Die Entdeckung der Arbei

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Apolonia

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Liebe Marie,

besten Dank für die ausführliche Beschreibung Deines neuen Arbeitsplatzes. Ich vertrete auch die Meinung, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. Deine Arbeitsmoral teile ich ohne Einschränkung mit. Das ist allerdings kein Arbeitslohn, was Dir angeboten wird. Ich weiß, Du bist nicht arbeitsscheu, aber für die ganze Verantwortung, die Du trägst, dazu noch ohne festen Arbeitsvertrag – das ist doch nur Schmerzensgeld, was Du da verdienst. Ich denke, die Arbeiter arbeiten, der Student studiert und Du, die Angestellte, stellst bloß an. Für Beamtenarbeit ist mir kein Begriff eingefallen, es ist auch nicht nötig. Wir sollen bei allen Arbeitsprozessen auf Beamtenmodus umschalten, sonst ist das nur pure Eigenenergieverschwendung. Stelle Dir vor, Beamtenmodus bei Fließbandarbeit? Das wäre gleich der Arbeitsverweigerung.

Die letzten Jahre erleben wir eine echte Arbeitshysterie. Alle reden nur von der Arbeitsplatzbeschaffung und Arbeitsplatzerhaltung, als wäre eine Zukunft ohne Arbeit nicht möglich. Ich empfehle Dir mein meistgelesenes Buch „Süße Zukunft ohne Arbeitszwang“. Nimm Dich in acht und bedenke, dass viele Wege zur Arbeitssucht führen. Für viele ist die Arbeit die Würze des Lebens. Nein, wir sollen mit der Arbeit nicht übertreiben. Ich rede nicht von der Arbeitsunlust. Auch nicht von der sofortigen Arbeitsniederlegung. O nein, vorzugsweise würde ich am besten nur die Profis arbeiten lassen.

Ich sage doch immer, Arbeit ist eine Erfindung der Kapitalisten. Früher war es der Fabrikinhaber selber, der die Arbeiterklasse ausnutzte. Er brauchte keine Vermittler, keine Arbeitsagenturen. Es waren viele, die eine Arbeit suchten. Auch heute hat sich nichts geändert, obwohl viele vor dem Verlust der Arbeitskraft warnten. Du kennst doch meinen Spruch: „Ein Chef, der arbeitet, ist kein Chef, nur einer von vielen Mitarbeitern. Ein Chef lässt arbeiten und er selber scheffelt.“

Ich habe schon immer propagiert die Arbeitswoche nur auf Samstag und Sonntag zu beschränken. Das wäre passend zu unseren Arbeitsentgelten. Wir würden dann mit Begeisterung arbeiten und hätten mehr Zeit für Freizeit, mehr Muße, mehr Leben. Wir sollen uns vielleicht die Beamten als Beispiel nehmen, wie sie sparsam mit der Arbeit umgehen. Ihre Arbeitsmentalität ist sehr schöpferisch, fördert Kreativität. Das Leben genießen, ohne ein Arbeitssklave zu sein, der nicht mit der Peitsche, sondern mit dem Terminkalender angetrieben wird – kann man das noch? Du hast genug Arbeitserfahrung. Gott weiß, wir sind nicht arbeitsfaul. Nur manchmal, wenn bei mir im Büro plötzlich alle Telefone klingen, die vielen Akten in der Ecke sich stapeln, der Chef ausflippt – dann überfällt mich die richtige Arbeitswut. Ich setze mich in die ruhigste Ecke, wo mich niemand vermutet, schließe die Augen zu und warte ab, bis sich die Bürogewalten beruhigt haben. Ein schlechtes Gewissen brauche ich nicht zu haben – wie die Entlohnung, so die Arbeit. Von der ehrlichen Arbeit ist noch niemand reich geworden.

Liebe Marie, früher, in der Antike mussten nur Sklaven arbeiten. Die Patrizier im alten Rom machten sich nicht die Hände dreckig mit Haus- oder Feldarbeit.
Dann kam die christliche Religion mit dem Grundsatz „Ora et labora“, und die haben den Menschen Erlösung und ewiges Leben durch ehrliche Arbeit versprochen.
Mit der Dampfmaschine kamen die Kapitalisten und haben die Sklaven in Arbeiter unbenannt, die von dem mickrigen Arbeitslohn nicht leben konnten.
Die Marxisten dagegen haben die Arbeit zur Grundbestimmung des Menschen erklärt und gepredigt, dass es gut für die soziale Anerkennung und das Selbstwertgefühl ist, sich mit der Arbeit zu mühen und plagen.

Meine Liebe, viel Aufsehen um nichts, weil das Arbeitsvolumen im Leben niemals bewältigt werden kann. Dankt der Arbeitsoptimierung steigt das Arbeitspensum jeden Tag aufs Neue an, wie ein Hefeteig.

