JorisSchreibt
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Angriff der Nachtraben
Ein schwarzer Dorn, ein nackter Fels ragt einsam aus den Fluten,
Erhebt sich aus des Meeres Tiefe, fernab des letzten Guten,
Über ihm ein Wolkenschlund verzehrt das ganze Licht,
Die Wellen tragen Furcht heran, die aus dem Wasser bricht,
Velad Jelgrom heißt der Fels, der in der wilden Brandung thront,
Durch ihn bleibt keine Seel vom Blick der Dunkelheit verschont,
Für lange Zeit kein Schiff des Landes lenkte seine Fahrt hierhin,
Bis schließlich Dargos‘ Friede unter Kriegsgeschrei verging,
Und ein Schiff durch das Getöse trieb mit geheimnisvoller Fracht,
Es trägt das Schicksal aller Seelen in jener schwarzen Nacht.
Ein schwarzer Dorn, ein nackter Fels ragt einsam aus den Fluten,
Erhebt sich aus des Meeres Tiefe, fernab des letzten Guten,
Über ihm ein Wolkenschlund verzehrt das ganze Licht,
Die Wellen tragen Furcht heran, die aus dem Wasser bricht,
Velad Jelgrom heißt der Fels, der in der wilden Brandung thront,
Durch ihn bleibt keine Seel vom Blick der Dunkelheit verschont,
Für lange Zeit kein Schiff des Landes lenkte seine Fahrt hierhin,
Bis schließlich Dargos‘ Friede unter Kriegsgeschrei verging,
Und ein Schiff durch das Getöse trieb mit geheimnisvoller Fracht,
Es trägt das Schicksal aller Seelen in jener schwarzen Nacht.
Es war zu später Stunde, da der große Dreimaster mit geblähten Segeln durch die schäumende Brandung trieb. Auf und ab wiegte der Kiel und unterhalb der Reling zerschlugen sich die Wellen in weißen Kämmen. Sein Äußeres war in ein seltsames Licht getaucht, als wären der schlanke Rumpf und die hohen Masten aus Silber gegossen.
Hoch in den Toppen kniete eine junge Frau mit rabenschwarzem, langem und glänzendem Haar und spähte schon seit Stunden unermüdlich in die Ferne. Ein jadegrüner Umhang hing von ihrer Schulter herab und an ihrer dünnen Taille saß ein silberner Gürtel. Dazu glänzte ein kleiner Ring an ihrer linken Hand und über ihrem Rücken hing ein fein geschnitzter, edler Bogen.
Die sturmzerzauste See und der wolkenverhangene Himmel schränkten ihre Sicht beträchtlich ein. Noch nie hatte sie mit einer vergleichbaren Unruhe kämpfen müssen. Was, wenn sie versagten? Was, wenn man sie entdeckte? Ihr Auftraggeber hatte ihnen zugesichert, dass sie unbemerkt blieben. Ihr Kapitän vertraute diesem Urteil blind und die Mannschaft vertraute dem Kapitän.
Plötzlich suchte sie eine noch schlimmere Furcht heim. Diese kam mit einem Flüstern und wuchs gleichsam wie jenes. Rasch und stetig. Es durchschnitt Blitz und Donner so durchstechend wie eine hauchdünne Klinge ein Blatt Pergament. Immer deutlicher, immer aufdringlicher.
Sie erschrak und ihr Blick jagte zur Tür, die zum Unterdeck führte. Nein, nicht jetzt! Sie verliert die Kontrolle! Seine Stimmen werden uns verraten!
Eiore dweria eleolis…
Eiore samorak eleolis…
Bagar uwach!
Bagar uwach!
Eiore samorak eleolis…
Bagar uwach!
Bagar uwach!
Stärker und stärker schmiegte sich das Geflüster an ihren Verstand und grub sich bis in Abgründe ihres Geistes hinein, wo es die Vernunft nicht mehr aufhalten konnte. Ein Verlangen überkam sie, doch ebenso überflutete sie Panik.
