Der Tod trennt nur zwei Welten

Frederick

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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Aus einem schmalen Fenster, im hinteren Waggon des Zuges, winkte eine Frau ihm zu, bis sich ihre Konturen in der Finsternis verabschiedet hatte. Es war seine Tochter Clara, die sich von ihrem Vater Alfred unter Tränen verabschiedet hatte. Er spührte noch immer Claras innige Umarmung. Als seine Tränen getrocknet waren, schweiften seine Augen vom Bahnsteig ab. Mit jedem erneuten Zigarettenzug genoss er den Geschmack des Todes, jedoch schien es ihm nicht zu berühren. Er war gerüstet für sein vorhersehbares Schicksal.
Seine schmalen Lippen pressten sich ein letztes Mal an den schwammigen Zigarettenfilter, bevor er den glimmenden Stummel auf den Bahnsteig schnippste. Eigentlich hatte sich Alfred das Rauchen vor vier Jahren abgewöhnt. Als jedoch seine Frau Anna zu Beginn des Jahres an den Folgen ihres tückischen Krebsleiden verstarb, verlor seinen Kampf um Leben, Sucht und Liebe. Seitdem veränderte er sich zusehens zu Schlechten. Sein Haar war zerzaust. Ihm wuchs ein ungepflegter grauer Vollbart und seine Finger begannen sich vom Rauchen gelblich zu verfärben. Mit gesenktem Kopf verließ er die Bahnstation und schlurft mit seinem künstlichen Hüftgelenk durch nasskalte Straßen zu seine behaglichen Zweiraumwohnung.
"Hier soll ich mich nun auf meine letzten Tage `rumquälen!?", dachte er.
Seit Annas Tod fühlte sich Alfred krank und schwach. Doch er vertraute sich niemandem an. Doch mit seinen Ängsten und Sorgen wollte er niemand anderen belästigen.
Bis in den frühen Morgenstunden verharrte er in Gedanken. Immer wieder begab er sich zum Küchenfenster und blickte mit müden Augen geradewegs auf den anliegenden Friedhof, wo er Anna die letzte Ehre erwiesen hatte.Inmitten emporragenden Eichen erinnert nur noch ein weißer Marmorstein an ein vergängliches Leben und unvergessliche Erinnerungen. Zwischen zwei wachenden Engelsgestalten zierten farbenprächtige Blumenkränze das Grab. Alfred Blicke versetzten ihn in längst vergangene Zeiten. Als er seiner Frau das letzte Geleit gab, schwor er vor ihrem hellen Kiefersarg, ihr auf allen Wegen zu folgen. So wie damals, als sie zu stürmischer Kriegszeit vor den Traualtar traten und sich das Ja-Wort gaben. Mit traurigen Augen starrte er auf den Ort der Ruhe und Besinnlichkeit. Unverdrossen hatter er damals für das Vaterland gekämpft. Er hatte schon oft in die Augen des Totes gestarrt, dennoch schlossen sich seine Augen einst nicht. Doch nun gab er aus freiem Herzen auf. Ein Wiederspruch, mit dem er selbst nicht klar kam. Geistesgegenwärtig öffnete Alfred die Küchenschublade und zog ein blankes Messer heraus. Die spitze Messerklinge setzte er sich auf seine vom Atler gezeichnete Haut und drückte sie leicht gegen die Brust. Eine Hemmung quälte ihn.Plötzlich schob sich eine Quellwolke vor die Sonne. Alfred blickte zum klaren Himmel auf und nahm blass die Mondsichel am Firmament wahr. Da bemerkte er erneut, dass alles kommt und geht. Mit jedem Anfang folgt ein Ende - und sein Ende sollte mit dem heutigen Tag beschlossen sein. Alfred zerrte die Bibel aus seinem Bücherregal und zog den heiligen, in Gold gefassten Seiten einen handgeschriebenen Brief heraus. Es war sein Abschiedsbrief, den er nur wenige Tage nach Annas Tod in tiefster Trauer verfasst hatte. Er nahm den Brief, steckte ihn in ein weißes Kuvert und adressierte ihn an Clara. Mühsam stützte er sich vom Küchenstuhl auf, hüllte sich in seinen schwarzen Cordmantel und zog sich seinen Filzhut tief ins Gesicht. Gedankenlos schritt er zum Briefkasten; in seiner Hand eine rote Rose. Er warf den Brief in den Schlitz und folgte dem unwegsamen Pfad, bis hin zum menschenleeren Friedhof. Schweren Herzens durchschritt er das Eisen geschmiedete Gottestor.Schweigend kniete sich Alfred vor Annas Grabstein und strich mit zitternder Handfläche den gelben Blütenstaub von ihrem goldgravierten Namenszug. Er legte die langstielige Rose nieder. Sie galt als Symbol der ewigen Liebe. Mit geschlossenen Augen hielt er innere Zwiegespräche mit der Frau, mit der er fünfzig Jahre verheiratet war. Alfred stützte sich am Grabstein auf und seufzte unter Tränen: "Ich bin gleich bei dir!"
Fest zu seinem Vorhaben entschlossen, warf er ein Seil über den Ast einer nebenstehender Eiche, die Annas Grabstätte Schatten spendete. Alfred stieg auf einen losen Baumstumpf, legte sich die geformte Schlinge um den Hals und warf ein letzten Blick auf die Welt im irdischen Reich. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er streckte seine Fußspitzen und stieß mit aller Kraft den lockeren Baumstumpf um. Die Schlinge zog sich zu. Lautlos strampelte er mit seinen Beinen, bevor sein Körper leblos am Strang baumelte.

