Die Familie

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MaziarB

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Die Familie

Ich beobachte die Familie schon seit einigen Tagen. Die Mutter bleibt meistens bei den Kindern. Der Vater ist häufig unterwegs. Er holt etwas zum Essen und bringt es heim. Die Kinder halten sich meistens in der Nähe der Mutter auf. Sie sind ruhig, wenn etwas zum Essen da ist. Danach beschäftigen sie sich miteinander.

Am Nachmittag kommt der Vater wieder heim. Die Mutter geht ihm entgegen, die Kinder folgen ihr. Da bemerke ich das fremde Kind. Es steht etwas abseits und beobachtet die Familie. Der Vater bemerkt es ebenfalls und bewegt sich auf das Kind zu. Das Kind weicht zurück und versucht zu fliehen, kommt aber nicht weit. Der Vater erreicht es.

Das Kind wird zu Boden gezwungen. Es wehrt sich. Die Mutter hält Abstand, die Kinder sehen zu. Der Vater schlägt zu. Einmal. Noch einmal. Das Kind schreit. Keiner hält ihn auf. Nach einer Weile bewegt sich das Kind nicht mehr. Es ist tot.

Es war brutal, aber so ist nun mal die Natur. Die Störche sind eben hart.

Ich beobachte das Störchnest weiter. Die Mutter schlägt ihre Flügel aufeinander. Die Familie scheint jetzt zufrieden zu sein.
 
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Shallow

Mitglied
Hallo @MaziarB,

ich bin jetzt nicht sicher, ob ich auf dem richtigen Terrain unterwegs bin: Sollte es so gemeint sein, dass es sich bei der "Familie" um ein Vogelnest handelt, finde ich die Grundidee erst einmal gut, weil es diesen Überraschungseffekt gibt: Zunächst geht man von Menschen aus, wobei das sicher beabsichtigt ist. Hinweis darauf wäre "die Mutter schlägt ihre Flügel aufeinander" (wobei das eigenartig ausgedrückt ist, vielleicht eher: schlägt/klappt die Flügel zusammen?) Es spricht aber auch einiges dagegen: Die Mutter geht ihm mit den Kindern entgegen, eine Vogelmutter würde eher mit ihren Jungen im Nest warten.
Handelt es sich um eine Fabel/Parabel?

Ich beobachte das Strolchnetz weiter.

Wird das Strolchnetz weiter beobachtet, oder eher das Strolchnest?

Wie dem auch sei, den folgenden Satz

Es war brutal, aber so ist nun mal die Natur. Die Strolche sind eben hart.

nein, es sind zwei, würde ich entfernen, weil sie nur erklären wollen.

Wie du siehst, schwimme ich etwas. Grundsätzlich hätte ich den Text eher unter Kurzprosa verortet. Vielleicht sehe ich das falsch und bin für neue Sichtweisen offen.

Schönen Gruß
Shallow
 
Zuletzt bearbeitet:

MaziarB

Mitglied
Hallo Shallow,


vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung. Du bist tatsächlich auf dem richtigen Terrain, auch wenn du bei der Art der „Familie“ zunächst etwas danebenliegst. Es handelt sich tatsächlich um ein Vogelnest, allerdings sind die Bewohner Strolche. Der Erzähler weiß das von Anfang an, sagt es dem Leser aber bis zum Schluss nicht.


Bei „Strolchnetz“ hast du allerdings recht. Ich werde es in „Strolchnest“ ändern. Deine Anmerkung zur Bewegung der Familie werde ich mir ebenfalls noch einmal ansehen. Deutsch ist nicht meine Muttersprache, und so gut man eine Sprache auch beherrschen kann, manche sprachlichen Feinheiten nimmt ein deutscher Muttersprachler natürlich leichter wahr. Solche Hinweise sind für mich deshalb hilfreich.


Die beiden Sätze über die Strolche möchte ich dagegen behalten. Sie sind für mich keine bloße Erklärung, sondern die entscheidende Information, durch die der Leser am Ende erkennt, was er die ganze Zeit beobachtet hat.


Vielen Dank fürs Lesen und für deine Gedanken dazu.


Schönen Gruß
Maziar
 

MaziarB

Mitglied
Vielen Dank für deine Rückmeldung. Genau diese Mischung aus Erleichterung und Schrecken wollte ich am Ende erzeugen. Es freut mich sehr, dass die Wendung bei dir so angekommen ist.
 

