Die Frau auf dem Kühler

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Hagen

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Die Frau auf dem Kühler



Als der Landwirt Justus Reimers Ende der Siebziger Jahre die Anschaffung eines neuen Mähdreschers erwog, stellte er seine alte Maschine, eine Ködel & Böhm Dreschmaschine mit Riemenantrieb, zum Verkauf. Doch es dauerte weitere zehn Jahre, die der Drescher im Dornröschenschlaf in der Scheune verbrachte, bis der Heimatverein Darenwedes Interesse an dem historischen Gerät zeigte. Als Attraktion des anstehenden Dreschefestes sollte die historische Ködel & Böhm wieder in Betrieb genommen werden.

Als man die Dreschmaschine aus der Scheune rollte, fand man, gut verborgen vor neugierigen Blicken, einen Mercedes Benz 170 V - Typ W136.

Justus‘ Mutter, die zufällig anwesend war, und die Herren vom Heimatverein mit Kaffee und Köm versorgte, drohte in Ohnmacht zu fallen, als sie den Mercedes sah.

„Das ist dem Bödefeld, diesem Schlingel sein Taxi! Wie kommt das denn hierher? Und das ist meine Schwester Emilie Rosalie Rosita!“

Sie deutete auf die Figur, die an Stelle des obligaten Sterns auf den Kühlerdeckel geschraubt worden war. Eine gleiche Figur, wie sie die stolzen Kühler historischer Rolls Royce-Automobile schmückt.

Einer der Herren des Heimatvereins behauptete, dass es sich bei dieser Kühlerfigur um eine ‘Emily‘, wie die Kühlerfiguren bei Rolls Royce heißen, handeln würde. Doch er wurde umgehend von einem weiteren Mitglied des Heimatvereins gemaßregelt:

„Nur Rolls Royce-unkundige Banausen bezeichnen die legendäre ‘Spirit of Ecstasy‘, erschaffen von dem britischen Bildhauer Charles Robinson Sykes, als ‘Emily‘! Ein bisschen mehr Sachverstand kann man von einem Mitglied des Darenweder Heimatvereins schon erwarten!“

Der Disput um die Frau auf dem Kühler ging noch eine Weile weiter, gehört aber nicht in diese Geschichte.



Nachdem die wunderbare Ulrikeund ich dem besagten Dreschefest beigewohnt und den ebenso liebevoll wie fachkundig restaurierten Ködel & Böhm bei der Arbeit gesehen und bewundert hatten, kamen wir des Abends im ‘Grünen Jäger‘ mit Justus Reimers und seiner Mutter ins Gespräch. Die beiden erzählten uns nach einigen spendierten Schnäpsen eine interessante Geschichte, bei der sich ein normaler Mensch schwer tut, sie zu glauben:



Paul Gustav Bödefeld war nach dem ersten Weltkrieg der erste Darenweder Kraftdroschkenführer, heute sagt man Taxifahrer.

Im Gegensatz zu seinem Sohn, Paul Gustav Bödefeld jr., arbeitete er Tag und Nacht und konnte sich deshalb bald sein eigenes Taxi leisten.

Paul Gustav Bödefeld jr. hatte mit ‘ordentlicher Arbeit‘ nichts im Sinn, schließlich hatte er Kunst studiert, fertigte hin und wieder Portraits im Auftrag mehr oder weniger zahlender Kunden an, und veranstaltete rauschende Atelierfeste.



Auf einem dieser Atelierfeste lernte Paul Gustav Bödefeld jr. Fräulein Emilie Rosalie Rosita Reimers kennen.

Emilie Rosita Rosalie Reimers war Telefonistin, die in der Telefonvermittlungsstelle, der Fernsprech-Handvermittlung an einem sogenannten Klappenschrank arbeitete.



Paul Gustav Bödefeld jr. war von Emilie Rosita Rosalie Reimers derart angetan, dass er umgehend um ihre Hand anhielt. Doch Fräulein Reimers zögerte noch. Sie verlangte, dass Paul Gustav fortan keine lasziven Atelierfeste mehr feiern und einem ordentlichen Beruf nachgehen sollte, am besten in dem Taxiunternehmen seines Vaters.

Paul Gustav Bödefeld jr. willigte ein, zwar etwas zähneknirschend, aber die beiden traten alsbald vor den Traualtar. Nach der Hochzeitsreise traf man Paul Gustav Bödefeld jr. stets in einer Kraftdroschke seines Vaters an, wenn er nicht gerade mit seiner Emmeli, wie er seine geliebte Gattin zärtlich nannte, im Schlafgemach weilte. Um sein Atelier nicht gänzlich verwaisen zu lassen, saß ihm seine Emmeli in seiner wenigen Freizeit vollkommen unbekleidet Modell für künstlerisch hochwertige Skulpturen.



