Der Trapper von Kappelrodeck

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Blumenberg

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Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die Bäume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein hübsches Schätzchen gehütet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, wäre ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschländlicher Idylle bedeckten Welt. In einem Kästchen lagen meine papiernen Schätze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zuging. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkhäusern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner verborgenen Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein kindlicher Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der Tür trat. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und wisperten: Sieh nur …, da kommt er, der arme kleine Bastard … Was für ein schweres Los der hat …, tut er dir nicht manchmal leid …? Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden hören. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: „Was haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was schämen!“

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Aufgestaute Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort „Nur die Wahrheit“ folgte und von der heute noch erzählt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymität einer Stadt geflohen ist.
Ich glaube, Leid muss schweigend und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den nächsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach draußen. Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters und mit jeder neuen Erzählung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen später winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Gedächtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehmütiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Großmutters anfängliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdrückte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsmühlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Großmutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des Bürgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zunächst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortführten. Ich eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbrach, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen würde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Huckleberry Finn packte ich für den Fall, dass mir Zweifel kämen, dazu. Dann vergrub ich das sorgfältig in Plastik gehüllte Kästchen mit den restlichen Büchern. Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen war, einen Platz für ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden Häuser machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Großmutters ständige Wut verhinderte, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Großmutters Wut blieb ebenso zurück wie die ständigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zunächst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz für ein richtiges Lager, aber das Gepäck war schwerer, als ich erwartet hatte.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schließlich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber für sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht nach ein paar Stunden, da war ich mir sicher. Aber irgendwann würde es auch bei mir so weit sein.

Großmutter wird dann ihren Gehstock neben der Tür hervorholen und mit bedächtigen Schritten zur Dorfwache herüber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige mit einem gleichgültigen Ausdruck auf dem feisten Gesicht zu Protokoll nehmen. Er wird ihr mitteilen, er werde sein Möglichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort wäre, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein. Außerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen würde, zu meiner Mutter zu kommen? Meine Großmutter wird ihm schimpfend an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt hätte? Ungefragt, so eine Bürde. Dazu das ganze Gerede im Dorf über den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Großmutter gedacht. Nicht eine Sekunde!
Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut über sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Großmutter einmal mit dem Schimpfen anfängt… Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu klären, ob ich dort sei. Versunken in ihre Enttäuschung über die Tochter, wird Großmutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schließlich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, dafür wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erzählen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuhören und tuscheln: Der Bastard ist weg … Das musste doch früher oder später so kommen…Das Abhauen ist dem angeboren…Bestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack schmerzhaft auf meine Schultern drückte und mir von dem steten Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran hätte ich denken sollen. Als es dämmerte, hatte ich immer noch kein geeignetes Lager gefunden und wählte erschöpft den erstbesten Platz für die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Huck Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Man sagt ja, abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberkörper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den Körper gezogen, lauschte ich atemlos den Geräuschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von Ästen, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem fühlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die drohende Gefahr fürchtete, war sie tagsüber im Dorf noch gegenwärtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. Während Angst sich gegenüber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen vermögen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die große Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht für die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spießrutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der kleinen Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestatte mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die nächtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis spät in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schließlich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen zwei hohen Steinen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier würde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am nächsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern müsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei Bäumen gespannt und die beiden anderen Enden am Überhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten Ästen, Zweigen, Blättern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigermaßen windgeschützt war. Das war natürlich nur vorübergehend, ich plante bereits, eine Blockhütte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.
Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen würde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, außerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den Rückweg gemacht, als ich ein helles Lachen hörte. Mein Gesicht wurde weiß, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs überprüft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig spähte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Butzbach. Ich erkannte es sofort an seinem mittelalterlichen Stadttor. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein Stückchen den Abhang hinab am Waldrand entlangführte, vielleicht dreißig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergnügt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein Stück zurück und hätte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. Wäre ich nur in Tennessee, dort waren die Wälder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zurück, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. Wütend riss ich die Plane herunter und trat die schützende Blätterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Butzbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen würde. Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

„Was machst du denn nur für einen Unsinn? Deine Großmutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.“ Er führte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, während er im Nebenraum verschwand. Ich hörte ihn durch die geschlossene Tür sprechen. Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen war, Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls könne sie mich jederzeit abholen.

Meine Großmutter ließ mich spüren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Flüchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden könne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstmöglichen Zeitpunkt ein Internat besuchen würde. Dort würde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht würde man im Dorf auch irgendwann über etwas anderes reden als über Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so glückte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkhäusern und den anderen letztlich doch noch.

Knapp ein Jahr später wartete ein Paket auf mich, als ich nach dem Unterricht in mein Zimmer kam. Es war mit Stempeln versehen, die seinen weiten Weg über den Atlantik bezeugten. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass es in Missouri aufgegeben worden war. Zuoberst lag ein Umschlag mit einem kurzen Brief:

Mein lieber Sohn. Verzeih, viel zu lange habe ich nichts von mir hören lassen, trotzdem hoffe ich, dass es dir gut geht. Wir sehen uns bestimmt eines Tages wieder. Vielleicht gelingt es dir, irgendwann zu verstehen, warum ich nicht länger bei dir bleiben konnte. Manche Orte sind zu eng und ihre Enge droht, dich zu ersticken. Dann bleibt nichts anderes als die Flucht, will man das eigene Leben erhalten. Das habe ich getan. Ich schicke dir eine alte Geschichte, die dir dabei helfen soll, mir zu vergeben. Sie handelt von der Enge eines Dorfes, das nicht weit von hier gelegen haben könnte. Sein Name ist St. Petersburg.
 

Lord Nelson

Mitglied
Hallo Blumenberg,

eigentlich mag ich deine Geschichten. Auch diese über den kleinen Jakob empfand ich beim Lesen als stimmig und authentisch. Das Ende hat mich jedoch schwer enttäuscht - was daran liegen mag, dass mir der bedeutungsschwangere Schlusssatz über St. Petersburg leider überhaupt nichts sagt. Irgend eine versteckte Information scheint mir entgangen zu sein. Eine kleiner Fingerzeig für Banausen wäre vielleicht hilfreich gewesen und hätte die mütterlichen Erklärungen möglicherweise etwas weniger dürr dastehen lassen.

Viele Grüße
Lord Nelson

P.S.: in der Folge noch einige Anmerkungen zu einzelnen Textstellen:

Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zuging[red]en[/red].
Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …
Man versteht zwar, was gemeint ist - ist aber ein sehr schräges Konstrukt

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen.
Die "stoische Gleichgültigkeit" passt imho nicht ins Bild einer sich erhitzenden Reibungsfläche

Aufgestaute Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige,
Ein Verb wäre nicht schlecht

Ich glaube, Leid muss schweigend und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig [red]Komma[/red] mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Die zweimalige Verwendung von "Schweigen" hat mein persönliches Verständnis ein klein wenig behindert

Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters
welchem anderen denn noch, wenn eh schon jeder berichtete?

Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.
was heißt da "nicht einmal"? Merke: je überbordender die Phantasie, desto mickriger darf ein Bach sein.

Ich [red]fand?[/red] eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich [strike]aufbrach[/strike] [red]aufbräche[/red], die Flucht gelingen.
Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen [strike]war[/strike] [red]wäre[/red], einen Platz für ein festes Lager zu finden.
Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort [strike]wäre[/strike] [red]sei[/red], er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein.
Meine Großmutter wird ihm schimpfend an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe [red]Punkt[/red] Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen.
Naja, "Das Kind frisst das Krokodil" - Kann man schon so sagen...

Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt [strike]hätte[/strike] [red]habe[/red]?
wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Man sagt ja, abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten.
wenn schon "wer wusste", dann aber auch "man sagte", bitte sehr

Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht.
So glaube ich auch, so bestätigt es sogar Wikipedia. Trotzdem frage ich mich, was diese feinsinnigen Betrachtungen zur Story beitragen

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestatte[red]te[/red] mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen.
Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen [red]Frau[/red] auf einem Weg,
So viel Zeit muss sein

Wäre ich nur in Tennessee , dort waren die Wälder unendlich.
Zeiten passen nicht zusammen

Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen [red]Komma[/red] und hielt mich am Arm fest.
Mit "als ich eben aus dem Bus gestiegen war" klingt der Anschluss nicht so holperig

Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen [strike]war[/strike] [red]sei[/red], Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott.
Wiederholung "gelungen"

Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.
was meinst du mit "Verantwortung" - ob sie keine Pakete mehr geschickt hat?
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Lord Nelson,

zunächst einmal natürlich Danke für die zahlreichen Anmerkungen. Ich finde hoffentlich am Wochenende die Gelegenheit mir die alle einmal ganz in Ruhe anzusehen und den Text entsprechend anzupassen. Bis dahin muss es leider eine etwas kürzere Antwort tun.

Für die Anmerkung mit dem Ende bin ich dir sehr dankbar, ich war mir nämlich nicht sicher, ob das in dieser Form deutlich genug ist oder doch zu sehr angedeutet. Das die mütterliche Erklärung in dem kurzen Text dürr und vage sind ist Absicht. St. Petersburg ist tatsächlich bedeutungsschwanger meint in diesem Fall nicht die russische Stadt, sondern St. Petersburg, Missouri (Den Bundestaat in dem auch das mütterliche Paket aufgegeben wurde) und damit den fiktiven Ort an dem die Abenteuer von Tom Saywer spielen. Die mitgeschickte alte Geschichte sind genau dessen Abenteuer und so weder eine ausreichende Erklärung über die dürren Zeilen der Mutter hinaus noch eine hilfreiche Anleitung, denn der Protagonist hat genau das ja bereits versucht.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Lord Nelson

Mitglied
Hallo Blumenberg,

danke für deine Erklärung - jetzt habe ich die Pointe kapiert. Mir war natürlich aufgefallen, dass der Brief in Missouri abgestempelt war, und ich hatte auch vermutet, dass du das Abenteuer nachträglich noch irgendwie abrunden wolltest.

Der bittere Nachgeschmack, den die unpersönlichen Worte dieser Mutterfigur hinterlassen, ist also volle Absicht. Ebenso wie die mitgeschickte Geschichte, die nicht nur wie ein Hohn zu spät kam, sondern sich - wie die Mutter hätte wissen können? - schon längst im Besitz des Buben befand.

Für mich waren die freudlosen, nur vom Bücherschatz erhellten Jugenderinnerungen und die Geschichte des Tom Sawyer-Abenteuers, das in der Enge der heimischen Wälder zum enttäuschenden “Kinderspiel” degenerierte, auch ohne einen besonderen Schlussgag rund und abgeschlossen. Ich hätte dem Jungen halt ein versöhnlicheres Ende gewünscht.

Viele Grüße
Lord Nelsoon

P.S.: meine obige Anmerkung zur “überbordenden Phantasie” nehme ich reumütig zurück (15 Minuten Korrekturspanne waren gestern leider zu kurz dafür). Dein Satz ist logisch völlig korrekt, auch wenn er mir auf Anhieb nicht hatte einleuchten wollen.
 

steyrer

Mitglied
Hallo Blumenberg,

das Waldabenteuer wirkt überzeugend, das Drumherum weniger. Es bleibt viel im Unklaren, die Ortsangaben Butzbach und Missouri lassen aber immerhin an die Nachkriegszeit in der amerikanischen Besatzungszone denken.

Mein Eindruck: Jakob gilt zwar als „Bastard“, scheint aber wenigstens finanziell gut gestellt zu sein: Er hat z. B. eine Armbanduhr und besucht später ein Internat. Ist er ein Besatzungskind? Das könnte den schlechten Ruf der Mutter erklären.

Ein Stilbruch:

Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …
Reden hinterwäldlerische Dörfler wirklich so geziert? Der nächste Dialog ist wieder in normaler Umgangssprache gehalten.

Wieso erklärt ihm seine Mutter etwas über enge, erstickende Orte? Sie hat Jakob doch an einem solchen Ort zurückgelassen.

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Steyrer,

da habe ich mit meinen bisherigen Sachen wohl für eine Art implizite zeitlich-thematische Vorentscheidung gesorgt, die dich ein wenig auf den Holzweg führt. Die Geschichte spielt nicht in der unmittelbaren Besatzungs- bzw. Nachrkeigszeit, sondern ich habe eher die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre vor Augen gehabt. Die Einbindung von Missouri verweist auch nicht auf die amerikanische Besatzungszone, sondern ist der US-Bundestaat in den die Abenteuer des Tom Sawyer spielen, ebenso St. Petersburg.

Daneben stecken durchaus noch ein paar spärliche Infos im Text, die es gestatten das Ganze ein wenig örtlich einzugrenzen, wie z.B. das das Dorf in dem die Handlung spielt umgeben von Weinbergen ist. Du hast aber recht damit, dass ich die Geschichte nicht explizit an einen ganz bestimmten Ort binden wollte.

Mit deiner Anmerkung zu dem kleinen Stilbruch könntest du recht haben, hier wäre eine etwas profanere Sprache durchaus angebracht. Auch wenn ich Menschen aus ländlichen Regionen nicht per se als Hinterwäldler bezeichnen würde.

Deine Anmerkung mit der Enge erschließt sich mir nicht so ganz. Genau die Enge in der die Mutter das Kind zurücklässt, ist es doch, was sie annehmen lässt, dass der Junge dieses Gefühl, dass sie in die Flucht getrieben hat nachvollziehen kann. Sie nimmt dabei gegenüber ihrem Kind aber keine sonderlich empathische Position ein, der Brief dreht sich letztlich nur um sie.

Ich hoffe das hilft für die Einordnung des Textes ein wenig weiter.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Lord Nelson,

über die 15 Minuten Schranke zum ändern von Beiträgen bin ich auch schon diverse Male gestolpert. Das ist manchmal ärgerlich, wenn einem ein Fehler oder noch eine Ergänzung einfällt.

Du hast übrigens Recht. Die Geschichte hätte auch vor den letzten beiden Abschnitten enden können, ich wollte aber den Tom Sawyer Text, der ja das Zentrum der Erzählung bildet, noch einmal einholen und das Ganze so abrunden.

Deinen Wunsch nach einem versöhnlicheren Ende kann ich nachvollziehen, aber die Geschichte endet ja auch nicht gänzlich ausweglos, glückt dem Jungen doch durch sein Waldabenteuer und die anschließende "Strafversetzung" ins Internat, schließlich doch noch die Flucht aus dem Dorf. Wobei mir die Vorstellung durchaus gefällt, dass ein so belesener Junge dort bestimmt seinen Weg gehen wird.

Beste Grüße

Blumenberg

P.S. Noch einmal vielen Dank für die sinnigen Anmerkungen vor allem zu den Konjuktiven. Hier rutscht einem trotz mehrmaliger Kontrollen doch immer noch die ein oder andere falsche Kleinigkeit durch.
 

steyrer

Mitglied
Hallo Blumenberg.

