details, die er besser hätte klären sollen. Er wusste: Wenn jemand genauer hinsah, würde er Fragen beantworten müssen, auf die er keine guten Antworten hatte. Verdächtig sein konnte man in diesem Dorf schneller, als man glaubte.

Frau Koller schaltete schließlich das Licht aus. In ihrem Ordner lag alles richtig, jeder Satz an seinem Platz. Und doch blieb dieses Gefühl, dass etwas fehlte. Nicht im Text, sondern zwischen den Zeilen.

In den darauffolgenden Tagen fraß sich das Chaos wie ein schleichendes Gift immer tiefer in das Gefüge des Dorfes. Die Leichtigkeit des bevorstehenden Festes war längst einer drückenden Atmosphäre aus Misstrauen und Hektik gewichen. Besonders den Sportverein traf es hart: Man suchte immer noch verzweifelt nach jener entscheidenden Quittung über 500 Euro. Es war weit mehr als nur ein verlegtes Stück Papier; ohne diesen Nachweis der Platzgebühren drohte der sofortige Ausschluss vom großen Turnier, dem sportlichen Höhepunkt des Jahres.

Paul sah die Szene noch genau vor sich, scharf gezeichnet wie das Innenleben eines Chronometers: Er hatte den Beleg Frau Koller persönlich überreicht und erinnerte sich noch an ihr flüchtiges Lächeln. Frau Koller wiederum schwor Stein und Bein, das Dokument ordnungsgemäß in den grünen Finanzordner einsortiert zu haben. Doch als man ihn gemeinsam aufschlug, starrte ihnen gähnende Leere entgegen. Die Mechanik des Abheftens, das ungeschriebene Gesetz ihrer Ordnung, schien sich über Nacht einfach in Luft aufgelöst zu haben.


Doch die verschwundene Quittung war erst der Anfang. Was als administratives Rätsel begonnen hatte, sickerte nun in die privatesten Bereiche des Dorflebens ein und vergiftete selbst jene Momente, die eigentlich heilig sein sollten.

Die Situation eskalierte schließlich beim Begräbnis des alten Schmieds, einem Ereignis, das dem Dorf zur Besinnung hätte dienen sollen. Statt der bestellten weißen Lilien – dem ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen und Sinnbild der Trauer – prangten plötzlich leuchtend gelbe Gerbera auf dem Sarg. In den Augen der Witwe wirkte dieser farbenfrohe Gruß wie ein schriller Affront, wie eine bunte Verhöhnung ihres Schmerzes vor versammelter Gemeinde.

Die Gärtnerei wies jede Schuld von sich und präsentierte stattdessen ein Fax, das die Änderung legitimierte. Es trug das offizielle Kürzel „i.A. Gemeindeverwaltung“, doch im Rathaus wollte niemand von dieser Anweisung gewusst haben. Es war ein bürokratisches Phantom, das genau dort zuschlug, wo es am meisten wehtat.

Das Dorf begann nun unüberhörbar zu flüstern, und aus dem Wispern wurde bald ein giftiges Gezeter, das die Fronten endgültig verhärtete:

Bürgermeister Brandner beschuldigte die sichtlich erschütterte Frau Koller öffentlich der Schlamperei und forderte lautstark personelle Konsequenzen, um von der Unruhe in seinem eigenen Vorzimmer abzulenken.

Dr. Steiner wetterte am Stammtisch über die „chronische Inkompetenz der Einheimischen“ und zog damit eine tiefe, hässliche Linie zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen vom Sonnenhang.

Das mühsam beschworene „Wir-Gefühl“, das durch das bevorstehende Fest eigentlich gekrönt werden sollte, zerfiel stündlich in gegenseitige Verdächtigungen und bösartige Unterstellungen.

Paul beobachtete das Treiben von seiner alten Werkbank aus. Er sah nicht nur das Chaos, er sah die Absicht dahinter. Es war kein Zufall, dass die Strukturen genau dort brachen, wo das Vertrauen am tiefsten saß.


Inmitten dieses Sturms begann Paul damit, seine eigene geheime Liste zu führen. Er verließ sich nicht mehr auf die offiziellen Protokolle oder auf das, was laut digitalem Plan hätte geschehen sollen. Stattdessen notierte er akribisch die kleinsten Abweichungen der Realität, als suchte er nach dem einen Zahnrad, das den Takt der gesamten Maschine störte.

Ihm fiel auf, dass die streunende Katze auf dem Dorfplatz seltsamerweise immer genau dann auftauchte, wenn Marianne dort ihre einsamen Spaziergänge machte – als gäbe es zwischen ihnen eine stumme, fast instinktive Verabredung. Doch weit schwerwiegender war seine Entdeckung bezüglich des ominösen Faxes an die Gärtnerei: Paul untersuchte den Ausdruck mit der Gewohnheit eines Mannes, der Jahrzehnte lang Materialbeschaffenheiten geprüft hatte. Er bemerkte die grobe, fast faserige Textur des Papiers. Es handelte sich um einen Restbestand, der in dieser spezifischen Qualität nur noch in den verstaubten Regalen der alten Bibliothek zu finden war.

Während die anderen sich in Wut und gegenseitigen Schuldzuweisungen verloren, war Paul der Einzige, der das Muster hinter den Zufällen erkannte. Er war der Einzige, der nicht nur starrte, sondern wirklich hinschaute.


Paul wartete, bis die Dämmerung das Dorf in ein fahles Grau tauchte, bevor er sich zur alten Bibliothek am Rand des Kirchplatzes begab. Das Gebäude war ein Relikt aus einer anderen Zeit; die schweren Eichenregale bogen sich unter der Last vergilbter Chroniken, und der Geruch von Bohnerwachs und zerfallendem Papier hing schwer und mahnend in der Luft. Seit der Digitalisierungswelle im Rathaus galt die Bibliothek offiziell als verwaist – der perfekte tote Winkel für jemanden, der Spuren hinterlassen wollte, ohne gesehen zu werden.

Mit einer kleinen Taschenlampe bewaffnet, deren Lichtstrahl wie ein Seziermesser die Dunkelheit schnitt, schlich Paul durch die engen Regalfluchten. Er steuerte gezielt auf den massiven Schreibtisch im hinteren Bereich zu. Dort thronte ein vorsintflutliches Faxgerät – ein klobiges Modell, das man andernorts längst in einem Museum vermutet hätte.

Seine Finger glitten über das Gehäuse. Das Plastik war noch warm. Jemand hatte die Maschine erst vor Kurzem benutzt. Als er das Papierfach öffnete und den Stapel herauszog, fand er die Bestätigung: Es war das raue, leicht gelbliche Papier mit der spezifischen Wasserzeichen-Struktur, die er bereits auf dem Fax an die Gärtnerei identifiziert hatte.

Doch Paul gab sich mit diesem Indiz nicht zufrieden. Er begann, den Papierkorb neben dem Schreibtisch zu durchsuchen. Er verharrte einen Moment in absoluter Stille, während das fahle Licht über seine Funde tanzte. Unter einem Berg belangloser Notizen und alter Zeitungsfetzen stieß er auf einen zerknüllten Bogen, der seine volle Aufmerksamkeit erregte.

Es war ein Entwurf – eine fast schon obsessive handschriftliche Übung. Jemand hatte versucht, die charakteristische Unterschrift von Frau Koller täuschend echt nachzuahmen. Zeile um Zeile reihten sich die Versuche aneinander. Man sah deutlich, wie der Unbekannte immer wieder am ausladenden Schwung des „K“ gescheitert war; an diesen Stellen war die Tinte so tief in das weiche Papier gepresst worden, als hätte der Schreiber vor Zorn fast die Feder zerbrochen.

Doch der schwerwiegendste Fund verbarg sich noch tiefer. Ganz unten, methodisch versteckt hinter einem Stapel verstaubter Karteikarten, klemmte das Original der vermissten Quittung über 500 Euro. Paul hielt den Beleg in der Hand – das fehlende Puzzleteil, das bewies, dass die Unordnung im Dorf kein Zufall war, sondern eine sorgfältig geplante Demontage.


