Dialoge in Erzählungen...

gladiator

Mitglied
Die machen mir wirklich zu schaffen. Ich lese Dialoge in Romanen und denke, wow, toll geschrieben.
Dann sitze ich an meinem Schreibtisch und versuche, selbst Dialoge zu schreiben und finde sie konstruiert, aufgesetzt, künstlich, also eigentlich unerträglich.
Dann lese ich nochmal Dialoge in Romanen und entdecke plötzlich, daß auch dort die Menschen anders reden als in der Wirklichkeit. Trotzdem nehme ich es dort hin und bin gleichzeitig unfähig, selbst "literarische" Dialoge zu schreiben, denen ich zustimmen kann.

Meine Werkstatt-Fragen:

Wie schreibt Ihr Eure Dialoge? Habt Ihr manchmal dieselben Probleme, wenn Ihr Eure geschriebenen Dialoge nochmal durchlest?
Wie muß ein guter Dialog aufgebaut sein, was braucht er, um überzeugend zu sein? Was darf er auf keinen Fall haben?

Ein ratloser
Gladiator
 

ex-mact

Mitglied
Ein bekannter amerikanischer Autor schrieb dazu: Dialoge in Romanen sind wie im echten Leben - nur besser.

Er meinte (und legte ausführlich dar), daß man sich abhängig vom Millieu an der tatsächlichen (nicht Gossen-)Umgangssprache orientieren sollte, diese jedoch "korrekter" schreibt.

Statt "haste ma ne mak" schreibe man "Hast Du mal eine Mark" - nicht "ne Mark" sondern wirklich "eine Mark".

Er wies auch darauf hin, daß man Jargon und Dialekt ausschließlich dann verwenden sollte, wenn man diesen 100%ig beherrscht. Nichts sei so störend wie falscher Dialekt (oder falsche Transkription eines solchen) oder unsicherer Jargon.

Natürlich gibt es dann noch das Kriterium der Diktion der umliegenden Erzählung. Eine aus der sonstigen Diktion herausfallende Formulierung, ein den übrigen Rhythmus unterbrechender Einwurf kann Abwechslung oder Spannung bringen, generell sollte die dargestellte wörtliche Rede aber dem Stil der Erzählung folgen. An diesem Punkt scheitern viele Autoren - denn er gilt auch andersherum: die Erzählung muss dem Millieu und damit der genutzten Sprache folgen. Ein gehobener, exaltierter Erzählstil in einer Geschichte von einem gewöhnlichen Dieb, der zum Anführer einer Räuberbande wird, wirkt meist erstmal deplatziert - mag zwar beabsichtigt sein, bedarf aber sehr viel Könnens.

Ich schreibe derzeit einen Kinderroman und verwende darin durchaus "Erwachsenensprache" in Erzählung und wörtlicher Rede - aber das halte ich für sinnvoll, weil Kinder ernst genommen werden wollen und Bücher, die nur mit "Dada Dudu tolle Bubu" daherkommen, ablehnen würden. Die Sätze jedoch bleiben einfach, wenig verschachtelt - und die Aussagen sind klarer, direkter als in meinen sonstigen Texten.

Wenn Du magst, suche ich mal ein, zwei Absätze raus und stelle sie hier ein - als Diskussionsgrundlage: gut oder schlecht :)
 

gladiator

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Huhu mact...

Als erstes würde mich interessieren, welchen Autor Du am Anfang zitiert hast. Und welcher Text es war.

Als zweites stellst Du jetzt sofort Deinen Dialog hier rein :D.

Gruß
Gladiator
 
*lässt einfach mal ein paar leute sprechen und hört ihnen zu . . . *

hallo gladiator

du hast doch in bea und melanie einen ausgezeichneten dialog geschrieben. ich verstehe leider zu wenig von den regeln des schreibens . . . danke hier an mact für deine ausführungen . . . deshalb setze ich mich hin und lasse meine protagonisten reden. einfach bloß mal quatschen . . . und versuche nebenbei einzufangen wie sie sich bewegen, ihre mimik, ihre gesten, ihre gedanken.
aber in erster linie höre ich ihnen zu

viele liebe grüße

fredy
_______________
war vielleicht nicht konstruktiv . . . aber ich schreibe eben aus dem bauch . . .
und nicht nach dem buch . . .
regeln und deren beachtung verwirren mich beim schreiben . . . :D
 

ex-mact

Mitglied
Moin,

der Autor, den ich teilweise zitierte, ist Orson Scott Card. Ich stimme mit seinen Richtlinien für Fiction-Autoren nicht an allen Stellen überein, aber die wesentlichen Punkte sind, denke ich, schon in Ordnung...

