Die Blume

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anbas

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Die Blume

"Riech mal!", sagte Mia und hielt mir eine Blume vor die Nase.
"Das ist doch nur eine Plastikblume!", brummte ich und schob ihre Hand beiseite. Dann sammelte ich die Zeitungen auf, die wild verstreut um das Sofa herumlagen, und packte sie ordentlich in den Zeitungsständer. Seit etwa zwei Stunden war ich damit beschäftigt, die Wohnung zu putzen und aufzuräumen. Wenn Claudia nachher von ihrer Geschäftsreise zurückkam, sollte unser Heim wieder in einem top Zustand sein. Die Spurenbeseitigung der kleinen und größeren Pannen aus den letzten Tagen dauerte deutlich länger als ich erwartet hatte. Nun kam ich zunehmend unter Zeitdruck. Insgesamt hatte ich es mir leichter vorgestellt, Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen.

"Na und? Sie duftet trotzdem! Hier, riech doch auch mal!"
Wieder hielt sie mir die Blume entgegen, und sah mich erwartungsvoll an.
"Ach, hör doch auf mit dem Unsinn! Ich habe für sowas jetzt echt keinen Nerv. Das Ding ist aus Plastik und kann gar nicht duften, klar? Und jetzt lass mich hier weitermachen. Hast du inzwischen dein Zimmer aufgeräumt?"
Gereizt ging ich zum Fenster, um ein wenig zu lüften. Der Gestank von den verbrannten Koteletts, die ich gestern Abend zustande gebracht hatte, lag immer noch in der Wohnung – das Spiel der Nationalmannschaft war einfach zu spannend gewesen. Mia hatte sich dann über den anschließenden Besuch bei McDonalds sehr gefreut. Diese Begeisterung hätten meine Koteletts bei ihr nie ausgelöst. Claudia würde es sicherlich nicht gefallen, wenn sie erfuhr, wo wir gestern Abend zum Essen waren – und sie würde es erfahren, denn Mia war als Geheimnisträgerin absolut ungeeignet.

Wir wohnten im fünften Stock eines Mietshauses. Für einen Moment blieb ich am geöffneten Fenster stehen und blickte nach draußen. Dort zogen dichte Regenwolken über die tristen Dächer der Siedlung. Die Straße war wie leergefegt. Nur ab und zu sah ich unten auf dem Bürgersteig einen Schirm entlanghuschen. Der Regen musste gerade erst aufgehört haben, es tropfte noch überall von den Dächern und Bäumen, und in den Rinnsteinen sammelte sich das Wasser, um dann irgendwo in irgendeinem Siel zu verschwinden. Zurück blieben matt glänzende Flächen aus Gehplatten und Asphalt. Es war eine graue, trübe Welt, auf die ich da hinunterschaute.

Die Gegend hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ich hatte hier schon als Kind gelebt. Mir fiel ein, wie ich damals an solchen Regentagen draußen herumgetollt habe. Nass und verdreckt kam ich abends nach Hause. Mutters Strafpredigten ließ ich schuldbewusst über mich ergehen. Und oft lag ich nach solchen Eskapaden ein paar Tage später mit einer Erkältung im Bett.
Doch wo waren jetzt die Kinder, die im Matsch spielten? Kinder, die Staudämme bauten oder mit kleinen Booten die Sieben Weltmeere für sich eroberten – eben so, wie wir es früher getan hatten. Unsere Phantasie kannte keine Grenzen: Einzelne Pfützen verbanden wir durch Kanäle, auf neu angelegten Inseln bauten wir Burgen, und Staudämme wurden errichtet oder wieder eingerissen. Wir waren die Weltenbummler, Piraten und Baumeister. Wie groß war immer das Gemaule, wenn wir ins Haus gerufen wurden. Mit den Gedanken bei unseren Bauwerken ließen wir wieder einmal die vorwurfsvollen Worte unserer Mütter über uns ergehen. Mit neuen Plänen für den nächsten Tag gingen wir zu Bett. Mit der Hoffnung, dass möglichst alles noch so war, wie wir es verlassen hatten, eilten wir am nächsten Tag wieder zu unseren Pfützen. Schnell waren die Ermahnungen vergessen, dass wir diesmal mehr aufpassen und uns nicht wieder so einsauen sollten.
Doch Staudämme, Brücken, Kanäle und Inseln verschwanden mit dem Bau der Siedlung. Stattdessen gab es Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste aus Eisen, sowie Sandkästen, in denen sich keine Pfützen bilden konnten. Wir dachten uns neue Spiele aus: Das Klettergerüst, die Rutsche und die Schaukel wurden zu Raumschiffen, Flugzeugen, Rennwagen, U-Booten oder Felswänden. In den Sandkisten bauten wir Burgen, Höhlen oder Straßen für kleine Autos. Wir erfanden viele Spiele – nur die Pfützen gab es nicht mehr. Immer häufiger warteten wir nach einem Regenguss bis es draußen wieder trocken war. Dann erst trafen wir uns zum Spielen. Und irgendwann blieb der Spielplatz an Regentagen leer und verlassen.
Auch jetzt waren unten keine Kinder zu sehen. Doch auch an schönen Sonnentagen wurde der Spielplatz kaum genutzt. Verbeulte Cola-Dosen, zerrissene Chiptüten und leere Zigarettenschachteln lagen verstreut in der Sandkiste umher. Von der Rutsche und dem Klettergerüst war schon längst die Farbe abgeblättert, und unter der Schaukel, die so furchtbar quietschte, hatte sich eine tiefe Mulde gebildet, in der sich nun etwas Wasser gesammelt hatte – es war die einzige Pfütze weit und breit.