Als Emilie Rosita Rosalies Mutter einer dieser Skulpturen ansichtig wurde, war sie entsetzt ob dieser obszönen Darstellung ihrer Tochter und drohte, sie zu enterben. Paul Gustav Bödefeld sen. versuchte die Wogen der aufbrausenden Emotionen spontan zu glätten, indem er beteuerte, dass diese Skulptur in verkleinerter Form lediglich als Kühlerfiguren für seine mittlerweile zwei Taxen dienen sollte.

“Alles schön und gut“, zeterte Emilie Rosita Rosalies Mutter weiter, „aber wenn ihr meine Tochter als Kühlerfigur missbrauchen wollt, dann bitte bekleidet! … Ansonsten könnt ihr euch die Erbschaft an den Hut stecken!“

Emilie Rosita Rosalies Mutter rauschte hoch erhobenen Hauptes davon.

Nach einigen Likören, gemeinschaftlich genossen, befahl Paul Gustav Bödefeld sen. seinem Sohn die Skulptur einer bekleideten Frau zu schaffen, die dem Fahrgast seiner Taxen den Eindruck von Geschwindigkeit vermitteln sollte.

Paul Gustav Bödefeld jr. machte sich sogleich ans Werk, doch keine seiner Arbeiten fand Gnade in den Augen seines Vaters und seiner Gattin, und denen ihrer Mutter schon gar nicht. Selbst seine eigene Mutter hielt sich permanent zeternd im Atelier auf und gab Ratschläge, wie er die Skulpturen im Sinne von Emilie Rosita Rosalies Mutter zu fertigen hatte, damit die Erbschaft gesichert sein würde.

Da sich Emilie in dieser Zeit im ehelichen Schlafzimmer auffallend zurückhielt, war es nicht verwunderlich, dass sich Paul Gustav Bödefeld jr. eines Tages nicht mehr sehen ließ. Mitsamt des Taxis, das sein Vater in Aussicht auf die Erbschaft seiner Schwiegertochter gerade angeschafft hatte.

Für einige Jahre verlor sich ab da die Spur von Paul Gustav Bödefeld jr. nebst Taxi, auf dessen Kühler er kurz vor seinem Verschwinden seine letzte Skulptur geschraubt hatte, die ‘Frau mit wehendem Kleid‘, wie er sie nannte.

Die Gesichtszüge seiner Frau sollen auf der Skulptur unverkennbar wiedergegeben worden sein.



Irgendwann, der genaue Zeitpunkt ist nicht überliefert, ging der damals noch recht unbekannte Autor, Regisseur und Filmproduzent Billy Wilder in Manchester an Bord eines Taxis und wollte zur Firma Rolls-Royce Ltd. Dort beabsichtigte er Sonderkonditionen für mehrere Fahrzeuge, die er für den von ihm geplanten Film ‘Mauvaise graine‘ benötigte, auszuhandeln.

Wilder, der dafür bekannt war, sehr schnell mit allen Menschen in Kontakt zu kommen und aus jeder Situation Anregungen für seine Filme zu schöpfen, fragte den Fahrer nach der Herkunft der wunderschönen Figur auf dem Kühlerdeckel seines Taxis.

Der Fahrer gab bereitwillig Auskunft. Vor einiger Zeit habe er einen völlig besoffenen deutschen Kerl aus einer Künstlerkneipe in eine billige Absteige gefahren. Dort eröffnete ihm der betrunkene Kerl, dass er völlig pleite sei. Als Entgelt für die Fahrt bot er ihm die Kühlerfigur an, die er zuvor aus seiner Manteltasche gezogen hatte, dabei erwähnte er, dass ihm seine liebe Frau Emily dafür Modell gestanden hatte. Der Fahrer war auf den Deal eingegangen und hatte die ‘Emily‘ umgehend auf seinen Kühler geschraubt.

Beim Aussteigen am Werkstor der Firma Rolls-Royce Ltd. blieb Wilder die Kühlerfigur lange nachdenklich betrachtend stehen, murmelte immer wieder etwas von einer großartigen Idee und bat den Fahrer schließlich, ihm die Kühlerfigur zu verkaufen.

Man wurde sich für zehn Pfund handelseinig.

Warum Wilder ohne die Emily nach Hause fuhr, und wieso kurze Zeit später eine Kopie dieser Emily auf den Kühlern eines jeden Rolls Royce-Automobils prangte, konnte nicht eindeutig ermittelt werden, die Firma Rolls-Royce Ltd. hüllt sich in Schweigen.