Als Clara am nächsten Morgen den Abschiedsbrief ungeöffnet in ihrer Hand hielt, ahnte sie Schlimmes. Ein Wechselbad der Gefühle durchschoss ihren schmächtigen Körper. Mit zitternden Händen öffnete sie den Umschlag und entfaltete den Brief. Doch bevor sie zu lesen begann, schellte das Telefon im Korridor. Clara legte Alfreds Zeilen beiseite und nahm den Hörer ab. "Hier bei Maier." Eine beängstigenden Stille - doch dann meldete sich der Teilnehmer. "Hier spricht die Kriminalpolizei! Ich muss Ihnen eine traurige Nachricht übermitteln ..." Clara unterbrach ihn und seufzte: "Ich hab`s vermutet! Sie brauchen nicht weiter zu sprechen. Ich möchte es von ihm persönlich erfahren!" Sie legte den Hörer auf, nahm den Brief und las gefasst seine Abschiedsworte:

Meine liebste Clara,
es lautet: In guten und in schlechten Zeiten -
bis das der Tod uns scheidet!
Jedoch ist eine Trennung nur von kurzer Dauer!
Ich werde jetzt, wenn Du diese Zeilen ließt,
bei Mutter sein und ihr beiseite stehen.
Bitte respektiere meine Entscheidung - Du musst es!
Ich werde immer bei Dir sein!
In ewiger Liebe - Dein Vater Alfred

Clara faltete den Brief zusammen. Tränen der Trauer kullerten ihr über die Wangen. Benommen ging sie zum Fenster
und blickte mit feuchten Augen dem wolkenvergangenen Himmel
entgegen. Dabei flüsterte sie lächelnd: "Gott sei mit Euch!"
 

