Der Weizenkeim und andere Freaks

Shallow

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Ich hatte mein Handtuch auf die Liege gelegt. Nicht eines von den weißen Hotelhandtüchern, sondern mein eigenes mit den blaugrünen Streifen. Ich war nur kurz im Pool – zwei Bahnen zur Abkühlung, einmal hin und zurück. Als ich zurückkomme, liegt da einer auf meiner Liege, auf meinem Handtuch. Durchtrainiert, braungebrannt, Goldkettchen, tiefenentspannt.
„Hey, Bruder“, sage ich.
Er richtet sich etwas auf, sieht mich durch seine verspiegelte Brille an.
„Du liegst auf meinem Handtuch!“, sage ich.
Er blickt unter sich, dann wieder zu mir. „Oh, sorry!“
Er steht auf, reicht mir das Handtuch und legt sich wieder auf die Liege. Verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Schlägt die behaarten Beine übereinander. Entspannt sich.
„Hey, Bruder“, sage ich.
Der Typ richtet sich wieder auf, unwillig, etwas genervt. „Was?“
„Du liegst auf meiner Liege“, sage ich.
„War kein Namensschild dran.“
„Aber mein Handtuch drauf.“
„Hab ich dir wiedergegeben. Übrigens bist du nicht mein Bruder!“
Die blonde Frau in dem Bikini nebenan legt ihr Buch beiseite, nimmt ihre Sonnenbrille ab und sieht zu uns herüber. „Bevor die Lage eskaliert, biete ich Ihnen gern meine Liege an“, sagt sie zu mir.
Ich schüttele den Kopf. „Ich hab schon eine, danke! Goldkettchen geht sicher gleich und ich freue mich schon auf Ihre Gesellschaft. Darf ich fragen, was Sie da lesen?“
Die Frau setzt ihre Brille wieder auf, greift nach der Rückenlehne und rastet sie in einer steileren Position ein. Positioniert sich im Schneidersitz. Die Brille steht ihr gut, der Bikini auch. Sie tippt kurz auf das Buch.
„Einen Krimi“, sagt sie. „Es geht um eine Mordserie in einem Hotel.“
„Ich lese keine Krimis“, kommt es von Goldkettchen.
„Interessant, gleich eine ganze Mordserie, wie lautet der Titel?“, frage ich.
Der Gärtner im Blutrausch“, antwortet sie. „Ich habe es selbst geschrieben. Selbst verlegt übrigens auch.“
„Oh“, sagt Goldkettchen und dreht sich auf die Seite. „Lesen Sie nur eigene Werke?“
Ich bin nicht sicher, ob da etwas Ironie mitschwingt, wenn, hätte ich sie ihm jedenfalls nicht zugetraut. Das Gespräch scheint interessant zu werden, ich hole mir einen Gartenstuhl und platziere mich zwischen den beiden.
„Immerhin hat man einen versteckten Hinweis auf den Täter im Titel“, lobe ich die Dame.
„Ja, ich möchte als Autorin ja auch Leser erreichen, die sonst der Kultur nicht so zugeneigt sind. Da sollte man nicht mit einem philosophischen Anspruch abschrecken, sondern die Sache spannend und simpel gestalten, finden Sie nicht?“
Der Liegen-Besetzer geht in die Sitzposition und schaut zu mir. „Ich denke, ich drehe mal ein paar Runden im Pool. Danke für die Liege, mein Lieber!“
„Warte, ich will auch“, sage ich, lächle entschuldigend der Autorin zu und erhebe mich. Ich gehe mit dem Typen die paar Meter zum Schwimmbecken. Er hat ein breites Kreuz, schmale Hüften, definierte Arme. Bestimmt so ein Pumper, der jeden Tag sein Fitness-Studio schon frühmorgens belagert und erst geht, wenn sie das Licht ausschalten.
„Was machst du so, Bruder?“, frage ich ihn.
Er bleibt stehen und sieht mich an. „Kannst du das mal lassen mit dem Bruder? Das nervt wirklich krass, ich meine, warum tust du das? Du siehst aus wie ein Normalo und bist ein kompletter Freak. Schlimmer als die Tante, die ihre eigenen Bücher liest. Ich würde jetzt gern allein ein paar Bahnen drehen, verstehst du?“
„Du knallst deinen Arsch auf meine Liege, obwohl da mein Handtuch drauf liegt! Das hältst du nicht für verhaltensoriginell?“
„Ich hasse Leute, die mit Handtüchern ihre Besitzansprüche anmelden. Sowas ignoriere ich grundsätzlich!“
„Oh, so ein aufgepumpter Salon-Marxist mit Goldkette im All-Inclusive-Club schwingt Reden im Stile von Erich Fromm. Darf ich meinem Bruder das Jahrhundertwerk `Haben oder Sein´ empfehlen?“
