Die Assel

Frank Zimmermann

Junior Mitglied
DIE KELLERASSEL
Es war einer dieser typischen Wintermorgen, noch dazu ein Montag. Der Radiowecker quäckte um 6:30 Uhr den Rest eines Popsongs, bevor der Nachrichtensprecher mit seiner sonoren Stimme Hiobsbotschaften verbreitete, von der politischen Weltlage, über den Wetterbericht, bis zu den Verkehrsmeldungen, alles Scheiße! Sven huschte ins Bad: Heizung aufdrehen, Wasser lassen, zurück ins Bett. Dann blieb er noch ein Weilchen unter der Decke liegen, die ihn vor der unerbittlichen Kälte des januarmorgendlichen Schlafzimmers schützte. Doch die Zeit blieb nicht stehen und er hatte abzuwägen was schlimmer war, ein neuer Morgen in Hektik oder das rechtzeitige verlassen der Bettstatt. Er entschied sich für zweiteres und ging erneut ins Badezimmer, wo nun die Eisblumen am Fenster mit der aufwallenden Wärme der Heizung kämpften. Es war noch einer von diesen alten Gußeisenkörpern, viel zu groß für den Raum und mit einem enormen Verbrauch, aber in diesem Winter, in dem die Spatzen erfroren von den Bäumen fielen, liebte Sven diesen enormen Wärmespender. Er zog den Duschvorhang zu und drehte das heiße Wasser auf. Er erschrak über das grau-schwarze Etwas, das versuchte vor den anschwellenden Wassermassen zu fliehen: eine Kellerassel. Wahrscheinlich war auch sie vor der Kälte geflohen und dabei in Svens Badewanne gelandet. Nackt, naß und verschlafen wirkte dieses kleine Tier abstoßend und bedrohlich auf Sven und er hatte nicht das geringste Interesse daran, das Tier, das nun den Badewannenrand hochkrabbelte, gleich an seinem Bein zu haben. Er ließ das heiße Wasser in seinen Händen zusammenfließen und warf diese Wasserbombe dann unmittelbar über der Assel ab. Diese konnte sich nicht halten, wurde vom Wasser zurück in die Wanne gespült, trieb auf den Fluten und krallte sich dann am Haarsieb des Gullis fest. Von dort aus startete sie einen erneuten Versuch, den rettenden Badewannenrand zu erreichen. Sven verschärfte nun seine Attacke, indem er statt Wasser sein Shampoo benutzte, um die Assel zu bombadieren. Diese schien auch wirklich im Shampoo-Sumpf zu verenden, denn das Shampoo verklebte ihre emsigen Beinchen, wodurch ihr Fluchtversuch in einem hilflosen Zappeln endete. Sven seines Triumphes sicher ging in die Hocke, um den Todeskampf seines Opfers aus der Nähe zu betrachten, um sich damit trösten zu lassen, für all das Unrecht, das die Welt ihm antat. Endlich hatte er das nach unten weitergeben können. Entsprechend drastisch wurde seine Reaktion, als dieses verdammte, gepanzerte Geschöpf sich noch einmal zu erholen schien. Er nahm den Verschluß der Shampoo-Flasche, setzte den Rand auf dem Rücken der Assel an, und zerteilte sie langsam aber zielstrebig ziemlich genau in der Mitte. Der Chitinpanzer knirschte angemessen laut und das Gezappel der Assel ebbte ab. Die beiden Leichenteile taumelten zurück in die Badewannenfluten und wurden vom Gullistrudel auf den Boden des Haarsiebs gezogen. Sven richtete sich befriedigt auf und sah dann, dem knisternden Geräusch folgend, erschrocken an die Decke. Das letzte was er in seinem Leben sah, war eine schwarz-graue, kribbelnde-krabbelnde Masse, die auf ihn niederstürzte.


(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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