Doch was wurde aus Emilie Rosita Rosalie und Paul Gustav Bödefeld?

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Emilie Rosita Rosalie in die Jägerleitzentrale in Berlin kommandiert. Dort arbeitete sie als ‘Engel am Boden‘, das heißt, sie hatte ‘ihren‘ Nachtjäger per Funk an die angreifenden Bomber heranzuführen.

Auf diese Taktik reagierten die Engländer, indem sie deutsch sprechende Besatzungsmitglieder mitfliegen ließen, die so taten, als seien sie der jeweilige diensthabende Jägerleitoffizier, und die versuchten, die deutschen Nachtjäger auf deren Frequenz in den leeren Himmel umzuleiten.

Dieses geschah auch in der Nacht vom 23. zum 24. August 1943, als britische, mit Spreng- und Brandbomben beladene Avro ‘Lancaster‘ Berlin anflogen.

An Stimmlage, dem leichten Darenweder Dialekt und der Art zu formulieren, erkannte Emilie Rosita Rosalie ihren Mann Paul Gustav!

„Bist Du es, Paul?“, fragte sie.

Einen Moment herrschte Stille im Funk. Der ‘Engländer‘ musste nun auch seine Frau erkannt haben, denn er antwortete: „Yes, Emmeli!“

In diesem Moment vernahm Emilie Rosita Rosalie das sägende Geräusch von Einschüssen aus dem englischen Funkgerät. Sie hatte ‘ihren‘ Nachtjäger an den Bomber herangeführt, in dem ihr Mann mitgeflogen war!

Am nächsten Tag wurden 57 Abschüsse gemeldet, unter anderem eine Avro ‘Lancaster‘ mit 8 Besatzungsmitgliedern, obwohl die ‘Lancaster‘ normalerweise von 7 Mann geflogen wurde.



Emilie Rosita Rosalie Bödefeld wurde zuletzt gesehen, als sie am gleichen Abend versuchte, einige Verschüttete aus einem brennenden Haus zu bergen.
 
Klingt äußerst authentisch, diese in die Historie eingewobene Geschichte. Den Film gibt es, die Kühlerfigur gibt es, wer weiß, am Ende gibt es sogar die hier beschriebenen Zusammenhänge?
 

Hagen

Mitglied
Hallo Binsenbrecher,

Wir wollen doch die Netiquette einhalten und uns ordentlich ansprechen; - schließlich sind wir hier nicht bei Twitter!
Da jeder weiß, dass ich niemals lüge, sind die hier beschriebenen Zusammenhänge durchaus real. ;)
Oder kann es sein, dass sich die hier beschriebenen Zusammenhänge in einer Parallelwelt abgespielt haben?

Wir lesen uns!
Herzlichst yours Hagen
 

ahorn

Mitglied
Hallo Hagen,

deine Geschichte gefällt mir, ob sie wahr oder falsch ist mir egal.
Leider gibt die Sprache, die du gewählt hast eine Tendenz.
Bourgeoiser Beamter erzählt seiner Küchenmagd Geschichten vom Baron von Münchhausen.

Stelle dir folgende Szene vor:
Die Mutter kommt nach Hause, sieht ihren Filius am Wohnzimmertisch. In der Hand hält er einen Handfeger, eine Kehrschaufel und betrachtet eine in Scherben zerschlagende Vase.

Satz 1:
»Mama, die Minka ist immer ganz brave, deshalb hat sie sicherlich deine wunderschöne Vase nicht mit Absicht heruntergestoßen, als sie ganz vorsichtig über den Tisch getapst ist.«
Satz 2:
»Die Minka ist über den Tisch gesprungen.«

Bei welchem Satz, gibt wen die Mutter die Schuld?

Irgendwann, der genaue Zeitpunkt ist nicht überliefert, ging der damals noch recht unbekannte Autor, Regisseur und Filmproduzent Billy Wilder in Manchester an Bord eines Taxis und wollte zur Firma Rolls-Royce Ltd. Dort beabsichtigte er Sonderkonditionen für mehrere Fahrzeuge, die er für den von ihm geplanten Film ‘Mauvaise graine‘ benötigte, auszuhandeln.

Wilder, der dafür bekannt war, sehr schnell mit allen Menschen in Kontakt zu kommen und aus jeder Situation Anregungen für seine Filme zu schöpfen, fragte den Fahrer nach der Herkunft der wunderschönen Figur auf dem Kühlerdeckel seines Taxis.

