Der Zeitungslesermörder

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DER ZEITUNGSLESERMÖRDER

> Eine Moritat <

Hab lang darüber nachgedacht –
Es ist vorbei; ich geb es zu:
Ich hab sie alle umgebracht
Jetzt will ich nur noch meine Ruh
Verzeihen Sie, Herr Kommissar
Dass ich so widerspenstig war
So ein Geständnis – Sie verstehn? –
Macht man nicht im Vorübergehn
Auch wurde mir nur langsam klar
Was and’re Leute in mir sehn…
Ich weiß, man hält mich für verrückt
Und dies hat mich doch sehr bedrückt!
Auch darum hab ich mich gestellt
Liegt mir doch daran, dass die Welt
Erfährt, wie und warum ich’s tat –
Ist das ein Tonbandapparat?
Dann an damit – ich bin bereit!
Wozu ein peinliches Verhör?
Man ist genervt, vergeudet Zeit
Das Leben ist so kurz und schwer
Verpasst du `ne Gelegenheit
Bekommst du keine zweite mehr
Ich jedenfalls hab nichts bereut
Und darum tut mir auch nichts leid!
Ich weiß, das sagt man leicht daher –
Hab ich doch Menschen umgebracht!
Aus nied’rem Grund, und wohlbedacht!
Da fragt man sich: wer ist der Mann?
Womit ich denn beim Thema wär:
Ich denk, dass ich’s erklären kann
Sind Sie bereit? Gut. Also dann
Fang ich am besten damit an
Wie ich alltäglich mit der Bahn
Zu meiner Arbeitsstätte fuhr –
Für mich war das eine Tortur!
Ich lebte ständig in dem Wahn
Dass man mich eines Tags erdrückt
Auch machte mich der Lärm verrückt!
Tagein, tagaus dieselbe Tour:
Der überfüllte, laute Zug
Wo alles raschelt, schmatzt und quatscht
Und jeder Fremde dich betatscht! –
Nun, eines Tags hatt’ ich genug
Eiskalte Wut stieg in mir auf
Die Dinge nahmen ihren Lauf
Und, wissen Sie, Herr Kommissar
Was letztlich ausschlaggebend war?
Der Lärm, den so `n Herr Wichtig macht!
Die Zeitung vor dem Schafsgesicht
Wie er drin blättert; mit Bedacht
Sich produziert, ganz drauf erpicht
Dass man ihn für gebildet hält
Und wichtig! Ja, der Mann von Welt
Der reflektiert; ist engagiert
Besorgt, gediegen, informiert!
Und also raschelt er lautstark
Und quetscht und knittert jedes Blatt
Liest peinlich langsam jeden Quark
Und wenn er was gelesen hat
Dann runzelt er die ernste Stirn
Als ob er sich den Kopf zerbricht
Als denkt er nach, das Spatzenhirn!
Dass er dabei ganz unbeschwert
Mit seinem Rascheln and’re stört
Das kümmert doch Herrn Wichtig nicht! –
Nun bin ich weit davon entfernt
Ein Mensch ohne Gefühl zu sein
Hab Mitleid, Großmut nicht verlernt
Ich kann schon einiges verzeihn
Und breche nicht so schnell den Stab
Bloß weil mir irgendwer nicht passt
Nur – Spießer kann ich gar nicht ab!
Die sind mir von jeher verhasst
Die ihre Schlauheit noch sooo keck
Aus irgendeinem Blatt beziehn
Und damit protzen wie ein Geck –
Ach! Neunmalklugen zu entfliehn
Bringt einen hierorts nicht vom Fleck
Weil man nicht jeden töten kann
Der einem auf den Senkel ging
(Das wär zu aufwendig!) so fing
Ich mit den Zeitungslesern an
Dazu kommt – ich muss es gestehn –:
Ich will und werde nie verstehn
Warum wer überhaupt was gibt
Auf das, was eine Zeitung druckt!
Und wissen Sie, was mir dran liegt?
Den Arsch gewischt und drauf gespuckt!
Da ist nur Manipulation
Und Lüge, Desinformation
Glaubens –, Gesinnungsschnüffelei
Und feige Schwarzweißmalerei
Zu jedem Mist ein Kommentar!
Zu jeder Nachricht ein Skandal!
So werden wir – und das ist wahr! –
Verdummt, betrogen, Mal um Mal…
Glauben Sie mir, Herr Kommissar
Es war die Zeit für ein Fanal!
Entschlossenheit, ein Bisschen Mut
Zu wissen, dass man Gutes tut
Ein wenig Glück – was braucht es mehr?
Gewissensbisse? Gehn Sie her!
Sie glauben nicht, Herr Kommissar
Wie arglos diese Spießer sind!
Die sind für ihre Umwelt blind
Die ahnten nicht mal die Gefahr
Die warn hinüber, blitzgeschwind!
Wie einfach diese Sache war:
Nach Büroschluss lauert‘ ich schon
An irgendeiner Endstation
(Nach sechs war meist die beste Zeit)
Die wollten heim – ich war bereit!
Rasch hinterher – ein strammer Schlag
Und aus! An einem guten Tag
Hab ich mal zwei, gar drei erwischt
Nie hat sich jemand eingemischt
Und jedes Mal ging alles glatt
(Ein Glück, das nur der Tücht’ge hat!)
Herr Kommissar, es liegt mir fern
Zu spotten; ich will wirklich gern
Der Arbeit unsrer Polizei
(Ganz ohne Hohn und Heuchelei)
Ein Kompliment aussprechen. Wie
Sie mit Geduld und Akribie
Mir auf die Spur gekommen ist –
Das ist schon aller Ehren wert!
Zwar hatt’ ich da längst aufgehört
Und hätt’ noch alle ausgetrickst –
Wenn da nicht diese Presse wär!
Nun gut – ich bin nicht irgendwer
Bestimmt kennt mich die halbe Welt
Auch darum liegt mir viel daran
Dass man mich nicht für irre hält
Ich hab dies Leben nicht gewählt
Dies hat längst wer für mich getan…
So tut ein jeder, was er kann
Mein Herz ist rein, mein Haus bestellt
Sagen Sie selbst: Ist das ein Mann? –
Warum ich aufgab, fragen Sie?
Ach, wissen Sie, Herr Kommissar
(Und sehn Sie auch die Ironie?)
Es wurde mir auf einmal klar:
Der klügste, stärkste, beste Mann
Kommt letztlich gegen die nicht an
Die Zeitungsleser dieser Welt
Die sind wie Unkraut, überall
Wie man sich auch mit Jäten quält –
Die bleiben in der Überzahl
Das Hütchenspiel der Evolution
Bringt Menschen wie mir keinen Lohn…
Am Ende hatt’ ich’s einfach satt
Schlussendlich ist’s nicht mal ein Patt
Aller Bemühungen zum Hohn:
Das Leben setzte mich schachmatt! –

