Der Tempel der Drachenprinzessin

Omar Chajjam

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Der Tempel der Drachenprinzessin

Westlich von Gingdschou liegt ein See, der mit dem Namen seines Gottes der See Tschauna heißt. Hochragend auf einem Berg über mit Büschen bewachsenen sanften Kuppen zeigen sich im Flammenrot der Sonnenuntergänge dieser Gegend die Ruinen eines Tempels. Die Fischer des Dorfes am Ufer des Sees erzählen den Fremden, die in diese Gegend kommen, um zur Shan An Bucht weiterzureisen, darüber eine Geschichte. Allen zur Lehre, die ihr Leben neu beginnen wollen, sei diese kleine Erzählung vom Tem-pel der Drachenprinzessin gewidmet.

In den Zeiten als die Han über China herrschten, zog ein Bonze in die einst rauhe Berg-gegend, in die sich damals nicht einmal die zottigen schwarzen Bären auf der Suche nach dem Honig der wilden Bienen verirrten. Zerlumpt, mit einem ausgewaschenen Filzhut, den Bettlerstab fest in der Hand, schritt er ohne nach Pfaden suchend über die Geröllfelder am Fuße des Berges Shan Su, wie ihn die Geister der Gegend nannten. War er doch noch zu jung an Jahren, um in die Einsiedelei zu gehen und hatte gerade fünfunddreißig Sommer gezählt , so war er doch des Studierens im Kloster müde geworden und ge-dachte durch die Einsamkeit nichts weniger als den Sinn des Lebens zu erfahren.

Diese menschenfernen Orte sind oft auch die Wohnung jener Geister, die unser Leben in der Gemeinschaft der Dörfer und Städte meiden. Denn das solltest du wissen, auch bei den Dschins gibt es solche, die die Nähe des Menschen suchen und solche, die noch nie ein Sterblicher zu Gesicht bekommen hat.

Ein Dschin dieser Art lebte in den Höhlen dieser Felsen- und Steinwelt, umgeben von sie-ben weisen Drachen, die die Farben der Welt beherrschten, das blendende Gelb der Sonne, das flammende Rot des Feuers, das lebendige Grün der Jade, das tröstende Blau des Himmels, das ewige Schwarz der Nacht, das gütige Weiß des WInters und die Farbe des Gottes Brama, die den Menschen unsichtbar ist und nur selten in den Augen schöner Frauen aufleuchtet, denen die Männer verfallen.

Mit den Farben seiner Drachen konnte der Dschin alle Gegenstände dieser und aller fer-nen Welten nachbilden. Doch zu einem war er nicht in der Lage, er konnte den erschaffe-nen Dingen keine Seele geben. Daher, um den erhabenen Göttern gleich zu werden ,suchte er nach einem Weg, die Seele des Menschen für sich zu gewinnen, um damit die Dinge zu beseelen.

Von seinem Felsenturm beobachtete der Dschin den einsamen Reisenden am Fuße sei-nes Berges und erkannte in ihm den Bonzen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er erwog in seinen sieben Herzen einen Plan, wie er dessen Kraft für sich nutzen könnte. Er befahl den sieben Drachen, mit der Kraft ihres Atems ein Bild zu schaffen, das schöner nie gemalt wurde von den Künstlern des Westens und Ostens. Im Gold der Sonne glänz-ten ihre Haare über dem flammenden Rot ihres Mundes. Der Schnee ihrer Wangen be-sänftigte die Zornigen über dem Blau ihres Gewandes, das den Himmel trübe werden ließ. Unter den nachtschwarz getuschten Wimpern blickte aus dem Jadegrün der Augen die Kraft der Tigerin vor dem Sprung. Doch alles war nichts ohne die Farbe des siebten Dra-chen, die das Herz des Menschen ergreift und wegführt in die Blüte des Lotus, wenn er sich der Nacht öffnet.

Dieses Bild stellte er an die Straße des einsam wandernden Bonzen, dort wo die silberne Scheibe des Mondes den Gipfel des Berges küßt in der lauen Frühlingsnacht. Der einsam wandernde Bonze setzte seinen Stab bedächtig und schritt sicher durch die Klüfte, die sich um ihn auftaten, als er über sich das Bild der Drachenprinzessin wahrnahm. Ihm war, als wäre die Göttin des Mondes zu ihm, dem sterblichen Gläubigen herniedergestiegen, als ihn der wilde vernichtende Blick wie Tigertatzen traf.