In diesem Augenblick wurde Paul schlagartig klar, dass dieses Dokument niemals durch ein bloßes Versehen aus dem Ordner gerutscht war. Es war kein Verlust im Stress des Alltags; es war eine gezielte Entführung. Jemand hatte die Quittung gestohlen und an diesen staubigen Ort verschleppt, um Frau Koller zu diskreditieren und den Sportverein in den Ruin zu treiben.

Plötzlich erstarrte er. Das leise, trockene Knarren einer Diele im Flur ließ ihn den Atem anhalten. Er löschte hastig die Taschenlampe. In der absoluten, lastenden Stille der Bibliothek hörte er nun ein zweites Geräusch: das rhythmische Ticken einer Wanduhr und das schwere, fast asthmatische Atmen einer Person, die unmittelbar vor der Tür wartete.

Paul begriff: Das Chaos im Dorf war kein Unfall. Es war eine Inszenierung. Und er befand sich mitten in der Kulisse, während der Regisseur draußen im Schatten stand. Er sah auf das Faxgerät; das kleine Display glimmte noch schwach und zeigte die Nummer der letzten Übertragung. Es war nicht die Nummer der Gärtnerei. Es war die Privatnummer von jemandem, den im Dorf jeder für über alle Zweifel erhaben hielt.

Während seine Finger die entwendete Quittung und das verräterische Faxpapier fest umschlossen, kehrten seine Gedanken unweigerlich zum Maibaum zurück. Er sah die Szenerie vor seinem geistigen Auge, als betrachtete er einen Film in Zeitlupe.

Draußen auf dem Dorfplatz war scheinbar alles nach Plan verlaufen. Der Maibaum lag dort, akkurat geschält und mit prächtigen Bändern geschmückt – ein Sinnbild unerschütterlicher Tradition. Paul war um ihn herumgegangen, hatte jede Schraube nachgezogen und die Befestigungen geprüft. Es war eine meditative Arbeit gewesen. Das Metall hatte unter seinem Werkzeug genau so viel nachgegeben, wie es die Statik erforderte. Er hatte zufrieden genickt; oberflächlich betrachtet war alles in bester Ordnung. Sein Ruf als gewissenhafter Handwerker war sein Schutzschild. Niemand stellte Fragen.

Als der Baum schließlich mit vereinten Kräften aufgerichtet wurde, war jener winzige Moment geschehen, den nur er registriert hatte: Ein junger Helfer war ungeschickt gegen eine der Abstützungen geraten. Es war kaum mehr als ein leichtes Anlehnen, doch die Gewichtsverteilung im Holz hatte sich minimal verschoben. Paul hatte geschwiegen. Er hatte beobachtet, wie die Fasern des Holzes arbeiteten, und gewusst, dass es halten würde – vorerst. Während er die abgefallenen Bänder neu ordnete, war diese grau-weiße Katze wieder aufgetaucht, ein flinkes Schattenwesen, das mit den Enden der Tradition spielte. Paul hatte gelacht, ein leises, beinahe unhörbares Geräusch, das in der Weite des Platzes verhallte.

Sein Blick wanderte nun hinunter zu seinen Händen. Sie hielten denselben Rhythmus inne wie zuvor am Verteilerkasten. Er erinnerte sich genau, wie er am Rand des Platzes die neue Schaltung überprüft hatte. Alles war sauber und funktional, doch es war eben anders als früher. Er hatte den Kasten mit jenem vertrauensvollen Klopfen geschlossen, das Menschen beruhigt und dem Bürgermeister die vorbereitete Meldung erstattet.

„Der Verteiler ist geändert. Alles vorbereitet“, hatte er gemurmelt.

Der Bürgermeister, vertieft in seine Listen und Häkchen, hatte nicht einmal aufgeblickt. Für ihn zählte nur das Protokoll, die äußere Form, die das „Wir-Gefühl“ des Dorfes zusammenhielt. Niemand stellte Fragen. Weder zu Pauls Meldung noch zu Frau Kollers nunmehr beflecktem Ruf.


Jetzt, hier im Schatten der alten Regale, begriff Paul die volle Tragweite seiner eigenen Liste. Es war dieser eine Name, der auf dem Papier verrutscht war – ein kleiner Fehler, eine Unachtsamkeit, die er selbst eingebaut oder vielleicht auch nur zugelassen hatte. Er dachte an das kurze Innehalten am Maibaum, das niemand bemerkt hatte.

Er wusste nun: Die Welt zerbrach nicht mit einem großen Knall. Sie begann an den Rändern schief zu werden, in den Momenten, die zu klein waren, um sie für wichtig zu halten. Erst wenn man später auf die Trümmer blicken würde, bekämen diese Sekunden ihr tödliches Gewicht. Wenn die Katastrophe schließlich eintraf und die Schuldigen gesucht wurden, würde er ganz ruhig dastehen, die Liste in der Hand, und mit der unerschütterlichen Autorität dessen sprechen, der gewarnt hatte.

„Ich habe es gesagt“, flüsterte er in die Dunkelheit der Bibliothek.

Ein leises Knarren zerriss die Grabesstille der Bibliothek. Der Schatten im Türrahmen löste sich mit einer beiläufigen Eleganz von der Wand, die Paul das Blut in den Adern gefrieren ließ. Bürgermeister Brandner trat in den fahlen Lichtkegel. Seine sonst so joviale Maske, dieses sorgfältig gepflegte Lächeln für die Sonntagsreden, war in der Dunkelheit zerfallen. Übrig geblieben war das Gesicht eines Mannes, der seine Spielfiguren mit der klinischen Kälte eines Chirurgen betrachtete.

„Du warst schon immer zu genau, Paul“, durchschnitt Brandners Stimme die Stille, so sachlich, als würde er über eine belanglose Haushaltsplanung referieren. Er würdigte die belastende Quittung in Pauls Hand keines Blickes; sein Interesse galt allein der Maschine auf dem Tisch, dem stummen Zeugen seines Verrats. „Ein fleißiger Arbeiter, gewissenhaft und loyal. Aber eben auch jemand, dessen Verstand keine Ruhe findet, wenn ein Zahnrad nicht perfekt in das andere greift.“

Paul spürte, wie die Kälte der alten Mauern Besitz von ihm ergriff. „Die Quittung, die Gerbera, die manipulierten Listen … Sie haben dieses Chaos nicht nur hingenommen. Sie haben es orchestriert. Warum? Frau Koller hat ihr ganzes Leben in den Dienst ihrer Ordnung gestellt.“

Brandner trat näher, bis er die schwere Eichenplatte des Schreibtischs berührte. Er legte seine Hand auf das raue Faxpapier, beinahe zärtlich, wie ein Komponist auf seine Partitur. „Ein Dorf ist wie ein lebender Organismus, Paul. Wenn alles zu glatt läuft, wird er träge. Die Leute fangen an, an den Fundamenten zu kratzen, Fragen über Bauprojekte und Finanzen zu stellen, die ihren Horizont übersteigen. Aber wenn sie sich gegenseitig im Schlamm der Beschuldigungen suhlen, wenn der Sportverein die Verwaltung hasst und die Gärtnerei im Clinch mit der Tradition liegt, dann sehnen sie sich nach einem Hirten. Ich brauchte ein Opfer wie die Koller, eine Katharsis aus Scham und Misstrauen, um die Zügel wieder stramm ziehen zu können. Und ich brauchte dein unbestechliches Auge, um die Sünden der anderen zu beglaubigen.“

Paul verharrte reglos, während die Worte wie Gift in seine Gedanken sickerten. Er presste die Lippen zusammen, schob die Quittung mit steifen Fingern in seine Jackentasche und wich Brandners Blick aus, der ihn wie ein Sezierblatt abzutasten schien. „Es ist spät, Herr Bürgermeister. Ich habe getan, was ich tun musste. Der Platz ist abgenommen.“

Brandners schmales Lächeln blieb wie ein Echo im Raum stehen, als Paul an ihm vorbeischlüpfte und in die kühle Nachtluft floh.


