Leandra Tenebra
Mitglied
So sehr ich es auch versuche, ich kann mir die genauen Umstände meiner bisherigen Reise nicht mehr in Erinnerung rufen. Der einst so klare Teich meines Gedächtnisses scheint plötzlich trüb geworden zu sein. So undurchsichtig wie der dichte Nebel, welcher dieses Tal umgibt.
Ich weiß weder, wie ich hierhergekommen bin, noch was mich gerade heute dazu bewegt haben könnte, diesen Ort aufzusuchen.
Es ist ein wunderschöner Morgen. Das angenehm warme Licht der aufgehenden Mai-Sonne durchbricht langsam den geisterhaften Dunst, der vom Waldboden her aufsteigt und in Richtung des Hangs zu wandern scheint, nur um dann auf unerklärliche Weise vor einer unsichtbaren Barriere halt zu machen. Ich blicke in das Tal hinab. Es liegt inmitten eines endlosen Waldes und ist von einer fürchterlichen Einsamkeit umgeben. Dennoch strahlt es eine beruhigende Aura von Zivilisation aus. Ich beginne mit dem Abstieg. Obwohl ich nicht damit rechne, hier auf andere Menschen zu treffen, fühle ich mich bereits weniger allein.
Es dauert nicht lang, da erkenne ich vor mir einen Pfad aus plattgetretenen Halmen im hohen Gras. Elegant schlängelt er sich das Tal hinab. Ich beschließe ihm zu folgen. Obgleich mein Bestreben einen Sturz zu vermeiden mich jeden Schritt mit vollster Konzentration ausführen lässt, bleibt mein Blick regelmäßig an dem imposanten Bauwerk im Zentrum des Tals hängen. Die gewaltige Konstruktion ist aus einem nass-erscheinenden, braunen Gestein gefertigt. Es gelingt mir nicht, ihre Architektur einem Stil oder einer Epoche zuzuordnen. Lediglich ein Wort taucht vor meinem geistigen Auge auf: Turm.
Je weiter ich mich dem monolithischen Giganten nähere, desto stärker überkommt mich ein Gefühl des Unbehagens. Wäre meine Neugierde im Hinblick auf dieses faszinierende Monument nicht so stark... Ich würde wohl auf der Stelle umkehren.
Mein bislang so bedächtiger Gang verliert zunehmend an Sicherheit. Als mich schließlich nur noch wenige Meter von meinem Ziel trennen, geben meine Beine nach. Ich falle auf die Knie.
Erst jetzt erkenne ich die wunderschönen Ornamente, die jeden Zentimeter des steinernen Kolosses zieren. Ich meine in ihnen Symbole und Schriftzeichen zu erkennen. Jedoch entzieht sich ihre Bedeutung meinem Verständnis. Der Fokus meiner Konzentration ist derzeit anderweitig erforderlich.
Vor mir liegt eine schwer-erscheinende Tür aus sichtlich gealtertem Kupfer. Langsam richte ich mich wieder auf und trete an sie heran. Der kalte Türknauf lässt sich nahezu widerstandslos drehen. Der Turm gewährt mir Zugang in sein Inneres.
Zu meiner Verwunderung benötigt das Sonnenlicht eine Weile, um die hier herrschende Dunkelheit zu bezwingen und den Raum zu erhellen. Es ist still. Ich finde hauptsächlich Leere.
Das Einzige, was man wohl als Einrichtung bezeichnen könnte ist die hölzerne Leiter im Zentrum.
Wenn man an ihr hochblickt, ist zu erkennen, dass das Gebäude über mehrere Stockwerke verfügt.
Weiter oben scheint ebenfalls Licht von außen einzudringen.
Ein letztes Mal atme ich tief durch. Dann trete ich in die teil-erhellte Finsternis. Zaghaft ergreife ich die Holmen und lege meinen Fuß auf die niederste Sprosse. Kaum erhebe ich mich vom Boden, durchfährt mich ein Gefühl der Erlösung; als würde eine zu lang getragene Last von mir abfallen.
Mit jedem Tritt wird mein Halt sicherer; mein Griff fester. Ermutigt und ohne Furcht vor der Distanz zum Erdboden erreiche ich die nächst-höhere Etage.
