Horst M. Radmacher
Mitglied
Der erste Arbeitstag nach Ende der Elternzeit fühlt sich gut an. Es war eine schöne und prägende Erfahrung gewesen, soviel Zeit mit seinem Kleinkind verbringen zu dürfen. Aber nun nach zwei Jahren Freistellung vom Schuldienst freut sich der Deutschlehrer Jakob Steinmann wieder auf seine Aufgaben als Lehrer. Und hier gibt es eine Änderung für ihn, Jakob muss den Deutschunterricht einer zwölften Klasse übernehmen. Das Kollegium am Städtischen Gymnasium ist überwiegend das gleiche geblieben, bis auf zwei neue Kollegen, beide wesentlich jünger als er. Schon bei deren Vorstellung kann Jakob es sich nicht verkneifen, deren auffälligen Sprachgebrauch, modische Schlagwörter gemischt mit 'Denglisch', ironisch zu kommentieren, er der Sprachästhet. Sein älterer Kollege, Dr. Friedrich Bruhn, promovierter Sprachwissenschaftler der Fachrichtung Parömiologie, die Lehre von Sprichwörtern und Redewendungen, mag diesen neuen Sprach-Mischmasch genau so wenig. Statt Germanistik auf Lehramt wäre es bei Jakob beinahe auch diese philologische Studienrichtung geworden. So trennt die beiden Lehrer zwar das unterschiedliche Alter, sie verbindet jedoch der gepflegte Umgang mit der deutschen Sprache. Gut gelaunt kommentiert der Alt-Lehrer 'Fiete' Bruhn anerkennend die spöttischen Bemerkungen seines jüngeren Kollegen in Bezug auf moderne Sprachunsitten gegenüber den Neuen im Kollegium: „Da ist er ja endlich wieder, der wahre Jakob“. Alle lachen. Die beiden Junglehrer kennen den Hintergrund nicht, sie blicken verunsichert in die Runde; das linguistische Traum-Paar hatten sie vorher nie erlebt.
Zu Jakobs Leidwesen hat er es sofort zu Beginn des Deutschunterrichts massiv mit sprachlichen Unarten seiner neuen Schüler zu tun. Diesen jungen Menschen einen angemessenen Umgang mit der deutschen Sprache angedeihen zu lassen, erweist sich als schwierig. Neben der weit verbreiteten Unsitte des Denglisch hat er es mit einer stattlichen Sammlung von Modewörtern aus dem jugendtypischen Sprachgebrauch zu tun. Dazu kommt eine geballte Häufung flacher Sprüche, die zur Belustigung beitragen sollen. So fordert ihn der Deutschunterricht in dieser Klasse stark. Er kommt mit seinem Versuch, den Gebrauch eine gehobenen Sprache zu vermitteln, nur schleppend voran. Der reine Wissensstoff wird gerade noch angenommen, weil dieser für das später anstehende Abitur benötigt wird. Aber sonst?
Dem Kollegen Bruhn bleibt Jakobs Unzufriedenheit nicht verborgen. Er möchte den jungen Lehrer unterstützen. Gemeinsam überlegen sie, wie das Problem zu lösen wäre. Fiete Bruhn rät davon ab, die Sprüche der Klassen-Clowns und Sprücheklopfer mit inhaltsschweren Redewendungen direkt zu kontern, obwohl er da ausreichend Ansatzpunkte bieten könnte. Tiefsinnige Repliken wären bei Jakobs Schülern vermutlich wenig hilfreich, ebenso wie extrem flache. Auch wäre es kontraproduktiv, sich auf das Feld der Jugendsprache zu begeben. So etwas wirkt schnell anbiedernd und peinlich; denn Jugendliche wollen sich ja gerade durch ihr spezielles Sprachverhalten von den Erwachsenen abgrenzen. Und so kommen die zwei Lehrer auf die Idee, den Schülern im Deutschunterricht eine Auszeit von der hehren deutschen Sprache angedeihen zu lassen. Eine neue Art des Unterrichts soll diese erst einmal ersetzen: das Erlernen und der Gebrauch einer Parallelsprache. Und das verschafft rasch einen hohen Aufmerksamkeitswert bei den Schülern.