Ubertas

Mitglied
Lieber @MaziarB ,

für mich erscheint das Aufeinanderschlagen der Flügel der Mutter als ein stiller Akt einer noch größeren Brutalität. Denn sie sieht zu und erklärt sich scheinbar zufrieden damit, dass ein anderes Wesen, ob Menschen- oder Vogelkind, vernichtet wird.
Damit stimmt für mich auch die abstrakte Feststellung im Text: „Es war brutal, aber so ist nun mal die Natur. Die Strolche sind eben hart.“ Als wäre es Normalität, das Fremde zu erschlagen, um die eigene, verblendete Ordnung aufrechtzuerhalten.
Es erklärt mir auch das Zugehen der Mutter auf den Vater. Es bekommt im Nachhinein eine andere Bedeutung: Sie geht nicht nur dem Heimkehrer entgegen, sondern sie reiht sich in eine Ordnung der Gewalt, die diesen Tod zum Schutz der "Familie" billigend in Kauf nimmt.

Eine Geschichte hast du geschrieben, die mich wie seinen Erzähler dazu bringt, das Strolchennest und seine Kinder weiter zu beobachten.

Sehr gut!

Liebe Grüße,
ubertas
 

Heinrich VII

Mitglied
Hallo MB,

ich komme nicht hinter den Witz dieser "Geschichte".
Eine Vogelfamilie im trauten Heim. Eines Tages schlägt der Vogelvater ein fremdes Vogelkind tot.
Die Vogelmutter und die anderen Kinder sehen zu. Danach ist alles wieder gut und die Familie ist zufrieden.
Ist das der Versuch einer schwarzen Komödie? Vielleicht komme ich doch noch dahinter, warum es dafür 2 mal 5 Sterne gibt.
Obwohl - die Chancen stehen eher schlecht.

Gruß, Heinrich
 

MaziarB

Mitglied
Lieber @MaziarB ,

für mich erscheint das Aufeinanderschlagen der Flügel der Mutter als ein stiller Akt einer noch größeren Brutalität. Denn sie sieht zu und erklärt sich scheinbar zufrieden damit, dass ein anderes Wesen, ob Menschen- oder Vogelkind, vernichtet wird.
Damit stimmt für mich auch die abstrakte Feststellung im Text: „Es war brutal, aber so ist nun mal die Natur. Die Strolche sind eben hart.“ Als wäre es Normalität, das Fremde zu erschlagen, um die eigene, verblendete Ordnung aufrechtzuerhalten.
Es erklärt mir auch das Zugehen der Mutter auf den Vater. Es bekommt im Nachhinein eine andere Bedeutung: Sie geht nicht nur dem Heimkehrer entgegen, sondern sie reiht sich in eine Ordnung der Gewalt, die diesen Tod zum Schutz der "Familie" billigend in Kauf nimmt.

Eine Geschichte hast du geschrieben, die mich wie seinen Erzähler dazu bringt, das Strolchennest und seine Kinder weiter zu beobachten.

Sehr gut!

Liebe Grüße,
ubertas
Lieber ubertas,


vielen Dank für deine ausführliche Interpretation. Interessant finde ich besonders, wie viel menschliche Bedeutung du in das Verhalten der Strolche hineinliest. Ich selbst sehe es etwas nüchterner. Die Natur ist nun einmal oft brutal, ohne dass dahinter unbedingt eine moralische Ordnung oder eine bewusste Entscheidung für Gewalt stehen muss.


Aber gerade dass du die Szene so anders interpretierst und die einzelnen Handlungen noch einmal aus diesem Blickwinkel betrachtest, finde ich spannend.


Vielen Dank für deine Gedanken und die Zeit, die du dir für die Geschichte genommen hast.


Liebe Grüße
Maziar
 

MaziarB

Mitglied
Hallo MB,

ich komme nicht hinter den Witz dieser "Geschichte".
Eine Vogelfamilie im trauten Heim. Eines Tages schlägt der Vogelvater ein fremdes Vogelkind tot.
Die Vogelmutter und die anderen Kinder sehen zu. Danach ist alles wieder gut und die Familie ist zufrieden.
Ist das der Versuch einer schwarzen Komödie? Vielleicht komme ich doch noch dahinter, warum es dafür 2 mal 5 Sterne gibt.
Obwohl - die Chancen stehen eher schlecht.

Gruß, Heinrich
Hallo Heinrich,


einen Witz gibt es hier nicht. Die Geschichte ist auch nicht als schwarze Komödie gedacht.


Ich beschreibe eine Familie und verrate zunächst nicht, dass es sich um Strolche handelt. Der Leser soll die Familie zunächst für eine menschliche Familie halten und die Brutalität des Vaters auch entsprechend wahrnehmen.