In meiner folgenden Nachricht stelle ich einen kleinen Auszug aus meinem in Arbeit befindlichen Buch "Marius" hier ein. Es gibt natürlich noch mehr Stellen mit Dialogen - ich habe diesen gewählt, weil hier Erwachsene und ein neunjähriges Kind aufeinandertreffen. Die Sprache des Kindes ist - natürlich - an die meiner Tochter angelehnt.
 

ex-mact

Mitglied
Wahrscheinlich hatte sie ihren Auftritt gar nicht geplant, aber alle Köpfe drehten sich zu ihr um, als sie die Tür aufriss und in ihrem besten Kleid hereinschwebte. Mit einem Schlag war es völlig still, bis Judiths Vater sich räusperte und den Anwesenden verkündete:
"...und herein tritt unsere ehrenwerte Tochter, Prinzessin Judith!"
Das eine oder andere flüchtige Grinsen wurde hastig unterdrückt, als ein ziemlich dicker Mann mit einer großen dunklen Brille und fast völlig kahlem Kopf zu klatschen anfing. Sofort fielen die anderen ein und Judith erhielt ihren ersten Applaus - was ihr natürlich gut gefiel und sie etwas für das entgangene Abendessen entschädigte.
"Na gut", meinte Judiths Mutter endlich, "dann sollten wir Dir auch die anderen vorstellen." Sie zog Judith an einer Hand in die Mitte des Kreises, den die Erwachsenen inzwischen gebildet hatten, und nickte in Richtung des dicken, bebrillten Mannes.
"Das ist Herr Murks - er wohnt gegenüber auf der anderen Straßenseite in dem roten Haus."
Als Judith nur "Mhmhm..." machte und sich nicht traute, irgend etwas Sinnvolles zu sagen, schob Mama sie sanft in Richtung von Herrn Murks und murmelte: "Sag wenigstens 'Hallo', wenn Du schon keinen Knicks machst."
"Was ist ein Knicks?" wollte daraufhin Judith wissen und starrte ihre Mutter fragend an. Kerstin Rosenbusch verschluckte sich fast und stammelte erklärend:
"Ähm... naja, ich meinte, weil Du doch unsere Prinzessin bist... ein Knicks machen feine Damen, wenn sie sich irgendwo vorstellen..."
"Ja, aber was ist ein Knicks?"
"Herrjeh... ich kann auch keinen Knicks - das war doch nur so aus Spaß gesagt... Bernd, weißt Du, wie man einen Knicks macht? Männer... wisst ihr denn gar nichts..."
Auf einmal kicherte eine der drei anderen Frauen im Wohnzimmer und meldete sich zu Wort.
"Ich kann das zwar nicht sehr gut, aber schau mal, Judith, ein Knicks geht ungefähr so..."
Die Frau war etwas älter als Kerstin, trug einen weißen Wollpullover - obwohl es draußen eigentlich recht warm war - und hellblaue Jeans. Als sie jetzt in die Knie ging und ein Bein nach hinten streckte wirkte sie jedoch etwas albern. Judith musste lachen und kicherte:
"Das sieht aber nicht sehr fein aus... wenn eine Prinzessin so was machen muss dann möchte ich lieber keine sein."
"Naja, Du hast Recht... die Zeiten sind auch eigentlich vorbei."
Hastig stellte Judiths Mutter ihr die Frau vor, die etwas verlegen grinste und jetzt wieder gerade stand.
"Diese Dame, äh... also, das ist Frau Nadelsteig..."
Frau Nadelsteig schüttelte den Kopf. "Brecht-vom-Nadelstieg heiße ich. Aber das kann sich sowieso niemand merken. Du kannst mich Monica nennen, wenn Du möchtest - ich sage ja auch Judith zu Dir. In Ordnung?"
Judith nickte. Die Frau war wirklich nett.
"Wir werden uns ja öfter sehen. Ich unterrichte an Deiner Schule - aber ich weiß nicht, ob ich im nächsten Schuljahr Deine Klasse habe."
"Oh", sagte Judith, "Sie sind Lehrerin? Sie sehen gar nicht aus wie die Lehrer an meiner alten Schule... die waren alle... viel älter. Und die wissen bestimmt nicht, wie man einen Knicks macht."
Damit hatte Judith beinahe wieder einen Applaus verdient - der Abend entwickelte sich doch besser als gedacht und die Leute, die Mama eingeladen hatte, waren längst nicht so "spießig", wie Papa sie genannt hatte.