Hm, du hast völlig recht, ich habe mich tatsächlich an deinen alten Beiträgen orientiert. Das kann passieren. Andererseits klingt dein Titel „Jakob der Bastard“ ja ebenfalls etwas altmodisch.

Zur Sprache der Landbevölkerung bemerkst du:

... hier wäre eine etwas profanere Sprache durchaus angebracht. Auch wenn ich Menschen aus ländlichen Regionen nicht per se als Hinterwäldler bezeichnen würde.
Per se vielleicht nicht, aber …

Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner verborgenen Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein kindlicher Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. [...] In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.
… diese hier schon. ;)

Ich habe die späten 70er und frühen 80er zwar nicht als derart wüst in Erinnerung, möchte mich aber auch nicht darüber streiten.

Was das Ende betrifft: Das Schicksal dreht Jakob am Schluss also noch einmal eine extralange Nase. Jetzt kapiere ich es! Allerdings möchte ich dich auf etwas aufmerksam machen: Jakob ist jetzt im Besitz einer amerikanischen Tom-Sawyer-Ausgabe, das ist schon mal was für einen Mark-Twain-Verehrer. Steigt er damit nicht zu gut aus?

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die Bäume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein hübsches Schätzchen gehütet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, wäre ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschländlicher Idylle bedeckten Welt. In einem Kästchen lagen meine papiernen Schätze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zugingen. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkhäusern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner verborgenen Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein kindlicher Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der Tür trat. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und wisperten: Sieh nur …, da kommt er, der arme kleine Bastard … Was für ein schweres Los der hat …, tut er dir nicht manchmal leid …? Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden hören. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: „Was haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was schämen!“

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Aufgestaute Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort „Nur die Wahrheit“ folgte und von der heute noch erzählt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymität einer Stadt geflohen ist.
Ich glaube, Leid muss still und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig, mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den nächsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach draußen. Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters und mit jeder neuen Erzählung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen später winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Gedächtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehmütiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Großmutters anfängliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdrückte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsmühlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Großmutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des Bürgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zunächst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortführten. Ich grub eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbräche, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen würde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Huckleberry Finn packte ich für den Fall, dass mir Zweifel kämen, dazu. Dann vergrub ich das sorgfältig in Plastik gehüllte Kästchen mit den restlichen Büchern. Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen wäre, einen Platz für ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden Häuser machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Großmutters ständige Wut verhinderte, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Großmutters Wut blieb ebenso zurück wie die ständigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zunächst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz für ein richtiges Lager, aber das Gepäck war schwerer, als ich erwartet hatte.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schließlich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber für sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht nach ein paar Stunden, da war ich mir sicher. Aber irgendwann würde es auch bei mir so weit sein.

Großmutter wird dann ihren Gehstock neben der Tür hervorholen und mit bedächtigen Schritten zur Dorfwache herüber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige mit einem gleichgültigen Ausdruck auf dem feisten Gesicht zu Protokoll nehmen. Er wird ihr mitteilen, er werde sein Möglichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein. Außerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen würde, zu meiner Mutter zu kommen? Meine Großmutter wird ihm schimpfend an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe. Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt habe? Ungefragt, so eine Bürde. Dazu das ganze Gerede im Dorf über den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Großmutter gedacht. Nicht eine Sekunde!
Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut über sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Großmutter einmal mit dem Schimpfen anfängt… Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu klären, ob ich dort sei. Versunken in ihre Enttäuschung über die Tochter, wird Großmutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schließlich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, dafür wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erzählen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuhören und tuscheln: Der Bastard ist weg … Das musste doch früher oder später so kommen…Das Abhauen ist dem angeboren…Bestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack schmerzhaft auf meine Schultern drückte und mir von dem steten Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran hätte ich denken sollen. Als es dämmerte, hatte ich immer noch kein geeignetes Lager gefunden und wählte erschöpft den erstbesten Platz für die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Huck Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Man sagt ja, abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberkörper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den Körper gezogen, lauschte ich atemlos den Geräuschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von Ästen, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem fühlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die drohende Gefahr fürchtete, war sie tagsüber im Dorf noch gegenwärtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. Während Angst sich gegenüber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen vermögen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die große Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht für die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spießrutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der kleinen Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die nächtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis spät in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schließlich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen zwei hohen Steinen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier würde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am nächsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern müsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei Bäumen gespannt und die beiden anderen Enden am Überhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten Ästen, Zweigen, Blättern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigermaßen windgeschützt war. Das war natürlich nur vorübergehend, ich plante bereits, eine Blockhütte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.
Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen würde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, außerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den Rückweg gemacht, als ich ein helles Lachen hörte. Mein Gesicht wurde weiß, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs überprüft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig spähte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Butzbach. Ich erkannte es sofort an seinem mittelalterlichen Stadttor. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein Stückchen den Abhang hinab am Waldrand entlangführte, vielleicht dreißig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergnügt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein Stück zurück und hätte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. Wäre ich nur in Tennessee, dort sind die Wälder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zurück, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. Wütend riss ich die Plane herunter und trat die schützende Blätterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Butzbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen würde. Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

„Was machst du denn nur für einen Unsinn? Deine Großmutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.“ Er führte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, während er im Nebenraum verschwand. Ich hörte ihn durch die geschlossene Tür sprechen. Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen sei, Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls könne sie mich jederzeit abholen.

Meine Großmutter ließ mich spüren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Flüchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden könne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstmöglichen Zeitpunkt ein Internat besuchen würde. Dort würde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht würde man im Dorf auch irgendwann über etwas anderes reden als über Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so glückte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkhäusern und den anderen letztlich doch noch.

Knapp ein Jahr später wartete ein Paket auf mich, als ich nach dem Unterricht in mein Zimmer kam. Es war mit Stempeln versehen, die seinen weiten Weg über den Atlantik bezeugten. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass es in Missouri aufgegeben worden war. Zuoberst lag ein Umschlag mit einem kurzen Brief:

Mein lieber Sohn. Verzeih, viel zu lange habe ich nichts von mir hören lassen, trotzdem hoffe ich, dass es dir gut geht. Wir sehen uns bestimmt eines Tages wieder. Vielleicht gelingt es dir, irgendwann zu verstehen, warum ich nicht länger bei dir bleiben konnte. Manche Orte sind zu eng und ihre Enge droht, dich zu ersticken. Dann bleibt nichts anderes als die Flucht, will man das eigene Leben erhalten. Das habe ich getan. Ich schicke dir eine alte Geschichte, die dir dabei helfen soll, mir zu vergeben. Sie handelt von der Enge eines Dorfes, das nicht weit von hier gelegen haben könnte. Sein Name ist St. Petersburg.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo steyrer,

er klingt nicht nur etwas altmodisch, sondern vielleicht auch ein wenig brachial. Ich werde den Titel noch einmal überdenken und ihn, gesetzt den Fall, mir fällt etwas Besseres ein wohl auch noch ändern.

Was die von dir zitierte Stelle betrifft. Rowdis gibt es wohl nicht nur auf dem Dorf, sondern die scheinen mir zur festen Ausstattung eigentlich jeder Schule zu gehören. Ausgrenzung und sozialen Ausschluss gibt es wohl auch überall.
In einer kleinen Gemeinde halten sich in meinen Augen aber tradierte soziale Bezugsnormen länger und kleinere Gemeinschaften tendieren, glaube ich, stärker dazu nicht hineinpassende Personen auszuschließen, da sie insgesamt homogener sind.

Was den Ausstieg angegeht hatte ich ja schon in einem anderen Post geschrieben, dass Jakob, dadurch, dass seine Flucht misslingt, letztlich ja doch entkommt. Das scheint mir doch ein gewisser Hoffnungsschimmer.