Erst mit dem letzten Satz wird enthüllt, dass es sich um Vögel handelt. Damit kippt die Wahrnehmung der gesamten Geschichte noch einmal. Was der Leser bis dahin als menschliche Brutalität betrachtet hat, ist plötzlich die Brutalität der Natur.


Genau dieser Moment war der eigentliche Gedanke hinter der Geschichte.


Gruß
Maziar
 

Heinrich VII

Mitglied
Ich beschreibe eine Familie und verrate zunächst nicht, dass es sich um Strolche handelt. Der Leser soll die Familie zunächst für eine menschliche Familie halten und die Brutalität des Vaters auch entsprechend wahrnehmen. Erst mit dem letzten Satz wird enthüllt, dass es sich um Vögel handelt. Damit kippt die Wahrnehmung der gesamten Geschichte noch einmal. Was der Leser bis dahin als menschliche Brutalität betrachtet hat, ist plötzlich die Brutalität der Natur.
Bei mir hat sich das nicht eingestellt, was du da beschreibst. Ich war einfach nur ratlos. :(
Ich frage mich auch: Was sind Strolche? Nicht dass ich alle Vögel kennen würde - aber die mit Sicherheit nicht.

Gruß, Heinrich
 
Ohhh - danke!

Ich habe wirklich gedacht, dass ich völlig blöd bin. Es gibt ja manchmal Worte mit unterschiedlichen Bedeutungen. Aber eine Vogelart Strolche?

Gut, für mich ist alles geradegerückt.

Clown
 

jon

Mitglied
Die Idee ist ganz nett, aber das funktioniert so nicht. Es ist schlichtweg falsch:
  • Bei Störchen kümmern sich beide Elternteile um die Jungtiere (Vater = Ernährer / Mutter = Hausfrau stimmt einfach nicht).
  • Der Horst ist - in Bezug zu den Vögeln - nicht groß genug, um sowas wie "Die Kinder halten sich meistens in der Nähe der Mutter auf." sagen zu können
  • Junge Vögel (weder Störche noch andere Vögel) sind nicht ruhig, wenn Essen da ist, im Gegenteil.
  • "Am Nachmittag kommt der Vater wieder heim." Würde er wirklich in so großen Abständen Futter bringen, wären die Kinder längst verhungert.
  • "Die Mutter geht ihm entgegen, die Kinder folgen ihr." Dafür ist der Horst viel zu klein
  • "Da bemerke ich das fremde Kind. Es steht etwas abseits und beobachtet die Familie." Wo kam es her? Und: Was ist in einem so engen Horst "abseits"?
  • "Der Vater bemerkt es ebenfalls …" Wieso hat die Mutter nicht reagiert? Sie sollte doch viel eher den Eindringling bemerkt (und bekämpft) haben.
  • "Das Kind weicht zurück und versucht zu fliehen, kommt aber nicht weit." Wohin weicht es zurück?
  • "Das Kind wird zu Boden gezwungen." Auf den Boden des Horstes? Also ist es gar nicht zurückgewichen.
  • "Die Mutter hält Abstand …" Warum?
  • "Der Vater schlägt zu." Womit?
  • Außerdem nehmen Störche durchaus fremde Jungtiere an, wenn auch nicht immer. Dieses Abwehren ist also möglich, aber nicht - wie du mit "Störche sind eben hart." behauptest - Standard.
Ich verstehe, dass du den Leser irreführen und an eine menschliche Familie denken lassen wolltest. Nur: Wenn du dann behauptest, es seien Störche, dann fühlt es sich nicht mehr wie "irreführen" an, sondern wie eine glatte Lüge. Das ist auch deshalb problematisch, weil du in der Pointe (wahrscheinlich) mitteilen willst, dass es für Tiere (hier: Störche) normal ist, so zu handeln (während man das bei Menschen als unangemessen ansehen würde). Nur dass es eben (auch) für Störche nicht normal ist.


"Die Mutter schlägt ihre Flügel aufeinander." Hier weiß ich nicht, was du meinst.
 