Wie lange ich wohl hinausgeschaut hatte? Unten auf der Straße gingen die Laternen an. Langsam drehte ich mich wieder um. Mia stand immer noch mit ihrer Blume da. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an und sagte fast schon flehend: "Bitte Papa, riech mal! Ich hab' sie doch extra für dich gepflückt! Sie duftet wirklich schön! Siehst du!" Dann schnupperte sie an diesem Plastikteil und lächelte verzückt. Wieder hielt sie mir die Blume hin. Nach kurzem Zögern nahm ich sie und schnupperte ebenfalls an ihr.
"Hmm, danke! Du hast recht, sie duftet, wirklich sehr schön!"
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Maribu

Mitglied
Hallo Andreas,

ein nachdenklich stimmender, gut gelungener Text!

Ja, früher war nicht alles besser, aber anders!
Die Kinder werden heute zusehr in Watte gepackt; werden zur Schule kutschiert und wenn es regnet, kann man nass werden und sich eventuell eine Erkältung holen. Dann bietet es sich doch an, in der Wohnung zu bleiben und auf dem iPhone herumzuspielen, das strengt auch den Geist nicht so an!

Die Mia hat ja noch Phantasie, spürt den Duft der Plastikblume.
Wie schön, dass der Papa darauf eingeht!

Beste Grüße
Maribu
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo anbas,

gut geschriebene Geschichte, wie immer. Am Handwerklichen gibt es außer einer Sache - siehe später - nichts zu bemängeln.

Inhaltlich habe ich so meine Schwierigkeiten. Der Papa erfüllt voll das Klischee, mit dem Haushalt überfordert zu sein, wenn Mama mal nicht da ist. Und sie war nur ein paar Tage weg und sofort ist Chaos - bei einem Kind und einem Papa müsste das schon vorher da gewesen sein.

Und natürlich hat er die Schnitzel anbrennen lassen, weil er Fußball gucken musste. Und natürlich ging es deshalb zu McDoof. Den im Text verwendeten Namen musst Du übrigens ändern, da Klarnamen von Firmen unter das Werbeverbot fallen.

Auch seine Gedanken zum Thema "Früher war alles besser" sind schon tausendmal gesagt und aufgeschrieben. Das finde ich zu langweilig.

Jetzt kommt die Plastikblume ins Spiel. Ein geschickter Schachzug, denn das stimmt nachdenklich: Das Kind hält sie ja wirklich für eine echte duftende Blume.

Papa geht darauf ein.

Alles gut?

Nein! Für mich wäre es plausibler gewesen, Papa hätte die Chance genutzt und gesagt: Mia, das ist keine echte Blume. Komm mit, wir gehen hinaus in den Regen. Fühlen die Tropfen, lassen uns nassmachen und suchen eine 'richtige' Blume. Und dann schnupperst Du mal dran und merkst, wie sie wirklich duftet ...


So wäre es mich passender gewesen.


Viele Grüße,

DS
 

molly

Mitglied
"Dann schnupperte sie an diesem Plastikteil und lächelte verzückt. Wieder hielt sie mir die Blume hin. Nach kurzem Zögern nahm ich sie und schnupperte ebenfalls an ihr.
"Hmm, danke! Du hast recht, sie duftet, wirklich sehr schön!"