Beherrsche dich! Beherrsche dich! Benommen klammerte sie sich an den Rand ihres Ausgucks und bemühte sich ihre Gedanken zu ordnen. Mühsam zwang sie ihren Blick wieder in die Ferne und dann erschauderte sie noch mehr…
Ein schwarzer Schatten am Himmel! Oder war es einer gewesen? Er war wieder verschwunden. Doch für Bruchteile eines Momentes hatte die Wolkendecke den Umriss eines Vogels preisgegeben, oder nicht? Alles nur Einbildung? Nach all der Zeit keinesfalls undenkbar. Sollte sie dennoch eine Warnung geben? Was, wenn es doch das war, was sie erkannt hatte? Sie durfte keine Zeit verschenken!
Geschwind kletterte sie zum Oberdeck hinunter. Dort begegnete sie großen, blondhaarigen, aufrechten Gestalten. Elben. Um ihre Hüften trugen diese silberne Gürtel mit haardünnen Schwertern. Dem Gesicht ihres Anführers, dem Elbenfürsten, nach zu urteilen hatten sie das Flüstern ebenfalls gehört. Ohne Zeit zu verlieren machte sie sich zum Steuerrad des Seglers auf. Unterwegs bahnte sie sich ihren Weg durch eine Reihe Kobolde, die beinahe für sie Spalier zu stehen schienen. Nicht aus Begeisterung, sondern aus Sorge. Offenbar hatten auch sie das Flüstern vernommen. Doch die angsterfülltesten Gesichter von allen waren die der wenigen Menschen an Bord. So auch das des Kapitäns.
Ihm stand sein braunschwarzes Haar leicht gekräuselt zu Berge und um sein Kinn spross bereits ein schwarzer Bart. Er hatte eine dunkelblaue, lederne Jacke an, die ihm bis hinab zu den Knien reichte. Seine schwarze Hose ging nahtlos über in blanke Stiefel der gleichen Farbe. Alle paar Sekunden senkte er seinen Blick hinab auf einen Kompass, dessen Nadel sich in seinen Händen drehte. Die Spitze zitterte, als sog ihr dieser Ort die Kraft aus, den richtigen Weg zu finden.
Und dann war da noch dieses Flüstern. Immer aufdringlicher, immer verführerischer ertönte es in seinem Kopf:
Mächtig des Himmels,
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Sein Herz gefror, als er die Frau auf sich zugehen sah. „Was gibt es, Mirlean?“, fragte er mit dunklen Vorahnungen. Sie zögerte einen Moment, dann bestätigte sie: „Ich habe sie gesehen.“ „Wie viele?“, unterbrach er sie sofort. „Es ließ sich nicht abschätzen.“ Er kniff für einige Momente die Augen zusammen, als müsste er eine große Menge Schmerz durchstehen. „Dann bleibt uns nur noch die Hoffnung“, erklärte er. „Worauf?“ Die Miene des Mannes verfinsterte sich weiter. „Hoffnung auf den Hochmut unseres Feindes. Vielleicht sind es nur wenige und wir können mit ihnen fertig werden.“
Der Elbenfürst löste sich aus seinem Gefolge und schritt auf die beiden zu. Bei ihnen angekommen sprach er mit leiser Stimme: „Gorgos‘ Geflüster verdichtet sich. Dunkelheit nimmt überhand und bringt uns ab von unserem Kurs. Herr Freon, Ihr müsst handeln!“ Der Kapitän beäugte den Elben missmutig. „Mir schwant, wozu ihr mich drängen wollt, mein Fürst, doch ich muss euch enttäuschen. Ich werde ihr diese Bürde von niemandem abnehmen lassen. Keiner außer ihr wird diese Aufgabe übernehmen. Es ist ihr Auftrag und unserer ist es, sie in den sicheren Süden zu fahren.“ Doch der Elb protestierte: „Zeiten wie diese erfordern Mut für das Notwendige! Sie hält seiner Kraft nicht länger stand. Hört ihr nicht die Stimmen?! Denkt daran, wo wir sind! Wessen Gewässer wir durchschiffen! Ihr unterschätzt Gorgos‘ Macht auf seinem Herrschaftsgebiet.“ „Ihr unterschätzt die Macht einer wackeren Seele“, erwiderte Freon, der Kapitän. „Ich halte mich an den Plan, Jacomas. Nur seinetwegen sind viele von uns überhaupt noch am Leben.“ Der Elbenfürst schüttelte den Kopf, doch wich wortlos zurück. Freon wandte sich an Mirlean.