MaziarB

Mitglied
Die Idee ist ganz nett, aber das funktioniert so nicht. Es ist schlichtweg falsch:
  • Bei Störchen kümmern sich beide Elternteile um die Jungtiere (Vater = Ernährer / Mutter = Hausfrau stimmt einfach nicht).
  • Der Horst ist - in Bezug zu den Vögeln - nicht groß genug, um sowas wie "Die Kinder halten sich meistens in der Nähe der Mutter auf." sagen zu können
  • Junge Vögel (weder Störche noch andere Vögel) sind nicht ruhig, wenn Essen da ist, im Gegenteil.
  • "Am Nachmittag kommt der Vater wieder heim." Würde er wirklich in so großen Abständen Futter bringen, wären die Kinder längst verhungert.
  • "Die Mutter geht ihm entgegen, die Kinder folgen ihr." Dafür ist der Horst viel zu klein
  • "Da bemerke ich das fremde Kind. Es steht etwas abseits und beobachtet die Familie." Wo kam es her? Und: Was ist in einem so engen Horst "abseits"?
  • "Der Vater bemerkt es ebenfalls …" Wieso hat die Mutter nicht reagiert? Sie sollte doch viel eher den Eindringling bemerkt (und bekämpft) haben.
  • "Das Kind weicht zurück und versucht zu fliehen, kommt aber nicht weit." Wohin weicht es zurück?
  • "Das Kind wird zu Boden gezwungen." Auf den Boden des Horstes? Also ist es gar nicht zurückgewichen.
  • "Die Mutter hält Abstand …" Warum?
  • "Der Vater schlägt zu." Womit?
  • Außerdem nehmen Störche durchaus fremde Jungtiere an, wenn auch nicht immer. Dieses Abwehren ist also möglich, aber nicht - wie du mit "Störche sind eben hart." behauptest - Standard.
Ich verstehe, dass du den Leser irreführen und an eine menschliche Familie denken lassen wolltest. Nur: Wenn du dann behauptest, es seien Störche, dann fühlt es sich nicht mehr wie "irreführen" an, sondern wie eine glatte Lüge. Das ist auch deshalb problematisch, weil du in der Pointe (wahrscheinlich) mitteilen willst, dass es für Tiere (hier: Störche) normal ist, so zu handeln (während man das bei Menschen als unangemessen ansehen würde). Nur dass es eben (auch) für Störche nicht normal ist.


"Die Mutter schlägt ihre Flügel aufeinander." Hier weiß ich nicht, was du meinst.
Danke für die ausführliche Reaktion. Die vorherigen Beschreibungen sind bewusst aus der Perspektive eines Beobachters gehalten, der die Familie beobachtet, und keine zoologische Dokumentation.

Dass du einzelne Vorgänge anschließend biologisch hinterfragst, ist natürlich möglich. Aber genau damit verlässt du meiner Meinung nach den eigentlichen Gedanken der Geschichte: Du kennst die Auflösung bereits und versuchst anschließend, jede vorherige Formulierung auf ihre biologische Genauigkeit zu überprüfen. Für den Leser, der beim ersten Lesen von einer menschlichen Familie ausgeht, entsteht die Wirkung dagegen gerade dadurch, dass er die Beschreibungen zunächst entsprechend interpretiert.


Die Geschichte möchte keine Geschichte über das Verhalten von Störchen sein. Sie handelt davon, wie leicht wir eine Situation aufgrund unserer eigenen Erwartungen falsch interpretieren können. Deshalb verstehe ich deine Kritiken in viele Punkte nicht.
 

trivial

Mitglied
Hier muss ich Jon zustimmen. Wenn die beabsichtigte Pointe sein sollte: „[…] wie leicht wir eine Situation aufgrund unserer eigenen Erwartungen falsch interpretieren können“, dann funktioniert es für mich so nicht. Am Ende wird nicht retrospektiv ein neuer Bedeutungsrahmen eröffnet, der den Bias des Lesers vorführt – vielmehr wird die Konstruktion des Autors sichtbar, der die menschliche Lesart selbst herstellt und vorgibt.

Hier ist ein Gegenbeispiel, wo ich es hervorragend umgesetzt finde:


(Schade, dass Sidgrani schon so lange nichts mehr veröffentlicht.)

Das soll jetzt überhaupt nicht deinen Text per se kritisieren, nur finde ich, dass dem Leser hier nicht seine Erwartungen vor Augen geführt werden, falls das die Intention gewesen war.

Liebe Grüße
Rufus
 

trivial

Mitglied
P.S.: Vielleicht würde der Text sogar davon gewinnen, das Ende komplett zu streichen. Das würde wahrscheinlich, so vermute ich, deine ursprüngliche Intention für diesen Text konterkarieren, aber die willfährige Auflösung am Ende wirkt wie ein Sicherheitsnetz: Es wird nicht das Risiko eingegangen, die entstandene Irritation vollständig den Gedanken des Lesers zu übergeben, sondern eine harmonische Auflösung angeboten, die dem Text meines Erachtens mehr nimmt, als sie ihm gibt – als würde der Text seine eigene Irritation nicht aushalten, da die Auflösung, wie oben erwähnt, eine performative Setzung und keine perspektivische ist.
 



 
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