Beste Grüße

Blumenberg
 

steyrer

Mitglied
Anmerkungen

Ja, den Titel solltest du unbedingt ändern. Nicht weil er brachial klingt, sondern völlig aus der Zeit gefallen.

Für am brauchbarsten halte ich das Waldabenteuer, auch wenn ich langsam den Eindruck habe, man müsse den ganzen Tom-Sawyer und Huckleberry-Finn studiert haben, um deinen Text angemessen zu würdigen.

In den letzten zwei Absätzen hast du einen großen Zeitsprung (ein Jahr). Das geht bei einer Erzählung, aber auf keinem Fall bei einer Kurzgeschichte. Das ist sogar ein Anfängerfehler.

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die Bäume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein hübsches Schätzchen gehütet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, wäre ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschländlicher Idylle bedeckten Welt. In einem Kästchen lagen meine papiernen Schätze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zugingen. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkhäusern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner verborgenen Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein kindlicher Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der Tür trat. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und wisperten: Sieh nur …, da kommt er, der arme kleine Bastard … Was für ein schweres Los der hat …, tut er dir nicht manchmal leid …? Es ist ja nicht seine Schuld, die ihn hervorgebracht hat, sondern die seiner Mutter …

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden hören. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: „Was haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was schämen!“

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Aufgestaute Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort „Nur die Wahrheit“ folgte und von der heute noch erzählt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymität einer Stadt geflohen ist.
Ich glaube, Leid muss still und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig, mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den nächsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach draußen. Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters und mit jeder neuen Erzählung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen später winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Gedächtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehmütiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Großmutters anfängliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdrückte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsmühlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Großmutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des Bürgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zunächst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortführten. Ich grub eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbräche, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen würde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Huckleberry Finn packte ich für den Fall, dass mir Zweifel kämen, dazu. Dann vergrub ich das sorgfältig in Plastik gehüllte Kästchen mit den restlichen Büchern. Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen wäre, einen Platz für ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden Häuser machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Großmutters ständige Wut verhinderte, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Großmutters Wut blieb ebenso zurück wie die ständigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zunächst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz für ein richtiges Lager, aber das Gepäck war schwerer, als ich erwartet hatte.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schließlich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber für sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht nach ein paar Stunden, da war ich mir sicher. Aber irgendwann würde es auch bei mir so weit sein.

Großmutter wird dann ihren Gehstock neben der Tür hervorholen und mit bedächtigen Schritten zur Dorfwache herüber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige mit einem gleichgültigen Ausdruck auf dem feisten Gesicht zu Protokoll nehmen. Er wird ihr mitteilen, er werde sein Möglichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein. Außerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen würde, zu meiner Mutter zu kommen? Meine Großmutter wird ihm schimpfend an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe. Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt habe? Ungefragt, so eine Bürde. Dazu das ganze Gerede im Dorf über den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Großmutter gedacht. Nicht eine Sekunde!
Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut über sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Großmutter einmal mit dem Schimpfen anfängt… Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu klären, ob ich dort sei. Versunken in ihre Enttäuschung über die Tochter, wird Großmutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schließlich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, dafür wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erzählen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuhören und tuscheln: Der Bastard ist weg … Das musste doch früher oder später so kommen…Das Abhauen ist dem angeboren…Bestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack schmerzhaft auf meine Schultern drückte und mir von dem steten Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran hätte ich denken sollen. Als es dämmerte, hatte ich immer noch kein geeignetes Lager gefunden und wählte erschöpft den erstbesten Platz für die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Huck Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Man sagt ja, abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberkörper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den Körper gezogen, lauschte ich atemlos den Geräuschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von Ästen, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem fühlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die drohende Gefahr fürchtete, war sie tagsüber im Dorf noch gegenwärtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. Während Angst sich gegenüber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen vermögen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die große Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht für die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spießrutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der kleinen Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die nächtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis spät in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schließlich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen zwei hohen Steinen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier würde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am nächsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern müsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei Bäumen gespannt und die beiden anderen Enden am Überhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten Ästen, Zweigen, Blättern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigermaßen windgeschützt war. Das war natürlich nur vorübergehend, ich plante bereits, eine Blockhütte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.
Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen würde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, außerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den Rückweg gemacht, als ich ein helles Lachen hörte. Mein Gesicht wurde weiß, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs überprüft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig spähte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Lautenbach. Ich erkannte es sofort an seiner mittelalterlichen Wallfartskirche. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein Stückchen den Abhang hinab am Waldrand entlangführte, vielleicht dreißig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergnügt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein Stück zurück und hätte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. Wäre ich nur in Tennessee, dort sind die Wälder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zurück, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. Wütend riss ich die Plane herunter und trat die schützende Blätterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Lautenbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen würde. Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

„Was machst du denn nur für einen Unsinn? Deine Großmutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.“ Er führte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, während er im Nebenraum verschwand. Ich hörte ihn durch die geschlossene Tür sprechen. Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen sei, Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls könne sie mich jederzeit abholen.

Meine Großmutter ließ mich spüren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Flüchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden könne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstmöglichen Zeitpunkt ein Internat besuchen würde. Dort würde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht würde man im Dorf auch irgendwann über etwas anderes reden als über Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so glückte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkhäusern und den anderen letztlich doch noch.

Knapp ein Jahr später wartete ein Paket auf mich, als ich nach dem Unterricht in mein Zimmer kam. Es war mit Stempeln versehen, die seinen weiten Weg über den Atlantik bezeugten. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass es in Missouri aufgegeben worden war. Zuoberst lag ein Umschlag mit einem kurzen Brief:

Mein lieber Sohn. Verzeih, viel zu lange habe ich nichts von mir hören lassen, trotzdem hoffe ich, dass es dir gut geht. Wir sehen uns bestimmt eines Tages wieder. Vielleicht gelingt es dir, irgendwann zu verstehen, warum ich nicht länger bei dir bleiben konnte. Manche Orte sind zu eng und ihre Enge droht, dich zu ersticken. Dann bleibt nichts anderes als die Flucht, will man das eigene Leben erhalten. Das habe ich getan. Ich schicke dir eine alte Geschichte, die dir dabei helfen soll, mir zu vergeben. Sie handelt von der Enge eines Dorfes, das nicht weit von hier gelegen haben könnte. Sein Name ist St. Petersburg.
 

Utz Bahm

Mitglied
Sehr geehrter Herr Blumberg. Nach einer schnellen Lese habe ich nun den Eindruck, dass Sie in dieser Geschichte, wenigstens zu Beginn zu viele Adjektive benutzten. Außerdem finde ich, dass der Versuch "Stimmung" in die Szene zu bringen manchmal fehlschlägt. Zum Beispiel: Ruhe finden vom Weinberg und Fachwerkhäuser.

Nichts für Ungut, nur wollte ich Ihnen hier meine Eindrücke bekannt geben.

Viele Grüße

Utz Bahm
 
Hallo Blumenberg,

ich habe die Geschichte mehrmals gelesen. Sie hat mir gut gefallen, ich finde, sie hat Atmosphäre und sie hat mich an meine Kindheit erinnert, als ich die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn verschlungen habe. Ein paar Unstimmigkeiten sind mir in deiner Geschichte aufgefallen:

Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?
Ging es nicht eher bei Huckleberry Finn im ganzen Buch "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" allein um Flucht (in dem Buch spielte Tom Sawyer praktisch keine Rolle, soweit ich mich erinnere)? "Tom Sawyer" ist eher eine Lausbubengeschichte mit Abenteuern des Helden. "Huckleberry Finn" handelt davon, dass er und Jim, ein damaliger Sklave, auf einem Floß den Mississippi durchqueren. Huck flieht vor seinem Vater. Das hat schon eher mit Flucht zu tun. Ich kann mich daher so gut daran erinnern, weil ich das Buch wesentlich langweiliger fand als "Tom Sawyer". Es sind zwei verschiedene Bücher bzw. zwei verschiedene Geschichten.