Das war sie nun, Herr Kommissar
Meine Geschichte. Sonderbar
Dass ich mich nicht erleichtert fühl…
Nun denn, was soll’s? Ich komm schon klar
Absolution war nie mein Ziel
Ich harre mit Gelassenheit
(Und ein klein wenig Eitelkeit)
Dem Lauf der Dinge. Sicherlich
Liest morgen jeder über mich
Früh in der Bahn; und irgendwie
Ist dies die letzte Ironie:
Dass ich, wie immer ich’s denn dreh
Am Schluss auch in der Zeitung steh!

© 2018


 

Tula

Mitglied
Hallo Gerold
Gute Pointe, wobei vielleicht doch ein bisschen zu lang für meinen Geschmack.. Schade jedenfalls, dass das für unseren Wettbewerb nun zu spät kommt. Du hättest sicher mitgemacht. Schau mal rein, noch stehen alle Baladen und Moritate oben auf dieser Seite.

LG
Tula
 
Leider wusste ich nichts von den Wettbewerb; ich bin erst kurze Zeit bei der Leselupe.
Betreffs der Länge ist das so eine Sache - was soll man machen, wenn es mit einem durchgeht?:)
(Ich denke jedoch, solange man "etwas" zu sagen bzw. erzählen hat, darf man auf mildernde Umstände hoffen...)
Gruß, Gerold
 

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