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gladiator

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*grübelnd*

@mact

Der Text bildet ja einen Ausschnitt, von daher kann ich nicht beurteilen, inwiefern der Besuch dieser Leute der Mutter wichtig ist. So vor sich allein genommen, kann ich schlecht nachvollziehen, warum es der Mutter unangenehm ist, daß ihre Tochter und sie nicht wissen, was ein Knicks ist.

Wahrscheinlich hatte sie ihren Auftritt gar nicht geplant, aber alle Köpfe drehten sich zu ihr um, als sie die Tür aufriss und in ihrem besten Kleid hereinschwebte. Darüber stolpere ich auch nach mehrmaligem Lesen. "Aufreißen" und "Hereinschweben" paßt nicht zueinander. Die Themenkomplexe "Schroff" und "Leicht" sind mir hier zu eng verbunden.

Das eine oder andere flüchtige Grinsen wurde hastig unterdrückt, als ein ziemlich dicker Mann mit einer großen dunklen Brille und fast völlig kahlem Kopf zu klatschen anfing. Warum grinsen die Leute, wenn ein Mann zu klatschen anfängt? So habe ich es zumindest verstanden...

Aber es geht ja um den Dialog.
Und zu dem kann ich gar nicht so viel sagen, weil ich ihn flüssig und lesbar finde. Die Sprache des Kindes scheint mir auch gut getroffen zu sein.
Du hast früher Orson Scott Gard zitiert und seine Ansprüche an die Sprache von Dialogen. Das hast Du hier anscheinend umgesetzt. Trotzdem neige ich eher dazu, Dialoge eher umgangssprachlich zu gestalten, allerdings natürlich dialektal oder so.
Ich meine damit, daß Menschen im alltäglichen Umgangston mehr Füllfloskeln benutzen und den Satzbau eher einfach halten.

Ein Beispiel:
"Bernd, weißt Du, wie man einen Knicks macht?" - Meine Version hätte gelautet: "Mensch, Bernd, wie geht ein Knicks?"

Weiteres Beispiel:
"Wir werden uns ja öfter sehen. Ich unterrichte an Deiner Schule - aber ich weiß nicht, ob ich im nächsten Schuljahr Deine Klasse habe." Meine Version: "Wir sehen uns ja dann öfter. Ich bin ja an Deiner Schule - " Das Futur wird meines Erachtens in der Umgangssprache meist durch das Präsens ersetzt.

Weiteres Beispiel:
"Das ist Herr Murks - er wohnt gegenüber auf der anderen Straßenseite in dem roten Haus." - "Das ist Herr Murks - er wohnt drüben in dem roten Haus."

Weiteres Beispiel:
"Das sieht aber nicht sehr fein aus... wenn eine Prinzessin so was machen muss dann möchte ich lieber keine sein." - "Das sieht aber nicht so fein aus...Dann bin ich lieber keine Prinzessin."

Gruß Gladiator
 
*mitgefangen – mitgehangen . . . weh dem, der in die werkstatt kommt . . . :D

hallo mact

und sich nicht traute, irgend etwas Sinnvolles - und es nicht wagte

Bein nach hinten streckte wirkte sie jedoch etwas albern – sie hat bereits erklärt, dass sie´s nicht so gut kann . . . hier wirkt das "jedoch" als ob sie davor erklärt hätte, es gut zu können, und damit holprig