Immerhin habe ich aber erst durch deine Geschichte erfahren, dass der Ort, in dem Tom Sawyer aufwächst, eine fiktive Stadt ist, d. h. ich habe durch deine Geschichte etwas dazugelernt :).

Ob es nun in den siebziger Jahren noch "üblich" war, jemanden als "Bastard" zu bezeichnen wie in deiner Geschichte, würde ich eher verneinen - ich hätte ein solches Schimpfwort als Kind (das ich in den 70ern war) jedenfalls nicht benutzen dürfen.

Aber insgesamt mag ich deine Geschichte trotzdem. Sie hat mich gut unterhalten und mir Stoff zum Nachdenken gegeben.

LG SilberneDelfine
 

steyrer

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Noch etwas

Die Geschichte hat durch die genauere Verortung und den neuen Titel durchaus gewonnen, aber das ist nicht die Hauptsache. Viel wichtiger ist: warum eigentlich die Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und nicht irgendwelche andere? Was ist daran so faszinierend? Kurz: Warum kann dein Icherzähler nicht anders? Exakt das sollte herausgearbeitet werden.

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo zusammen,

wegen der Fülle der Kommentare habe ich mir erlaubt sie in einem Post abzuarbeiten, da ich sonst mit dem Antworten nicht mehr hinterherkomme. Zunächst allen Rezensenten vielen Dank für ihre hilfreichen Anmerkungen.

Hallo SilberneDelfine,

Mir ging es in der Kindheit ähnlich, ich habe die Bücher und Hörspiele immer wieder verschlungen. Du hast vollkommen Recht mit deiner Anmerkung zu den zwei unterschiedlichen Geschichten von Mark Twain, die aber beide in derselben Stadt St. Petersburg spielen. Die Abenteuer des Huckleberry Fin ist der Nachfolger und in jedem Fall das ernsthaftere der beiden Bücher, setzt es sich doch kritischer mit Themen wie beispielsweise dem alltäglichen Rassismus in der damaligen Gesellschaft auseinander. Der erste Teil ist in der Tat mehr eine Jugendgeschichte, aber auch in den Abenteuern des Tom Sawyer bildet die Flucht (Die längere Piratenepisode auf dem Mississippi) einen wesentlichen Aspekt der Geschichte Mein Text bezieht sich auf diesen früheren Teil, da aber das dort genannte Piratendasein ausscheidet („Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht.“), sucht der Protagonist einen anderen Weg. („Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen?“), wobei diese Überlegung tatsächlich leicht vom Original abweicht. Es handelt sich um einen sich erinnernden Ich-Erzähler, der selbst einräumt sich bei manchen Gedanken (z.B. dem Geschichtsausdruck der Mutter bei ihrer Abreise) nicht so ganz sicher zu sein, was ihn als unzuverlässigen Erzähler kennzeichnet, daher habe ich mir an ein paar Stellen ein wenig die Freiheit zur Veränderung genommen.

Was die zeitliche Verortung betrifft bist du bereits der Zweite der das anmerkt. Ich hatte mir das so gedacht: Da der Protagonist etwa 10 oder 11 Jahre alt ist und das Stigma bereits seit seiner Geburt etwa Ende der 60er trägt, sollte sich das ganz gut ausgehen. Vielleicht sollte ich den Text so umschreiben, dass er, erkennbar durch das ein oder andere Detail, noch etwas früher (den sechziger Jahren) spielt. Das Wort Bastard ist übrigens alles andere als anachronistisch sondern erfreut sich in der Sprache jüngerer Generationen, deren musikalischer Untermalung oder in Fernsehserien eines ziemlich regen Gebrauchs.

Hallo Steyrer,

ich hoffe mit dem vorigen deine Frage nach der Rolle der Sawyer Geschichte mitbeantwortet zu haben. Die Motive, die Jakob zur Flucht zwingen, finden sich, meine ich, recht deutlich in der Geschichte, ist er doch ein völliger Außenseiter innerhalb der dörflichen Gemeinschaft und häufig Repressionen durch seine Altersgenossen ausgesetzt. Er flieht auch nicht weil er den Tom Sawyer Text so faszinierend findet, sondern die Einsicht, dass seine Mutter nicht wiederkehren wird, ist der Auslöser und das zentrale Motiv seiner Flucht. Das kompensierende Lesen der Geschichte ist deshalb wichtig, weil es die Erzählung über die Flucht von Tom Sawyer und Huckleberry Fin und deren Aufbruch in ein neues Leben beinhaltet.

Ich finde es spannend, wie sehr in allen fast allen Kommentaren auf den Tom Sawyer Bezug genommen wurde. Er bildet zwar einen wichtigen und wiederkehrenden Aspekt der Geschichte der diese einrahmt, ist aber doch nur ein Teil-Impuls, für die davon abweichende eigene Geschichte des Protagonisten.

Hallo Utz Bahm,

ja diese Adjektive :). Ich werde mal sehen, ob ich nicht noch das ein oder andere verschwinden lasse.

Noch einmal danke euch allen für das mehrmalige Lesen und Kommentieren dieses doch etwas umfangreicheren Textes.

Beste Grüße und eine gute Woche

Blumenberg
 

Blumenberg

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Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die Bäume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein hübsches Schätzchen gehütet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, wäre ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschländlicher Idylle bedeckten Welt. In einem Kästchen lagen meine papiernen Schätze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zugingen. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkhäusern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der Tür trat. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und wisperten: Sieh nur …, da kommt er, der arme kleine Bastard … Was für ein schweres Los der hat …, tut er dir nicht manchmal leid …? Es ist ja nicht seine Schuld, sondern die seiner Mutter …

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden hören. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: „Was haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was schämen!“

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort „Nur die Wahrheit“ folgte und von der heute noch erzählt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymität einer Stadt geflohen ist.

Ich glaube, Leid muss still und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig, mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den nächsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach draußen. Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters und mit jeder neuen Erzählung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen später winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Gedächtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehmütiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Großmutters anfängliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdrückte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsmühlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Großmutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des Bürgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zunächst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortführten. Ich grub eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbräche, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen würde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Tom Sawyer packte ich für den Fall, dass mir Zweifel kämen, dazu. Dann vergrub ich das sorgfältig in Plastik gehüllte Kästchen mit den restlichen Büchern. Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen wäre, einen Platz für ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden Häuser machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Großmutters ständige Wut verhinderte, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Großmutters Wut blieb ebenso zurück wie die ständigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zunächst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz für ein festes Lager, aber das Gepäck war schwerer, als ich erwartet hatte und mein Weg führte über die Ausläufer des Schwarzwaldes.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schließlich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber für sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht so schnell, da war ich mir sicher. Aber irgendwann würde es auch bei mir so weit sein.

Großmutter wird dann ihren Gehstock neben der Tür hervorholen und mit bedächtigen Schritten zur Dorfwache herüber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige zu Protokoll nehmen, während von der Wand das Bild des ehemaligen Marinerichters Filbinger streng auf die Beiden herabsieht. Er wird ihr mitteilen, er werde sein Möglichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein. Außerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen würde, zu meiner Mutter zu kommen?