Zu Beginn der nächsten Deutschstunde verteilt Jakob einen Schriftsatz mit Vokabeln in einer scheinbar unsinnigen Sprache, deren Übersetzung er gemeinsam mit den Schülern vornimmt. Es ist Nadsat, in dem er ein Gedicht vorträgt. Er kennt diese Idiome aus dem Roman von Anthony Burgess, Clockwork Orange, er war in jüngeren Jahren von Erzählung und dem gleichnamigen Film hellauf begeistert. Statt sich in die Niederungen des sogenannten 'Jugendsprech' zu begeben, holt er die Schüler nun auf eine spezielle Art ab, er hebt sie auf die Ebene eines ganz besonderen Spracherlebnisses. In den folgenden Wochen wird Nadsat im Deutschunterricht dieser Schulklasse zum Äquivalent des Deutschen, soweit es übertragbar ist.
Nach kurzem Zögern ziehen die Lernenden engagiert mit. Sie erleben das Fach Deutsch in einem komplett neuen Format, das in ihrem Umfeld nur sie beherrschen, und sie damit als etwas Besonderes hervorhebt. Der Lehrer Steinmann spannt mit dieser Sprache zusätzlich einen Bogen zur Literatur. Doch zunächst folgen weitere Sprachübungen in Nadsat. Es werden Sprüche in Angriff genommen, die einige Schüler häufig zum besten geben, immer auf der Jagd nach einem Lacher. „Ich bin nicht dumm, ich bin nur im negativen Bereich schlau.“ oder, „Rechts ist so ähnlich wie links, nur auf der anderen Seite“, gehören zum Standard-Repertoire dieser Pennäler, klingen im deutschen Gebrauch hohl und abgedroschen. Frei übersetzt, sofern machbar, erscheinen sie im Gebrauch des Nadsat aber kunstvoll. Erstaunlich, was eine Sprachvariante alles bewirken kann. Auf jeden Fall wird das Verhältnis der Schüler zum Unterrichtsfach Deutsch ein anderes, sie steigen engagiert in die neue Materie ein. Und ein weiterer wichtiger Schritt wird vollzogen, hin zum besseren Verständnis eines philosophischen Romans. In diesem geht es um den Gegensatz von Gut und Böse - eines der großen Themen der Weltliteratur. Mit Begeisterung schauen sich die neu motivierten Schüler und Lehrer dazu passend Stanley Kubricks Film, 'A Clockwork Orange', gemeinsam an. In der anschließenden Besprechung, sowie bei literarischen Interpretationen von anderen Romanen und Dramen, staunen die Schüler, zu welchem Verständnis und welcher Ausdrucksweise sie inzwischen fähig sind. Auch ihre früheren flachen Redewendungen, die sie im alltäglichen Umgang oft benutzt haben, werden vernehmbar anders, fast philosophisch. Als einer der 'Lautsprecher' der Klasse, bislang bekannt für Sprüche auf unterirdischem Niveau, mit, „Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf, es kommt nur auf die Entfernung an“, um Beifall für seine pseudo-intellektuelle These heischt, kontert Lehrer Steinmann mit: „Wer im Glashaus sitzt, sollte zum Scheißen in den Keller gehen“.
Nicht unbedingt oberstes Regal, aber Jakob Steinmann lässt erkennen, dass selbst er während des neuen Unterrichtsformats sprachlich geschmeidiger geworden ist. Wie man nun hört, er kann auch anders. Die Schüler erkennen dies sofort und erwidern vielstimmig, fast synchron: „Das ist aber auch nicht gerade der wahre Jakob.“
Zu Jakobs Leidwesen hat er es sofort zu Beginn des Deutschunterrichts massiv mit sprachlichen Unarten seiner neuen Schüler zu tun. Diesen jungen Menschen einen angemessenen Umgang mit der deutschen Sprache angedeihen zu lassen, erweist sich als schwierig. Neben der weit verbreiteten Unsitte des Denglisch hat er es mit einer stattlichen Sammlung von Modewörtern aus dem jugendtypischen Sprachgebrauch zu tun. Dazu kommt eine geballte Häufung flacher Sprüche, die zur Belustigung beitragen sollen. So fordert ihn der Deutschunterricht in dieser Klasse stark. Er kommt mit seinem Versuch, den Gebrauch eine gehobenen Sprache zu vermitteln, nur schleppend voran. Der reine Wissensstoff wird gerade noch angenommen, weil dieser für das später anstehende Abitur benötigt wird. Aber sonst?