„Bitte, such Ilja-Son! Sie soll das Steuer übernehmen und den Kurs auf Südwesten ändern.“ Mirlean beunruhigten seine Worte. „Du willst uns auf das Zentrum des Sturms zusteuern?! Das Schiff könnte in tausende Stücke zerfetzt werden.“ „Besser vom Sturm zerfetzt, als von unseren Feinden. Wenn sie uns schon erreichen, dann soll ihr Gefieder wenigstens dabei nass werden“, erklärte Freon und ließ sie zurück.
„Richtet ein Wort an eure Soldaten, mein Herr“, meinte er zu dem Elbenfürsten. „Sie sollen sich kampfbereit machen. Wir brauchen eure Augen und euer Geschick. Bitte, vertraut mir!“ Der Elbenfürst wirkte für wenige Augenblicke unentschlossen, doch anschließend härteten sich seine Züge und er verneigte sich respektvoll.
Freon stakste derweil zur Mitte des Decks, wo sich der Hauptmast und die Treppe zum Unterdeck befanden. „Brüder und Schwestern“, sprach er, „greift zu euren Waffen! Unsere Feinde sind hinter uns.“ Ängstliche Mienen breiteten sich auf den Gesichtern der Menge aus. Er zwang sich zur Entschlossenheit. „Fürchtet euch nicht! Verteilt euch entlang der Reling an Bug und achtern und bleibt wachsam!“ Er musterte viele von ihnen eindringlich, bevor er seinen letzten Befehl in den Sturmwind brüllte. „Und keiner geht unter Deck!!!“
Und mit diesen Worten verschwand er in seine Kajüte, wo er sich einen rostbraunen, zerfransten Gürtel umband, an dem ein großer Säbel hing. Als er die Schlaufe festzurrte, schwang die Tür hinter ihm auf, sodass das Scharnier krächzte. Eine großgebaute Frau stand vor ihm. Sie hatte dunkle Haut und dickes, zu einem Zopf gewundenes Haar in der Farbe dunklen Ockers. Sie trug Ohrringe, die so groß waren wie die Frucht einer Kastanie und wirkte mit ihren robusten Wangenknochen zäh und unerschrocken. Ihr weiter Mantel bedeckte eine kräftige Brust und schlug im Gehen um ihre Knöchel.
„Ist das wirklich wahr?! Wie kann das sein?!“, blaffte sie. „Du hast uns zugesichert, dass unsere Feinde niemals etwas über diese Mission erfahren können. Ich dachte, wir wären sicher.“ „Ein gewagtes Wort inmitten von Gorgos‘ Todessee“, entgegnete Freon und seufzte: „Ilja-Son, ich hatte dich angewiesen den Segler zu steuern. Bitte geh zurück!“
Er griff zu einer Laterne und begab sich ohne weitere Worte zurück in die sturmtosende Nacht. Mit schlimmen Vorahnungen folgte ihm Ilja-Son nach draußen. Das Geflüster trommelte ohrenbetäubend in ihrem Ohr.
Mächtig des Himmels,
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
„Schwarze Raben hinter uns! Geanvi bjugol lesad!“, hallte es vom Bug her. Das Gemisch aus Panik über diese Nachricht und dem Verlangen verursacht durch das Flüstern drohte die Besatzung in den Wahnsinn zu treiben.
Freon bestieg eine leere Seemannskiste und zog seinen Säbel. „Freunde, bitte hört mir zu! Wir müssen noch einen schweren Sturm durchfahren. Doch bedenkt, welche Stürme bereits hinter uns liegen! Bedenkt, welchem Bösen wir jüngst in die Augen gesehen haben!“ Das Geflüster schwoll an und ließ ihn stocken. Auch um ihn herum begruben Menschen, Kobolde und Elben ihre Gesichter mit dem verzweifelten Wunsch, die schauerlichen Stimmen zu ersticken.
Mächtig des Himmels,
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
„Wir lassen uns nicht in die Knie zwingen“, brüllte Freon. „Adanakar poribielosz!“ Und die Menge antwortete: „Cheronos! Cheronos!“
Der unverkennbare Ruf eines Raben ertönte in der Nacht und der Blick der Besatzung ging gen Himmel.