Judith musste lachen und kicherte: - "Judith musste lachen und kicherte schließlich . . . oder . . . Judith konnte sich ein Kichern nicht verkneifen" – beide begriffe sperren sich aus

die etwas verlegen grinste und jetzt wieder gerade stand - die etwas verlegen grinsend nun wieder gerade stand . . . passt eigentlich . . . trotzdem ein vorschlag

aber die dialoge sind absolut gelungen . . . :D

schöne grüße

fredy
______________
ich konnte einfach nicht die finger davon lassen . . . ;)
 

ex-mact

Mitglied
Moin, Gladiator,

danke für die "drumrum" Anmerkungen - der Text ist 1:1 aus der unbearbeiteten Version rauskopiert, mit Sicherheit werden die einen oder anderen Anmerkungen meiner Lektoren da noch Eingang finden :)

Wichtiger hier ist der Dialog: wenn Du schreibst, daß ich die Kind-Sprache getroffen habe, unterstreichst Du damit ja gerade die These, daß man "wie echt, aber besser" schreiben soll. So, wie ich die Worte gesetzt habe, redet kein Mensch - aber es kommt "echt" rüber.

> Ein Beispiel:
> "Bernd, weißt Du, wie man einen Knicks macht?" - Meine
> Version hätte gelautet: "Mensch, Bernd, wie geht ein
> Knicks?"

Gerade Deine Version hätte ich nicht verwendet, denn sie _ist_ umgangssprachlich und liest sich nicht schön - der Ausruf "Mensch" könnte eventuell noch vertretbar sein, passt aber nicht zum sprechenden Charakter. Und ein Knicks "geht" nunmal nicht - man _macht_ ihn. Ich finde schon, daß diese Feinheiten das Lesen erleichtern, denn würde man _wirklich_ so schreiben, wie die Leute reden, fühlte man sich noch viel mehr gestört. Man konzentriert sich auf das Geschriebene nun einmal mehr als auf das Gesprochene.

> "Wir werden uns ja öfter sehen. Ich unterrichte an Deiner
> Schule - aber ich weiß nicht, ob ich im nächsten Schuljahr
> Deine Klasse habe." Meine Version: "Wir sehen uns ja dann
> öfter. Ich bin ja an Deiner Schule - " Das Futur wird
> meines Erachtens in der Umgangssprache meist durch das
> Präsens ersetzt.

Schon - aber auch "meine Version" ist hauptsächlich Präsenz (ob ich ... habe). Man SPRICHT "Ich bin an Deiner Schule" - aber, der hier postulierten Theorie folgend, man SCHREIBT "ich unterrichte an Deiner Schule". Ich finde, daß der umgangssprachliche Ton erhalten bleibt, weil im Nachsatz das "fälschliche haben" doch noch kommt.

Auch hier:

> "Das ist Herr Murks - er wohnt gegenüber auf der anderen
> Straßenseite in dem roten Haus." - "Das ist Herr Murks -
> er wohnt drüben in dem roten Haus."

Eben nicht "drüben" - das ist gesprochene Sprache und (IMHO) stört beim Lesen. Meine Version hier ist nicht gut, das finde ich auch - aber besser wäre vielleicht höchstens:
"Er wohnt gegenüber im roten Haus" - ein Misch unserer Versionen.

Auf jeden Fall denke ich, daß diese Beispiele genau das zeigen, um was es in der Diskussion geht: ich unterstütze Cards Behauptungen in diesem Zusammenhang, man solle auf "korrektere" Sprache achten, in Ton und Wortschatz aber der gesprochenen folgen.

Dank auch an Fredy, den ich nur kurz kommentieren möchte:

> Judith musste lachen und kicherte schließlich . . . oder
> "Judith konnte sich ein Kichern nicht verkneifen" ? beide
> begriffe sperren sich aus

Njaein... ich sehe, was Du meinst, hier steht das "Kichern" jedoch als Ersatz für "sagte" und beinhaltet die Überreste des Lachens. Insofern ist "Kichern" schon "richtiger"...
 

gladiator

Mitglied
*störrisch*

huhu mact,

wenn ich sage, daß Deine Dialoge flüssig geschrieben sind und Du die von Dir erwähnte Theorie nach meinem Empfinden gut umgesetzt hast, heißt das nicht, daß ich Deinen Dialogen und der Theorie folge.

Ich neige sogar, nachdem ich Deine Erläuterungen noch mal gelesen habe,zum genauen Gegenteil. Ich muß sagen, ich habe kein festes Konzept beim Gestalten von Dialogen, deshalb gefällt mir das hier umso besser. Ich merke, was ich wirklich wichtig finde.

