Des Biss des Maulwurfs

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hein

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Der Biss des Maulwurfs
oder: späte Karriere




Seit Jahrzehnten hatten meine Finger und meine Kreissäge ein freundlich distanziertes Verhältnis. Man kannte sich, man respektierte sich, hielt aber immer einen gewissen Abstand. Eines Tages allerdings kam mein rechter Zeigefinger in einem unbedachten Moment dem Sägeblatt doch ein wenig zu nah. Das stellte unser Verhältnis auf eine harte Probe, und letztlich veränderte es mein komplettes Leben.

Eigentlich wollte ich nur ein Stück Holz für eine Bastelei zurechtsägen. Ein unvorsichtiger Moment, eine falsche Bewegung, ein kleiner Schlag. Ich schaute auf meinen Finger und sah mit Erstaunen das Loch im Arbeitshandschuh, ausgefranstes Fleisch und den Rest von Fingernagel und Knochen. Keine Schmerzen, nur ein wenig Blut sickerte heraus. „Da muss man wohl etwas machen“, dachte ich bei mir und rief meine Frau, die glücklicherweise in der Nähe war. Sonst hätte sich die Blutspur wohl nicht nur von der Werkstatt bis zur Haustür gezogen, sondern auch noch durch die ganze Wohnung bis zum Telefon.

Was jetzt folgte kennt man aus vielen Fernsehproduktionen: Notruf, Krankenwagen, Notaufnahme im Krankenhaus, OP durch einen offensichtlich übermüdeten Assistenzarzt, ein wenig Schmerzmittel. Nach sechs Stunden war ich wieder zuhause. Mit etwas Geduld sollte die Sache abgeheilt und vergessen sein. Ein Rentner mit einem eingekürzten Finger ist doch wirklich keine Sensation. Aber es kam anders.

Auf dem Land spricht sich ein derartiger Vorfall schnell herum. Eine Ausnahme vom Alltag, das Pech eines anderen, sehr interessant. Daher kam in der folgenden Zeit immer wieder die Frage: „wie ist das denn passiert?“. Zuerst schilderte ich den Vorfall immer wahrheitsgemäß, aber auf Dauer wurde dies doch ein wenig eintönig, und so antwortete ich eines Tages spontan: „das hat mir ein Maulwurf abgebissen“.

Wie sich kurze Zeit später herausstellte waren dem Gesprächspartner das anatomische Missverhältnis zwischen einem menschlichen Finger und der Beißkraft eines Maulwurfes wohl nicht geläufig. Dafür hatte er aber scheinbar ein gutes Verhältnis zu diesem neumodischen Ding, das allgemein als „Internet“ bezeichnet wird und heutzutage für viele junge Leute der Lebensinhalt sein soll. Dort musste er also unverzüglich von der Sache mit dem Maulwurf berichten, „posten“, wie er es nannte. Was dieses Internet mit der Bundespost zu tun hat, weiß ich bis heute nicht. Aber jedenfalls war die Geschichte in der Welt, und die Hölle brach los.

Emails von nahen und fernen Bekannten und Unbekannten. Anrufe von mehr oder weniger seriösen Medien, teilweise in schlechtem Englisch mit japanischem oder chinesischem Akzent. Versicherungsvertreter, die eine Unfallversicherung verkaufen wollten. Etliches was ich gar nicht mehr zur Kenntnis genommen habe. Woher die alle meine Nummer hatten bleibt wohl für immer ein Rätsel.

In meiner näheren Umgebung sagte man mir: „Du bist jetzt berühmt, daraus musst du was machen!“. „Wie, was machen?“, fragte ich. „Ja, du musst selbst was posten! Berichten wie es wirklich war! Influencer werden! Damit kann man viel Geld verdienen!“. Beim „Geld verdienen“ horchte ich als armer Rentner natürlich auf, und so ließ ich mir die Sache näher erklären.

Als erstes lernte ich ein neues Wort: „Soziale Medien“. Offensichtlich nichts mit „Sozialismus“ wie ich zuerst dachte, sondern zutiefst kapitalistisch. Jeder kann machen was er will, und einige werden reich dabei. Ich wollte natürlich reich werden und engagierte den siebenjährigen Sohn unseres Nachbarn. Dieser richtete mir in kurzer Zeit Zugänge zu allen möglichen „Kanälen“ ein und erklärte mir die Grundzüge der Anwendung. Dann schrieb ich einen kurzen Text, outete mich als der Idiot, der sich von einem Maulwurf den Finger hatte abbeißen lassen, und fügte ein Foto von dem fast verheilten Rest-Finger bei.