Aus den Wolken brachen schwarze Gestalten hervor und stürzten sich in die Tiefe. „Melden a dul, ohlje golend evule“, rief der Elbenfürst und in einer einzigen flüssigen Bewegung erhoben die elbischen Schützen ihre Bögen. Reihe in Reihe standen sie an der Reling. Regungslos. Mit gespannten Sehnen. Ihre Blicke verengt wie die Augen einer zum Sprung ansetzenden Katze.
Die fliegenden Gestalten verloren an Höhe, aber gewannen an Zahl. Längst waren es dutzende von ihnen, bald schon hunderte. Es waren große Raben, schwärzer als die Nacht.
„Bereit machen!“, schrie Freon und hob seinen Säbel. Alle hinter ihm taten es ihm nach. Die Kobolde drehten wachsam ihre Äxte in den Händen. Mit jähem Unmut sahen sie, wie die Zahl ihrer Feinde wuchs und wuchs. Längst schien es eine Schar Aasgeier zu sein, die einen vielversprechenden Kadaver umkreiste. In ihrer Mitte eingeschlossen wusste Freon plötzlich: Es sind viele. Viel zu viele. Unsere Mission ist verraten worden.
Die ersten Raben bremsten ab, als sie ungefähr drei Meter über der Meeresoberfläche angekommen waren. Ein Krächzen drohte die Luft zum Zerbersten zu bringen, dann drehten sie ein und griffen an. „Hild un! Flejalan!!!“, donnerte der Elbenfürst in vorderster Reihe und seine Kameraden ließen die Sehnen singen. Pfeile sirrten über das Wasser. Zwei fanden ihr Ziel. Sich windend in Qualen und Geschrei fielen die getroffenen Vögel ins Wasser, doch gleich zweifach so viele nahmen ihren Platz ein. Die Elben spannten gemeinsam eine zweite Ladung Pfeile ein. Im nächsten Moment flog eine zweite Wand spitzer Geschosse den Angreifern entgegen. Diesmal fielen sechs, andere wurden abgedrängt, aber der Abstand betrug nun weniger als eine Viertelmeile.
Freons Blick war auf das Meer gerichtet. An den Flanken des Velad Jelgrom schäumte die Flut auf. Der Wellengang wurde immer stürmischer und als sich zwei Wasserberge übereinanderwarfen und mit Schaum und Getöse gen Himmel schossen, erwischte es einen leichtsinnigen Raben, der zu tief geflogen war.
Sein nasses Gefieder schien ihn nicht länger tragen zu wollen. Er taumelte und stürzte in die Fluten. Freon drehte sich um und brüllte über den pfeifenden Seewind hinweg: „Das Wetter ist auf unserer Seite, Freunde! Lehren wir sie, das Wasser zu fürchten, als wäre es ihr eigenes Blut!“ Er bekam Jubel als Antwort.
Die Raben waren nun auf zwanzig Meter herangerückt. Noch einmal schickten ihnen die Elben einen Pfeilhagel entgegen. Freon schrie in die Nacht hinaus: „Adanakar poribielosz!“ Und die Menge antwortete ein zweites Mal: „Cheronos! Cheronos!“
Dann erreichten die schwarzen Vögel das Oberdeck. Freon sah, wie sich ihr Federkleid in der Luft nach innen zu zwängen schien. Federn flogen zu allen Seiten im Sturmwind davon, ihre Körper begannen sich zu verformen und Arme und Beine zu bilden. Schwarze Umhänge wirbelten in der Luft herum, dann sprangen die Fremden auf das Oberdeck und preschten mit gezückten Schwertern heran.