Dem Kollegen Bruhn bleibt Jakobs Unzufriedenheit nicht verborgen. Er möchte den jungen Lehrer unterstützen. Gemeinsam überlegen sie, wie das Problem zu lösen wäre. Fiete Bruhn rät davon ab, die Sprüche der Klassen-Clowns und Sprücheklopfer mit inhaltsschweren Redewendungen direkt zu kontern, obwohl er da ausreichend Ansatzpunkte bieten könnte. Tiefsinnige Repliken wären bei Jakobs Schülern vermutlich wenig hilfreich, ebenso wie extrem flache. Auch wäre es kontraproduktiv, sich auf das Feld der Jugendsprache zu begeben. So etwas wirkt schnell anbiedernd und peinlich; denn Jugendliche wollen sich ja gerade durch ihr spezielles Sprachverhalten von den Erwachsenen abgrenzen. Und so kommen die zwei Lehrer auf die Idee, den Schülern im Deutschunterricht eine Auszeit von der hehren deutschen Sprache angedeihen zu lassen. Eine neue Art des Unterrichts soll diese erst einmal ersetzen: das Erlernen und der Gebrauch einer Parallelsprache. Und das verschafft rasch einen hohen Aufmerksamkeitswert bei den Schülern.
Zu Beginn der nächsten Deutschstunde verteilt Jakob einen Schriftsatz mit Vokabeln in einer scheinbar unsinnigen Sprache, deren Übersetzung er gemeinsam mit den Schülern vornimmt. Es ist Nadsat, in dem er ein Gedicht vorträgt. Er kennt diese Idiome aus dem Roman von Anthony Burgess, Clockwork Orange, er war in jüngeren Jahren von Erzählung und dem gleichnamigen Film hellauf begeistert. Statt sich in die Niederungen des sogenannten 'Jugendsprech' zu begeben, holt er die Schüler nun auf eine spezielle Art ab, er hebt sie auf die Ebene eines ganz besonderen Spracherlebnisses. In den folgenden Wochen wird Nadsat im Deutschunterricht dieser Schulklasse zum Äquivalent des Deutschen, soweit es übertragbar ist.
Nach kurzem Zögern ziehen die Lernenden engagiert mit. Sie erleben das Fach Deutsch in einem komplett neuen Format, das in ihrem Umfeld nur sie beherrschen, und sie damit als etwas Besonderes hervorhebt. Der Lehrer Steinmann spannt mit dieser Sprache zusätzlich einen Bogen zur Literatur. Doch zunächst folgen weitere Sprachübungen in Nadsat. Es werden Sprüche in Angriff genommen, die einige Schüler häufig zum besten geben, immer auf der Jagd nach einem Lacher. „Ich bin nicht dumm, ich bin nur im negativen Bereich schlau.“ oder, „Rechts ist so ähnlich wie links, nur auf der anderen Seite“, gehören zum Standard-Repertoire dieser Pennäler, klingen im deutschen Gebrauch hohl und abgedroschen. Frei übersetzt, sofern machbar, erscheinen sie im Gebrauch des Nadsat aber kunstvoll. Erstaunlich, was eine Sprachvariante alles bewirken kann. Auf jeden Fall wird das Verhältnis der Schüler zum Unterrichtsfach Deutsch ein anderes, sie steigen engagiert in die neue Materie ein. Und ein weiterer wichtiger Schritt wird vollzogen, hin zum besseren Verständnis eines philosophischen Romans. In diesem geht es um den Gegensatz von Gut und Böse - eines der großen Themen der Weltliteratur. Mit Begeisterung schauen sich die neu motivierten Schüler und Lehrer dazu passend Stanley Kubricks Film, 'A Clockwork Orange', gemeinsam an. In der anschließenden Besprechung, sowie bei literarischen Interpretationen von anderen Romanen und Dramen, staunen die Schüler, zu welchem Verständnis und welcher Ausdrucksweise sie inzwischen fähig sind. Auch ihre früheren flachen Redewendungen, die sie im alltäglichen Umgang oft benutzt haben, werden vernehmbar anders, fast philosophisch. Als einer der 'Lautsprecher' der Klasse, bislang bekannt für Sprüche auf unterirdischem Niveau, mit, „Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf, es kommt nur auf die Entfernung an“, um Beifall für seine pseudo-intellektuelle These heischt, kontert Lehrer Steinmann mit: „Wer im Glashaus sitzt, sollte zum Scheißen in den Keller gehen“.
Nicht unbedingt oberstes Regal, aber Jakob Steinmann lässt erkennen, dass selbst er während des neuen Unterrichtsformats sprachlich geschmeidiger geworden ist. Wie man nun hört, er kann auch anders. Die Schüler erkennen dies sofort und erwidern vielstimmig, fast synchron: „Das ist aber auch nicht gerade der wahre Jakob.“