Meine Großmutter wird ihm an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe. Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt habe? Ungefragt, so eine Bürde. Dazu das ganze Gerede im Dorf über den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Großmutter gedacht. Nicht eine Sekunde!

Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut über sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Großmutter einmal mit dem Schimpfen anfängt… Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu klären, ob ich dort sei. Versunken in ihre Enttäuschung über die Tochter, wird Großmutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schließlich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, dafür wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erzählen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuhören und tuscheln: Der Bastard ist weg … Das musste doch früher oder später so kommen…Das Abhauen ist dem angeboren…Bestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack auf meine Schultern drückte und mir von dem Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran hätte ich denken sollen. Als es dämmerte, hatte ich immer noch kein Lager gefunden und wählte erschöpft den erstbesten Platz für die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Toms und Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Ich dachte abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberkörper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den Körper gezogen, lauschte ich atemlos den Geräuschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von Ästen, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem fühlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die Gefahr fürchtete, war sie tagsüber im Dorf noch gegenwärtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. Während Angst sich gegenüber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen vermögen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die große Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht für die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spießrutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist immer ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die nächtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis spät in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schließlich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen Felsen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier würde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am nächsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern müsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei Bäumen gespannt und die beiden anderen Enden am Überhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten Ästen, Zweigen, Blättern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigermaßen windgeschützt war. Das war natürlich nur vorübergehend, ich plante bereits, eine Blockhütte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.

Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen würde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, außerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den Rückweg gemacht, als ich ein helles Lachen hörte. Mein Gesicht wurde weiß, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs überprüft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig spähte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Lautenbach. Ich erkannte es sofort an seiner mittelalterlichen Wallfartskirche. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein Stückchen den Abhang hinab am Waldrand entlangführte, vielleicht dreißig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergnügt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein Stück zurück und hätte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. Wäre ich nur in Tennessee, dort sind die Wälder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zurück, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. Wütend riss ich die Plane herunter und trat die schützende Blätterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Lautenbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen würde. Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

„Was machst du denn nur für einen Unsinn? Deine Großmutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.“ Er führte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, während er im Nebenraum verschwand. Ich hörte ihn durch die geschlossene Tür sprechen. Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen sei, Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls könne sie mich jederzeit abholen.

Meine Großmutter ließ mich spüren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Flüchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden könne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstmöglichen Zeitpunkt ein Internat besuchen würde. Dort würde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht würde man im Dorf auch irgendwann über etwas anderes reden als über Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so glückte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkhäusern und den anderen letztlich doch noch.

Knapp ein Jahr später wartete ein Paket auf mich, als ich nach dem Unterricht in mein Zimmer kam. Es war mit Stempeln versehen, die seinen weiten Weg über den Atlantik bezeugten. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass es in Missouri aufgegeben worden war. Zuoberst lag ein Umschlag mit einem kurzen Brief:

Mein lieber Sohn. Verzeih, viel zu lange habe ich nichts von mir hören lassen, trotzdem hoffe ich, dass es dir gut geht. Wir sehen uns bestimmt eines Tages wieder. Vielleicht gelingt es dir, irgendwann zu verstehen, warum ich nicht länger bei dir bleiben konnte. Manche Orte sind zu eng und ihre Enge droht, dich zu ersticken. Dann bleibt nichts anderes als die Flucht, will man das eigene Leben erhalten. Das habe ich getan. Ich schicke dir eine alte Geschichte, die dir dabei helfen soll, mir zu vergeben. Sie handelt von der Enge eines Dorfes, das nicht weit von hier gelegen haben könnte. Sein Name ist St. Petersburg.
 

Blumenberg

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Die Tage kamen und gingen, Hundstage, einer wie der andere. Meistens habe ich mich am Waldrand versteckt, dort, wo die Bäume noch den Blick auf unser Dorf gestatteten. Es ist ein wohlgeordnetes Dorf, dem wegen seines historischen Dorfkerns eine gewisse heimatkundliche Bedeutung zukommt, die wie ein hübsches Schätzchen gehütet wird. Weiter bin ich nicht in den Wald gegangen, denn tiefer, im Zwielicht des Blattwerkes, wäre ich verloren gewesen.

Ein hohler Busch war mein Refugium, vor der mit Zuckerguss aus deutschländlicher Idylle bedeckten Welt. In einem Kästchen lagen meine papiernen Schätze, denen ich jede freie Minute widmete. Sie waren Geschenke einer unbekannten, aber nicht gänzlich unversöhnlichen Großmutter, die mir mehrmals im Jahr in einem Päckchen ohne Absender zugingen. Hinter den Stacheln des Buschwerks hatte ich meine Ruhe vor den Weinbergen und Fachwerkhäusern. Vor allem aber hatte ich Ruhe vor den anderen, durch die das scheinbare Idyll in seiner Hässlichkeit für mich erfahrbar wurde, wie ein fauler Zahn, dessen Äußeres für den in tadellosem Weiß schimmert, der nur einen flüchtigen Blick darauf wirft. Mein Blick sah die Hässlichkeit in den Gesichtern, wenn sie mir mit verlogener Freundlichkeit zunickten. In ihren Blicken, die mich verfolgten, sobald ich aus der Tür trat. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und wisperten: Sieh nur …, da kommt er, der arme kleine Bastard … Was für ein schweres Los der hat …, tut er dir nicht manchmal leid …? Es ist ja nicht seine Schuld, sondern die seiner Mutter …

Einmal, ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, hat meine Mutter sie reden hören. Sie machte auf dem Absatz kehrt und baute sich vor der Sprecherin auf: „Was haben Sie da eben gesagt? Sie sollten sich was schämen!“

Ich stelle mir vor, dass sich die Kraft dazu über Jahre hinweg in ihr herangebildet hat. Mit jedem Satz, der sich an ihrer stoischen Gleichgültigkeit rieb. Irgendwann war genug Reibungshitze zusammen und sie musste hervorbrechen. Empörung und Wut plötzlich entladen, in einer schallenden Ohrfeige, die auf die Antwort „Nur die Wahrheit“ folgte und von der heute noch erzählt wird, auch wenn Mama kurz darauf in die Anonymität einer Stadt geflohen ist.

Ich glaube, Leid muss still und mit gesenktem Haupt ertragen werden, so wird es erwartet. Es ist ungehörig, mit dem Finger auf die zu zeigen, die es verursachen, denn wer spricht, macht alle die, die schweigen, zu Mittätern.
Nach dem verzweifelten Ausbruch war meine Mutter in sich zusammengesunken, hatte sich wortlos umgedreht und war ins Haus gegangen. In den nächsten Tagen verfiel sie in Lethargie und ging kaum mehr nach draußen. Vor unserer Tür berichtete jeder dem anderen empört von der Gewalttat an der Frau des Bürgermeisters und mit jeder neuen Erzählung verschob sich die Schuldfrage weiter in Richtung Mama.

Drei Wochen später winkte ich einem ausfahrenden Zug hinterher und versuchte dabei krampfhaft, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, mit dem sie sich ein letztes Mal zu mir umgedreht hatte, in mein Gedächtnis zu brennen. Ich erinnere mich heute daran, dass es ein wehmütiger Ausdruck gewesen ist, vermag aber nicht zu sagen, ob nicht vielleicht meine Phantasie die Erleichterung auf ihrem Gesicht verwandelt hat.

Meine Mutter werde mich eines nicht allzu fernen Tages zu sich holen, versicherte mir meine Großmutter von da an jeden Abend vor dem Einschlafen. Ich werde schon sehen.