Das Klirren von Metall erscholl rings herum, als Freon sich auf seinen Angreifer warf. Dieser jedoch hatte kein Schwert angehoben, um zu kämpfen. Stattdessen schnellte eine bleiche Hand unter dem sonst gänzlich schwarzen Stoff hervor und ein Seil flog vom Mast herbei und schlang sich um Freons Hals. Nach Luft ringend stolperte er zu Boden und ließ den Säbel aus der Hand gleiten. „Keyra…“, ächzte er und rollte sich zu seiner Klinge. Die finstere Gestalt beugte sich über ihn. Eine Strähne violetten Haares kam zum Vorschein. „Freon, der Dieb aus dem Hort“, zischte eine Frau. Ein Lachen schwang in ihrer Stimme mit. „Jacoma hat euch zum Sterben verdammt.“ Sie kam ihm ein wenig näher und zog ihrerseits eine Klinge hervor. „Du weißt, was ich suche. Sag mir, wo es ist!“ Freon ächzte. Die Luft war ihm entwichen. Aus dem Augenwinkel sah er jedoch einen jadegrünen Mantel näherkommen. Mit letzter Kraft ließ er verlauten: „Ich liebe es, wenn du mit deinen Opfern spielst, bevor du ihnen das Fleisch von den Knochen schälen willst.“ „Worauf willst du hinaus?“
„Darauf!“, sagte eine Stimme hinter ihm und Keyras Grinsen verschwand vor seinen Augen im Klingenwirbel, als Mirlean die Hexe ins Duell zwang. Freon kroch zu seinem Säbel hin und wälzte sich über die Schneide. Er spürte die Seile erschlaffen und befreite sich. Er war schon kurz davor, sich wieder in das Schlachtgetümmel zu stürzen, als die Planken unter ihm merkwürdig zu schwanken anfingen.
Das Schiff neigte sich plötzlich zur linken Seite und als er über die Reling sah, erkannte er auch, warum. Sie waren in einen gewaltigen Strudel geraten, der sie immer weiter in sein Inneres zog. Das Loch glich einem Maul, das die See aufsperrte, um das Schiff zu verschlingen. Dieses kam trotz der Bemühungen der Bordmannschaft, in die entgegengesetzte Richtung zu steuern, näher und näher an den Schlund heran, bis ohne jede Vorwarnung etwas aus dessen Tiefe sprang und sich wie eine Fontäne zum Himmel hinaufwand.
Ein riesiges Geschöpf in der Form einer Seeschlange richtete sich auf und überragte das Schiff gleich um dutzende Meter. Sein gewaltiger Kopf schimmerte im Wechselspiel der dunklen Stacheln und grell schillernden Schuppen. Lebte es im Traum; im Wahnsinn; in der Wirklichkeit? Dem Wesen schien jede dieser Welten innezuwohnen. Es öffnete sein Maul voll grauer, spitzer Zähne, dann brüllte es und entblößte zwei silbrige, unwirkliche Flügel. Sie weckten den Eindruck, als wären ihre Formen aus tiefen, düsteren Schatten geboren. Die Krallen und Schwimmhäute griffen aus der Finsternis hervor. Es waren Schwingen aus Dunkelheit.
Freons Schrei drang nicht einmal über seine Lippen, so entsetzt war er. Er starrte hinauf in zwei gelbe Augen. In ihnen öffneten sich senkrechte, schlitzförmige Pupillen und weiteten sich wie zwei aufgesperrte Mäuler. Ihre Schwärze war so tief und so greifbar, dass man meinen könnte, schattenhafte Geister könnten ihnen entspringen. Gleichzeitig aber schien ein Schimmer über die Ränder zu ziehen und sie zu erleuchten wie Feuer.
Freons Blick ging zur Treppe, die hinab in den Schiffsbauch führte und wanderte von dort wieder zurück zu diesem Grauen und den Angreifern an Deck. Konnte die Kreatur es fühlen oder war dieser Blick ihre einzige Waffe?
Mächtig des Himmels,
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Das Wesen stieß auf das Oberdeck herab. Splitter flogen durch die Luft, doch die Kreatur wollte das Schiff gar nicht zerstören. Sein Blick war nur auf die schreienden und flüchtenden Wesen an Deck gerichtet.
Freon rannte los. Während er sich umsah, erschütterte es seinen Mut. Es sah schlecht aus. Sie hatten bereits große Verluste hinnehmen müssen und die Zahl der feindlichen Kämpfer war um ein Vielfaches größer. Wie lange konnten sie sie noch aufhalten? Schließlich verschwand er unter Deck.
Hierhin drang das Getöse der Schlacht nur gedämpft. Dafür war das Flüstern in seinem Kopf hier am lautesten. Sein Blick fiel in die hinterste Ecke des Raumes. Eine alte Frau saß gebrechlich in der Ecke, die adrigen Hände zitternd um ein Medaillon geschlungen. Sie besaß graues Haar und ihre Augen waren bereits eingefallen. Sie war in einen abgetragenen Mantel gekleidet und kauerte am Boden. Das Beben der Schiffsplanken schien sich auf ihren Körper zu übertragen.