Hallo Andreas,

Ich glaube, hier denkt der Papa noch an seiner Kinderzeit, an die Spiele, was für die Jungs alles echt war und doch nur in ihrer Fantasie existierte. Darum hat er Mias Blume angenommen.

Die Idee, mit dem Kind in den Regen zu gehen, der ja fast vorbei war, finde ich schön, aber nicht alle Erwachsenen möchten sich der "Natutgewalt Regen" aussetzen.

Liebe Grüße

molly
 

steyrer

Mitglied
Blume und Pfütze

Ich nehme an, es soll eine melancholisch-nostalgische Geschichte mit versöhnlichem Ende werden? In diesem Falle stört mich die Antwort: Ich hab' sie doch extra für dich gepflückt!

Begründung: Das Kind gibt schon im zweiten Absatz zu, dass die Blume nur aus Plastik ist: Na und? Sie duftet trotzdem! Dass (auch duftende) Plastikblumen nicht auf der Wiese wachsen, wissen auch kleine Mädchen. Wo hat sie die Blume also „gepflückt“? Aus einer Vase vielleicht?

Interessant finde ich die Gegenüberstellung der Gerüche: Der eingebildete Duft der Plastikblume und der Gestank der zwar echten, aber verbrannten Koteletts.

Abschließend: Am Spielplatz steht wieder eine Pfütze und die Plastikblume duftet. Diesen Schluss halte ich für absolut ausreichend. Ein Happy End würde angeklebt aussehen.

Schöne Grüße
steyrer
 

georg

Mitglied
Gelungen

Hallo Andreas,

Volle Punktzahl.


Der Text ist flüssig. Liesst sich sehr angenehm. Wortwahl ist sehr gelungen. Der Sinn der Geschichte Sehr Gut! Selten lese ich Kurzgeschichten komplett durch, weil mich ständig was stört und ich sofort aussteige. Bei deiner Kurzgeschichte sind alle Aspekte eines guten Romanes abgedeckt. Mach auf jeden Fall weiter!
 

anbas

Mitglied
Hallo in die Runde,

zur Zeit komme ich nicht dazu, ausführlich auf Eure Kommentare einzugehen. Ich nehme es mir fast täglich vor, aber irgendwie klappt es dann doch nicht. Aber vielleicht wird es ja heute Abend was ... ;).

Daher jetzt erstmal nur dieses kurze "Lebenszeichen" verbunden mit meinem herzlichen Dank für Eure Rückmeldungen und Wertungen.


Liebe Grüße

Andreas
 

anbas

Mitglied
Nun aber ... ;)


Hallo Maribu,

ich freue mich, dass Dir diese Geschichte gefällt und danke Dir auch für Deine weitergehenden Gedanken.



Hallo Doc,

vielen Dank für die Auseinandersetzung mit dem Text. Über das
gut geschriebene Geschichte, wie immer
freue ich mich natürlich besonders ;).

Aber auch für die übrigen Anmerkungen bin ich Dir dankbar - sie sind noch lange nicht ad acta gelegt. Daher möchte ich mein gleich hin und wieder kommendes "Aber" unter Vorbehalt sehen, da ich noch im Denkprozess bin.

Zum Klischee - ja, ist vielleicht etwas zu viel des Guten. Grundsätzlich aber empfinde ich es zeitweilig auch schon als zu gewollt, wenn "krampfhaft" versucht wird, mit jedem Klischee zu brechen oder jedes zu umschiffen. Mal sehen, hier kann ich mir schon vorstellen, dass ich ein paar Stellen ändere.

Zum Klarnamen - werde ich bei Gelegenheit ändern, aber zähneknirschend. Ich finde nicht, dass die Nennung eines Klarnamens auch gleich versteckte Werbung ist. Es gibt so viele Geschichten, in denen inzwischen Product- und Firmennamen genannt werden, weil sie einfach zum alltäglichen Leben dazugehören ... aber wenn's denn sein muss :(.

Früher war alles besser - man kann die Geschichte so lesen. Mir geht es eher um - wie Maribu es formuliert - früher war vieles anders. Und da sollten melancholische Rückblicke durchaus "gestattet" sein.

Dein Vorschlag zum Ende - das wäre für mich eine zu große Kehrtwende für eine solch kleine Episode. Der Vater geht auf das Spiel der Tochter ein. Das reicht (mir) völlig aus.