Auch die „Ballade von angenehmen Leben“ von Bertolt Brecht hat dem Klassenkampf der Arbeiter nicht genützt. Die Kernprobleme der Arbeitskräfte sind die Gleichen geblieben, nur die Verpackung ist moderner und weniger übersichtlich.

Diese Wahlslogans „Wohlstand für alle“ oder „Arbeit für alle“ sind nur Augenwischerei und helfen niemanden. Lustig finde ich die Statistiken, die Ein-Euro-Jobber nicht als Arbeitslosen bewerten. So drückt man die Arbeitslosenzahlen nach unten. Darüber habe ich auch in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsministerium eine Broschüre „ Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – neue Wege aus der Arbeiterwelt für die unmotivierten Faulenzer“ herausgegeben. Natürlich, die guten Ratschläge und die effizienten Arbeitsmodelle sind für die Arbeitgeber gedacht.

Ehrlich gesagt, bin ich total genervt und erschöpft, mich ständig mit der Arbeitsthematik zu befassen. Hiermit verkünde ich Dir, nicht ohne Stolz, dass ich eine Firma HABENICHTS GmbH gegründet habe, die sich um die verarmten Arbeitslosen und die mittellosen Rentner „kümmert“. Ich habe mich gleich um eine Arbeitsvertretung bemüht – sozusagen Ein-Euro-Jobber. Die Arbeit ist echt anstrengend, nimmt viel Kraft und Zeit in Anspruch.
Jetzt bin ich selber mein Chef und jeder Arbeitstag ist für mich eine echte Quälerei, die ich jedoch mit Pläsier und Begeisterung verrichte. Ich lerne schnell, wie man neue Arbeitsplätze schafft und in die eigene Tasche scheffelt.

So viel von mir und meiner Arbeitsbewertung. Die Arbeitspflicht ruft. Es ist auch schon Zeit für meine Golfstunde, die ich in meinen Arbeitsalltag integriert habe. Das brauche ich, weil ich die große Verantwortung für fünf Mitarbeiter trage. Wünsche Dir viel Kraft und Ausdauer auf Deinen neuen Arbeitsweg. Ich bin meistens von Montag bis Freitag telefonisch zu erreichen, die Wochenenden arbeite ich nicht, da habe ich auch mein Handy aus.

Es grüßt Dich herzlich Dein früherer Arbeitskollege Marco
 
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hein

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Hallo Apolonia,

deinen Ausführungen hinsichtlich der abhängigen Arbeit stimme ich nicht zu.

Der Gedanke, für das geringe Gehalt auch nur auch nur wenig (Samstag/Sonntag) zu arbeiten, und damit umso mehr Freizeit genießen zu können, ist zwar sexy, aber letztlich völlig unbefriedigend. Bedenke: viel Freizeit kostet viel Geld. Wenn du dieses Geld nicht hast, kannst du dir nichts leisten, langweilst du dich, beneidest Andere, anscheinend Bessergestellte, und wirst unzufrieden und unglücklich.

Die Lösung liegt im Gegenteil: doppelt soviel Arbeit für das gleiche Geld! Du arbeitest von morgens bis abends, möglichst auch am Wochenende, freust dich wenn du die Tagesschau noch mit offenen Augen erlebst und fällst danach tot ins Bett. Du hast keine Gelegenheit, dein Geld auszugeben, es stapelt sich auf dem Bankkonto, wirft möglicherweise (wenigstens früher mal) sogar noch Zinsen ab. Wenn du mal einen lichten Moment hast freust du dich über die Vorstellung, was du mit diesem Geld alles machen könntest. Natürlich fehlt dann doch die Zeit, dies auch zu tun.

Nach Jahren und Jahrzehnten sitzt du auf einmal auf dem Sofa, den Rentenbescheid in der einen und den Kontoauszug in der anderen Hand und musst entscheiden, was du jetzt machst. Das ist Stress, schlimmer als jemals bei der Arbeit!

Ich weiß wie das ist, ich bin gerade in dieser Phase. Und bald kommt schon die nächste Rentenzahlung. Was soll ich damit nur schon wieder anfangen?

Also, mit Freude an die Arbeit, Freizeit ist fürchterlich.

LG
hein
 

Apolonia

Mitglied
Hallo hein,

in realen Leben vetrete ich deine Meinung.
Das, was ich geschrieben habe, ist pure Ironie.

Ich habe viel und gerne gearbeitet. Aber, es gibt auch welche, was mich immer sprachlos machte, die auf die geregelte Arbeit "pfeifen", dafür ganz genau wissen, was und wieviel ihnen zusteht?

So habe ich mir an das Wort ARBEIT geheftet und das ist das Ergebnis.

LG
Apolonia
 

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