Es offenbart sich mir eine von unzähligen, kleinen Flammen erleuchtete Halle. Das schwache Licht, welches ich bereits im Erdgeschoss vernahm, stammt allerdings nicht von hier. Der Kerzenschein vergeht im Schatten der Leiter. Mehrere Reihen Holzbänke sind hier in einem Halbkreis angeordnet und auf ein wunderschönes, goldumrahmtes Triptychon ausgerichtet. Es zeigt das Tal vom Berg aus betrachtet. Darüber prangen in ebenfalls goldenen Lettern die Worte „Tempus Stat“. Die Zeit steht still. Ich bewundere noch einige Augenblicke lang die Präzision, mit welcher der Künstler den Pinsel zu führen vermochte. Er muss ein wahrer Meister seines Fachs gewesen sein. Dennoch gelang es ihm wohl nicht, die Lebendigkeit der Natur einzufangen. Das Gemälde wirkt zwar realistisch wie eine Fotographie, entbehrt allerdings jeder Bewegung. Gräser und Farne ragen steif Richtung Himmel. Selbst die Wolken wirken statisch. „Vielleicht handelt es sich um eine bewusste, stilistische Entscheidung“, geht es mir durch den Kopf, während ich mich langsam wieder der Leiter zuwende.
Das zweite Stockwerk begrüßt mich mit einer floral-ornamentierten Holztür. Schwarze Metallbeschläge schlängeln sich wie Efeuranken über unlackierte Bretter. Unter ihrem eichenblattgeformten Griff versteckt sich ein unscheinbares Schloss. Obwohl ich den Riegel im Türrahmen bereits erblickte, drücke ich gegen die Klinke. Der Einlass bleibt mir verwehrt.
Durch das Schlüsselloch nehme ich zumindest einen Teil dessen wahr, was hinter der Tür verborgen liegt. Ein schmuckloser Schreibtisch erhebt sich wie ein Fels aus einem Meer von Schriftrollen. Einige liegen gestapelt in Regalen und sind wohl nach einem mir unbekannten System sortiert worden. Die meisten von ihnen bedecken allerdings als Bestandteil der Papierflut den Boden.
Ein einsames Tintenfässchen liegt ausgeschüttet am Rand des schlichten Sekretärs. Diesem Vorfall sind anscheinend einige Seiten zum Opfer gefallen. Von der Feder fehlt jede Spur.
Ich wende mich ab und setze meinen Aufstieg fort. Die Leiter wird in diesem Abschnitt fortwährend morsch. Vor Splittern sollte man auf der Hut sein. Sie können einen Moment der Unachtsamkeit verursachen. Das Holz knarrt unter jedem Tritt, als beklage es mein Bemühen, soviel von ihm hinter mich zu bringen, wie mir gelingt, bevor die erste Sprosse birst.
Mehr noch als die düstere Tiefe unter mir, lassen mich wiederkehrende Luftzüge erschaudern, die stets abreißen, bevor ich die Richtung ihres Ursprungs auszumachen vermag. Als jene sich letztlich zu einem bösartigen Wind vereinen, steigt eine nie gekannte Furcht in mir empor.
Ich spüre eine lähmende Kälte an meinen Beinen hochkriechen. Wütende Böen peitschen mir ins Gesicht. Der Abgrund zerrt an mir.
Mit aller Kraft klammere ich mich an die Leiter. Sie ist das letzte bisschen Wirklichkeit, während um uns herum alles in ewige Finsternis zerfällt. Nicht weit über mir schwebt eine Unheil verheißende Decke aus Gewitterwolken.
Durchnässt von einem heftigen Regenschauer kämpfe ich mich unnachgiebig voran. Bald schon stehe ich inmitten eines Orchesters, unter dessen donnernden Pauken mein Trommelfell schier platzt, Blitze mich kurzzeitig erblinden lassen und die rasenden Luftmassen unentwegt meine Haut geißeln. Ein Martyrium im Herzen des Unwetters. Bis meine Hand schließlich ins Leere greift.
Hier endet die Leiter. Eine brüchige Falltür ist meine letzte Hürde. Ein letztes Mal Luft holen. Ein letztes Mal drücken. Sie schwingt auf. Ich ziehe mich aus dem Albtraum.
Meine Augen benötigen noch einige Zeit, um sich an das Sonnenlicht zu gewöhnen.