Natürlich ist Dein Dialog flüssig zu lesen, aber trotzdem: Ich neige eher dazu, so zu schreiben, wie die Leute WIRKLICH reden und nicht, wie es sich womöglich flüssig liest.
Natürlich kommt es "echt" rüber, was Du geschrieben hast. Aber möglicherweise liegt es auch daran, daß wir keine andere schriftliche Form des Dialogs (zumindest im Mainstream) gewöhnt sind.
Was ich sagen will: Vielleicht akzeptieren die Leser, die Worte, die Du Deinen Protagonisten in den Mund gelegt hast, nur deshalb, weil sie nichts Anderes gewöhnt sind. Genau das ist es ja, was mich diesen Thread hat eröffnen lassen.

Ich neige noch immer zu einer eher "realistischen" Sprache in den Dialogen. Mich überzeugt das mehr und ich finde auch immer noch nicht, daß meine Vorschläge den Lesefluß stören.

Aber hier geht's ja nicht darum, daß wir uns gegenseitig davon überzeugen, sondern darum, uns darüber auszutauschen, wie man Dialoge gestalten kann. Deshalb freue ich mich auch schon auf Deine Antwort.

Gruß
Gladiator
 

ex-mact

Mitglied
Moin,

naja... Du hattest ja gesagt, daß Dir Deine eigenen Dialoge - verglichen mit gelesenen von anderen Autoren - oft nicht gefallen. Meiner Meinung nach könnte ein Grund dafür sein, daß Du "nur so schreibst, wie man spricht" - statt, wie es "gewöhnlich gemacht wird", die Sprache aufzubessern.

Letztlich kann man das aber kaum theoretisch lösen - zwar empirisch (und dafür hast Du selbst das beste Beispiel geliefert), aber nicht mit "falls-dann" Diskussionen. Mein Beispiel sollte genau das zeigen, was es tut: auch wenn der Ausschnitt noch weit vom endgültigen Stadium ist, kann man ihn flüssig lesen und die Dialoge "stimmen" (großteils, meiner Meinung nach, etc.pp.) eben WEIL sie NICHT wie die gesprochene Sprache sind.

Natürlich steht es Dir frei, den Revoluzzer der Schriftsprache zu mimen <grin>, aber manchmal ist das, was man gewöhnt ist, nicht unbedingt das Schlechteste.

In diesem Sinne: stell doch einfach mal einen Dialog von Dir vor und ICH versuche, diesen umzuändern. Dann hätten wir Beispiel und Gegenbeispiel.
 

gladiator

Mitglied
Ich bin kein Revoluzzer...

Mir gefallen meine Dialoge oft nicht, gerade WEIL sie so "nicht wie die gesprochene Sprache" sind. Aber ich denke wir drehen uns ein bißchen im Kreis und deshalb suche ich jetzt einen Dialog heraus und stelle ihn hier rein. Wobei meines Erachtens schon der Dialog in meinem Text "Bea und Melanie" viel von dem hat, was ich meine...

Gruß
Gladiator
 

gladiator

Mitglied
Nächstes Beispiel:

Völlig aus dem Zusammenhang, aber das ist ja nicht entscheidend.

