Die Erschaffung des Menschen

lowreference

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Liebster Azazel,

der HERR, unser Gott, ist ein krankes Schwein. Ich schreibe dir diese Zeilen in einem Zustand höchster Verzweiflung. Ich habe nie verstanden, warum du gegen Ihn rebellieren und die Verbannung auf dich nehmen musstest. Jetzt aber verstehe ich es. Ich halte es im Himmel nicht länger aus.

Am Anfang hatten wir keinen Grund anzunehmen, dass all das kein gutes Ende nehmen würde. Du warst noch bei uns, als Er uns stolz sein „Universum“ präsentierte. Ich erinnere mich, wie wir es für ein beeindruckendes, aber harmloses Spektakel hielten und uns daran erfreuten. Da war ein gewaltiger Knall; da war die „Zeit“, die in eine Richtung geschleudert wurde, und der „Raum“, der sich in drei „Dimensionen“ erstreckte. Und dann waren da all diese Formen und Farben und jene neuartigen Stoffe, denen Er Namen wie „Stein“, „Gas“ und „Wasser“ gab. Sie drehten sich spielerisch umeinander, stießen einander ab und zogen einander an, vermischten sich und trennten sich wieder. All das folgte einem unendlich fein gefügten Regelwerk von solch göttlicher Kunstfertigkeit, dass es uns die Sprache verschlug. Damals dachte ich bei mir: „Wahrlich, Er ist der HERR.“

Als Er uns später stolz das erste „Leben“ präsentierte, warst du schon nicht mehr bei uns. Aber du erinnerst dich sicher an meinen Brief: Es waren winzige Geschöpfe, Verbindungen anderer Stoffe, die die Bestandteile der neu geschaffenen Welt in sich aufnehmen konnten, um daraus Kraft zu gewinnen und sich zu vermehren. Auch darin konnte ich nichts Verwerfliches entdecken. Es war faszinierend und erhebend zu beobachten, wie diese winzigen Geschöpfe auf die wundersamsten Weisen miteinander interagierten und so eine unendliche Vielfalt immer neuer, überraschender Vorgänge hervorbrachten.

Wir alle liebten es, auf sie hinabzublicken und das irdische Treiben zu beobachten, und es erfüllte uns mit Freude, dass der Arbeitseifer unseres HERRN nicht nachließ. Im Gegenteil: Unablässig schuf Er neue Bewohner, einer vielgestaltiger und erstaunlicher als der andere. Irgendwann begann Er, seinen Geschöpfen „Sinne“ zu geben, mit denen sie das Licht und die Regungen der Welt wahrnehmen und ihr Verhalten daran ausrichten konnten. Dadurch vervielfachten sich ihre Möglichkeiten, miteinander und mit der Welt zu interagieren. Doch je mehr ich sie beobachtete, desto stärker beschlich mich ein Unbehagen, dessen Ursprung ich zunächst nicht verstand.

Bis ich eines Tages beobachtete, wie zwei seiner schönsten Geschöpfe eine Art Tanz aufführten. Aber es war kein Tanz wie bei einem unserer himmlischen Feste, kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander. Jedes von ihnen schien den anderen verändern zu wollen. Sie versuchten, mithilfe jener harten, weißen Gebilde aufeinander einzuwirken, die sich an ihren „Köpfen“ befanden, also dort, wo auch die meisten ihrer Sinne lagen. Bisweilen gelang es ihnen, diese Gebilde in den Körper des Gegenübers zu treiben und ein Stück daraus herauszureißen. Bei einer früheren Vorführung hatte ich einmal gehört, wie Michael einem anderen erklärte, Gott nenne so etwas einen „Kampf“.

Schließlich bewegte sich eines der beiden Geschöpfe nicht mehr. Das andere entfernte sich. Danach beobachtete ich, wie sich der Körper des reglosen Geschöpfs nach und nach veränderte. Einige der übrigen Geschöpfe näherten sich und rissen ebenfalls Stücke aus seinem Körper. Nun aber wehrte es sich nicht mehr. Schließlich war nichts mehr von ihm zu sehen.

Ich hatte dergleichen schon unzählige Male beobachtet. Nichts an diesem Vorgang war neu. Neu war nur, was ich in ihm erkannte.