Dann aber überwältigt mich eine Schönheit, der Worte nie gerecht werden könnten.
Am Fuße eines Regenbogens lasse ich mich niedersinken. Ich bewundere die Spektralfarben und beginne zu träumen.
Ich weiß weder, wie ich hierhergekommen bin, noch was mich gerade heute dazu bewegt haben könnte, diesen Ort aufzusuchen.
Es ist ein wunderschöner Morgen. Das angenehm warme Licht der aufgehenden Mai-Sonne durchbricht langsam den geisterhaften Dunst, der vom Waldboden her aufsteigt und in Richtung des Hangs zu wandern scheint, nur um dann auf unerklärliche Weise vor einer unsichtbaren Barriere halt zu machen. Ich blicke in das Tal hinab. Es liegt inmitten eines endlosen Waldes und ist von einer fürchterlichen Einsamkeit umgeben. Dennoch strahlt es eine beruhigende Aura von Zivilisation aus. Ich beginne mit dem Abstieg. Obwohl ich nicht damit rechne, hier auf andere Menschen zu treffen, fühle ich mich bereits weniger allein.
Es dauert nicht lang, da erkenne ich vor mir einen Pfad aus plattgetretenen Halmen im hohen Gras. Elegant schlängelt er sich das Tal hinab. Ich beschließe ihm zu folgen. Obgleich mein Bestreben einen Sturz zu vermeiden mich jeden Schritt mit vollster Konzentration ausführen lässt, bleibt mein Blick regelmäßig an dem imposanten Bauwerk im Zentrum des Tals hängen. Die gewaltige Konstruktion ist aus einem nass-erscheinenden, braunen Gestein gefertigt. Es gelingt mir nicht, ihre Architektur einem Stil oder einer Epoche zuzuordnen. Lediglich ein Wort taucht vor meinem geistigen Auge auf: Turm.
Je weiter ich mich dem monolithischen Giganten nähere, desto stärker überkommt mich ein Gefühl des Unbehagens. Wäre meine Neugierde im Hinblick auf dieses faszinierende Monument nicht so stark... Ich würde wohl auf der Stelle umkehren.
Mein bislang so bedächtiger Gang verliert zunehmend an Sicherheit. Als mich schließlich nur noch wenige Meter von meinem Ziel trennen, geben meine Beine nach. Ich falle auf die Knie.
Erst jetzt erkenne ich die wunderschönen Ornamente, die jeden Zentimeter des steinernen Kolosses zieren. Ich meine in ihnen Symbole und Schriftzeichen zu erkennen. Jedoch entzieht sich ihre Bedeutung meinem Verständnis. Der Fokus meiner Konzentration ist derzeit anderweitig erforderlich.
Vor mir liegt eine schwer-erscheinende Tür aus sichtlich gealtertem Kupfer. Langsam richte ich mich wieder auf und trete an sie heran. Der kalte Türknauf lässt sich nahezu widerstandslos drehen. Der Turm gewährt mir Zugang in sein Inneres.
Zu meiner Verwunderung benötigt das Sonnenlicht eine Weile, um die hier herrschende Dunkelheit zu bezwingen und den Raum zu erhellen. Es ist still. Ich finde hauptsächlich Leere.
Das Einzige, was man wohl als Einrichtung bezeichnen könnte ist die hölzerne Leiter im Zentrum.
Wenn man an ihr hochblickt, ist zu erkennen, dass das Gebäude über mehrere Stockwerke verfügt.
Weiter oben scheint ebenfalls Licht von außen einzudringen.
Ein letztes Mal atme ich tief durch. Dann trete ich in die teil-erhellte Finsternis. Zaghaft ergreife ich die Holmen und lege meinen Fuß auf die niederste Sprosse. Kaum erhebe ich mich vom Boden, durchfährt mich ein Gefühl der Erlösung; als würde eine zu lang getragene Last von mir abfallen.
Mit jedem Tritt wird mein Halt sicherer; mein Griff fester. Ermutigt und ohne Furcht vor der Distanz zum Erdboden erreiche ich die nächst-höhere Etage.