Doch der Schlaf, den Brandner ihm gewünscht hatte, war eine Lüge. Stundenlang lag Paul in der Dunkelheit seines Zimmers und starrte an die Decke, während sein Herz schwer gegen die Rippen hämmerte. Sein Verstand fühlte sich zunächst taub an, als hätte man die feinen Federn einer Uhr mit zähem Öl übergossen. Doch tief in der Nacht, in jenem dämmrigen Grenzland, in dem die Logik des Tages in die Alpträume der Wahrheit übergeht, begannen die Rädchen in seinem Kopf plötzlich mit schmerzhafter Präzision ineinanderzugreifen.

Das Dorfgedächtnis, das er über Jahrzehnte wie ein Schwamm in sich aufgesogen hatte, begann in einer warnenden Sprache zu sprechen. Er sah Mariannes Handbewegung im Rathaus wieder vor sich – das heftige Wegfegen des USB-Sticks. Was er für einen Ausbruch gehalten hatte, offenbarte sich nun als ein chirurgischer Eingriff. Es war kein Zorn gewesen, sondern ein taktisches Manöver, um Zeit zu gewinnen. Ohne die digitalen Daten fehlten die Sponsorenlisten für die Festzeitschrift – jene Listen, auf denen Dr. Steiners Spenden wie durch ein Wunder doppelt so hoch deklariert waren, wie sie jemals geflossen waren. Das Chaos war der Rauchvorhang, hinter dem die Differenzen in einem schwarzen Loch aus Schattenkonten verschwinden sollten.

Und dann war da das Fax. Das Bild der gelben Gerbera schob sich vor sein inneres Auge, leuchtend und grausam. Paul sah den alten Schmied vor sich, gebrochen durch ein vermeintliches Versehen eines Jungen wie Lukas. Doch Lukas konnte nicht wissen, dass diese Blumen das geheime Zeichen einer verstorbenen Liebe waren. Nur Brandner, der Chronist jeder Taufe und jeder Beerdigung, besaß diesen Schlüssel zur Seele des Dorfes. Er hatte die Gerbera nicht bestellt, um eine Gärtnerei zu verwirren, sondern um eine Wunde aufzureißen, die Pauls Ruf als Hüter der Traditionen bluten lassen sollte.

Paul schreckte jäh hoch, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er begriff nun die wahre Tiefe des Abgrunds: Er war nicht mehr nur ein Beobachter. Er war der letzte Techniker in einem Kraftwerk der Lügen, das kurz davor stand, das gesamte Dorf in einem künstlich erzeugten Kurzschluss zu verbrennen. Er sah das Gesicht Brandners vor sich – eine unheilvolle Statue, die darauf wartete, dass die Physik des Verrats ihr zerstörerisches Werk vollendete.


Paul floh förmlich aus dem stickigen Gebäude in die kühle Nachtluft, doch das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden, verfolgte ihn wie ein Schatten bis in sein Schlafzimmer. Er legte sich hin und starrte stundenlang an die dunkle Decke, während sein Herz schwer gegen die Rippen hämmerte. Sein Verstand fühlte sich zunächst taub an, als wäre er in Watte gepackt; die physischen Beweise – die unterschlagene Quittung, das manipulative Fax, die gefälschten Unterschriften – lagen zwar greifbar auf seinem Nachttisch, doch die wahre Tiefe des Abgrunds blieb noch hinter einem Schleier aus bleierner Müdigkeit verborgen.

Erst tief in der Nacht, in jenem dämmrigen Grenzland zwischen Wachen und Träumen, begannen die Rädchen in seinem Kopf mit schmerzhafter Präzision ineinanderzugreifen. Es war, als würde das Dorfgedächtnis, das er über Jahrzehnte wie ein Schwamm in sich aufgesogen hatte, plötzlich eine eigene, warnende Sprache sprechen.

Das Bild des Faxes an die Gärtnerei schob sich vor sein inneres Auge, und plötzlich riss eine Erinnerung aus den achtziger Jahren die Dunkelheit auf: Er sah den alten Schmied und seine Frau bei einem längst vergangenen Sommerfest. Sie hatte eine leuchtend gelbe Gerbera im Haar getragen, und Brandner hatte daneben gestanden und gelacht. Lukas, der junge Gehilfe aus der Gärtnerei, war damals noch nicht einmal geboren gewesen. Das Wissen um diese Blumen war kein Zufall, sondern ein gezielter Stich in eine alte, private Wunde – eine Demütigung, die Unruhe stiften und das soziale Gefüge an seiner empfindlichsten Stelle lockern sollte. Wer die Vergangenheit so manipulieren konnte, der kontrollierte auch die Gegenwart.

Gleich darauf flackerte Mariannes Handbewegung am Sitzungstisch wie eine Szene aus einem alten Film vor ihm auf. Er sah nun nicht mehr den vermeintlichen Zorn, sondern eine kühle, technische Präzision in ihrem Handeln. Es war kein emotionaler Ausbruch gewesen, sondern purer, kalkulierter Zeitgewinn. Ohne die Druckdaten für die Festzeitschrift fehlten die offiziellen Sponsorenlisten.

Schlagartig kehrte die Erinnerung an jenen Moment zurück, als er während der Wartung der Klimaanlage einen flüchtigen Blick auf Dr. Steiners Abrechnungen geworfen hatte. Die Zahlen in der Festschrift waren doppelt so hoch deklariert wie die tatsächlichen Buchungen; jemand hatte die Differenz beiseitegeschafft und brauchte das durch den USB-Stick inszenierte Chaos als Rauchvorhang, um die Spuren in der Buchhaltung endgültig zu verwischen, bevor die erste Seite gedruckt wurde.

Schließlich manifestierte sich das Bild des Verteilerkastens in seinem Geist. Lukas hatte ihm stolz die Dorf-App präsentiert, in der alles beruhigend auf „Grün“ stand, doch im Halbschlaf mischte sich eine andere, düstere Erinnerung darunter. Er sah Krügers Lastwagen vor zwei Jahren nachts vom Dorfplatz wegfahren, beladen mit schweren Kabelrollen, von denen er damals geglaubt hatte, sie seien lediglich Materialüberschuss. Jetzt, mit der Amperezahl auf seinem Notizzettel im Kopf, begriff er die tödliche Logik dieses Abtransports: Krüger hatte die Leitungsquerschnitte heimlich halbiert. Die gewaltige Ersparnis an Kupfer war direkt in die Marge für sein privates „Sonnenhang“-Projekt geflossen. Das PDF war nichts weiter als eine digitale Lüge – die glänzende Maske einer elektrischen Zeitbombe.

Paul schreckte jäh hoch, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Atem ging stoßweise. Die Dunkelheit im Zimmer fühlte sich nun noch bedrohlicher an als die Stille in der Bibliothek. Alles war vorbereitet, genau wie Brandner es gesagt hatte – doch es war nicht für ein friedliches Fest gerüstet worden. Es war die Vorbereitung für eine Katastrophe, die im Moment ihres Ausbruchs alle Beweise und Mitwisser unter den rauchenden Trümmern des Dorfplatzes begraben würde.


Das erste graue Licht des Morgens sickerte durch die Wolkendecke, als Paul sein Haus verließ. Die Luft war kühl und feucht; das Dorf lag in einer trügerischen Stille, die nur vom fernen Ruf eines Hahns unterbrochen wurde. Er trug seine abgewetzte Arbeitsjacke und den schweren Werkzeugkoffer, dessen Metallgriff sich eisig in seine Handfläche grub. Er mied die Hauptstraße und schlich durch die schmalen Gassen hinter den Scheunen, bis er den Rand des Dorfplatzes erreichte.

Dort ragte der Maibaum wie ein stummer Wächter in den dämmrigen Himmel. Paul steuerte direkt auf den grauen Verteilerkasten zu, der im Schatten einer alten Linde kauerte. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er den Schlüssel ansetzte. Er durfte jetzt keine Fehler machen. In der Ferne hörte er das Rollen eines Wagens – vielleicht der Bäcker, vielleicht aber auch Krüger oder einer von Brandners Leuten.