Der Fahrer gab bereitwillig Auskunft. Vor einiger Zeit habe er einen völlig besoffenen deutschen Kerl aus einer Künstlerkneipe in eine billige Absteige gefahren. Dort eröffnete ihm der betrunkene Kerl, dass er völlig pleite sei. Als Entgelt für die Fahrt bot er ihm die Kühlerfigur an, die er zuvor aus seiner Manteltasche gezogen hatte, dabei erwähnte er, dass ihm seine liebe Frau Emily dafür Modell gestanden hatte. Der Fahrer war auf den Deal eingegangen und hatte die ‘Emily‘ umgehend auf seinen Kühler geschraubt.

Beim Aussteigen am Werkstor der Firma Rolls-Royce Ltd. blieb Wilder die Kühlerfigur lange nachdenklich betrachtend stehen, murmelte immer wieder etwas von einer großartigen Idee und bat den Fahrer schließlich, ihm die Kühlerfigur zu verkaufen.

Man wurde sich für zehn Pfund handelseinig.

Eines Tages stieg, der damals unbekannte Autor, Regisseur und Filmproduzent Billy Wilder in Manchester in ein Taxi, um zur Firma Rolls-Royce Ltd zu fahren. Mit der Absicht Sonderkonditionen für mehrere Fahrzeuge, die er für den Film ‘Mauvaise graine‘ benötigte, auszuhandeln.
Wilder, der ohne Umschweife mit allen Menschen in Kontakt kam und aus jeder Situation Anregungen für seine Filme schöpfte, fragte den Fahrer nach der Herkunft der Figur auf dem Kühlerdeckel.
Der Fahrer antwortete ihm, dass er vor Tagen einen betrunkenen Deutschen von einer Künstlerkneipe in eine Absteige gefahren hatte. Dort berichtete ihm der Betrunkene, dass er pleite sei. Als Entgelt für die Fahrt bat er ihm die Kühlerfigur an. Er zog diese aus seiner Manteltasche und erwähnte, dass ihm seine Frau Emily dafür Modell gestanden habe. Der Fahrer übernahm die ‘Emily‘ und hatte diese auf seinen Kühler geschraubt.
Wilder kaufte dem Taxifahrer die Figur für zehn Pfund ab.

Gruß
;) Ahorn
 

Hagen

Mitglied
Hallo Ahorn,
zunächst einmal vielen Dank für's Lob und die Zeit sowie die Mühe die Du für mich aufgewendet hast.
Nur drängen sich mir ein paar Fragen auf:
1. Leider gibt die Sprache, die du gewählt hast eine Tendenz. … wohin?
2. mir erschließt sich nicht, was das Ding mit der Katze und die Geschichten vom Baron von Münchhausen sollen.
3. warum musstest Du mein, mit Details geschmückten Schreibstil, auf ein beknacktes Goethedeutsch reduzieren?
Wir sind weder bei 'Fratzenbuch', noch Twitter, gar Proletens oder - noch schlimmer - bei Goethe, wo sowas üblich ist (war).
Im Prinzip bin ich ja bei Dir, aber wie das so ist: Die Menschen sind verschieden, denn wenn wir alle gleich wären gäbe es z.B. nur eine Sorte Frauen, alle gleich; - und das wäre furchtbar!
Wenn ich mit meiner Herzensdame und einigen Nachbarn oder Freunden Billard spiele oder an unser selbstgebauten Hausbar sitze, ebenso liebevoll wie kulturell Cocktails in edlen Gläsern mixe, wird auch keiner die Drinks wortlos in sich reinschütten, oder - noch schlimmer - 'hau wech, den Scheiß!', murmeln. Auch wenn er 'nur' mal auf ein edles Bier reinschaut.
So ähnlich sollten wir uns, meiner Ansicht nach, auf der Leselupe auch benehmen. Denn jeder der hier mitspielt hat je nach seinen Fähigkeiten Gehirnschmalz, Herzblut etc. eingebracht, was wir anerkennen sollten.
Ich sehe die Leselupe als ein besonderes Forum, auf dem sich kultivierte Menschen treffen. Schließlich sind wir, wie gesagt, nicht bei Twitter oder 'Fratzenbuch', wo reduziert wird; - sondern bei der Leselupe, dem niveauvollen Forum!
So, lieber Ahorn, das musste mal raus!
Nix für ungut.
Wir lesen uns!
Herzlichst
yours Hagen

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In der Ironie vernichtet der Mensch das, was er setzt, in ein und demselben Akte; er veranlasst zu glauben, damit man ihm nicht glaubt; er bestätigt, um zu leugnen, und er leugnet, um zu bestätigen; er schafft einen positiven Gegenstand, der aber kein anderes Sein hat, als sein Nichts.
Jean-Paul Sartre​
 

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