Freon ging zu ihr hin und kniete sich vor ihr nieder. „Sie sind hier! Orothrers Nachtraben. Wir verlieren den Kampf.“ Die Frau hob ihren Blick und sah Freon in die Augen. „Ich weiß“, sagte sie und sie klang liebevoll und ruhig. „Wir können sie nicht aufhalten. Sie sind zu zahlreich und der Wächter der finsteren See wurde zu uns gesandt. Dieses Schiff…“ Ein Krachen erschütterte die Dielen. Freons Blut stockte und er fuhr mit geschlossenen Augen fort: „Dieses Schiff wird untergehen.“
Die Frau streichelte ihn kurz zärtlich an der Wange und ließ dann ihre zittrigen Hände hinter sich gleiten. Sie erschienen wieder mit einer schwarzen Holztruhe, aus der sie einen kleinen Beutel aus grauem Wolfshaar hervorholte. Sie drückte ihn dem jungen Mann in die Hand. „Geh zu dem Ruderboot auf der Heckseite! Führe unseren Auftrag zu einem erfolgreichen Ende und bring ihn fort von hier!“ Freon aber widersprach: „Nein! Was wird aus dir und dem Schiff? Ich habe es gesteuert und ein Kapitän geht immer zusammen mit seiner Mannschaft unter.“ „Ich bin der Kapitän“, sagte die alte Frau. „Wir befinden uns in einem harten Kampf ohne Ehre und Gerechtigkeit. Wir müssen gesetzlos handeln, denn hier gilt das Gesetz unserer Feinde. Nimm ihn schon! Orothrer darf ihn nicht bekommen!“ Und sie drückte ihm den Fellbeutel an die Brust.
Freon beugte sich hinab. „Mutter…“, flüsterte er, doch sie schnitt ihm das Wort ab. „Geh, mein Junge! Ich werde sie aufhalten.“
Und sie drängte ihn fort. Er stolperte unter Schock die Treppe hinauf und stürmte zurück an Deck. Die Lage hatte sich weiter verschlechtert. Anstelle des vordersten Masts war ein großes Loch zu sehen.
Er hörte ein Knacken, dann ein Knarzen und den Wutschrei einer Frau. Er wandte sich um und erblickte Keyra, umzingelt von Ilja-Son und Mirlean, die mit zornigem Gesicht einige letzte Schläge abblockte und schließlich auf ihrer Flucht den Hauptmast umstieß. Dieser fiel über Bord. Freon scherte sich nicht um die fliehende Hexe. Er ging hinüber zu Mirlean und Ilja-Son.
„Wir müssen hier verschwinden. Sofort!“ „Du willst das Schiff zurücklassen?“ „Es ist nicht mehr zu retten. Wir retten das, was noch zu retten ist.“ Er hob andeutungsweise den Beutel an. Der Wind gewann weiter an Stärke und stob über die See wie ein verletztes, wildgewordenes Tier. Freon sah zum Himmel. Ein weiterer Rabe tauchte aus dem Firmament auf und stieg hinab zu dem Schiff. Er war viel größer und furchteinflößender als alle anderen vor ihm. „Weg! Lauft! Zum Boot!“, schrie Freon und er setzte sich an die Spitze der Drei, doch sie kamen nicht weit.
Der Rabe verwandelte sich und eine neue fremde Gestalt landete hinter ihnen. Ihr ganzer Körper war in einen Umhang eingehüllt.
„Los! Rasch!“, drängte Freon panisch und sie rannten weiter, doch im nächsten Moment erschien der Umriss einer leuchtenden Lanze in den Händen des Neuankömmlings, worauf dieser sie anhob und den Flüchtenden einen seltsamen, finsteren Funken hinterherjagte.
Er traf auf den letzten noch stehenden Mast, der ins Wanken kam und umkippte. Fässer und Kisten sprangen aus den hintersten Teilen des Schiffes und flogen auf sie zu. Eine traf Ilja-Son am Kopf, eine andere hob Mirlean von den Füßen und presste sie auf den Boden. Freon hechtete noch weiter vorwärts, doch das Seil von vorhin schlang sich um seine Füße, worauf ein Messer herbeiflog und ihn am Boden festnagelte. Er zog und zerrte an dem Heft, doch die Klinge bohrte sich noch tiefer in das Holz.