Als die Klappe des Kastens aufschwang, traf ihn der Anblick der sauberen, neuen Verdrahtung wie ein Schlag. Was gestern noch fachmännisch gewirkt hatte, offenbarte sich nun als der Zünder eines Sprengsatzes. Er zog den Spannungsprüfer hervor und begann, die Lasten im Standby-Modus zu messen. Seine Befürchtung bestätigte sich mit mathematischer Kälte: Die Hauptzuleitung, die tief in der Erde verschwand, war für die Last des Volksfestes vollkommen unterdimensioniert.

Sobald die Kühlaggregate der Metzgereien und die Flutlichtmasten der Bühne gleichzeitig ans Netz gingen, würden die Kabel im Boden nicht einfach nur durchbrennen. Aufgrund der halbierten Querschnitte würden sie so heiß werden, dass sie die umliegenden Isolierungen entzündeten, noch bevor die Sicherungsautomaten überhaupt die Trägheitsgrenze erreichten.

Paul wusste, dass er die Physik nicht überlisten konnte. Er konnte die Leitungen in der Erde nicht innerhalb von zwei Stunden austauschen. Seine Finger zitterten leicht, als er die Plomben der Hauptsicherungen löste. Er musste das System so manipulieren, dass es bei der kleinsten Überlast sofort und endgültig abschaltete – ein „sicherer“ Blackout, eine kontrollierte Ohnmacht des Dorfes, bevor die Hitzeentwicklung zur tödlichen Gefahr wurde.


Paul erstarrte nicht. Er zwang seine Muskeln mit der Disziplin eines Mannes zur Ruhe, der sein Leben lang Unruhfedern gebändigt hatte. Er tat so, als müsse er eine besonders widerspenstige Klemme fixieren, und ließ den Schraubendreher absichtlich einmal metallisch gegen die Gehäusewand rutschen – ein hässliches, schabendes Geräusch, das jedem Handwerker körperliches Unbehagen bereitete.

„Verfluchte Kriechströme“, fluchte Paul halblaut, ohne sich umzudrehen. Er legte seine Stirn in tiefe Falten und setzte eine Maske purer Frustration auf, als er den Kopf schließlich langsam zu Krüger drehte. „Der Boden ist zu feucht. Ich kriege Fehlermeldungen auf der zweiten Phase, die gestern noch nicht da waren. Wahrscheinlich ist irgendwo eine Muffe undicht – eine typische Krüger-Muffe eben.“

Krüger kam noch einen Schritt näher, der Kaffeebecher in seiner Hand wirkte wie eingefroren. Sein Blick huschte nervös über die freigelegten Kupferadern. „Was soll das heißen? Die Abnahme steht schwarz auf weiß. Wenn du jetzt alles abschaltest, kriegt Brandner einen Tobsuchtsanfall. Die ersten Bierwagen rollen in einer Stunde an.“

„Das heißt, dass ich hier eine Feinjustierung an den thermischen Auslösern vornehmen muss, damit uns der ganze Kasten nicht um die Ohren fliegt, sobald die erste Fritteuse angeht“, entgegnete Paul mit gespielter Gereiztheit. Er deutete vage auf die empfindlichen Schaltrelais. „Wenn ich das nicht hinkriege, haben wir beim Fassanstich einen Kurzschluss, der die gesamte Anlage röstet. Willst du das verantworten? Dein Name steht auf dem Bauschild, Alexander.“

Krüger fluchte leise. Man sah ihm an, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er verstand nichts von Elektrik, aber er verstand eine Menge von Haftung, Regressansprüchen und Zeitplänen. Die Aussicht auf einen totalen Stromausfall während der pompösen Eröffnungsrede des Bürgermeisters schien ihn sichtlich zu erschüttern.

„Wie lange brauchst du?“, fragte Krüger barsch und trat unruhig von einem Bein auf das andere.

„Zwanzig Minuten, wenn mich keiner vollquatscht“, sagte Paul trocken und wandte sich mit der Endgültigkeit eines Fachmanns wieder dem Kasten zu. „Geh rüber zum Festzelt und sag den Jungs, sie sollen die großen Aggregate noch nicht einstecken, bis ich das Signal gebe. Sonst knallt es hier, bevor die erste Maß gezapft ist.“

Krüger zögerte. Paul spürte den bohrenden Blick des Unternehmers in seinem Rücken, während ihm trotz der kühlen Morgenluft ein Tropfen Schweiß den Nacken hinunterlief. Es war ein Spiel auf Zeit. Wenn Krüger jetzt auch nur einen Bruchteil seiner Aufmerksamkeit auf die Skalierung der Hauptsicherungen richtete, würde er erkennen, dass Paul sie nicht „justierte“, sondern sie zu hochempfindlichen Stolperdrähten umfunktionierte, die weit unter der geplanten Last auslösen würden.

„Na gut“, grummelte Krüger schließlich. „Aber mach hinne. Ich will heute keine Probleme sehen, Paul. Du weißt ganz genau, was für uns alle an diesem Fest hängt.“

Krüger wandte sich ab, seine Schritte entfernten sich knirschend auf dem Kies. Paul atmete erst aus, als das Geräusch im Lärm des erwachenden Dorfes unterging. Er hatte das Zeitfenster, das er brauchte. Doch er wusste auch: Sobald die Sicherungen später flogen, würde Krüger als Erster wieder hier stehen – und dann würde keine Ausrede über feuchte Muffen mehr helfen.


Paul wartete, bis das Knirschen der Schritte auf dem Kies leiser wurde und schließlich ganz verstummte. Er blickte nicht auf. Erst als das ferne, metallische Schlagen von Krügers Autotür die Stille zerriss, stieß er den Atem aus, den er viel zu lange angehalten hatte.

Seine Hände zitterten nun heftiger, doch seine Bewegungen wurden schneller und instinktiver. Er überbrückte die Zeitverzögerung des FI-Schutzschalters und drehte die thermischen Lastwerte auf das absolute Minimum herunter. Es war ein Sabotageakt im Namen der Sicherheit. Sobald die Last auf dem Platz auch nur annähernd jenes Niveau erreichte, bei dem die unterdimensionierten Kabel gefährlich zu glühen begannen, würde das System den Dienst quittieren. Der Platz würde in Dunkelheit versinken, das Fest wäre ruiniert – aber das Dorf würde nicht brennen.

Paul verriegelte den Kasten mit einem harten Ruck, der bis in seine Schultern nachhallte. Er richtete sich auf und wischte sich den öligen Schweiß von der Stirn. Am anderen Ende des Platzes erwachten die ersten Häuser zum Leben; gelbe Lichtrechtecke schnitten scharf in das Grau der Morgendämmerung. In dieser kühlen Stille fühlten sich die Puzzleteile seiner nächtlichen Eingebung nicht mehr wie ein Fiebertraum an, sondern wie eine unerbittliche, kalte Realität.

Es war die Verbindung zum „Sonnenhang“, die alles zusammenhielt – jenem Prestigeprojekt, das wie ein gieriger Parasit an den Ressourcen des Dorfes saugte. Was Paul in den Stunden zuvor wie durch einen Nebel erkannt hatte, lag nun glasklar vor ihm. Während er in der Bibliothek auf die gefälschte Unterschrift von Frau Koller gestarrt hatte, war ihm die Boshaftigkeit hinter den gelben Gerbera und dem falschen Fax bewusst geworden. Es war kein Versehen der Verwaltung gewesen, sondern ein gezielter Schlag gegen Pauls eigene Zuständigkeit für die Tradition. Man hatte ihn dort treffen wollen, wo er am stärksten war, um ihn als verlässlichstes Glied der Kette zu diskreditieren und so den Weg für die großen Manipulationen freizumachen.

