Die Fliege und ich

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Ich war wieder einmal umgezogen. Beim Auspacken und Einräumen schwor ich mir: Ich will nie wieder wechseln. Ordnen Sie einmal tausend Bücher, die vollkommen unsortiert in Kartons gewesen sind, nach Sachgebieten und alphabetisch in Regale ein. Es kommt einer dreizehnten Herkulesaufgabe gleich.

Dann wurde ich nachdenklich: Ist es vielleicht das letzte Mal, dass du eine neue Wohnung beziehst? Bist du an der Endstation deines Lebens angekommen? Das war keine sehr angenehme Vorstellung. Sie passte allerdings zur Jahreszeit: Herbst.

Ich gewöhnte mich allmählich ein. Im Haus war es ungewöhnlich ruhig; der einzige Nachbar, ohnehin rücksichtsvoll, war meistens abwesend. Ich konnte die Stille förmlich sehen, riechen, schmecken. Und der Herbst schritt immer weiter fort.

Jene Fliege fiel mir schon bald nach dem Einzug auf. Es musste die letzte Fliege des Sommers sein, die sich in meine temperierte Wohnung gerettet hatte. Anfangs flog sie noch recht vital durch die Räume. Sie interessierte sich vor allem für meinen Speisezettel. Konfitüre fand sie unwiderstehlich. Ich verscheuchte sie. Sie kam zurück. Ich schlug nach ihr, ohne sie zu treffen. Es gelang mir nie. Allmählich kam es zu einer Koexistenz zwischen uns. Oder ist Kohabitation das rechte Wort?

Sie folgte mir von der Küche ins Wohnzimmer. Ich hörte Schuberts Vierte, und sie summte mir um die Stirn. Da ich Musik gewöhnlich nur mit Kopfhörer genieße, hörte ich sie nicht. Plötzlich fühlte ich sie an meiner Nasenwurzel. Ich bedeutete ihr, sich zu entfernen. Sie tat mir den Gefallen und erging sich zwischen den Zimmerpflanzen oder auf der Tischplatte.

Sie begleitete mich ins Schlafzimmer, unternahm Annäherungsversuche, als ich im Bett las. Wenn ich in der Nacht einmal die Lampe neben mir anknipste, entdeckte ich sie in der Nähe meiner Lagerstatt, an der Wand oder an der Zimmertür.

Es wurde noch herbstlicher, und wir gewöhnten uns immer mehr aneinander. Die Vorstellung, sie jedenfalls sei in ihre letzte Behausung übergesiedelt, begann mich zu beschäftigen. Hätte sie nicht längst tot sein müssen? Etwas wie Sympathie mit ihr und ihrem unausweichlichen Schicksal regte sich in mir. Ich verscheuchte sie nicht mehr, ließ sie auf meinen Händen und Armen krabbeln. Fliegen sind leichtfüßig. Sie kommen schnell voran, und dann verharren sie plötzlich lange an einem Punkt der Körperoberfläche. Ich registrierte es genau.

Wenn sie nicht zu mir kam, hielt ich nach ihr Ausschau. Sie wurde schwächer, müder. Ich kam auf die Idee, für sie zu sorgen. Bevor ich morgens zur Arbeit aufbrach, stellte ich ihr ein Glasschälchen mit Marmelade hin. Zwischenzeitlich erholte sie sich wieder, um dann noch schwächer zu werden. Sie verharrte jetzt die meiste Zeit an einem Punkt.

Sie hielt noch lange durch, weit über die ihr von der Natur bestimmte Zeit hinaus. Weihnachten war schon vorüber. Ob ich sie bis ins Frühjahr durchbringen würde? Aber mit einemmal war sie doch verschwunden. Soviel ich auch gesucht habe: Ich habe in jenem Winter nie eine tote Fliege bei mir finden können.
 
Harziger Einstieg

Hallo Arno,

Finde es eine interessante Idee, in einer Geschichte das Zusammenleben eines Menschen mit einer Stubenfliege zu erzählen. Mich stören die Dinger ungemein und daher ist ihnen in meiner Wohnung nur eine kurze Lebenszeit vergönnt.

Nun zum Text:
Den Einstieg in die Geschichte finde ich etwas harzig und wäre die Geschichte nicht so kurz, hätte ich sie nach den ersten paar Zeilen wahrscheinlich nicht fertig gelesen.

Harzig, weil du im ersten Abschnitt viele Wiederholungen hast:
[red]Ich[/red] war wieder einmal umgezogen. Beim Auspacken und Einräumen schwor [red]ich[/red] mir: [red]Ich[/red] will nie wieder wechseln.
Da könnte man sprachlich mehr daraus machen. Schau doch mal den Text nochmals durch. Du hast auch im weitern Verlauf oft Wiederholungen.

Und dann ist es mir nicht so klar, weshalb jemand der anscheinend oft umzieht, plötzlich so melancholisch wird und über seinen Tod sinniert. Braucht es den diesen Abschnitt überhaupt? Im Rest des Textes ist diese melancholische Stimmung beim Erzähler nicht wieder zu finden. Ich glaube es würde reichen, wenn du in einem oder zwei Sätzen erläuterst, dass da ein Umzug stattgefunden hat und dann mit dem vierten Absatz weiterfährst.

Ich hoffe ich konnte dir ein paar gute Ideen geben.

Wünsche dir weiterhin Erfolg beim Schreiben.