Er drehte sich auf den Rücken und starrte unter den schwarzen Schlitz einer Kapuze, die näherkam. Kein Gesicht war erkennbar, kein Leben hinter dem Vorhang aus Dunkelheit. Eine kalte Stimme erklang hasserfüllt in der Nacht.
„Dreister Dieb“, krächzte sie. Es war, als spräche sie tief in seinem Kopf und würde ihn von innen heraus mit eisigem Zorn verschlingen. „Dreister Dieb. Du beherrschst nicht, was du bei dir trägst. Gib es mir!“
Freon fühlte, wie die Stimme seinen aufkeimenden Widerstand erstickte wie die Überreste einer Glut. Seine Lanze glühte blass und er kam langsam und bedrohlich näher, während er seine freie Hand hob.
„Du hast ihn mir gestohlen!“
Da bildete sich ein Riss in der Mitte des Schiffs, welcher es aufspaltete in zwei Hälften, die schließlich auseinanderbrachen. „Er hat ihn nicht gestohlen, denn du bist nicht sein Meister!“, rief eine Stimme. Die alte Frau tauchte wackelig und gebückt mit einem hölzernen Stock auf dem Oberdeck auf. Einen kurzen Moment noch verweilte der Angreifer mit seinem Blick auf Freon, doch der Riss war längst zu einem Graben geworden, an dessen Grund die See tobte. Er drehte sich um. „Du glaubst mich aufhalten zu können, Hexe Belora? Vielleicht gar, mich zu bezwingen? Wie willst du meiner Kraft gleichkommen mit deiner Waffe in deinem Alter?“ Die Frau erhob den Stock. „Mein Alter macht mich stolz“, antwortete sie. „Und es geht nicht darum zu siegen. Nicht heute Nacht.“ Als Freon mit wild klopfendem Herzen beobachtete, wie sie der schwarzen Gestalt näherkam, schienen die Schreie und Schläge, das Klirren und Rauschen, das Brüllen der Kreatur und sogar das Geflüster gedämpft zu klingen.
Der Schlag der Lanze ähnelte dem Überraschungsangriff einer Schlange im hohen Gras. Sie vereiste auf der Stelle. Ihre Arme zuckten, ihr Mund öffnete und schloss sich, ihre Versuche Luft zu atmen rasselten abscheulich in der düsteren Nacht. Augenblicklich ließ ein Funke, der aus ihrem hölzernen Stab geschossen war, eine Schlinge um sie entstehen. Sie befreite sich aus ihrer Starre, doch der Angreifer hatte seine Lanze erneut auf sie gerichtet.
Sie wurde in die Luft gehoben. Der Anblick, wie sich ihr Körper umherwand, gab Freon das Gefühl von Frost umgeben und durchzogen zu sein. Er meinte ein Flimmern vor sich zu sehen und konnte förmlich spüren, wie der Zauber ihrem Körper die Lebenskraft aussaugte.
Ihr Kopf war in den Nacken zum Himmel gedrückt. Sie spürte, wie sich ihr Herz verlangsamte und der Strom der Energie in ihr zu versiegen drohte. Sie würde sterben.
Nur der letzte Moment blieb ihr noch. Ein letzter Zauber. Sie konzentrierte sich auf die Wolkenvorhänge, die über ihr zusammenzogen; auf den Himmel, der noch düsterer wurde.
„Freon, flieh!“
Ihre Worte waren nicht sehr laut gewesen, doch sie jagten die Kälte fort. Freon packte den Dolch, der ihn festhielt, und zog ihn aus der Planke. Er wusste, was er tun musste. Mirlean und Ilja-Son waren vorausgeeilt und hatten das Boot fast erreicht, doch gerade, als er fünf Schritte gesetzt hatte, brach das Ungeheuer erneut aus den Fluten hervor. Mit einem Brüllen stieß es seinen drachenähnlichen Kopf auf Freon hinab, der zur Seite auswich und den Zähnen geradeso entging.
Doch im Fallen glitt ihm der Beutel aus der Hand, und aus seinem Inneren fiel ein kleiner, purpurn leuchtender Stein. Er hatte die Form eines Wassertropfens. Sein Licht schien über hunderte Meilen weit über das Meer zu dringen.