Doch der gefährlichste Teil dieses Plans betraf die Elektrik, an der er gerade eben noch seine Hände gehabt hatte. In der Dorf-App mochte der Verteiler auf „Grün“ stehen, und Lukas mochte das dazugehörige PDF als unfehlbar deklariert haben, doch Paul kannte nun den Preis dieser digitalen Sicherheit. Das Dokument basierte auf den ursprünglichen, vorschriftsmäßigen Bauplänen, doch Krüger hatte bei der Sanierung des Platzes die Leitungsquerschnitte heimlich halbiert. Jedes gesparte Gramm Kupfer war direkt in die Marge für sein privates „Sonnenhang“-Projekt geflossen.

Die Amperezahl auf dem Papier war eine kalkulierte Lüge. Wenn heute die volle Last auf den Platz geschaltet würde, würde die Illusion von Sicherheit in Flammen aufgehen.

Brandner war es gewesen, der in der Bibliothek endgültig die Maske fallengelassen hatte. Er war aus dem Schatten zwischen den Regalen getreten, das Gesicht im harten Licht der Taschenlampe unbewegt, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. Seine Stimme hatte dabei wie das Schmirgeln von Stein auf Stein geklungen, als er Pauls eigenen Satz gegen ihn wandte: „Du hast es doch selbst gesagt, Paul. Der Verteiler ist geändert. Alles vorbereitet. Warum also jetzt nach Fehlern suchen, die niemandem nützen?“

Paul sah nun auf den verschlossenen Kasten hinunter. Er hatte die Fehler nicht nur gesucht, er hatte die Konsequenzen daraus gezogen. Brandners „Vorbereitung“ zielte auf ein kontrolliertes Desaster ab, das Paul nun durch seine heimliche Manipulation in einen sicheren, wenn auch peinlichen Stillstand verwandelt hatte. Er wusste, dass er den Bürgermeister und Krüger damit heute frontal angreifen würde – nicht mit Worten, sondern mit der Physik, die sich nicht bestechen ließ.


Paul steckte das Werkzeug weg. Er wusste, dass die Physik des Verteilers von nun an für ihn arbeitete, doch für den Rest der Wahrheit brauchte er Verbündete. Er fasste in seine Jackentasche und spürte die scharfen Kanten der 500-Euro-Quittung. Dieses kleine Stück Papier war der Hebel, mit dem er Brandners Mauer aus Lügen aus den Angeln heben wollte.

Er machte sich auf den Weg zum Vereinsheim. Die Luft war nun erfüllt vom Duft frischen Gebäcks und dem fernen, metallischen Klappern von Geschirr – das Dorf erwachte in trügerischer Idylle, völlig ahnungslos gegenüber dem Gift, das unter seiner Oberfläche zirkulierte. Am Sportplatz traf er auf den Vereinsvorsitzenden, der mit verkniffenem Gesicht und tiefen, dunklen Schatten unter den Augen vor dem verschlossenen Tor stand. Er wirkte wie ein Mann, der die Kapitulation bereits unterschrieben hatte.

„Paul“, murmelte er erschöpft, ohne aufzusehen. „Wenn du wegen der Elektrik für das Turnier kommst – spar dir die Mühe. Wir sind raus. Ohne den Beleg wird uns der Verband den Platz sperren. Frau Koller hat uns mit ihrer Schlamperei das Genick gebrochen.“

Paul betrachtete ihn einen Moment schweigend. Er sah Brandners hämisches Gesicht in der Bibliothek vor sich und hörte das hasserfüllte Wispern der Dorfbewohner über Frau Kollers vermeintliches Versagen. Ohne ein Wort zu sagen, zog er die Quittung aus der Tasche und hielt sie dem Mann direkt vor die Augen.

Der Vorsitzende starrte auf das Papier. Seine Pupillen weiteten sich, und für einen Wimpernschlag schien er vergessen zu haben, wie man atmet. „Woher … Paul, wo zum Teufel hast du das gefunden? Die Koller hat Stein und Bein geschworen, sie hätte es abgeheftet!“

„Es lag nicht im Ordner“, sagte Paul mit jener unerschütterlichen Ruhe, die er sonst nur seinen Uhren entgegenbrachte. Er beobachtete, wie die Farbe schubweise in das Gesicht des anderen zurückkehrte. „Es lag in der alten Bibliothek. Versteckt unter einem Stapel Makulatur, Seite an Seite mit obsessiven Übungen für eine gefälschte Unterschrift.“

Er sah, wie der erste Funke des Misstrauens im Vorsitzenden zündete – eine Flamme, die sich nun nicht mehr gegen die Protokollführerin richtete, sondern gegen das System, das sie zur Sündenböckin degradiert hatte.

„Das ist erst der Anfang. Wenn du verstehen willst, wie tief die Drähte wirklich gezogen sind, dann geh zur Gärtnerei. Frag Lukas nach dem Fax mit den gelben Gerbera. Und wenn du dort bist, achte auf die Textur des Papiers – es trägt den Fingerabdruck des Rathauses, nicht den der Witwe.


Paul entschied sich gegen den direkten Weg zu Frau Koller. Er kannte die Statik des Dorfgefüges zu gut: Eine Wahrheit, die man mühsam selbst ans Licht zerrt, wiegt schwerer als eine, die einem auf dem Silbertablett serviert wird. Er wollte Brandner nicht einfach bloßstellen; er wollte zusehen, wie das Fundament, das der Bürgermeister aus Lügen und künstlichem Misstrauen gegossen hatte, unter dessen eigenen Füßen die ersten tiefen Risse bekam.

Er setzte sich auf die Bank vor der Bäckerei, den dampfenden Becher Kaffee als Anker zwischen den Händen, und beobachtete das Treiben. Es dauerte kaum fünfzehn Minuten. Der Vereinsvorsitzende stürmte mit dem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster, die Quittung wie eine weiße Flagge des Widerstands in der Hand. Paul sah, wie er Brandner am Stand der Freiwilligen Feuerwehr abfing. Der Bürgermeister stand dort inmitten der Honoratioren, die Daumen siegessicher in die Westentaschen eingehakt und gab den gönnerhaften Landesvater.

Aus der Entfernung wirkte die Szene wie ein lautloses Kammerspiel. Der Vorsitzende gestikulierte wild, hielt Brandner das Papier fast bis an die Nasenspitze. Paul sah, wie die joviale Maske des Bürgermeisters für den Bruchteil einer Sekunde zerbrach – ein kurzes Erstarren der Züge, ein hastiger, instinktiver Blick in Richtung der alten Bibliothek, bevor er sich mühsam wieder fing. Brandner lachte die Situation weg, klopfte dem Mann väterlich auf die Schulter, doch seine Augen suchten bereits nervös den Platz ab. Als sein Blick Paul traf, der dort mit stoischer Ruhe seinen Kaffee trank, blieb er hängen. Ein kurzes, kaltes Nicken. Der Krieg war nun offiziell erklärt.

Das Lauffeuer verbreitete sich mit der Geschwindigkeit von Klatsch und Tratsch beim ersten Vormittagsbier. An jedem Stand, an jeder Bierzeltgarnitur flüsterten die Menschen. Das Wort „Bibliothek“ fiel immer wieder, ein dunkles Echo in der Festtagsstimmung. Das Misstrauen, das Brandner so geschickt auf Frau Koller kanalisiert hatte, kehrte nun wie ein Bumerang zurück. Die Leute erinnerten sich plötzlich an andere Fragmente: an den schweren Schlüsselbund an Brandners Gürtel, an seine einsamen, späten Gänge durch die Gassen.

Paul blieb unbewegt. Er genoss die bittere Ironie. Während Brandner verzweifelt versuchte, die Wogen zu glätten, tickte die Uhr unerbittlich gegen das „Sonnenhang“-Projekt und die betrogenen Leitungen im Boden. In weniger als zwei Stunden würde die Musikkapelle aufmarschieren, die Fritteusen würden die erste Last fordern und die Zapfanlagen unter Druck gesetzt werden.

In diesem Moment sah Paul, wie Marianne den Platz überquerte. Sie war blass, doch ihre Augen brannten vor Wachsamkeit. Sie steuerte direkt auf ihn zu. Sie wusste um den USB-Stick, sie kannte das Geheimnis der Sponsorenlisten – und sie las in Pauls Blick, dass das Schweigen gebrochen war.