„Waren Sie spazieren?“ sprach Matteo sie an und Bea wurde rot, weil sie sich ertappte fühlte, wie sie ihn angestarrt hatte. Sie nickte.
„Ein Traum, dieses Dorf“, schwärmte sie. „Genau das Richtige, um wieder fit zu werden...“
„Fit zu werden wofür?“
„Ich habe einen harten Job“, sagte Bea achselzuckend.
„Aha...“
Stille.
„Reisen Sie nur, um sich zu erholen?“ fragte er dann und zupfte an den Saiten seiner Laute. Bea sah von ihrer Brigitte hoch.
„Weshalb denn sonst?“
„Naja, um Dinge zu sehen, zu erleben und Menschen zu begegnen.“
Bea schüttelte den Kopf. „Ich erlebe in meinem Beruf genug. Wenn ich in den Ferien bin, will ich nichts sehen, hören oder fühlen. Da will ich nur Erholung. Und Sie? Reisen Sie viel?
Matteo nickte. „Ich reise eigentlich nur. Ich habe keinen festen Wohnsitz.“
Ach Gott, ein Rumtreiber, dachte Bea bei sich.
„Und wie bezahlen Sie ihre Reisen?“ fragte sie laut und ärgerte sich, weil ihr Blick dabei unwillkürlich auf sein ärmliches Äußeres gefallen war.
Matteo lächelte.
„Ich weiß, ich sehe aus wie ein Landstreicher...“ Bea hob abwehrend die Hände. „Nein, nein, ich weiß, wie ich aussehe. Aber ich bin genügsam. Was ich zum Leben brauche, verdiene ich mit meiner Musik, Kleidung bekomme ich geschenkt, wenn sie übrig ist. Mehr brauche ich nicht.“
„Aha, und bei Ihren Reisen lernen Sie viele Menschen kennen?“
„Unzählige.“
„Deren Geschichten Sie zu Liedern machen?“
„Wenn es schöne Geschichten sind...“
„Bin ich auch so eine Geschichte für Sie?“ fragte Bea und lächelte spöttisch. Matteo lächelte zurück.
„Wer weiß...“, sagte er und sah sie mit seinen bläulich umschatteten Augen freundlich, aber durchdringend an. „Was war denn das schönste Erlebnis in Ihrem Leben?“
 

ex-mact

Mitglied
Moin,

meine Vorschläge - unter der Richtlinie, den Text "flüssiger" zu gestalten:

> ?Waren Sie spazieren?? sprach Matteo sie an und Bea wurde
> rot, weil sie sich ertappte fühlte, wie sie ihn angestarrt
> hatte. Sie nickte.
> ?Ein Traum, dieses Dorf?, schwärmte sie. ?Genau das
> Richtige, um wieder fit zu werden...?

Sie nickte: "Dieses Dorf ist ein Traum - genau das Richtige, um wieder fit zu werden."

> ?Fit zu werden wofür??
> ?Ich habe einen harten Job?, sagte Bea achselzuckend.

"Fit?" Er musterte sie. "Wofür wollen Sie fit werden?"
Bea zuckte mit den Achseln. "Ich habe einen harten Job."

> "Reisen Sie viel?"
> Matteo nickte. ?Ich reise eigentlich nur. Ich habe keinen
> festen Wohnsitz.?

Matteo nickte. "Ich bin nur auf Reisen, einen festen Wohnsitz habe ich gar nicht." (oder: ich bin ständig unterwegs)

(Begründung hier: Du wiederholst Deine stilistischen Figuren sehr oft - die Verben z.B.)

> Ach Gott, ein Rumtreiber, dachte Bea bei sich.
> ?Und wie bezahlen Sie ihre Reisen?? fragte sie laut und
> ärgerte sich, weil ihr Blick dabei unwillkürlich auf sein
> ärmliches Äußeres gefallen war.

Reisenreisenreisen... und die transitiven Verben... also:

"Wie können Sie sich das leisten?"... oder "Wovon bezahlen Sie das?"...

> Matteo lächelte.
> ?Ich weiß, ich sehe aus wie ein Landstreicher...? Bea hob
> abwehrend die Hände. ?Nein, nein, ich weiß, wie ich
> aussehe. Aber ich bin genügsam. Was ich zum Leben brauche,
> verdiene ich mit meiner Musik, Kleidung bekomme ich
> geschenkt, wenn sie übrig ist. Mehr brauche ich nicht.?

Auch hier würde ich die Figuren aufbrechen (SPO-Sätze):
"Nein, nein - ich weiss, wie ich aussehe. Aber das genügt mir, ich verdiene, was ich zum Leben brauche, mit meiner Musik. Manchmal schenkt mir jemand etwas, einen Pullover oder eine Hose. Mehr brauche ich nicht."

(Passiva vermeiden... zwar verwenden wir solche in der gesprochenen Rede, aber in der Schrift wirken sie meist wenig gut)

> ?Aha, und bei Ihren Reisen lernen Sie viele Menschen
> kennen??
> ?Unzählige.?

Begriffswiederholung (Reisen, kennenlernen)...

"Aha, Sie treffen bestimmt viele Menschen...?"
"Sehr viele."

(_da_ würde ich wiederholen - er greift das Wort auf.)

> ?Deren Geschichten Sie zu Liedern machen??
> ?Wenn es schöne Geschichten sind...?
> ?Bin ich auch so eine Geschichte für Sie?? fragte Bea und
> lächelte spöttisch. Matteo lächelte zurück.