Innerhalb von wenigen Tagen hatten 100.000 Menschen die Seiten angeklickt. 1.000 davon wollten wohl mehr sehen, die nennt man „Follower“. Danach postete ich ein Bild mit der noch besser sichtbaren Wunde: 200.000 Klicks / 5000 Follower. Dann ein noch früheres Foto mit viel angetrocknetem Blut und deutlich sichtbarer Eiterbeule (500.000 / 20.000). Ich ärgerte mich das ich von dem Eiterfluss kein Video aufgezeichnet hatte. Aber wer hatte zu dem Zeitpunkt schon an so etwas gedacht?

Die Ankündigung einer Aufnahme des Schadens vor der Behandlung brachte weitere Resonanz, die aber nach einigen weiteren hinhaltenden Posts ins Negative umzuschlagen drohten. Wir beschlossen, die Sensation jetzt zu veröffentlichen.

Das Bild von der zerfetzten Fingerkuppe schlug ein wie eine Bombe. Es wurde „geteilt“ und „gelikt“ und kommentiert und ich weiß nicht was sonst noch. Es brachte den endgültigen Durchbruch (2.000.000 / 150.000). Mein siebenjähriger Berater sagte, wir wären jetzt „viral“. Was das für ein Virus ist und ob es dagegen eine Impfung gibt, konnte er aber nicht auch nicht sagen.

Dann kamen die Abrechnungen der verschiedenen „Sozial Media“ mit Beträgen, wogegen meine Rente nur noch als ein Taschengeld erschien. Ich war reich! Zur Feier des Tages gönnten wir uns etwas Ordentliches zu trinken. Schampus für mich und Cola für meinen kleinen Freund. Ich kann nur noch sagen, dass das Prickelwasser zusammen mit den immer noch einzunehmenden Schmerzmitteln und Antibiotika eine teuflische Mischung ergab. Das Video von diesem Exzess ist aber unter Verschluss und darf erst nach meinem Ableben veröffentlich werden (oder wenn ich mal wieder Geld brauche).

Jetzt war ich an der Spitze. Ein Influencer mit Werbeverträgen für Schmerzmittel und Verbandszeug. Dazu konnte ich in meine Posts u. a. dezente Hinweise auf die verwendete Kreissäge, der von meinem bevorzugten Rettungsdienst angebotenen Zusatzleistungen (Flug-Rettung), und vor allem auch auf das Spendenkonto des „Vereins fingeramputierter Rentner“ unterbringen. Alles brachte zusätzliches Geld.

Der Einbruch kam plötzlich und heftig. Das Thema „Zeigefinger“ war ausgelutscht, die Bilder millionenfach geteilt. Eine Zeitlang konnte ich noch über die Folgen weiterer körperlichen Beschädigungen spekulieren, aber irgendwann musste ich wieder liefern. Eine Hand, ein Fuß, ein Bein, der Kopf? Ich beschloss, erstmal klein weiterzumachen. Also noch ein Finger.

Diesmal klemmte ich mir den rechten Ringfinger in einer Autotür. Natürlich ein 100-prozentiger Unfall, aber aus drei verschiedenen Positionen gefilmt und mit der nahtlosen Dokumentation aller Folgen. Die nach dem ersten Vorfall abgeschlossene Unfallversicherung faselte zwar etwas von „Vorsatz“ und lehnt Leistungen ab. Aber die habe ich in meinen Posts sowas von fertiggemacht, die haben zuletzt darum gebettelt, bezahlen zu dürfen. Und auf allen Kanälen natürlich wieder ein durchschlagender Hype!

Und so ging es bis heute erfolgreich weiter und weiter. Das Fehlen der ersten Glieder an allen 10 Fingern und von 4 Zehen am rechten Fuß sowie die Fußprothese links stören zwar manchmal ein wenig, aber dies ist hinsichtlich meiner sonstigen Lebenssituation hinnehmbar. Lediglich für meinen rechten Mittelfinger habe ich mir einen lebensechten Ersatz anfertigen lassen. Auch wenn ich nicht mehr selbst fahre muss ich doch im Straßenverkehr mit anderen Autofahrern kommunizieren können!

Ende gut, alles gut! Ich bin jetzt Millionär mit einer persönlichen Assistentin, einem Wohnsitz in der Schweiz und einer Finca auf Mallorca. Mein kleiner Partner von nebenan ist auch nicht zu kurz gekommen. Er ist inzwischen zehn Jahre alt und führt ein erfolgreiches Start-Up-Unternehmen im Bereich Sozial-Media.

Was können wir jetzt noch tun? Vielleicht ist unter den geneigten Lesern dieser Zeilen jemand, der das eine oder andere Körperteil entbehren kann. Wir beraten ihn gerne!
 
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