Paul blieb sitzen, als sie die Bank erreichte. Er machte keinen Platz, bot ihr aber auch kein Gehen an. Er beobachtete, wie sie sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn strich – eine Geste, die sie seit ihrer Kindheit immer dann machte, wenn die Welt um sie herum aus den Fugen geriet.


“Der Sportverein feiert ein Wunder“, sagte sie leise, ohne ihn direkt anzusehen. Ihr Blick schweifte über den Platz zu Brandner, der nun sichtlich bemüht war, ein Gespräch mit Dr. Steiner zu führen. „Brandner behauptet, er hätte die Quittung heute Morgen selbst beim Aufräumen im Archiv gefunden. Ein ‚glücklicher Zufall‘, nennt er es vor den Leuten.“

Paul nahm einen langsamen Schluck Kaffee, der bereits kalt geworden war. „Ein Zufall, der exakt an der Stelle lag, an der ich gestern Nacht meine Taschenlampe ausgeschaltet habe“, entgegnete er trocken.

Marianne erstarrte. Sie drehte den Kopf nun doch zu ihm, ihre Züge wirkten im harten Vormittagslicht spröde. „Er weiß, dass du dort warst, Paul. Er hat mich vorhin gefragt, ob ich dich gesehen hätte. Er wirkte nicht wütend – das ist das Beängstigende. Er wirkte besorgt. Er wollte wissen, ob du über den Verteilerkasten gesprochen hast.“

Paul horchte auf. „Besorgt? Um den Verteiler oder um das, was ich darin gefunden habe?“

Marianne senkte die Stimme, bis sie kaum mehr als ein Hauch war. „Er hat Krüger bereits dreimal angerufen. Ich habe Teile des Telefonats im Vorraum mitbekommen. Krüger tobt. Er behauptet, du hättest am Morgen ‚herumgepfuscht‘ und die Abnahme gefährdet. Brandner hat ihm befohlen, die Nerven zu behalten, solange die Lichter brennen.“ Sie machte eine Pause und sah Paul tief in die Augen. „Was hast du dort gemacht? Geht es um den ‚Sonnenhang‘? Um das Kupfer?“

Paul spürte, wie sich die Schlinge zusammenzog. Brandner ahnte nicht nur etwas, er bereitete bereits die Gegenerzählung vor: Paul als Saboteur, noch bevor die erste Sicherung überhaupt fallen konnte. Marianne wusste genug, um das Motiv zu kennen, doch sie balancierte noch immer auf dem schmalen Grat zwischen Mitwisserschaft und Verrat. Ihr Manöver mit dem USB-Stick hatte sie zur Komplizin der Zeit gemacht, aber vielleicht auch zur Gefangenen ihrer eigenen Taten.

„Hast du den Stick wirklich nur wegen der Sponsorenlisten verschwinden lassen?“, fragte er sie direkt. „Oder war es eine Warnung an Steiner und Krüger?“

Marianne griff fester nach ihrem Becher, ihre Knöchel traten weiß hervor. „Wenn ich jetzt zur Polizei gehe, Paul, lacht Brandner mich aus. Er hat die Akten im Rathaus bereits ‚bereinigt‘. Auf dem Papier bin ich diejenige, die den USB-Stick mit den Sponsorenlisten gestohlen hat. Er wird sagen, ich hätte die Differenzen erfunden, um meinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.“

Sie sah zu Steiner, der immer noch nervös an seiner Krawatte nestelte. „Auf diesem Stick sind die echten Buchungen. Wenn diese Liste auftaucht, bevor Brandner seine gefälschte Version in den Druck schmuggeln kann, bricht sein Kartenhaus zusammen. Aber solange er den Stick nicht hat, nutzt er das Vakuum, um mich als Diebin darzustellen. Er wartet nur darauf, dass die Lichter angehen, damit er mich vor versammelter Mannschaft abführen lassen kann.“

Marianne zögerte. Ihr Blick flackerte zu Dr. Steiner hinüber, der nervös an seiner Krawatte nestelte. „Ich wollte, dass die Zahlen nicht gedruckt werden, solange die Differenz so offensichtlich ist. Wenn das Fest erst einmal läuft, interessiert sich niemand mehr für die Buchführung. Ich brauchte Zeit, Paul.“

Paul stellte den leeren Becher neben sich auf die Bank. Er fixierte einen Punkt zwischen dem Maibaum und dem Festzelt, wo Techniker nun begannen, die schweren Lautsprecherboxen zu verkabeln. Er spürte, dass sie eine Entscheidung von ihm erwartete – ein Zeichen von Vertrauen oder eine klare Ansage. Doch Vertrauen war in diesem Dorf momentan eine Währung, deren Kurs ins Bodenlose gefallen war.

„Geh zu ihm“, sagte Paul schließlich. Seine Stimme war so ruhig, dass es ihn selbst befremdete. „Geh zu Brandner. Er wird dich fragen, was wir besprochen haben. Sag ihm genau das, was er hören will: Sag ihm, ich hätte mich beruhigt. Sag ihm, ich hätte eingesehen, dass ein Eklat mein eigener Ruin wäre.“

Marianne zog die Stirn in Falten. „Glaubst du wirklich, er nimmt dir das ab? Er ist kein Narr, Paul.“

„Er muss es mir nicht abnehmen. Er muss nur glauben, dass ich feige geworden bin“, entgegnete Paul. Er wandte sich ihr nun ganz zu und senkte die Stimme zu einem gefährlichen Flüstern. „Sag ihm, ich hätte den Verteiler noch einmal feinjustiert, jetzt liefe alles stabil. Benutz den Satz: ‚Er hat alles im Griff.‘ Das ist der Code, den er braucht, um die Maske des Gastgebers wieder aufzusetzen. Er wird sich in Sicherheit wiegen, Marianne. Und in dieser Sicherheit wird er den Befehl geben, den Strom für das gesamte Fest einzuschalten.“

Marianne schluckte schwer. Sie begriff erst jetzt, dass Paul sie nicht zur Verbündeten machte, sondern zum Werkzeug einer mechanischen Falle. „Und was passiert, wenn er merkt, dass du gelogen hast?“


„Dann ist es bereits zu spät“, sagte Paul trocken. „Dann wird die Physik das übernehmen, was die Verwaltung seit Jahren ignoriert. Wenn die Kapelle aufspielt und die großen Kühler anspringen, wird er sehen, was seine ‚Vorbereitung‘ wert ist. Er wird vor dem versammelten Dorf stehen, während die Lichter ausgehen, und er wird keinen Sündenbock mehr haben. Nicht dich, nicht die Koller – und nicht mich.“

Marianne zögerte einen Moment, dann nickte sie langsam. Sie erhob sich von der Bank. Ihr Gang war nun wieder aufrechter, fast so, als wäre sie erleichtert, eine klare Mission zu haben, so gefährlich sie auch sein mochte. Paul sah ihr nach, wie sie sich einen Weg durch die Menge bahnte, direkt auf den Bürgermeister zu, der am Fuße des Maibaums bereits die ersten Hände schüttelte.

Er beobachtete, wie sie ihn ansprach. Er sah Brandners misstrauischen Blick, der wie eine Suchnadel kurz in Pauls Richtung ausschlug. Paul hob den Kopf nur ein Stück, ein fast unmerkliches Zeichen der Bestätigung. Dann sah er, wie Brandners Schultern sich entspannten. Der Bürgermeister lachte laut auf, legte Marianne väterlich den Arm um die Schulter und wandte sich wieder Dr. Steiner zu.

Die Falle war scharfgestellt. Brandner glaubte nun, Paul sei eingeknickt. Er glaubte, das Schweigen durch nackte Einschüchterung erkauft zu haben.