Den Teil finde ich gut.

> ?Wer weiß...?, sagte er und sah sie mit seinen bläulich
> umschatteten Augen freundlich, aber durchdringend an. ?Was
> war denn das schönste Erlebnis in Ihrem Leben?"

Hier stolpere ich: er sprach gerade von "schönen Geschichten", sie fragt, ob sie eine solche sei. Er könnte auf den Fauxpas reagieren und sagen: "Sie erfüllen die Anforderungen" (ein Brüller! :) ) oder er zieht sich in seine geheimnissvolle Aura zurück und sagt nur: "Erzählen Sie doch mal..."

Sicherlich treffe ich nicht genau Deinen Stil - aber vielleicht siehst Du, in welcher Richtung ich versuche, die Dialoge zu gestalten.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
zu spät?

…ich hoffe, du hast noch nicht zu viel am Dialog geändert, gladi: Ich finde ihn (fast) völlig stimmig.

Nur:
**„Waren Sie spazieren?“ sprach Matteo sie an und Bea wurde rot, weil sie sich ertappte fühlte, wie sie ihn angestarrt hatte. Sie nickte. **
Hier ist der Zwischensatz zu verschachtelt (gemssen am ansonsten sehr knappen Stil). Wie wär's mit: ***Bea starrte ihn an. „Waren Sie spazieren?“ sprach Matteo sie an und Bea wurde rot. Sie nickte nur. ***

**Bea sah von ihrer Brigitte hoch.
„Weshalb denn sonst?“ **
***Bea sah von ihrer Brigitte hoch. „Weshalb sollte ich sonst reisen?“*** – Sie ist noch nicht im kumpelhaft-knappen Redestil angekommen. Sie schafft mit dem längeren Satz Raum zwischen sich und dem (etwas) heruntergekommen wirkenden Typen. Sie ist außerdem „was besseres“ als der „Lumpen-Typ“ und spricht gewählter.
Oder?

**„Und wie bezahlen Sie ihre Reisen?“ fragte sie laut und ärgerte sich, weil ihr Blick dabei unwillkürlich auf sein ärmliches Äußeres gefallen war. **
Das ist zu un-umgangssprachlich – in Wirklichkeit DENKT sie doch nicht: Wie bezahlt er die Reisen? sondern: Wie bezahlt er sein Leben als Rumtreiber?
***„Und wie bezahlen Sie das alles?“ fragte sie laut und ärgerte sich, weil ihr Blick dabei unwillkürlich auf sein ärmliches Äußeres gefallen war. ***

Schluss: Ich fände auch sowas wie ***„Sie genügen den Anforderungen", lächelte er, fast schon unverschämt.*** oder ***„Versuchen Sie's!*** besser.

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Generell: Ich prüfe Dialoge, indem ich sie mir laut vorlese – als würde ich sie spielen. Da werden Holperstellen recht schnell hörbar, auch in den „umliegenden“ Sätzen. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass alles, was die Redenden tun (zumindest was beschrieben wird, was sie tun), Kommunikation beinhaltet oder unmittelbar mit der Rede zu tun hat.

Etwa wie:

Sie liefen den Gang entlang.
"Ich nehme den Posten an", sagte er.
Sie blieb stehen. "Was? Wir wollten doch…"
Er wandte sich um. "Ich weiß, aber so eine Chance bekomme ich nie wieder."

Oder:
Sie liefen den Gang entlang.
"Ich nehme den Posten an", sagte er.
Sie blieb stehen. "Was? Wir wollten doch…"
Er wandte sich nicht um. "So eine Chance bekomme ich nie wieder."

Völlig sinnlos wäre:
Sie liefen den Gang entlang. Er war schnurgerade.
"Ich nehme den Posten an", sagte er. Ein Schott öffnete sich neben ihm und ein Servokäfer kroch heraus.
Sie blieb stehen. "Was? Wir wollten doch…"
Er wandte sich um. "Ich weiß, aber so eine Chance bekomme ich nie wieder."