Bis dahin hatte ich in solchen Vorkommnissen nichts weiter gesehen als eine Abfolge von Veränderungen. Ein Kampf unterschied sich für mich im Grunde nicht vom Zusammenprall zweier Gebilde aus jenen Stoffen, die Gott zu Beginn des Universums geschaffen hatte. In beiden Fällen wurde nichts geschaffen und nichts vernichtet; Stoffe trafen aufeinander, veränderten ihre Form, zerbrachen, verbanden sich oder wurden voneinander getrennt. Mochten die einzelnen Teile danach auch an einem anderen Ort liegen oder eine andere Gestalt angenommen haben: An ihrer Gesamtheit hatte sich nichts geändert. Was zuvor ein Körper gewesen war, wurde zu Vielen. Warum sollte es bei einem Kampf zweier Tiere anders sein? Auch die Körper der Tiere waren aus den Stoffen gemacht, die Gott geschaffen hatte. Wenn zwei Tiere aufeinandertrafen, wurden ihre Körper durch Kräfte in Bewegung gesetzt, stießen zusammen, wurden zerteilt. Der Vorgang war gewiss ungleich komplizierter als das Zerbrechen eines Steins. Es gab mehr Beteiligte, mehr Möglichkeiten, mehr denkbare Verläufe; jede Bewegung veränderte die Bedingungen für die nächste. Deshalb war der Ausgang schwerer vorherzusagen. Aber im Grunde, so hatte ich gedacht, gab es keinen Unterschied: Zwei Gebilde aus Gottes Schöpfung trafen aufeinander, veränderten einander und gingen schließlich in eine andere Form über.

Doch an diesem Tag sah ich nicht mehr bloß Stoffe, die ihre Form veränderten. In dem reglosen Tier sah ich keinen Stein, der zerschellt war. Ich begriff, dass etwas fehlte. Etwas, das vor einem Augenblick noch dagewesen war; jetzt war es fort. Es war das „Leben“, der Funke, auf dem sämtliche jüngeren Erfindungen Gottes beruhten. Dieses Geschöpf hatte gerade noch gelebt, und nun lebte es nicht mehr.

Es hatte lange gedauert, bis ich das begriff. Im Himmel gibt es nichts, womit sich dieses „Lebensende“ vergleichen ließe. Hier gibt es nur Ewigkeit: kein Ende, keine Vergänglichkeit, nicht einmal die Vorstellung, dass etwas, das eben noch da war, für immer fort sein könnte. Ich kannte Veränderungen, aber keinen Verlust. Erst jetzt begann ich zu verstehen, was es bedeutete, dass ein Geschöpf nicht nur seine Gestalt veränderte, sondern aufhörte zu „sein“.

Nach dieser Erkenntnis war alles anders. Beim nächsten Kampf, den ich beobachtete, schien es mir, als ob Gottes Geschöpfe leben „wollten“. Als hätten sie einen „Willen“. Sie reagierten nicht bloß auf die Einwirkungen ihrer Umgebung; ich glaubte zu sehen, wie sie aus eigenem Antrieb auf die Welt einwirkten, nicht als bloße Folge physikalischer Vorgänge, sondern getrieben von etwas, das in ihnen selbst seinen Ursprung hatte. Ich fragte mich, Azazel, so absurd und unmöglich es auch klingen mag: Konnten diese Geschöpfe fühlen? Waren sie wie wir? Konnten auch sie denken? Hatten sie dieses zarte, aus himmlischer Seide gesponnene Innenleben, von dem wir dachten, dass es nur hier, nur in der Gegenwart unseres HERRN, möglich ist?

Von da an verbrachte ich viele Stunden am Himmelsrand, noch mehr als früher. Aber nicht mehr aus heiterer Faszination, sondern weil ich Antworten wollte, Antworten brauchte. Ich sah Geschöpfe, die vor ihren Angreifern flohen, bis ihre Kräfte sie verließen. Ich sah, wie sie sich in Felsspalten zwängten und dort zitternd ausharrten, während draußen jene warteten, die ihre Körper zerreißen wollten. Ich sah Geschöpfe, die andere Geschöpfe verteidigten und dabei zugrunde gingen. Ich sah Geschöpfe, die langsam von winzigen Wesen aufgezehrt wurden, welche Gott eigens so geschaffen hatte, dass sie im Körper anderer leben konnten. Und überall begann ich nun denselben Willen zu erkennen: den Willen zu leben, den Willen, nicht verletzt und nicht ausgelöscht zu werden. Doch je länger ich hinsah, desto quälender wurde eine andere Erkenntnis: Kein einziges, nicht eines, dieser Geschöpfe konnte diesen Willen bewahren. Früher oder später wurde jedes von ihnen gezwungen, sich dem zu beugen, was es am meisten fürchtete. Kein einziges, nicht eines, durfte einfach weiterleben.