Es offenbart sich mir eine von unzähligen, kleinen Flammen erleuchtete Halle. Das schwache Licht, welches ich bereits im Erdgeschoss vernahm, stammt allerdings nicht von hier. Der Kerzenschein vergeht im Schatten der Leiter. Mehrere Reihen Holzbänke sind hier in einem Halbkreis angeordnet und auf ein wunderschönes, goldumrahmtes Triptychon ausgerichtet. Es zeigt das Tal vom Berg aus betrachtet. Darüber prangen in ebenfalls goldenen Lettern die Worte „Tempus Stat“. Die Zeit steht still. Ich bewundere noch einige Augenblicke lang die Präzision, mit welcher der Künstler den Pinsel zu führen vermochte. Er muss ein wahrer Meister seines Fachs gewesen sein. Dennoch gelang es ihm wohl nicht, die Lebendigkeit der Natur einzufangen. Das Gemälde wirkt zwar realistisch wie eine Fotographie, entbehrt allerdings jeder Bewegung. Gräser und Farne ragen steif Richtung Himmel. Selbst die Wolken wirken statisch. „Vielleicht handelt es sich um eine bewusste, stilistische Entscheidung“, geht es mir durch den Kopf, während ich mich langsam wieder der Leiter zuwende.
Das zweite Stockwerk begrüßt mich mit einer floral-ornamentierten Holztür. Schwarze Metallbeschläge schlängeln sich wie Efeuranken über unlackierte Bretter. Unter ihrem eichenblattgeformten Griff versteckt sich ein unscheinbares Schloss. Obwohl ich den Riegel im Türrahmen bereits erblickte, drücke ich gegen die Klinke. Der Einlass bleibt mir verwehrt.
Durch das Schlüsselloch nehme ich zumindest einen Teil dessen wahr, was hinter der Tür verborgen liegt. Ein schmuckloser Schreibtisch erhebt sich wie ein Fels aus einem Meer von Schriftrollen. Einige liegen gestapelt in Regalen und sind wohl nach einem mir unbekannten System sortiert worden. Die meisten von ihnen bedecken allerdings als Bestandteil der Papierflut den Boden.
Ein einsames Tintenfässchen liegt ausgeschüttet am Rand des schlichten Sekretärs. Diesem Vorfall sind anscheinend einige Seiten zum Opfer gefallen. Von der Feder fehlt jede Spur.
Ich wende mich ab und setze meinen Aufstieg fort. Die Leiter wird in diesem Abschnitt fortwährend morsch. Vor Splittern sollte man auf der Hut sein. Sie können einen Moment der Unachtsamkeit verursachen. Das Holz knarrt unter jedem Tritt, als beklage es mein Bemühen, soviel von ihm hinter mich zu bringen, wie mir gelingt, bevor die erste Sprosse birst.
Mehr noch als die düstere Tiefe unter mir, lassen mich wiederkehrende Luftzüge erschaudern, die stets abreißen, bevor ich die Richtung ihres Ursprungs auszumachen vermag. Als jene sich letztlich zu einem bösartigen Wind vereinen, steigt eine nie gekannte Furcht in mir empor.
Ich spüre eine lähmende Kälte an meinen Beinen hochkriechen. Wütende Böen peitschen mir ins Gesicht. Der Abgrund zerrt an mir.
Mit aller Kraft klammere ich mich an die Leiter. Sie ist das letzte bisschen Wirklichkeit, während um uns herum alles in ewige Finsternis zerfällt. Nicht weit über mir schwebt eine Unheil verheißende Decke aus Gewitterwolken.
Durchnässt von einem heftigen Regenschauer kämpfe ich mich unnachgiebig voran. Bald schon stehe ich inmitten eines Orchesters, unter dessen donnernden Pauken mein Trommelfell schier platzt, Blitze mich kurzzeitig erblinden lassen und die rasenden Luftmassen unentwegt meine Haut geißeln. Ein Martyrium im Herzen des Unwetters. Bis meine Hand schließlich ins Leere greift.
Hier endet die Leiter. Eine brüchige Falltür ist meine letzte Hürde. Ein letztes Mal Luft holen. Ein letztes Mal drücken. Sie schwingt auf. Ich ziehe mich aus dem Albtraum.
Meine Augen benötigen noch einige Zeit, um sich an das Sonnenlicht zu gewöhnen.
Dann aber überwältigt mich eine Schönheit, der Worte nie gerecht werden könnten.
Am Fuße eines Regenbogens lasse ich mich niedersinken. Ich bewundere die Spektralfarben und beginne zu träumen.