Die CD-Frau

Ditschi

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Es war schon dunkel, dabei war es noch nicht sehr spät. Der Schnee glitzerte hell unter den Straßenlaternen. Die noch so verschlafene Winterlandschaft wirkte friedlich. Sie fuhr nun schon mehrere Stunden lang über verschiedene Landstraßen. Eine Pause hatte sie nicht gemacht. Sie hatte keine Lust anzuhalten. Sie wollte Autofahren, einfach nur fahren und nicht anhalten. Die Dörfer waren alle noch immer weihnachtlich geschmückt. In den Fenstern leuchten Weihnachtssterne oder Schwippbögen.
Sie fühlte sich heute sehr wohl. Es waren schöne Tage im Kreis ihrer Familie. Das Weihnachtsfest hatte sie wie jedes Jahr bei ihren Eltern verbracht. Es war ein sehr schönes Fest. Sie fühlte sich in diesen Tagen fern ab von der Realität und von ihrem eigenen chaotischen Leben. Sie zog schon alles sehr junges Mädchen aus. Mittlerweile lebte sie eine ganze Weile allein und in einer anderen Stadt.
Unbewußt suchte sie den Schalter an ihrem Autoradio. Sie schaltete wahllos zwischen den Sendern hin und her. Dann kam eine Rechtskurve und sie schaltet einen Gang hinunter.
Auf dem letzten eingestellten Sender begann ein neues Lied: „Gib mir mein Herz zurück bevor es auseinander bricht . . .je eher, je eher du gehst, um so leichter, um so leichter wird´s für mich. . . du brauchst meine Liebe nicht. . .kann nicht mehr essen, kann dich nicht vergessen, . . . niemand der mich quält, . . . niemand der mich zerdrückt . . . niemand der mich benutzt, wann er will . . . niemand der mit mir redet nur aus Pflichtgefühl.“
Ihre gute Stimmung schlug plötzlich völlig um. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Plötzlich war sie wieder in der Realität angekommen. Sie wollte anhalten und einfach aussteigen. Sie wollte nicht mehr weiterfahren. Anhalten aber konnte sie gerade nicht.
Sie hörte Grönemeyer sehr gern. Gerade aber war es so, als ob sie dieses Lied zum ersten mal hörte. Dabei hatte sie das Lied schon tausend mal gehört. Und dieses Lied katapultierte sie weit zurück. Sie schaltete auf einen anderen Radiosender. Und wieder: „ . . . niemand der mit mir redet nur aus Pflichtgefühl, der seine Eitelkeit an mir stillt . . . niemand der nie da ist. . .“ Diesmal war es ein Live Mitschnitt von einem seiner Konzerte. Es war wie verhext. Was hatte es zu bedeuten, daß dieses Lied jetzt, gerade jetzt gespielt wurde und dann auch noch auf zwei völlig verschiedenen Sendern. Nun wurde ihr richtig übel. „Laß mich los, oh laß mich los . . . damit es ein Ende nimmt, fühl mich leer und verbraucht, . . . alles tut weh . . . Flugzeuge in meinem Bauch. . . je eher, je eher. . .“ Der Song wurde leiser und eine Frauenstimme kündigte die Nachrichten an. Das hörte sie aber schon nicht mehr.
Irgendwann kam sie Zuhause an. Sie fuhr an ihrer Wohnung vorbei. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Plötzlich mußte sie, was sie tun mußte. Sie fuhr in das anliegende Einkaufszentrum.
Es war bereits kurz vor Ladenschluß. Sie parkte in einer Feuerwehreinfahrt. Eine ältere Anwohnerin regt sich über ihr Verhalten auf, aber das nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Sie stürmte in den Mediamarkt hinein und rannte fast den Verkäufer um, der dabei war das Geschäft zu schließen. „Junge Frau, Sie können nicht . . . wir schließen . . .gleich . . .“
Aber da war sie schon bei den CD´s. Mechanisch griff sie nach einer Maxi und stürmte zur Kasse.
Vier Tage noch, dann würde ein neues Jahr beginnen. Das sollte ihr Jahr werden.
Zuhause angekommen suchte sie nach Packpapier, irgendwo fand sie Reste. Das würde reichen. Sie packte die CD ein. Dann holte sie aus ihrem Schreibtisch einige Briefmarken hervor und klebte sie auf das kleine Paket. Mit zittriger Handschrift schrieb sie eine Adresse auf die Vorderseite. Kein Absender auf der Rückseite und kein Brief, keine Karte im Paket, keine Erklärung für das alles! Alles war so klar. Worte hätten nichts erklären können.
Sie ging die Treppen im Hausflur hinunter. Sie öffnete die Haustür und starrte in die Dunkelheit. Ein kühler, eisiger Wind schlug ihr in Gesicht. Ihr war aber so heiß, das sie den Winterwind in diesem Moment liebte. Sie ging die karg beleuchtete Straße entlang und hielt am nächsten Briefkasten. Einige Meter von ihr entfernt sah sie die Silhouette eines Mannes, der sich ihr näherte. Sie zog das Paket aus ihrer Manteltasche. In ihren eiskalten Händen hielt sie es fest und sie starrt den Briefkasten an.
 

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