Nach Monaten ohne irgendeine Nachricht schien Großmutters anfängliche Hoffnung langsam der Erkenntnis gewichen zu sein, dass ich von jetzt an wohl ihre Angelegenheit war. Die unterdrückte Wut in ihrer Stimme, wenn sie gebetsmühlenartig vor dem Einschlafen ihren Satz aufsagte, verschaffte mir Gewissheit. Von nun an war ich der elternlose Bastard, der bei seiner Großmutter wohnte. Der, dessen Vater niemand kannte und dessen Mutter geflohen war, nachdem sie die Frau des Bürgermeisters geohrfeigt hatte. Damals wurden die Abenteuer des Tom Sawyer das Kleinod unter meinen Schätzen. Ich habe das Buch so oft gelesen, dass ich es auswendig kannte. Es ging um Flucht und was blieb mir noch anderes?

Aber den breiten Mississippi, der mich von hier fortbrächte, gab es nicht. Der kleine Dorfbach reichte nicht einmal meiner überbordenden Phantasie zum Träumen und Kanus gab es weit und breit keine.

Immerhin verlor ich die Angst vor den Tiefen des Waldes. Hatte nicht auch Finn die Möglichkeit gehabt, als Trapper in die Wälder zu gehen? Ihm wollte ich es gleichtun und begann zunächst kurze, dann immer ausgedehntere Expeditionen, die mich weiter und weiter von meinem Versteck fortführten. Ich grub eine Mulde, in der ich unter Geäst eine stetig wachsende Zahl an nützlichen Dingen und Proviant für mein kommendes Leben in den Wäldern verbarg. Ein paar Wochen schien es mir tatsächlich so, als werde mir, wenn ich nur endlich aufbräche, die Flucht gelingen.

Ich hatte die Zahl der Tage berechnet, die ich noch brauchen würde, um genug beiseite geschafft zu haben, ohne dass es auffiel. Mit jedem Tag, den ich auf einem kleinen Kalender durchstrich, wuchs meine Entschlossenheit.

Als der letzte Strich gesetzt war, verstaute ich die versteckten Lebensmittelkonserven zusammen mit Decke, Kleidung, Taschenmesser, Lampe, Ersatzbatterien, Feuerzeug, Kompass und Angelhaken in einen alten Rucksack, den ich auf dem Dachboden gefunden hatte. Den Tom Sawyer packte ich für den Fall, dass mir Zweifel kämen, dazu. Dann vergrub ich das sorgfältig in Plastik gehüllte Kästchen mit den restlichen Büchern. Ich würde sie nachholen, wenn es mir gelungen wäre, einen Platz für ein festes Lager zu finden. Nach einem letzten Blick auf die sich um die Kirche scharenden Häuser machte ich mich auf den Weg. Nichts hielt mich mehr hier, Freunde hatte ich keine und Großmutters ständige Wut verhinderte, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie schien, wenn sie mich ansah, immer nur meine fliehende Mutter zu sehen.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein fiel ein wenig Gewicht von meinen Schultern. Großmutters Wut blieb ebenso zurück wie die ständigen Blicke, die mich auf meinen Wegen durch das Dorf begleiteten. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag zu laufen, um so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die anderen zu bringen, doch nach ein paar Stunden gab ich meinen Plan zunächst auf und legte mich auf einer kleinen Lichtung hin. Ohne Wasser und noch zu nah an meiner Vergangenheit war es kein geeigneter Platz für ein festes Lager, aber das Gepäck war schwerer, als ich erwartet hatte und mein Weg führte über die Ausläufer des Schwarzwaldes.

Ob sie mich bereits suchten? Ich sah auf die Uhr. Wahrscheinlich nicht, schließlich hatte ich nur das Mittagessen verpasst und das kam schon mal vor. Ich galt als Streuner. Eines von den Kindern, die lieber für sich blieben und manchmal stundenlang unterwegs waren. So einen suchte man nicht so schnell, da war ich mir sicher. Aber irgendwann würde es auch bei mir so weit sein.

Großmutter wird dann ihren Gehstock neben der Tür hervorholen und mit bedächtigen Schritten zur Dorfwache herüber gehen, um mein Verschwinden zu melden. Polizeimeister Hemmlein wird ihre Anzeige zu Protokoll nehmen, während von der Wand das Bild des ehemaligen Marinerichters Filbinger streng auf die Beiden herabsieht. Er wird ihr mitteilen, er werde sein Möglichstes tun, um mich zu finden. Aber noch sei ja überhaupt nicht klar, ob ich tatsächlich fort sei, er wolle noch etwas abwarten, vielleicht löse sich das Ganze ja doch von allein. Außerdem sei da noch die Mutter. Ob ich denn nicht vielleicht versuchen würde, zu meiner Mutter zu kommen?

Meine Großmutter wird ihm an den Kopf werfen, dass sich ihre Tochter nie wieder bei ihr gemeldet habe. Sie wisse nicht einmal, wohin sie geflohen sei. Eine alte gebrechliche Frau habe sie einfach mit dem Jungen alleine gelassen. Ob sich der Wachtmeister vorstellen könne, wie sie sich dabei gefühlt habe? Ungefragt, so eine Bürde. Dazu das ganze Gerede im Dorf über den Jungen und seine Mutter. Die habe nicht eine Sekunde an den Ruf der Großmutter gedacht. Nicht eine Sekunde!

Stoisch wird der Wachtmeister ihre Wut über sich ergehen lassen. Was bleibt ihm auch anderes, wenn Großmutter einmal mit dem Schimpfen anfängt… Er wird ihr versichern, dass er sich morgen nach Mutters Adresse erkundigen wird, um zu klären, ob ich dort sei. Versunken in ihre Enttäuschung über die Tochter, wird Großmutter nicken und wieder heimgehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag und ich bin schließlich immer schon ein Streuner gewesen.

Bald danach wird es das ganze Dorf wissen, dafür wird der Wachtmeister sorgen, weil er dann etwas anderes zu erzählen hat, als seine ewige Leier von dem verwilderten Hund, der bei Rillings vor Jahren drei Schafe gerissen hat und den er ohne mit der Wimper zu zucken erschossen hat, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte. Die Leute werden ihm zuhören und tuscheln: Der Bastard ist weg … Das musste doch früher oder später so kommen…Das Abhauen ist dem angeboren…Bestimmt ist der seiner Mutter hinterher.

Mir war es damals recht so. Ich wollte nur weg von ihnen, sollten sie sich doch das Maul zerreißen, anstatt mich zu suchen. So wäre mein Vorsprung nur größer und ich wäre schon tief in den Wäldern.

Ich machte mich wieder auf den Weg, lief immer weiter, obwohl der Rucksack auf meine Schultern drückte und mir von dem Zug der Nacken steif wurde. Ich hatte mir die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz leichter vorgestellt. Das Wasser war ein Problem, wollte sich doch einfach kein Bach zeigen, an dem entlang ich zur Quelle laufen konnte. In Missouri musste es mehr Wasser geben, daran hätte ich denken sollen. Als es dämmerte, hatte ich immer noch kein Lager gefunden und wählte erschöpft den erstbesten Platz für die Nacht. Ein Feuer traute ich mich nicht machen, auch wenn es hier bestimmt keine Banditen wie in Toms und Finns Abenteuern gab, wer wusste, was sich in den Wäldern alles versteckte.
Ich dachte abseits der Zivilisation sei es ruhig. Das stimmte nicht, die vertrauten Laute wichen lediglich unbekannten. Den Oberkörper an einen Baum gelehnt und die Knie eng an den Körper gezogen, lauschte ich atemlos den Geräuschen der Nacht. Der Schrei eines Vogels, das Knacken von Ästen, die von unsichtbaren Pfoten, Hufen und Klauen gebrochen werden. Viel geschlafen habe ich nicht in meiner ersten Nacht als Waldbewohner.