Sein Blick gleitet über meinen Körper, bleibt an meinem Wohlstandsbauch hängen. „Ich bin Ernährungswissenschaftler und wurde hier eingeladen. Meinen Vortrag halte ich heute um acht im Seminarraum. Du bist herzlich eingeladen, ich gebe Tipps zum Abnehmen und spreche über gesunde Ernährung aus meinem Food-Ratgeber `Der Weizenkeim´.“
„Ich nehme eher Nudeln oder Kartoffeln zu mir.“
„Du weißt aber um die Fluazinam-Problematik bei der Kartoffel, oder? Die kann belastet sein!“
„Die Kartoffel also auch!“
„Ja, kannst du in meinem Ratgeber nachlesen.“
„Du publizierst?“, frage ich überrascht.
„Ich bin Achim Saarlouis“, sagt er und guckt so, als müsste mir das was sagen.
„Der Achim also“, sage ich.
„Saarlouis“, ergänzt er.
„Der Weizenkeim!“
„Kennst du? Ich bin auch öfter im Fernsehen. Morgenmagazin.“
„Nein, aber ich nenne dich jetzt nicht mehr Bruder oder Goldkettchen, für mich bist du jetzt der Weizenkeim!“
„Sehr lustig, wirklich! Vielleicht lässt du dir helfen, wie gesagt, mein Vortrag beginnt um acht. Hat mich außerordentlich gefreut!“
Er dreht sich um und schreitet betont aufrecht in den Pool. Vermutlich berechnet er schon seinen Kalorienverbrauch pro Schwimmzug. Gleich wird er das Wasser in Perfektion durchpflügen – wäre dort nicht die lästige Anwesenheit der übrigen Badegäste.
„Ich werde dieses Ereignis auf jeden Fall versäumen“, rufe ich ihm nach und gehe zurück zu meiner Liege.
Die Dame nebenan schiebt ihre Sonnenbrille hoch. „Haben Sie sich beruhigt?“
„Engagement erfordert manchmal etwas Nachdruck“, sage ich und beobachte, wie der Weizenkeim durch seine Kraulattacke im Pool eine Luftmatratze zum Schlingern bringt. Das Kind darauf schreit durchdringend.
„Darf ich fragen, warum Sie ihn immer mit Bruder angesprochen haben? Oder Goldkettchen? Das hat ihn ziemlich aufgeregt. Ich fand`s auch etwas speziell.“
„Jetzt nenne ich ihn den Weizenkeim“, sage ich.
„Auch nicht viel besser, Sie sind so aggro unterwegs!“
„Aggro?“, frage ich und setze mich auf die Liege. „Er hat ja wohl angefangen!“
Sie sieht über ihre Brille hinweg zum Pool. Der Weizenkeim hat den Beckenrand erreicht, vollführt eine Wende unter Wasser, stößt sich ab und fräst wieder durch die Fluten.
„Schwimmen kann er aber“, sagt die Dame anerkennend.
Ein Bademeister eilt zum Pool und pfeift auf seiner Trillerpfeife. Der Ernährungsbeauftragte stoppt seinen persönlichen Wettbewerb, rudert auf der Stelle und hört sich die Ermahnung des Hotelmitarbeiters an.
„Eigentlich müssten sie ihn verhaften“, sage ich.
„Na, ich bitte Sie!“, ruft die Attraktive empört.
„Ich stelle mich als Zeugen zur Verfügung“, brülle ich zum Bademeister.
Die Blondine steht auf und verlässt den Liegenbereich wortlos, der Bademeister tippt sich an die Stirn, der Weizenkeim verschwindet Richtung Bar. Ich rücke die Liegen zusammen, auf der einen mein Handtuch, auf der anderen entspanne ich mich. Im Moment habe ich meinen Bedarf an Konversation gedeckt. Zu viele Autoren in dieser Anlage, der nächste Urlaub wird woanders gebucht. Bei einem Angestellten bestelle ich einen Mojito.
„Wie wollen Sie Ihren Mojito“, fragt der.
Was für eine bescheuerte Frage. „Wie einen Mojito, bitte!“
„Da gibt es erhebliche Unterschiede, können Sie in meinem Ratgeber „Minze und mehr“ nachlesen. Soll ich Sie beraten?“
„Bringen Sie mir ein Bier! Eine Flasche, egal welche Sorte. Aus dem Kühlschrank!“
Der Mann schreitet beleidigt davon, bin gespannt, ob er seiner Tätigkeit nachgeht und mir ein Bier serviert. Diese Autoren sind überall. Sie lauern auf den Liegen, im Pool und an der Bar. Meist lesen sie nur eigene Werke. Ich frage mich, was der Bademeister wohl veröffentlicht hat. „Mein Leben am Beckenrand“ wäre ein guter Titel. Vielleicht sollte ich auch mal was schreiben.
 



 
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