Wenn diese Geschöpfe fühlen könnten, was würden sie fühlen? Was ginge in ihnen vor, wenn ihnen der eine, große Wunsch, den Gott in ihnen gesät hatte, der Wunsch zu leben, nicht erfüllt würde? Gott hatte ihnen das Verlangen nach Ewigkeit gegeben und sie dann hilflos der Vergänglichkeit ausgeliefert. Hatte Gott sie erschaffen, damit Er sich an diesem Leid erfreuen konnte?

Mein einziger Trost bis zum heutigen Tag ist die Hoffnung, dass diese Geschöpfe, selbst wenn sie fühlten, vielleicht doch nicht fühlten wie wir. Dass sie fühlten, hieß ja nicht zwingend, dass sie wussten, dass sie fühlten, begreifst du, Azazel? Vielleicht war ihr Schmerz nichts weiter als ein Vorgang, der in ihnen geschah, ohne dass es in ihnen ein Bewusstsein gab, das ihn als Schmerz erkannte. Vielleicht floh das Tier vor seinem Angreifer, weil sein Körper fliehen wollte, und nicht, weil irgendwo in ihm ein Wesen saß, das dachte: Ich will leben. Wenn es so war, dann war alles, was ich gesehen hatte, nicht tragisch. Es gab Schmerz, aber niemanden, der unter ihm litt. Es gab Furcht, aber niemanden, der wusste, dass er sich fürchtete. Es gab den Willen zu leben, aber vielleicht gab es niemanden, der wusste, dass er leben wollte.

Dieser Gedanke half, und bis heute denke ich immer noch, dass er wahr sein könnte. Aber das spielt keine Rolle mehr, Azazel, es ist nun ohne Belang, alle Hoffnung ist fort! Gott hat sie zunichte gemacht. Er hat meine schlimmsten Träume wahr werden lassen.

Denn heute Morgen rief Gott, der HERR, uns alle zu sich in den großen Saal. Er hatte den Großen Himmelschor einberufen, das tat er nur, wenn er uns eine ganz besonders raffinierte Erfindung präsentieren wollte. Der Weg zum Saal fiel mir so schwer wie noch nie. Eine innere Stimme verlangsamte mich, schien mich davon abhalten zu wollen, dorthin zu gehen. Hätte ich doch nur auf sie gehört! Der Große Himmelschor hatte bereits angefangen zu singen, als ich in den Saal eintrat. Gott stand vor seinem Thron und ließ sich genüsslich huldigen. Ich stellte mich neben Uriel und stimmte in den Lobpreis mit ein. Dabei betrachtete ich Gott. Er sah gar nicht gut aus. Sein ehemals prächtiger weißer Bart war grau und verfilzt. Um seinen Mund herum war sein Gesicht mit getrocknetem weißem Schaum bedeckt. Sein Blick war trüb, er zuckte immer wieder ruckartig in alle Richtungen, so als würde Er Stimmen hören, die uns verborgen blieben.

Schließlich bedeutete Er uns, zu schweigen. Die gespannte Stille auskostend, schlurfte Er langsam zu dem Marmortisch in der Mitte des Saales. Ein großes Tuch war über ihn geworfen, darunter zeichneten sich zwei Gegenstände ab. Mit einer ausladenden, theatralischen Bewegung riss er das Tuch herunter. Stille. Der HERR sah erwartungsvoll in die Runde. Noch immer Stille. Er stieß ein hohes, abgehacktes Kichern aus und murmelte, wie zu sich selbst: „Sie verstehen nicht, natürlich verstehen sie nicht, wie könnten sie auch?“ Seine Stimme war so schrill, dass ich erschauderte.