Man baute in diesen Tagen der Han-Kaiser seinen Göttern Tempel, die den Menschen den geraden Weg in den Himmel zeigen sollten. Darum lagen sie oft einsam an den See-ufern, in den Palmenhainen und auf den Berghöhen. Das war auch der Plan des Dschins der Berge, daß der Bonze eine Pagode bauen möge zur Ehre der Drachenprinzessin. Doch dunkler und tiefer waren seine Gedanken, denn nur durch die Kraft des Glaubens dieses Bonzen, das wußte er, konnte das Bild beseelt werden, und alle Macht des All-schöpfers Brahma würde ihm gehören.

Doch nichts bleibt den Göttern verborgen, was geschieht unter den Himmeln der Welten, so auch nicht die dunklen Wege der mächtigen Dschins.

Der kleine Bonze begann mit der Kraft seines Glaubens mit der Planung des Tempels der Drachenprinzessin. Die begleitete ihn inzwischen auf allen Wegen, die er ging, denn sie hatte sein Herz gefangen. Er maß die Höhe des Gebäudes und berechnete die Menge der Steine. er bedachte die geschmückten Kammern und Gänge, die Stärke der Säulen und die Unzen Gold, denn strahlen sollte sie wie der Glanz der Haare seiner Geliebten in den Strahlen der Sonne am Mittag. So geschützt sollte sie stehen über allen Höhen, daß alle Bauern und Bürger der Gegend kommen und der Drachenprinzessin opfern sollten.

So begann der Bonze darauf zu bauen mit der Kraft seiner Arme und den Almosen der Bauern, denn das Gold wollte wohl bezahlt sein. Baute er doch an dem Tempel seiner Liebe zur Farbe in den Augen der Tigerin.

Es gibt an den Hängen des Berges keine Wälder mehr seit jenen Zeiten. Das Gesicht des Berges wurde sanft von der Menge der Steine, die der Bonze aus den Schründen grub. Das alles machte die Liebe aus ihm. Und so mit der Zeit floß ein wenig von dieser Liebe auch in das Bild der Drachenprinzessin und ihr leidenschaftlicher Blick wurde sanfter und zärtlicher. Der Dschin des Berges bemerkte diese Verwandlung wohl und dachte bei sich, daß sich sein Plan erfüllte, wie er die Seele des Bonzen gewinnen könne durch die Zau-berkraft des Bildes.

Das Bauwerk wuchs zum Wunderwerk und der Glanz der vergoldeten Pagode strahlte über die weiten Felder Chinas in die fernen großen Städte. Die Menschen kamen von weither, um die kunstvoll gestalteten Türmchen und Erker zu bewundern, die aufragende Stupa und die mit Drachenköpfen verkleideten Eingangstore. Doch daß ein Tempel für ein Bild gebaut worden war, verdammte man. Daher blieb der kleine Bonze mit seinem Bild langsam und allmählich allein. Nur von ferne sahen die Menschen am See die Pagode flammend funkeln im Licht der Abendsonne. Sie nannten das Bauwerk am Horizont den Tempel der Drachenprinzessin.

Dem Priester war das nur recht so, hatte er doch das schöne Bild ganz für sich in den weiten Hallen des Tempels. Ganz widmete er sich der Aufgabe der Anbetung der Schön-heit unter dem Zauber der unsichtbaren Farbe und vergaß seine Pflichten und Fähigkei-ten, die die Götter ihm mitgegeben hatten, daß sie in ihm wuchsen und Segen brachten für die Menschen.

So kam es, daß er mit dem Bild zu sprechen begann und es unterrichtete in den Künsten, die er von seinen Meistern im Kloster gelernt hatte. Er sprach zu ihm wie zu einem Men-schen und das Bild hörte aufmerksam zu. Einsame Menschen sprechen oft mit ihren Tie-ren und ganz allmählich werden die Tiere ihnen ähnlicher und verändern ihr Verhalten.

Der Bonze ging auf die gleiche Weise mit seinem Bild um und das Bild der Drachenprin-zessin verfolgte ihn mit seinen leidenschaftlichen Augen in jeden Winkel des Tempels. Die Realität begann sich zu mischen mit der Zauberwelt, das Bild fing an unter seinen Fähig-keiten zur Frau zu werden. Obwohl es doch nur ein Bild war, schien es sich zu bewegen und zum Feuer der Abendsonne einen Tanz in den Flammen zu tanzen, wenn die Schat-ten über es hinzuckten. Die Drachenprinzessin begann die Lippen zu bewegen und ein Lied der Liebe und Leidenschaften zu singen vom Prinzen Arjuna aus dem Mahabarratha, daß der Bonze in grenzenloser Liebe zur Drachenprinzessin entflammte.