Paul blieb auf der Bank sitzen. Während er darauf wartete, dass der Mechanismus zuschnappte, kehrten seine Gedanken noch einmal zu jener Entdeckung in der Bibliothek zurück – zu jenem Fax, dessen Grausamkeit ihn fast tiefer erschüttert hatte als der plumpe Betrug mit dem Kupfer. Er begriff nun die ganze Perversion hinter der Sache mit den Blumen. In einem Dorf wie diesem war Floristik kein Dekor, sondern eine Geheimsprache.

Als der alte Schmied vor Jahren seine Frau verlor, hatte Paul selbst geholfen, den Garten für die Trauerfeier herzurichten. Die Verstorbene hatte gelbe Gerbera geliebt; sie waren ihr Markenzeichen gewesen, ein heller, fast trotziger Fleck in der sonst so rauen Welt der Schmiede. Brandner, der seit Jahrzehnten jedes Taufregister und jedes Grabnutzungsrecht wie eine eigene Währung verwaltete, hatte dieses Wissen wie eine archivierte Waffe aufbewahrt.

Indem er dafür sorgte, dass Lukas – ein Junge, der zum Zeitpunkt des Todes noch nicht einmal geboren war – das Fax mit der Bestellung für genau diese Blumen abschickte, hatte Brandner zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

Erstens hatte er die Witwe an ihrem verwundbarsten Punkt getroffen und den Eklat beim Begräbnis provoziert, um das Dorf in einen Zustand emotionaler Instabilität zu versetzen. Zweitens hatte er Pauls eigene Autorität als Hüter der Traditionen untergraben. Wer Pauls Sinn für Details kannte, musste glauben, er hätte dieses Mal kläglich versagt oder – schlimmer noch – die Pietät des Dorfes für ein bürokratisches Versehen geopfert.

Doch Brandner hatte die Rechnung ohne das Gedächtnis des Uhrmachers gemacht. Paul sah auf die Uhr am Kirchturm. Die Zeiger näherten sich unerbittlich der vollen Stunde. In der Ferne stimmten die Musikanten bereits ihre Instrumente. Das laute Schnattern der Menschenmenge schwoll an wie das Summen eines Bienenstocks vor dem Sturm.

Paul schloss kurz die Augen. Er war nicht mehr das Opfer dieser Inszenierung. Er war die Sicherung, die kurz davor war, das gesamte Theaterstück zu beenden.


Am Maibaum sah Paul nun, wie Marianne das Gespräch beendete. Brandner wirkte wie verwandelt; er strahlte, klatschte in die Hände und gab dem Kapellmeister das Signal. Die Kapelle intonierte den Einzugsmarsch, und zeitgleich wurden die schweren Stromfresser – die gewaltigen Durchlauferhitzer der Spülmobile – lautstark in Betrieb genommen.

Brandner trat ans Mikrofon, gespeist vom vollen Saft der manipulierten Leitungen. Er predigte über „Zusammenhalt“ und „Zukunft“, während Paul spürte, wie die Last auf dem Platz minütlich stieg. Er wusste, was jetzt in der Erde passierte: Die dünnen Kabelquerschnitte begannen zu glühen. Die physikalische Trägheitsgrenze war fast erreicht. Unweit des Verteilers prostete ein triumphierender Krüger Dr. Steiner zu. Sie fühlten sich sicher – überzeugt, dass Pauls Schweigen durch die „wiedergefundene“ Quittung erkauft worden war.

Paul erhob sich. Er suchte nicht den Blick des Bürgermeisters, sondern den des alten Schmieds. Er fand Hannes am Rande des Festzelts, eine ungeöffnete Flasche Bier in der Hand, den Blick starr auf den Boden gerichtet – ein gebrochener Fremdkörper in der eigenen Gemeinde.

„Ich war es nicht, Hannes“, flüsterte Paul, als er dicht vor ihm stand. Er sah, wie Krüger am anderen Ende des Platzes das Zeichen gab, die Flutlichtmasten vorzuglühen – der letzte Impuls, den das geschundene Netz nicht mehr verkraften würde. „Das Fax kam aus dem Rathaus. Lukas wusste nichts von den Gerbera. Aber Brandner wusste es. Er hat sich an das Sommerfest in den Achtzigern erinnert. Er wollte deinen Zorn auf mich lenken, Hannes. Er wollte Unruhe, um seine eigenen Geschäfte im Schatten zu halten.“

Der Schmied hob den Kopf. In seinen Augen flackerte ein gefährlicher Funke auf. „Warum sollte er das tun?“ „Weil Gier kein Gedächtnis hat. Er hat deinen Schmerz benutzt, um seine Macht zu schützen.“

In diesem Moment geschah es. Ein tiefes, unheilvolles Brummen vibrierte durch das Pflaster – das letzte Aufbäumen der überlasteten Kabel. Dann folgte ein trockenes, metallisches Knallen vom Verteilerkasten her.

Schlagartig verstummten die Lautsprecher. Brandners Rede starb mitten im Wort „Fortschritt“ ab. Das Surren der Kühlschränke erstarb, die Lichter flackerten einmal hektisch auf und erloschen dann in einer schweren, lastenden Stille. Nur der Wind strich noch durch die Blätter der Linde. Brandner wirkte auf seinem Podium wie eine groteske Marionette, die man mitten in der Bewegung losgelassen hatte.

„Jetzt“, sagte Paul zum Schmied, und seine Stimme war in der Totenstille des Platzes für alle hörbar. „Frag ihn nach den Blumen, Hannes. Und frag Krüger, warum das Kupfer für die Leitungen jetzt im ‚Sonnenhang‘ verbaut ist, während unser Fest im Dunkeln liegt.“

Paul trat zurück und verschränkte die Arme. Er sah, wie der Schmied die Flasche auf den Tisch knallte und auf das Podium zuging. Das Raunen der Menge schlug in offenen Zorn um. Doch während die Kulisse zusammenbrach, hallte in Pauls Kopf Brandners Stimme aus der Bibliothek nach – jene bittere Erkenntnis, die er erst jetzt in ihrer vollen Tragweite begriff.

Brandner hatte ihn nicht nur manipuliert; er hatte Pauls eigenen Ordnungssinn als Teil der Inszenierung missbraucht. Jede nachgezogene Schraube am Maibaum, jeder pflichtbewusst gemeldete Fehler war nur Brennstoff für Brandners Plan gewesen. Der Bürgermeister hatte das Chaos gesät, damit Pauls Korrektheit es zu einem Muster zusammenfügen konnte, das am Ende nur Brandner als dem „ordnenden Retter“ diente.

„Der Verteiler am Platz“, hatte Paul in der Bibliothek heiser geflüstert. „Er ist nicht einfach nur ‚geändert‘, oder?“ Brandner hatte gelächelt – ein schmales, gefährliches Lächeln. „Er ist vorbereitet, Paul. Genau wie du es gesagt hast. Wenn die Lichter ausgehen, wird jeder auf Frau Kollers Schlamperei schauen – und auf deine Liste, die beweist, dass du gewarnt hast. Du wirst der Held sein, der es kommen sah. Und ich werde derjenige sein, der die Zügel wieder fest in die Hand nimmt, um das Chaos zu ordnen, das ich selbst erschaffen habe.“

Paul sah nun, wie Hannes den Bürgermeister erreichte. Die Falle war zugeschnappt, doch wer darin gefangen war, stand noch nicht fest. Die Physik hatte gesprochen. Jetzt war es an der Zeit für die Wahrheit des Dorfes.


„Gib mir die Quittung, Paul“, wiederholte Brandner und trat einen Schritt näher. „Lass uns das Fest so beenden, wie es geplant war. Als Erfolg für uns beide.“

Doch Paul sah nicht Brandner an. Sein Blick wanderte zu Marianne, die am Rande des Podiums stand. Sie hatte gesehen, wie er dem Schmied die Wahrheit zugeflüstert hatte, und sie sah jetzt das tote Mikrophon und die wachsende Unruhe der Menge. Sie war diejenige, die den USB-Stick geopfert hatte, um das Unausweichliche hinauszuzögern. Sie war die Insiderin, die wusste, wo die echten Zahlen begraben lagen.