Trotzdem fühlte ich mich nicht schlechter als zuhause, eigentlich sogar besser. Obwohl ich hier in der Nacht die Gefahr fürchtete, war sie tagsüber im Dorf noch gegenwärtiger gewesen. Hier liegt, so glaube ich heute, der Unterschied zwischen Angst und Furcht. Während Angst sich gegenüber dem nicht Gewussten bildet, wir nicht einmal zu sagen vermögen, vor was wir da eigentlich so genau Angst haben, hat die Furcht eine klare Richtung, sie hat ein Gesicht. In meinem Fall sogar mehrere.

Erwartbar war sie, hatte geregelte Uhrzeiten. Die große Pause, den Schulschluss. Am siebten Tage sollst du ruhen - das galt nicht für die Jugendlichen im Dorf, mich eingeschlossen. Wir machten uns nichts aus Geboten. Jeder Weg zu meinem Versteck war ein Spießrutenlauf, bei dem ich peinlich genau darauf achten musste, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich kannte die Orte, die sie aufsuchten, machte sonntags einen Bogen um den Spielplatz, der neben der Grundschule lag. In einem Traum, aus dem ich bis heute hochschrecke, habe ich sie unachtsam zu meinem Versteck geführt. Ich wache in dem Augenblick auf, in dem der Busch lichterloh in Flammen steht. Es ist immer ihr Johlen und Klatschen, das mich weckt.

Als es dämmerte, schreckte ich aus unruhigem Schlaf hoch. Die Geräusche des Waldes hatten im Licht des beginnenden Tages ihren Schrecken verloren. Ich gestattete mir bloß einen Apfel, da ich nicht wusste, wie lange meine Reserven würden reichen müssen. Dann brach ich wieder auf. Gut gelaunt, denn die nächtlichen Laute hatten mich auf eine Idee gebracht. Tiere mussten etwas trinken, also suchte ich nach ihren Spuren und folgte ihnen. Mein Taschenmesser griffbereit.

Ich musste bis spät in den Nachmittag hinein laufen, dann wurde ich schließlich belohnt. Aufgeregt folgte ich dem kleinen Bach bis zu dem Punkt, an dem seine Quelle zwischen Felsen heraussprudelte und sich in einem kleinen Becken sammelte. Gierig trank ich das eiskalte Wasser. Hier würde ich mein neues Leben beginnen.

Es war Zeit, mein Lager zu errichten. Ich kam nicht sehr weit, bevor die Dämmerung einsetzte und es zu regnen begann. So verbrachte ich die zweite Nacht zusammengekauert unter einem Überhang des Steins neben der Quelle.

Am nächsten Tag dauerte es beinahe den gesamten Vormittag, bis ich wenigstens so weit eingerichtet war, dass ich bei Regen nicht wieder klamm und verfroren unter dem Stein kauern müsste. Ich hatte eine Plane zwischen zwei Bäumen gespannt und die beiden anderen Enden am Überhang, unter dem ich geschlafen hatte, befestigt. Eine Seite war mit in den Boden gerammten Ästen, Zweigen, Blättern und Moos so weit gesichert, dass der Platz einigermaßen windgeschützt war. Das war natürlich nur vorübergehend, ich plante bereits, eine Blockhütte zu errichten und daneben einen kleinen Garten anzulegen.

Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, lief in weiter werdenden Kreisen um das Lager herum und genoss die Abgeschiedenheit. Morgen würde ich einiges zu tun haben. Ich musste einen Fluss oder See zum Fischen finden, außerdem wollte ich Fallen aufstellen, um Kaninchen zu jagen.

Ich hatte mich gerade auf den Rückweg gemacht, als ich ein helles Lachen hörte. Mein Gesicht wurde weiß, das war nah, aber wie konnte das sein. Ich hatte doch auf dem Kompass immer wieder meinen Kurs überprüft, um nicht im Kreis zu laufen. Immer nach Norden war ich gelaufen, eineinhalb Tage lang. Vorsichtig spähte ich zwischen den Zweigen hindurch und traute meinen Augen nicht. Vor mir lag, sichtbar durch das dichte Buschwerk, der Waldrand und dahinter Lautenbach. Ich erkannte es sofort an seiner mittelalterlichen Wallfartskirche. Ich sah auch die Frau, deren Lachen mich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Sie lief neben einer anderen auf einem Weg, der ein Stückchen den Abhang hinab am Waldrand entlangführte, vielleicht dreißig Meter von mir entfernt. Sie und ihre Begleiterin unterhielten sich vergnügt, hielten aber inne, als der Hund, der sie begleitete, meine Witterung aufnahm und laut zu bellen begann.

Schnell zog ich mich ein Stück zurück und hätte am liebsten geweint. Ich hatte den ganzen Wald in zwei Tagen durchwandert und war auf der anderen Seite herausgekommen. Wäre ich nur in Tennessee, dort sind die Wälder unendlich. Wochenlang konnte man dort marschieren, ohne auch nur eine Seele zu treffen. Aber hier, hier war der Wald zusammengeschrumpft zu einem kleinen Naherholungsgebiet mit Baumbestand inmitten von Feldern und Weinbergen. Mit gesenkten Schultern kehrte ich zu meinem Lager zurück, das mir nun wie ein dummes Kinderspiel vorkam. Wütend riss ich die Plane herunter und trat die schützende Blätterwand in den Boden. Dann raffte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles in den Rucksack und lief in Richtung Lautenbach, um den Bus nachhause zu nehmen. Mir war elend zumute, wenn ich daran dachte, dass man mich mittlerweile bestimmt suchen würde. Tatsächlich kam unser Polizeimeister aus seiner Wache gelaufen, kaum war ich aus dem Bus gestiegen und hielt mich am Arm fest.

„Was machst du denn nur für einen Unsinn? Deine Großmutter ist ganz krank vor Sorge, weil du ausgerissen bist.“ Er führte mich in die Wachstube und setzte mich an einen Tisch, während er im Nebenraum verschwand. Ich hörte ihn durch die geschlossene Tür sprechen. Stolz verkündete er meiner Großmutter, dass es ihm letztlich gelungen sei, den Fall zu lösen, obwohl es ihm nicht gelungen sei, Genaueres über meine Mutter in Erfahrung zu bringen. Nur dass sie wohl in Amerika sei, aber wo genau, das wisse nur der liebe Gott. Jedenfalls könne sie mich jederzeit abholen.

Meine Großmutter ließ mich spüren, dass ich ihren Augen nun genauso ein Flüchtling war, wie meine beiden Eltern. Ein Trapper?? Ich sei doch kein kleines Kind mehr, das nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden könne. Die literarischen Pakete blieben von da an aus. Meine Großmutter ist seit Jahren tot ist und ich habe niemals erfahren, ob sie die Verantwortung dafür trägt.

Sie beschloss, dass es das Beste sei, wenn ich ab dem schnellstmöglichen Zeitpunkt ein Internat besuchen würde. Dort würde man mir meine Flausen schon austreiben und vielleicht würde man im Dorf auch irgendwann über etwas anderes reden als über Jakob, den Bastard, der ein Trapper sein wollte, aber nur ein Idiot war. Mir war es recht, denn so glückte meine Flucht vor den Weinbergen, den Fachwerkhäusern und den anderen letztlich doch noch.
 

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