Ganz nach Art der Tiere, wenn diese mit Menschen zusammenleben, nahm das Zauber-wesen allmählich die Eigenschaften des kleinen Bonzen an. Es wurde sanftmütig und hin-gebungsvoll, gütig zu den Wesen der Welt und vollkommen in den Künsten im gleichen Maß wie der Priester alle diese Eigenschaften verlor. Zusammengekauert und unförmig geworden saß er in Lumpen in einem Winkel der Vorhalle und blickte sehnsüchtig der ho-hen Gestalt der Drachenprinzessin nach, wenn diese in den Blumengarten schritt.

Der Dschin wußte von Ferne, daß er sein Spiel fast gewonnen hatte, denn er mußte jetzt nur noch den Glauben des Priesters an sich selbst zerstören. Alle Fähigkeiten, die die Seele eines Menschen ausmachen, hatte er schon gewonnen.

Aber auch der Gott Brahma, der Allwissende, Allmächtige wußte um den kleinen Priester und die Drachenprinzessin. Da die Götter aber in ihrer unbegreiflichen Weise vom Ende des Weges den Anfang begreifen, so ließ er den Dingen seinen Lauf, um die Menschen zu belehren.

Die Macht des Gottes bewies er durch seine Erscheinung Er kleidete sich in die Gewän-der eines Schmiedes, der überall seine Dienste anbot, wo Pferde zu beschlagen waren und über das Gebirge in die Ebenen Chinas wanderte. So zog er vor die goldene Pagode und pochte mit seinem Hammer an das hohe Tor, daß der Hall wie Donnerschläge zum See hinunter dröhnte. Drunten in den Fischerbooten blickten die Menschen ängstlich nach dem Berg und suchten nach den Wolkentürmen des herannahenden Gewitters, um zur rechten Zeit noch ihre Netze einzuholen. Weit schwangen die Flügeltüren auf und die Riegel zerbrachen unter der Kraft.

Da sah Gott Brahma mit eigenen Augen das Wunder und war verzaubert. Aus dem Glanz aller Farben des Regenbogens leuchtete ihm die eine Farbe entgegen und betörte sein Herz. Und im Augenblick war der Unsterbliche in Liebe entflammt. Vor ihm begann das Bild sich sanft zu bewegen, zuerst, dann sich zu wiegen in den leidenschaftlichen tänzeri-schen Schritten der Sitah vor Shivah, dem Herrn der Welt. Der Gott Brahma hatte ihr sei-nen göttlichen Atem gegeben, daß sie ihm auf seinen Himmelswegen folgte als der Mor-genstern dem tröstenden Mond.

Nur der kleine Bonze blieb zurück in seinem leeren Tempel und suchte nach dem Duft der Drachenprinzessin und langsam, flüchtig wie der Frühlingswind, entschwand ihm die Erin-nerung an seinen Glauben. Ganz anders als er es gelehrt worden war, hatte der Gott durch sein Leben gegriffen. Er konnte die fremde Kraft nicht verstehen, die ihm das Lieb-ste genommen hatte und nur eine Hülle zurückließ, wie das Pfauenauge den leeren Ko-kon, wenn es die Blumenwiese fühlt.

Der Dschin der sieben Drachen aber hatte den Glauben des kleinen Bonzen gewonnen, denn nur an die sieben Farben glaubte dieser fortan und diente dem Drachenthron viele Jahre. Durch ihn schuf der Dschin der sieben Drachen das Leben einmal neu und viele Völker dienen ihm bis auf den heutigen Tag. Sein Tempel aber wurde zerstört, denn das hatte Brahma der Allwissende wohl bedacht, er zerfiel in den Zeiten und Eroberern, die das Land heimsuchten zur Ruine, ein Mahnmahl für die Menschen der Gegend, dem Dra-chenkönig nicht zu folgen. Nichts besteht, das Menschen bauen und allen Dingen fehlt der Grundstein des Göttlichen. Darum bedenke, was du auch planen magst im Leben, alles, was die Zukunft bringt, bleibt dem Menschen ewig ein Geheimnis.

Allein die Drachenprinzessin blieb vom Reich des Dschins als Morgenstern, als Zeichen der unsterblichen Liebe des kleinen Mönchs am Sternenhimmel kurz bevor Brahma, die Sonne der Welt die Sterne der Nacht mit seinem Licht an jedem neuen Morgen neu ins Nichts geleitet.
 

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