flammarion

Foren-Redakteur
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. ja, lieber frederick, das könnte eine sehr anrührende geschichte sein, wenn dir nicht so viele fehler unterlaufen wären. du verwechselst gern die fälle, dadurch verliert dein text an wirkung. auch könnte die sache noch ein klein wenig gestrafft werden, oder, wenn es ein schmalzkanten sein soll, etwas gestreckt. woher hat der mann eigentlich so plötzlich die langstielige rose und später den strick? nu ja. ganz lieb grüßt
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Frederick,

das ist nun schon die vierte oder fünfte Kurzgeschichte (meine eigene inbegriffen) mit diesem mir wohlbekannten "Nachtzug-Anfang". (Die AAA läßt grüßen) Es ist schon erstaunlich, welch unterschiedliche Geschichten sich aus diesem vorgegebenem Anfang entwickeln können. Eine Frage: Ist dieser Text schon von deinem Studienbetreuer durchgesehen worden? Wahrscheinlich nicht, denn sonst wären die bereits von flammarion genannten grammatikalischen Schnitzer nicht mehr drin. Sie hat meines Erachtens Recht, wenn sie meint, daß dies eine anrührende Geschichte sein könnte. Ich möchte mal die erwähnten grammatikalischen Fehler beiseite lassen und ein wenig auf Inhalt und Form eingehen.
Ein alter Mann, der durch den Verlust seiner Frau keinen Sinn im Leben mehr sieht, wählt den Freitod, und Du begleitest ihn auf seinem Weg und schilderst seine Gedanken. Das ist OK. Was mir aufgefallen ist, das sind die stilistischen Mittel, die Du anwendest. Mir sind es ehrlich gesagt zu viele Klischees, die den Text oft schwülstig erscheinen lassen. Manches müßte vielleicht auch klarer ausgedrückt oder erklärt werden. Hier ein paar Beispiele.

"..., winkte eine Frau ihm zu, bis sich ihre Konturen in der Finsternis verabschiedet hatte. Es war seine Tochter Clara.."
das Wort verabschiedet erscheint mir unpassend. "auflösten", "verschwammen" oder so ähnlich hätte mir besser gefallen.
"Mit jedem erneuten Zigarettenzug genoss er den Geschmack des Todes..." klingt zu aufgesetzt. Und das Wort "erneut" wäre ganz überflüssig.,
"Mit gesenktem Kopf verließ er die Bahnstation und schlurfte mit seinem künstlichen Hüftgelenk durch nasskalte Straßen zu seine behaglichen Zweiraumwohnung."
Also: ich habe noch niemanden mit dem Hüftgelenk schlurfen sehen, höchstens mit den Füßen. Laß die Hüfte weg, der Mann ist gestraft genug. Und bei der Stimmung, in der er ist, wird er wahrscheinlich auch seine Wohnung nicht gerade behaglich finden.
Vorschlag: Mit gesenktem Kopf verließ er die Bahnstation und schlurfte durch nasskalte Straßen zu seiner ihm längst trist gewordenen Zweiraumwohnung. (Iss auch nicht optimal, aber vielleicht merkst Du, was ich meine)
"Unverdrossen hatte er damals für das Vaterland gekämpft. Er hatte schon oft in die Augen des Totes gestarrt, dennoch schlossen sich seine Augen einst nicht." Also dazu fällt mir nichts ein. Das ist einfach nur unerträglich.
Dies mag genügen. Mein Rat: Versuch so zu schreiben, wie es dir in den Sinn kommt, mit eigenen und auch einfachen Worten. Suche nicht krampfhaft nach einem Pathos, der hier in dieser Geschichte unecht, aufgesetzt und verkrampft wirkt. Das von dir gewählte Thema ist nicht so ganz einfach zu bewältigen. Versuch es doch erst mal mit etwas leichterer Kost.

Gruß Ralph
 

Frederick

Mitglied
Hallo Ralph

Vielen Dank für Deine Kritik!
Auf Deine Frage: Ob die Geschichte schon durchgesehen wurde? Ja, wurde sie!
Ich habe den Text absichtlich in der lupe veröffentlicht um zu sehen wie die Kritik ausfällt. Man sollt sich also nicht zuuu sicher sein, dass alle Fehler von der AAA gefunden wurden.
Aber ansonsten bin ich mit allem sehr zufrieden.

Ich habe Deine Beispiele/Ratschlag überdacht und ich muss Dir recht geben. Ich werde sie in meinen nächsten Texten berücksichtigen.


MAN LERNT NIE AUS

Frederick
 

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