Auf dem kalten Marmortisch lag, mit zwei Seidentüchern gefesselt, eines von Gottes neueren Geschöpfen. Ich erkannte es als „Affen“. Der Affe wand sich und strampelte.

Neben ihm stand eine seltsame Konstruktion, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie bestand aus unzähligen kleinen Spiegeln, die von einem Gewirr feinster Streben gehalten wurden. Nichts an ihnen stand still. Einige drehten sich hin und her und fingen das Licht des Saales ein; andere wandten sich einander zu. Dann spiegelte sich in einem der Spiegel ein zweiter, in diesem ein dritter, und in diesem wiederum ein vierter, sodass ein Bild im Bild im Bild entstand und sich in unbeschreibliche Tiefen stürzte. Die ganze Konstruktion stand auf einer Art Ring.

„Heute, meine Untertanen“, wandte Gott sich an uns, „werdet ihr Zeugen der größten Schöpfung, die der Himmel je gesehen hat.“ Wieder dieses hohe, abgehackte Kichern. „Seht und staunet, wie ich ihn erschaffe: den Menschen.“ Ein Murmeln ging durch den Saal. Von rechts hörte ich ein „Bravo!“. Ich drehte mich um und sah Michael, diesen elendigen Speichellecker. „Mit dieser Konstruktion“, er zeigte auf die Spiegel, „werde ich das Leben auf eine neue Stufe heben.“

Gott machte sich daran, die Konstruktion an dem Kopf des Affen zu befestigen. Sie war etwas zu klein, daher begann er, mit seiner bloßen Faust dagegen zu hämmern. Der Affe sträubte sich und wand sich, aber Gott schlug weiter zu. Mit jedem Schlag trieb er die Konstruktion ein Stück weiter auf dessen Schädel. Der Affe stieß einen Schrei aus, dass es mir durch jede Zelle fuhr. Ich blickte mich hilfesuchend um, aber sah nichts außer friedlichen, heiteren Gesichtern. War ich denn der Einzige, der verstand? Waren alle anderen vereint in einem grausamen Komplott, sich nichts anmerken zu lassen? Hatten sie Angst? Wieso, wieso, wieso nur tat niemand etwas?

Ich blickte wieder zu Gott, der jetzt in einem wahnhaften Eifer weiter auf den schreienden Affen einschlug. Die Spiegel surrten unablässig; der Affe schrie. Mit Ekel und Entsetzen sah ich, wie sich unter Gottes Gewand eine Erektion abzeichnete.

„Seht!“ brüllte Er. „Seht den Menschen! Er ist allein, er wird kein Zuhause haben, keine Heimat und keine Zukunft! Aus dem Nichts habe ich ihn herausgerissen, geworfen in eine Existenz, die ihm fremd ist und der er fremd ist!“ Die Konstruktion saß jetzt fest. Gott hatte sich wieder uns zugewandt. Der Affe lag regungslos auf dem Tisch. Ich wollte beten, dass sein Leben ihn verlassen, dass sein Leiden beendet war, aber zu wem sollte ich beten? Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen?

„Und er- er wird es sehen!“ Gottes Kichern war jetzt in ein grausames, schreckliches Lachen übergegangen. „Alles wird er sehen! Den Tod, das Leid, das Elend. Und sich selbst, und das ist das Allerbeste! Er wird sich selbst sehen. Er wird sich in den Spiegeln sehen, seine unendlichen, verlassenen Gesichter wird er sehen, und er wird in dem Gefühl ersaufen, in einen Abgrund zu blicken! Nach diesem Abgrund wird er sich sehnen, erinnert er ihn doch an seine stille Heimat, aber Angst wird er haben, fürchterliche, lähmende Todesangst! Er wird sich an das Leben klammern, aber nach dem Tod sehnen. Ein Bastard, gefangen zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Leben und Tod, gefangen in sich selbst. Die Spiegel werden seinen Geist in einen Schmerz stürzen, den er niemals in Worte wird fassen können, schlimmer und echter als jeder Schmerz, den sein Körper jemals wird erleiden können. Und selbst wenn er diesem Schmerz zu entkommen versucht, wird er ihn niemals ganz hinter sich lassen. Immer wird er wissen, dass er da ist. Immer wird er wissen, dass er selbst es ist, der ihn empfindet. Und es wird ihm noch grausamer, noch unerträglicher vorkommen, weil ich ihm wieder und wieder, als einen Umriss am Horizont, die süße Möglichkeit des „Nichts“ präsentiere. Es hätte nicht sein müssen, wird er sich denken! All das Leid, all das Elend, es hätte nicht sein müssen, es hätte auch einfach nicht sein können, aber es IST!“ Wieder brach Gott in donnerndes Gelächter aus. Mir war schlecht. Ich zitterte am ganzen Körper.

