Die Fliege und ich

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Vor vierzehn Jahren bin ich zuletzt umgezogen. Beim Auspacken und Einräumen schwor ich mir: Ich will nie wieder wechseln. Ordnen Sie einmal tausend Bücher, die vollkommen unsortiert in Kartons gewesen sind, nach Sachgebieten und alphabetisch in Regale ein. Es kommt einer dreizehnten Herkulesaufgabe gleich.

Dann wurde ich nachdenklich: Ist es vielleicht das letzte Mal, dass du eine neue Wohnung beziehst? Bist du an der Endstation deines Lebens angekommen? Das war keine sehr angenehme Vorstellung. Sie passte allerdings zur Jahreszeit: Herbst.

Ich gewöhnte mich allmählich ein. Im Haus war es ungewöhnlich ruhig; der einzige Nachbar, ohnehin rücksichtsvoll, war meistens abwesend. Ich konnte die Stille förmlich sehen, riechen, schmecken. Und der Herbst schritt immer weiter fort.

Jene Fliege fiel mir schon bald nach dem Einzug auf. Es musste die letzte Fliege des Sommers sein, die sich in meine temperierte Wohnung gerettet hatte. Anfangs flog sie noch recht vital durch die Räume. Sie interessierte sich vor allem für meinen Speisezettel. Konfitüre fand sie unwiderstehlich. Ich verscheuchte sie. Sie kam zurück. Ich schlug nach ihr, ohne sie zu treffen. Es gelang mir nie. Allmählich kam es zu einer Koexistenz zwischen uns. Oder ist Kohabitation das rechte Wort?

Sie folgte mir von der Küche ins Wohnzimmer. Ich hörte Schuberts Vierte, und sie summte mir um die Stirn. Da ich Musik gewöhnlich nur mit Kopfhörer genieße, hörte ich sie nicht. Plötzlich fühlte ich sie an meiner Nasenwurzel. Ich bedeutete ihr, sich zu entfernen. Sie tat mir den Gefallen und erging sich zwischen den Zimmerpflanzen oder auf der Tischplatte.

Sie begleitete mich ins Schlafzimmer, unternahm Annäherungsversuche, als ich im Bett las. Wenn ich in der Nacht einmal die Lampe neben mir anknipste, entdeckte ich sie in der Nähe meiner Lagerstatt, an der Wand oder an der Zimmertür.

Es wurde noch herbstlicher, und wir gewöhnten uns immer mehr aneinander. Die Vorstellung, sie jedenfalls sei in ihre letzte Behausung übergesiedelt, begann mich zu beschäftigen. Hätte sie nicht längst tot sein müssen? Etwas wie Sympathie mit ihr und ihrem unausweichlichen Schicksal regte sich in mir. Ich verscheuchte sie nicht mehr, ließ sie auf meinen Händen und Armen krabbeln. Fliegen sind leichtfüßig. Sie kommen schnell voran, und dann verharren sie plötzlich lange an einem Punkt der Körperoberfläche. Ich registrierte es genau.

Wenn sie nicht zu mir kam, hielt ich nach ihr Ausschau. Sie wurde schwächer, müder. Ich kam auf die Idee, für sie zu sorgen. Bevor ich morgens zur Arbeit aufbrach, stellte ich ihr ein Glasschälchen mit Marmelade hin. Zwischenzeitlich erholte sie sich wieder, um dann noch schwächer zu werden. Sie verharrte jetzt die meiste Zeit an einem Punkt.

Sie hielt noch lange durch, weit über die ihr von der Natur bestimmte Zeit hinaus. Weihnachten war schon vorüber. Ob ich sie bis ins Frühjahr durchbringen würde? Aber mit einemmal war sie doch verschwunden. Soviel ich auch gesucht habe: Ich habe in jenem Winter nie eine tote Fliege bei mir finden können.
 

Vera S

Mitglied
Lieber Arno,
die Geschichte gefällt mir sehr, nachvollziehbar die Gedanken zur letzten Heimat und die Zuneigung, die ein Mensch zu einer Fliege entwickeln kann. Ich frage mich, ob die Parallelität nicht am Ende noch einmal wieder aufgenommen werden könnte? Der Protagonist stellt am Anfang des Textes die Frage nach der Endstation, die Frage wiegt schwer, dazu die Todesstille der Wohnung. Die Fliege hat offensichtlich ihr letztes Domizil gewählt, ihr Leben wird durch Sorge und Zuneigung verlängert... der Protagonist - allein, Einzelgänger? - hat die Möglichkeit, am Ende "jenem Winter" zu sagen. Vielleicht überstrapaziere ich den Text, wenn ich es passend fände, dass eine erneute Selbstreflexion, ein Rückbezug den Text abschließen könnte? Schließlich ist der Schreck über das letzte Domizil schon vierzehn Jahre her.

Liebe Grüße
Vera
 
Liebe Vera,

danke für die freundlich-kritischen Zeilen. Ja, die Sache mit der Parallelität ... Darüber habe ich etwas nachgedacht und sehe es so: Die Parallelität scheint mir, halb unausgesprochen, auch am Schluss noch vorhanden. Das genaue Schicksal der Fliege (ihr Verbleib) ist unaufgeklärt. Sie könnte die Wohnung auch durch ein geöffnetes Fenster verlassen haben. Dementsprechend bleibt offen, ob der Erzähler tatsächlich dort seine letzte Bleibe gefunden hat.

Richtig, man könnte diese Parallelität am Schluss noch schärfer herausarbeiten. Allerdings neige ich generell nicht zur Verdeutlichung, dabei tut man leicht des Guten zu viel, dann wirkt es oft plump. Schon dieser eine zusätzliche Satz - nur als mögliches Beispiel - erschiene mir bedenklich: "Und könnte das nicht auch mir bestimmt sein: mich aufzulösen, ohne dass einer die geringste Spur von mir zu entdecken vermag?"

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno, eine Geschichte mit schönen Parallelitäten zwischen Jahres- und Lebenszeiten und zusätzlich noch das Überleben einer Fliege.

Inhaltlich hakt es für mich an zwei Stellen:

Die Endstation des Lebens ist nicht die letzte Wohnung. Eher die letzte Ruhestätte.
Und die Fliege war keine Eintagsfliege? Können Fliegen tatsächlich so lange leben wie beschrieben?

Hm.

Oder es ist nur ein Bild.

LG Doc
 
Dank auch an dich, Doc, für die freundliche Reaktion. Zu den zwei angesprochenen Punkten: Stubenfliegen können bis zu sechs Wochen alt werden - es war tatsächlich eine reale Fliege. Das andere ist wohl eher eine Definitionsfrage. Stürbe ich hier im Haus, würde die Wohnung doch wohl letzte Station des Lebens im naturwissenschaftlichen Sinn sein. Das Grab nimmt gewöhnlich die sterblichen Überreste auf, wobei mir bei dieser verbreiteten Formulierung das Adjektiv nicht ganz korrekt zu sein scheint. Die Überreste sind ja nicht mehr sterblich, sondern schon gestorben. (Anderer Auffassung vgl. Dostojewski, Bobok, da geht es in und zwischen den frischen Gräbern noch eine Weile putzmunter zu.)

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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