Der vertrocknete Rucola

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miVa

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Tag 10 in Isolation. Sie glaubt, ihr Kühlschrank spricht. Zumindest hat der sie heute schon mindestens 10-mal zu sich gerufen. Beim Öffnen: Jedes Mal nicht mehr, als eine Schale voll mit vertrocknetem Rucola. Warum tut man das eigentlich so oft? Wieder und wieder in den Kühlschrank starren, obwohl man doch genau weiß, dass einen dort lediglich die blanke Enttäuschung erwartet? Nun ja, wer könnte zu einem Kühlschrank, der einem gefüllt so viel Gutes schenkt in der Leere schon „Nein“ sagen? Eben!

Eben ist auch ihr Stifte-Set angekommen. Leider scheint ihre Klingel kaputt zu sein, sodass sie das Paket nun bei einem Nachbarn abholen muss. Sie hofft nun inständig, dass der nicht an diesem Virus erkrankt ist, von dem gerade alle sprechen. Aber man muss ja was tun gegen das Nichtstun, denkt sie sich und nimmt das Risiko kurzerhand auf sich. Schließlich hat sie schon lange nicht mehr gemalt. Die Isolation ist also eine gute Gelegenheit, um mal wieder damit anzufangen. Eigentlich war sie nie wirklich gut darin. Aber Dieter Bohlen hat schließlich auch kein Gesangstalent und es trotzdem irgendwie geschafft.

Und außerdem: Warum muss man denn immer gut sein in dem, was man tut? Hauptsache es macht Spaß, richtig? Genau das Richtige in der Einsamkeit: Spaß haben. Oder es zumindest versuchen. Denn wo etwas Positives auf einen wartet, da ist auch oft das Negative nicht weit. Quasi Naturgesetz, oder so. In ihrem Fall sind das jedenfalls die Selbstzweifel. Zweifeln konnte sie schon immer gut. An ihrem Aussehen. An ihrem Charakter. Und ganz besonders: an ihrem Talent.
„Aber nicht heute“, denkt sie, „nicht heute.“

Heute ist so ein schöner Tag. Heute wird sie all ihre Zweifel über Bord werfen. Heute wird sie all das tun, für das sie sonst immer zu feige ist. Heute wird sie … ja heute wird sie ihm schreiben. Also beginnt sie zu tippen. Und tippt. Und tippt. Und tippt. Und obwohl sie eigentlich nur wenige Zeilen verfassen will, sprudelt es plötzlich aus ihr heraus. Der Kopf kann die Finger nicht mehr kontrollieren. Sie schreibt ihm, dass sie ihn vermisst. Und hasst, dass er nicht bei ihr ist. Sie schreibt ihm, dass es ein Fehler war, dass die beiden sich getrennt hatten. Sie schreibt ihm, dass sie ihn gerne bei sich hätte. Sie schreibt ihm, wie unfassbar dumm doch ihr Streit gewesen war. Und dann … dann übermannen sie erneut die Selbstzweifel. Was, wenn er nicht antwortet? Was, wenn er das Ganze nicht so sieht? Was, wenn er schon längst über alles hinweg ist? Also beginnt sie die eben noch voller Euphorie geschriebenen Zeilen wieder zu löschen. Buchstaben für Buchstaben. Wort für Wort. Sie starrt auf den Chat: „Online“.

Nach Pi mal Daumen 5 Minuten und 32 Sekunden des Starrens, legt sie ihr Smartphone weg und geht erneut zum Kühlschrank. Sie öffnet ihn und schaut hinein. Wieder die Schale mit dem vertrockneten Rucola. „Dieser verdammte Rucola!“, denkt sie sich, „warum ist der immer noch hier drin?“ Wütend ob ihrer eigenen Feigheit die Nachricht nicht abgesendet zu haben, greift sie die Schale, pfeffert sie in den Müll – und findet im Kühlschrank dahinter … einen letzten Schokobon. Ihr Smartphone ertönt: „Ping“.
 

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