Die Agenda der ganzheitlichen Projekte

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Ein Projekt: das war vor Jahren das kommende Wort. Es gibt kommende Wörter wie es kommende Männer und Frauen gibt. Eine der Theaterfiguren Heinrich Manns sagt einmal: „Wir haben nichts, was eine Sache ist, aber wir haben Sachlichkeit.“ Manche hatten damals ein Projekt. Nur einige Jahre später wurde einer von ihnen sogar Minister. Sein langjähriges Projekt war allein gewesen – eben Minister zu werden. Es kam dann auch, mangels anderer Projekte, bald zu einem Krieg, der alle sehr verblüffte. Der Minister gebrauchte das geliebte Wort Projekt weiterhin derart häufig, dass kluge, vorausschauende Leute es schon nicht mehr benutzen wollten: Es war bereits ein Wort von gestern. Indessen kopierte man nun die zweite Spezialität des Ministers, und die war sein schwer nachzuahmender, staatsmännisch besorgter Faltenwurf des Gesichts. Die Lage war noch nie so ernst.

Man hätte gewarnt sein können. Den allzu Sensiblen stand das Schicksal eines anderen abgehalfterten Wortes vor Augen: ganzheitlich. Das war in den Zeiten der kritischen Analyse das himmlische Manna gewesen. In Kritik und Analyse war die ganze Manna versprechende Richtung, die einem so gut passte wie ein bequemer Turnschuh, ja stark gewesen. Die Macht über die verrotteten Zustände fiel ihr wie einem Alleinerben nach Ableben des Vorläufers zu. Angesichts der wahren Lage erhielt das arme Wort ganzheitlich dann sofort Landesverweis und war landesweit durch Projekte zu ersetzen, deren Scheitern in der Praxis nun in erneutem dialektischem Umschwung zu nochmaligem Ausweichen in die Breite führte: Agenda war nun das kommende Wort. Die Herren über die Projekte entschuldigten sich ganzheitlich mit der Vielzahl unlösbar erscheinender Aufgaben - sie aufzulisten, war immerhin auch schon mutig: in der Tat.
 
M

Metino

Gast
Mit der Wiedervereinigung dachten die freien Ossis, das Projekt BRD mit Märchen durch Leipzsch und Dräsdn beenden zu können da ja nur noch sie das Volk warn.
 
Verblüffende Assoziation, Metino. Allerdings war die alte BRD ein ganz reales und auch realisiertes Projekt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Im Text hier geht es um reine Worthülsen, wie sie seit den 1990ern üblich wurden, um Wähler zu täuschen und sich, losgelöst von allem Konkreten, an die Macht zu schleichen - mit der man danach ganz nach Belieben verfuhr, auch entgegengesetzt jeder Parteiprogammatik, die in Wahlkämpfen präsentiert worden war.

Arno Abendschön
 
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Metino

Gast
Mag sein aber es ist wie Du es sagst, eine Assoziation die ich mir machte, weil ich das Mal im Zusammenhang mit einigen Gruppierungen las. Im Netz gegen Nazis hab ich das gelesen. Diesbezüglich kann man es nicht mehr als Projekt sehen.
Es bleibt aber bei der Assoziation, schönen Abend für dich!!!
 

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