Die Kreatur schlug die Augen auf. Gott hielt inne. Mit fast andächtiger Faszination beugte er sich zu ihr herab. „Jaa, jaaa, mein Geschöpf. Wache auf! Wache auf und siehe, was du bist“, hörte ich ihn erregt ausstoßen; er hatte wieder diesen weißen Schaum vor dem Mund. Er löste die Fesseln. Die Kreatur setzte sich auf, Gott wich zurück, um uns Platz zu geben, sie zu betrachten. Ich konnte nicht hinsehen. Sah ich in den Gesichtern der anderen auch eine Spur Besorgnis? Ich konnte es nicht sagen.

Die Kreatur bewegte ihren Kopf, irritiert von diesem surrenden Ungetüm, das für sie fremd war. Sie schüttelte sich, bewegte ihren Kopf immer schneller, bald panisch. Sie wollte es abschütteln, aber es war unmöglich. Die Konstruktion saß zu fest. In einem der Spiegel sah ich eine Reflexion ihres Auges, in dem sich wiederum die Wände des Saales spiegelten, und ich sah, dass Gott es geschafft hatte. Es war vollbracht: Meine größte Angst war eingetreten; das größte Verbrechen, die größte Sünde, die einzige Sünde, war nun begangen worden – Gott hatte einen Weg gefunden, seine Geschöpfe, diese armen, rastlosen Wesen, sehend zu machen. Sie waren jetzt da. Sie existierten. Sie waren verloren, auf ewig verloren.

Die Kreatur hatte ihre hektischen Bewegungen inzwischen verlangsamt. Sie bewegte immer noch ihren Kopf, aber nicht mehr, um die Spiegel abzuwerfen; sie sah sich um, sah uns. Sie hob ihre Hände vor ihren Kopf und betrachtete sie, als sähe sie sie zum ersten Mal. Um sie herum drehten sich die Spiegel. Einer fing das Bild ein, ein anderer fing das Spiegelbild des ersten ein, dann das nächste, und wieder das nächste. Ihr Bild wanderte von Spiegel zu Spiegel, wurde immer kleiner und vervielfachte sich ins Unendliche. Sie war jetzt da. Sie existierte. Sie sah ihre eigene Verdammnis in unzähligen rasenden Spiegeln.

Die Kreatur ließ sich kraftlos auf den Boden fallen, ihr Körper gekrümmt in einen Bogen aus Angst, Erschöpfung und verwirrter Verzweiflung. Unsere Blicke trafen einander. Was ich in ihren Augen sah, kann ich nicht in Worte fassen, will ich nicht in Worte fassen.

Von dem, was danach geschah, weiß ich nicht mehr viel. Ich muss begonnen haben, zu laufen; ich spürte plötzlich meine Füße auf dem kalten Marmor, sah meine Wohnung vor mir. Ich hörte mich schreien, immer und immer und immer wieder: „Wieso? Wieso?“ Ich kann nicht mehr, Azazel. Wer, welches Monster, was für ein Gott, ist zu so etwas in der Lage?

Sag mir, Azazel, was soll ich tun? Was soll ich nur tun? Was soll ich tun?
 
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wirena

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Hallo lowreference – diesmal konnte ich Deinen Beitrag, Trotz seiner Länge, ohne dass es mir beinahe übel wurde, lesen. Interessant die Briefform, der Aufbau, der zum fragenden Ende führt. Für mein Erleben gut, und so wie ich es spontan sehe, ohne darauf zu achten, auch fehlerfrei geschrieben. Da kommt mir das Lied, die Musik „das ist die Frage aller Fragen“ in den Sinn –

https://www.youtube.com/watch?v=6ohStJVzYZ4

LG wirena
 



 
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