Paul trat einen Schritt zurück und überließ Marianne die Bühne. Er sah, wie sie sich am fassungslosen Brandner vorbeischob und direkt zum Schmied und den anderen Vereinsvorständen trat. Sie hielt keinen USB-Stick in der Hand, sondern ein Bündel kopierter Seiten, die sie unter ihrer Jacke verborgen hatte – die Originalprotokolle der Buchungen, die sie vor der Löschung gerettet hatte.

„Die Lichter sind aus, Herr Bürgermeister“, sagte Marianne laut genug, dass es in der unheimlichen Stille des stromlosen Platzes wie ein Donnerschlag wirkte. „Aber nicht wegen einer Schlamperei. Sondern weil das Kupfer für diese Kabel in der Erde jetzt im ‚Sonnenhang‘ verbaut ist. Und hier“, sie hob die Papiere hoch, „sind die Listen, die Dr. Steiner und Sie so dringend verschwinden lassen wollten.“

Der Schmied legte eine schwere Hand auf Brandners Schulter. Paul stand im Schatten der Linde und sah zu, wie das künstliche Licht der Taschenlampen die Gesichter der Betrüger traf. Die Physik hatte den Blackout erzwungen, doch Marianne gab der Dunkelheit nun die Namen der Schuldigen.


Drei Wochen später war der Dorfplatz wieder das, was er seit hundert Jahren gewesen war: ein Ort, der nicht nur funktionierte, sondern atmete. Der „Multifunktionale Beton-Bereich“, dieses sterile Prestigeobjekt Brandners, war stillschweigend von der Agenda verschwunden. Stattdessen dominierten nun frischer Spielsand und schwere Eichenbalken das Bild, die unter der wortkargen Anleitung des Schmieds gesetzt worden waren.

Am Rand des Platzes, auf der Bank unter der alten Linde, saßen Paul und Frau Koller.

Paul hatte sein Werkzeugset ausgebreitet. Vor ihm lag eine Taschenuhr, ein Erbstück des Schmieds, deren Unruh nur noch mühsam zuckte. Er arbeitete mit einer Ruhe, die Lukas, der ein paar Meter weiter hastig in sein Telefon tippte, vermutlich wahnsinnig gemacht hätte. Pauls Bewegungen waren präzise; jede Berührung des feinen Mechanismus war eine Antwort auf die Hektik der vergangenen Wochen – eine Korrektur der Zeit.

Frau Koller schlug ihr Buch zu. Es war ein neuer Krimi, diesmal ein skandinavischer. „Wussten Sie, Paul“, sagte sie, ohne den Blick vom Spielplatz abzuwenden, „dass man in Island glaubt, Elfen würden Straßenbauprojekte verhindern, wenn diese nicht in die Landschaft passen?“

Paul hielt inne, eine winzige Feder in der Pinzette. Er dachte an die schmelzenden Kabel im Boden und die manipulierten Listen in der Bibliothek. „Ich glaube nicht an Elfen“, sagte er trocken. „Aber ich glaube an Materialermüdung. Brandner war ermüdet. Krüger war überdreht. Das Gefüge musste brechen. Die Natur des Dorfes hat sich lediglich gewehrt.“

Lukas kam auf sie zu. Sein Bartöl duftete heute nach Zeder und Niederlage. Er wirkte weniger aggressiv, eher wie ein Schüler, der eine komplexe Gleichung zum ersten Mal wirklich begriffen hatte. Das Tablet in seiner Hand leuchtete nicht mehr so fordernd wie früher.

„Ich habe die Dorf-App aktualisiert“, sagte er leise und vermied es, Paul direkt anzusehen. „Es gibt jetzt einen Bereich für ‚Historische Protokolle‘ und eine Funktion für ‚Bürger-Intuition‘.“ Er zögerte kurz. „Ich habe den Stromplan korrigiert. Manuell. Nach Ihren Notizen vom Morgen des Festes. Die Querschnitte sind jetzt rot markiert, bis Krügers Versicherung den Austausch bezahlt.“

Paul nickte nur einmal. Es war keine Vergebung, aber eine Anerkennung der Lernfähigkeit. Lukas zog weiter, sein Tablet fest unter den Arm geklemmt, als wäre es zerbrechlich. Er wischte nicht mehr – er hielt es fest.

Marianne kam aus dem Rathaus herüber. Seit Brandner sein Amt ruhen ließ und Dr. Steiner sich „aus gesundheitlichen Gründen“ zurückgezogen hatte, führte sie die Geschäfte kommissarisch. Sie brachte zwei Becher Kaffee, dampfend und schwarz. Sie stellte sie auf die Bank und blickte auf die Taschenuhr in Pauls Händen.

„Läuft sie wieder?“

Paul setzte das letzte Zahnrad ein. Ein winziger Klick, fast unhörbar im Lärm der spielenden Kinder, quittierte die Arbeit. Dann begann das Ticken. Es war kein aggressives digitales Pingen, sondern ein sanfter, stetiger Rhythmus. Ein Herzschlag aus Messing, der die Zeit wieder in einen menschlichen Maßstab rückte.

„Sie läuft“, sagte Paul. Er sah zu Frau Koller, die wieder ihren rechtmäßigen Platz im Archiv eingenommen hatte. „Genau wie das Protokoll.“

Frau Koller lächelte. Sie griff in ihre Tasche und holte einen roten Stift hervor. Sie korrigierte nichts mehr an Pauls Berichten; sie markierte nur eine Stelle in ihrem Buch – ein Kapitel über ein Dorf, das zu klug war, um sich selbst zu vergessen.

Die Sonne sank hinter den „Sonnenhang“. Dort oben glänzten die Glasfronten der SUVs in der Ferne, Zeugen einer Gier, die beinahe gewonnen hätte. Aber hier unten, im Schatten der Linde, stimmte die Taktung wieder.
 

marcm200

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Ich habe erst einen Teil des Textes gelesem.

Die Wortwahl ist stellenweise sehr theatralisch.
- "sie war die Chronistin der Risse."
- "die das Fundament halten, während oben die Fassade gestrichen wird."
- "nur die nackte, kalte Mechanik der Abheftringe."

Wurde das bewusst gewählt? Was waren deine Motive dahinter? Diese Formulierungen zerlegen den Text für mich in einen Handlungsteil und einen Melodramatikteil, der mir zu bombastisch daherkommt. War das gewollt?


Was mich jedoch stört, sind die fast wortgleichen Abschnitte.

1) "Früher hätte er vielleicht gekämpft. Früher, als er noch in der Werkstatt gestanden hatte, die Lupenbrille auf der Stirn, die kleinsten Zahnräder zwischen den Fingern. Uhrmacher war er gewesen, bevor Zeit etwas wurde, das man einfach vom Smartphone ablas."
2) "Früher hätte er vielleicht etwas gesagt. Damals, als er noch in seiner Werkstatt gestanden hatte, die Lupenbrille auf der Stirn und die winzigen Zahnräder einer Welt zwischen den Fingern, die noch nach festen Regeln funktionierte. Uhrmacher war er gewesen, bevor Zeit zu einer digitalen Ware wurde – billig, beliebig und seelenlos."

Die Struktur der Abschnitte ist gleich, die überbrachten Informationen ebenso.


Warum gibst du folgende Informationen zweimal, und dann auf die fast genau gleiche Art?
- "Später Instandhaltung, dann Hausmeister...""
- "Später kam die Instandhaltung, dann der Posten als Hausmeister"


Oder diese beiden Sätze, die für mich klingen, als hättest du sie kopiert und ein paar Wörter verändert.
- "Nach dem Tod seiner Frau war die Stille sein einziger Verbündeter geworden."
- "Seit dem Tod seiner Frau war die Stille sein engster Verbündeter geworden."

Diese Dopplungen, ohne dass es Handlungsrelevanz hat, klingen für mich sehr steril, fast schon künstlich.

Sind dies Resultate des Entstehungsprozesses der Geschichte, die beim Korrekturlesen durchgerutscht sind? Oder hast du diese Abschnitte bewusst so konstruiert? Dann würde mich die Absicht dahinter interessieren.
 



 
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