Hallo steyrer,

auch Dir danke ich fürs Feedback.

Ich sehe keinen Widerspruch darin, dass das Kind weiß, dass es sich um eine Platikblume handelt und später sagt, dass es sie extra für den Papa geflückt hat. Kinder backen auch Kuchen aus Sand und tun so, als würden sie ihn essen, bleiben also im Spiel, obwohl sie wissen, dass sie das Zeug nicht in den Mund nehmen sollten.

Was das Ende betrifft, so möchte ich es wirklich so lassen, wie es ist. Es deutet ein kleines Happy End an, lässt aber offen, wie es dann weiter geht (danach wäre sogar noch Platz für die Idee von Doc Schneider ;)).


Also, noch mal vielen Dank. Ich werde an dieser Geschichte dran bleiben. Sie ist schon recht "betagt" - ich habe sie vor etwa dreißig Jahren geschrieben, zwischendurch ein paar Mal überarbeitet, und jetzt bin ich noch einmal gründlich drübergegangen. Nach so einer langen "Bauphase" will ich irgendwann auch mal zum Abschluss kommen :D.


Liebe Grüße an Euch alle

Andreas
 

anbas

Mitglied
Liebe Monika,

vielen Dank für Deine Gedanken.

Ja, es geht um diese Erinnerung und um das, was sie in einem auslösen kann (aber nicht unbedingt muss ;)).



Hallo Georg,

wow, so viel Lob haut mich ja fast um :D. Vielen Dank dafür! Ich freue mich, dass Dir diese Geschichjte so gefällt.



Liebe Grüße an Euch beide

Andreas
 

anbas

Mitglied
Endlich ist es soweit. Wie versprochen habe ich die Geschichte noch einmal gründlich überarbeitet und dabei auch einige der kritischen Rückmeldungen berücksichtigt. Aber, wie aus meinen vorherigen Antworten schon zu vermuten war, habe ich manch Moniertes auch unverändert stehen lassen.

Nochmals vielen Dank für die kritischen Rückmeldungen, die zu der Überarbeitung geführt haben.

Liebe Grüße

Andreas





Die Blume

"Riech mal!", sagte Mia und hielt mir eine Blume vor die Nase.
"Das ist doch nur eine Plastikblume!", brummte ich und schob ihre Hand beiseite. Dann sammelte ich die Zeitungen auf, die wild verstreut um das Sofa herumlagen, und packte sie ordentlich in den Zeitungsständer. Seit etwa zwei Stunden war ich damit beschäftigt, die Wohnung zu putzen und aufzuräumen. Wenn Claudia nachher von ihrer Geschäftsreise zurückkam, sollte unser Heim wieder in einem top Zustand sein. Die Spurenbeseitigung der kleinen und größeren Pannen aus den letzten zwei Wochen dauerte deutlich länger als ich erwartet hatte. Nun kam ich zunehmend unter Zeitdruck. Insgesamt hatte ich es mir leichter vorgestellt, meinen Job und den Haushalt unter einen Hut zu bringen.

"Na und? Sie duftet trotzdem! Hier, riech doch auch mal!"
Wieder hielt sie mir die Blume entgegen, und sah mich erwartungsvoll an.
"Ach, hör doch auf mit dem Unsinn! Ich habe für sowas jetzt echt keinen Nerv. Das Ding ist aus Plastik und kann gar nicht duften, klar? Und jetzt lass mich hier weitermachen. Hast du inzwischen dein Zimmer aufgeräumt?"
Gereizt ging ich zum Fenster, um ein wenig zu lüften. Der Gestank von dem verbrannten Gulasch lag immer noch in der Wohnung. Ich hatte ihn morgens aus dem Tiefkühlfach genommen und war gerade dabei gewesen, ihn aufzuwärmen, doch dann lenkte mich der Anruf eines Freundes ab, so dass es zu einer größeren Rauchentwicklung gekommen war. Mit Mikrowelle wäre das nicht passiert, aber Claudia sträubte sich schon seit Jahren gegen die Anschaffung einer solchen Haushaltshilfe. Mia hatte sich dann über den anschließenden Besuch in einem Burger-Restaurant sehr gefreut. Diese Begeisterung hätte das Gulasch bei ihr nie ausgelöst. Claudia würde es sicherlich nicht gefallen, wenn sie erfuhr, wo wir heute Mittag zum Essen waren – doch sie würde es erfahren, denn Mia war als Geheimnisträgerin absolut ungeeignet.