Anders klingt es schon, wenn man das Schott später aufgehen lässt:
Sie liefen den Gang entlang.
"Ich nehme den Posten an", sagte er.
Sie blieb stehen. "Was? Wir wollten doch…"
Ein Schott öffnete sich. Er musste einer daraus hervorkriechenden Servoeinheit ausweichen und wandte sich dann um. "Ich weiß, aber so eine CVhance bekomme ich nie wieder."
(Er schindet sozusagen Zeit, eher er antwortet)
 
Ich verfolge mit großem Interesse eure Diskussion. Die Ratschläge sind teilweise sehr lehrreich.
Ganz wichtig finde ich das laute Vorlesen. Auch bei der X-ten Lesung habe ich stets einen Stift zur Hand, um 'Holperstellen' anzukreuzen. Sie sind ein sicheres Zeichen dafür, das etwas nicht stimmt. Genau so verhält es sich, wenn ich im Text Schwierigkeiten mit dem Luftholen bekomme, also an der falschen Stelle einatmen muss.

Weiter so! Ich bleibe am Ball.
Viele Grüße
Will
 
R

Rote Socke

Gast
Nur mal als Anmerkung!

Auch ich lese hier fleißig mit und profitiere von Eurer Arbeit in diesem Thread. Man muss ja nicht immer aktiv dabei sein, trotzdem bleibt ein Auge im Thread. ;)

Gruss
RS
 

visco

Mitglied
Thema: Dialoge

Hallo allerseits!

An dieser tollen Diskussion zum Thema Dialoge möchte ich mich auch gerne beteiligen.

Als Leser mag ich den Dialog als Gestaltungsmittel sehr. Ich gebe mich gerne der Täuschung hin, mir so ein eigenes Bild vom jeweils Sprechenden machen zu können, obwohl dessen Ausdrucksweise und der Inhalt des Gesprochenen natürlich genauso vom Verfasser gelenkt werden wie alle anderen Hinweise, die eine Charakterisierung zulassen.
Die handelnden Figuren selber zu Wort kommen zu lassen, erhöht nach meinem Empfinden deren Lebendigkeit und verdeutlicht deren Beziehung zueinander.

Der Dialog ist ohne Zweifel ein wesentlicher Bestandteil des szenischen Darstellens, welches den Leser die Interaktion der handelnden Figuren, deren unmittelbare Reaktionen sozusagen in Echtzeit miterleben läßt. Gegenüber den nichtszenischen Erzählformen (deskriptiv und reflektierend), bei denen aus einer gewissen Distanz berichtet (Ereignisfolgen), geschildert (besondere Umstände), beschrieben (Orte und Personen) und beurteilend kommentiert (Verhaltensweisen und Gedanken) wird, nimmt man stärker am aktuellen Geschehen teil (häufig ein dramatisches Ereignis oder ein emotionsgeladener Konflikt), welches sich über den Dialog entwickelt und dabei auf einen Höhepunkt zusteuert.

In verbalen Auseinandersetzungen ist der Dialog Informations- und Aktionsträger; er vermittelt notwendige Informationen (erzählrelevante Mitteilungen, z.B. zum Verständnis und/oder zur Charakterisierung des Sprechers, etc.) und treibt die Handlung voran.

Wie die Szene selbst sind auch die Dialoge vorzugsweise auf Wirkung ausgelegt. Neben der für die Glaubwürdigkeit unverzichtbaren Wahrung der Natürlichkeit einer in der Regel nachgestellten Gesprächssituation steht die dynamische Weiterentwicklung des fokussierten Themas im Vordergrund, um den Leser zu fesseln. In ausufernden Dialogen (unnötige Ausschweifungen, Einbindung von Beschreibungen in wörtlicher Rede) geht nach meinem Empfinden viel dieser Wirkung verloren. Die größte Wirkung erzielen m.E. bezeichnende, prägnant informative Dialoge.

Eine jeweils unverwechselbare Ausdrucksnote fördert die leichtere Unterscheidbarkeit der Sprecher und macht zudem ergänzende Kennzeichnungen überflüssig. Durch eingeflochtene Hinweise zur Mimik, Gestik und/oder Körperhaltung kann das Gesprochene betont, relativiert oder ironisiert werden.


So weit vielleicht erst einmal.
Ich hoffe, ich konnte auch etwas zu dieser Diskussion beitragen und würde mich freuen, wenn sie fortgesetzt würde.

Einen lieben Rundumgruß,
[ 6]Viktoria
 

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