Freon drehte sich auf den Rücken und der Anblick ließ sein Herz für einen langen Moment stillstehen. Die teuflischen Augen des Ungeheuers waren auf den Stein gerichtet. Es konnte ihn spüren und sehen. Plötzlich schien es sogar von den vielen Opfern an Deck abzurücken. Die Gier leuchtete aus den sich weitenden Pupillen hervor.
Mächtig des Himmels,
Mächtig der Welt,
Befreie mich!
Befreie mich!
Ein Rabe landete vor Freon. Sein Schnabel war bleich und der Blick der kleinen Augen war auf den Stein gerichtet. Er klemmte ihn zwischen den Schnabel, doch Freon warf sich auf den Vogel, der krächzend versuchte, sich freizukämpfen. Es gelang ihm, den Stein an sich zu reißen.
Schließlich verwandelte der Rabe sich und ein Mensch versuchte mit der Faust seine Schulter zu erwischen. Freon raffte sich hoch und trat mit seinem Fuß nach dem feindlichen Gefolgsmann aus, doch der wich zwei Schritte zurück, worauf er sich von neuem auf ihn stürzte. Sein Umhang wedelte in Freons Gesicht und eine seiner Hände griff Freon über die Wangenknochen und probierte Augen und Nase abzudrücken. Die andere Hand erfasste sein Handgelenk und tastete sich zu seinen Fingern hinauf, wo der Stein ruhte. Freon wurde schwarz vor Augen und er rang nach Atem.
Plötzlich stieß hinter ihnen ein massiger Körper in die Planken und riss Teile der Reling mit sich. Der Angreifer war der Attacke des Monsters ausgewichen und hatte Freon mitgezogen. Nur haarscharf waren sie dem Tod entkommen.
Schließlich bekam Freon sein Gesicht frei, doch sein Handgelenk wurde umso fester abgedrückt. Er wehrte sich krampfhaft, doch war dem Mann unterlegen. Mit aller Kraft wuchtete er seinen Kopf in dessen Brust und ließ sie zusammen gegen die Reling krachen. Dort kreuzten sich ihre Blicke.
Der Mann besaß halblanges, schwarzes Haar und einen stoppeligen Bart. Seine hellen, blauen Augen, deren Pupillen seltsam trüb wirkten und milchig aussahen, verengten sich, während seine Zähne sich vor Anstrengung fletschten. Freon erschrak.
„Du?!“ Der Mann setzte seine ganze Anstrengung darauf, den Stein aus Freons Händen zu entwinden, der verzweifelt dagegenhielt. „Nein! Das ist nicht möglich! Du hast uns verraten!“ Der Fremde erwiderte nichts, sondern rang weiter. Seine Hand hatte den Stein fast erreicht. „Nein!“, schrie Freon abermals und riss den Arm herum. Dabei entglitt ihm der Stein und verschwand hinter der Reling. „Nein!“, zürnte sein Gegner und Freon sah gerade noch, wie das purpurne Licht in den Tiefen des Meeres versank.
Er trat nach dem Mann aus, den der Verlust völlig aus der Fassung gebracht hatte. Dieser fiel rücklings auf die Planken und blieb liegen. Freon fühlte sich, als verlor er den Boden unter den Füßen. Er taumelte durch nichts als Leere. All die Strapazen, all die Toten. Mit einem Schlag waren sie bedeutungslos geworden. „Weg hier!“, drang ein Ruf zu ihm hin. Jemand packte ihn und riss ihn fort. Die Kreatur kreischte hinter ihm, durch die vielen sterbenden Seelen abgelenkt.
Er wurde in eiskaltes Wasser geworfen und mühsam an Bord eines schaukelnden Bootes gehievt. Er blinzelte und sah ein verschwommenes Leuchten kleiner werden. Doch die Nässe und Kälte waren nichts im Vergleich zu der Verlorenheit, die er erlitt, als er zurückstarrte auf das Schiff, welches zu sinken begann. Er meinte noch einen hölzernen Stock zu sehen, welcher zum Himmel emporgereckt aufglomm in der Finsternis. Die Wolken zogen sich zusammen, es begann zu donnern und Blitze züngelten und dann begann es zu regnen.
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