Wir wohnten im fünften Stock eines Mietshauses. Für einen Moment blieb ich am geöffneten Fenster stehen und blickte nach draußen. Dort zogen dichte Regenwolken über die tristen Dächer der Siedlung. Die Straße war wie leergefegt. Nur ab und zu sah ich unten auf dem Bürgersteig einen Schirm entlanghuschen. Der Regen musste gerade erst aufgehört haben, es tropfte noch überall von den Dächern und Bäumen, und in den Rinnsteinen sammelte sich das Wasser, um dann irgendwo in irgendeinem Siel zu verschwinden. Zurück blieben matt glänzende Flächen aus Gehplatten und Asphalt. Es war eine graue, trübe Welt, auf die ich da hinunterschaute.

Die Gegend hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ich lebte schon als Kind hier. Mir fiel ein, wie ich damals an solchen Regentagen draußen herumgetollte habe. Nass und verdreckt kam ich abends nach Hause. Mutters Strafpredigten ließ ich schuldbewusst über mich ergehen. Und manchmal lag ich nach solchen Eskapaden ein paar Tage später mit einer Erkältung im Bett.
Doch wo waren jetzt die Kinder, die im Matsch spielten? Kinder, die Staudämme bauten oder mit kleinen Booten die Sieben Weltmeere für sich eroberten – eben so, wie wir es früher getan hatten. Unsere Phantasie kannte keine Grenzen: Einzelne Pfützen verbanden wir durch Kanäle, auf neu angelegten Inseln bauten wir Burgen, und Staudämme wurden errichtet oder wieder eingerissen. Wir waren Weltenbummler, Piraten und Baumeister. Wie groß war immer das Gemaule, wenn die Eltern uns abends oder sogar schon am späten Nachmittag ins Haus riefen. Mit den Gedanken bei unseren Bauwerken ließen wir wieder einmal die vorwurfsvollen Worte unserer Mütter über uns ergehen. Mit neuen Plänen für den nächsten Tag ging es dann zu Bett. Mit der Hoffnung, dass möglichst alles noch so war, wie wir es verlassen hatten, eilten wir am nächsten Tag zu unseren Pfützen. Schnell waren die Ermahnungen vergessen, diesmal mehr aufzupassen und uns nicht wieder so einzusauen.
Doch Staudämme, Brücken, Kanäle und Inseln verschwanden mit dem Bau der Siedlung. Stattdessen gab es Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste aus Eisen, sowie Sandkästen, in denen sich keine Pfützen bilden konnten. Wir dachten uns neue Spiele aus: Das Klettergerüst, die Rutsche und die Schaukel wurden zu Raumschiffen, Flugzeugen, Rennwagen, U-Booten oder Felswänden. In den Sandkisten bauten wir Burgen, Höhlen oder Straßen für kleine Autos. Wir erfanden neue Spiele – nur die großen Pfützen gab es nicht mehr. Immer häufiger warteten wir nach einem Regenguss bis es draußen wieder trocken war. Dann erst trafen wir uns zum Spielen. Und irgendwann blieb der Spielplatz an Regentagen leer und verlassen.
Auch jetzt waren unten keine Kinder zu sehen. Doch auch an schönen Sonnentagen wurde der Spielplatz kaum genutzt. Verbeulte Cola-Dosen, zerrissene Chiptüten und leere Zigarettenschachteln lagen verstreut in der Sandkiste umher. Von der Rutsche und dem Klettergerüst war schon längst die Farbe abgeblättert, und unter der Schaukel, die so furchtbar quietschte, hatte sich eine tiefe Mulde gebildet, in der sich nun etwas Wasser gesammelt hatte – es war die einzige Pfütze weit und breit.

Wie lange ich wohl hinausgeschaut hatte? Unten auf der Straße gingen die Laternen an. Langsam drehte ich mich wieder um. Mia stand immer noch da, die Blume in der Hand. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an und sagte fast schon flehend: "Bitte Papa, riech mal! Ich hab' sie doch extra für dich gepflückt! Sie duftet wirklich schön! Siehst du!" Dann schnupperte sie an diesem Plastikteil und lächelte verzückt. Wieder hielt sie mir die Blume hin. Nach kurzem Zögern nahm ich sie und schnupperte ebenfalls an ihr.
"Hmm, danke! Du hast recht, sie duftet, wirklich sehr schön!"
 

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