Grüsse
ein müder Dichter
 
Danke, müder Dichter, für deine Hinweise und Einwände. Ich habe sie überdacht und möchte Folgendes entgegnen: Wiederholungen sind nicht in jedem Fall zu vermeiden. Sie können auch Stilmittel sein, die z.B. eine Situation bzw. Atmosphäre der Monotonie andeuten. Dies scheint mir zum Themenkomplex Herbst / Todesgedanken zu passen. Dass ausgerechnet das Ich so oft vorkommt, möchte ich damit verteidigen, dass so die relative Einsamkeit des IE herausgestellt wird. Es ist eben eine ausschließliche Zwei-Personen-Geschichte. Auch von der Fliege ist permanent die Rede.

Richtig ist, dass die anfängliche Melancholie des IE sich zumindest abschwächt. Warum? Eben da eine Bezugsperson ins Spiel gekommen ist, die Fürsorge ausgelöst hat.

Mit alldem will ich nicht sagen, dass deine Beobachtungen und Kritikansätze grundsätzlich falsch seien. Es ist auch eine Frage der subjektiven Aufnahme und Interpretation.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Hallo Arno,

Da hast du recht, dass Wiederholungen nicht in jedem Fall schlecht sind. Gerade wenn du durch häufigen Gebrauch von "ich", Einsamkeit und Monotonie näherbringen wolltest. Da es sich um eine Kurzgeschichte handelt und die Wiederholungen gleich Anfangs zu finden sind war es mir nicht möglich diese bewusst gewälte Technik als solchige zu erkennen.

Dass eine Fliege beim IE Gefühle der Fürsorge auslöst, finde ich persönlich schwierig nachzuvollziehen. Ich hätte da vielleicht eher ein Vogel genommen der täglich auf den Balkon fliegt oder dergleichen. Aber wie du schon schreibst, das ist subjektives Empfinden.

Beste Grüsse
ein müder Dichter
 

onivido

Mitglied
quote:
"Dass eine Fliege beim IE Gefühle der Fürsorge auslöst, finde ich persönlich schwierig nachzuvollziehen."
unquote
Ich nicht. Ich muss einräumen, dass das nicht alltäglich ist, aber wie ich an mir sehe ist es möglich. Im Übrigen finde ich die Geschichte lesenswert. Mal etwas Unvorhersehbares.
Grüsse///Onivido
 
Danke, onivido, für Anmerkung und Anerkennung. Die Insektenwelt ist ja unüberschaubar groß, da liegen die Geschichten sozusagen und oft tatsächlich auf dem Boden bereit. Ich arbeite jetzt an "Die Rettung eines Mistkäfers" ...

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno,

eine ungewöhnliche Idee, wobei sich mir sofort die Frage stellt, ob es immer dieselbe Fliege gewesen ist, die dem Prot Gesellschaft geleistet hat. Es soll ja mehrere davon geben. :)

Leider finde ich den Text im Gesamtergebenis aber zu fade, zu emotionslos, die Schilderung zu nüchtern. Zu Beginn nervt die Fliege ja offenbar, das kommt aber kaum rüber. Später ist sie eher ein wissenschaftliches Studienobjekt denn ein Mitbewohner. So genau wird sie betrachtet.

Du hättest hier mehr rausholen und den Text lebendiger gestalten können.

VG. DS
 
Doc, für die Meinungsäußerung bedanke ich mich. Deinen subjektiven Eindruck muss ich selbstverständlich als solchen respektieren. Aber vielleicht irrst du dich in einem: dass Arno A. mehr an Emotion hier hätte herausholen können oder auch nur wollen. Dieses beliebte Aufschäumen überzeugt mich auch an fremden Texten eher weniger. So hat halt jeder sein Stilideal ...

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Hagen

Mitglied
Hallo Arno,
so eine Fliege hatte ich auch mal!
Ich habe sie 'Agathe' genannt und immer an ihrem frechen Grinsen erkannt.
Schließlich habe ich versucht, sie zu domestizieren, und dazu habe ich ausgiebig über die Psyche der Stubenfliegen recherchiert. Es bohrte sich schmerzhaft in meine Erkenntnis, dass Stubenfliegen nur ein Erinnerungsvermögen von etwa einer Sekunde haben. Damit liegen sie, laut Pisa-Studie, knapp über meiner Heimatstadt Bremen, und ich gab den Versuch auf.
Agathe schien aber doch irgendwie beleidigt zu sein und wanderte aus.
Ich vermeine sie mit einem Bündel auf dem Rücken davonfliegen gesehen zu haben.
Naja, das wollte ich Dir nur mal sagen,
auf alle Fälle lesen wir uns!

Herzlichst
yours Hagen


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Es ist für mich ebenso leicht,
zu glauben, dass das Weltall sich selber geschaffen hat,
als dass ein Schöpfer des Weltalls sich selber schuf,
nein vielleicht sogar leichter,
denn das Weltall existiert in sichtbarer Form und schafft sich selbst im Fortschreiten ständig neu,
während ein Schöpfer dieses Weltalls eine Hypothese ist.
(George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker u. Nobelpreisträger, 1856-1950)
 
Geschätzter Kollege Hagen, ob meine Fliege nicht eben jene Agathe war? Die Geschichte ereignete sich ja im weiteren Dunstkreis von Bremen (Lüneburger Heide).

Unterschätzen wir so kleine Lebewesen nicht. Man kann sie tatsächlich ein wenig domestizieren, und als ernsthafter Fliegenforscher sage ich dir: Sie sind durchaus lernfähig, testen z.B. aus, ob eine individuelle menschliche Oberfläche (Haut) ein gefährlicher Ort ist oder nicht. Je nachdem verhalten sie sich von da an. Das setzt doch voraus, dass die aufgenommene Information in irgendeiner Weise gespeichert sein muss.

Mit freundlichem Summen
Arno Abendschön
 

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