Die Geburtenregelung

Cambridge, 2076

„Hier war früher das Lucy-Cavendish-College.“ Kelly drehte sich zu ihren beiden Freundinnen um. „In diesem College wurden nur Frauen aufgenommen. Jedenfalls bis 2021. Danach durften auch Männer dort studieren.“
Die drei Frauen blieben stehen und starrten auf das Gebäude.
„Wann wurde es umfunktioniert?“, fragte Patricia.
„Vor zehn Jahren. Durch ein neues Programm wurde damals ausgerechnet, dass es genug Colleges in Cambridge gibt, aber nicht genug Gebäude für amtliche Vorgänge. Daraufhin gestaltete man es um. Aber wir waren noch Kinder, uns erzählte man davon nichts.“
Das Gebäude lag im Sonnenschein und sah gar nicht bedrohlich aus. Langsam gingen die jungen Frauen weiter.
„Habt ihr euren Schein dabei?“, fragte Sally.
„Natürlich.“ Kelly zog das Formular aus ihrer Hosentasche. „Ich darf in den nächsten zwei Jahren schwanger werden. Und in diesem Amt für Geburtenregelung in Zimmer 223 wird ausgerechnet, wann der beste Zeitpunkt dafür ist.“ Sie tippte auf den Zettel. „Genau, Zimmer 223.“
„Bei mir steht auch Zimmer 223“, bemerkte Patricia. „Im zweiten Stock. Und bei dir, Sally?“
„Das ist komisch, bei mir steht gar nichts.“ Sally studierte ihr Formular. „Hier steht noch nicht mal, dass ich schwanger werden darf. Nur: Melden Sie sich im Amt für Geburtenregelung an der Information am 12. Juli 2076 um 11.30 Uhr.“
„Ist sicher ein Versehen“, sagte Patricia. „Warum sollte ausgerechnet dir eine Schwangerschaft untersagt werden? Du bist die Jüngste von uns.“
„Ich glaube nicht, dass die KI etwas aus Versehen macht.“ Sally starrte noch einmal auf das Formular und schüttelte den Kopf. „Nein, das passiert nicht. Fehler sind ausgeschlossen.“

Im Gebäude trennten sie sich. Patricia und Kelly nahmen den Lift zum zweiten Stock. Die Information befand sich im Erdgeschoss. Sally trat an den Schalter und sah sich einem in schwarz-weiß gehaltenen humanoiden Roboter gegenüber. „Sie wünschen?“, fragte er.
„Ich soll mich heute hier melden. Mein Name ist Sally Sullivan.“ Sally reichte ihm das Formular. Der Roboter las es aufmerksam durch und rief danach eine Seite in seinem Computer auf. Sally ging es unwillkürlich durch den Kopf, warum eine KI einen Roboter brauchte. Oder umgekehrt. War man im Jahr 2076 noch nicht so weit, dass alles eine einzelne KI erledigen könnte?
Offensichtlich nicht.
„,Ah, hier haben wir es“, sagte der Roboter. „Sie hatten sich letztes Jahr für eine Schwangerschaftsanmeldung registrieren lassen. Leider müssen wir das verweigern. Die Schwangerschaftsquote ist für dieses Jahr bereits erreicht.“
„Was? Aber das kann nicht sein. Ich war ganz früh dran mit der Anmeldung.“
„Andere waren eben noch früher dran, Frau Sullivan. Versuchen Sie es nächstes Jahr noch einmal.“ Er reichte ihr das Formular zurück.
„Mein Mann wird so enttäuscht sein“, sagte sie. „Und ich bin es auch.“
„Das tut mir sehr leid für Sie und Ihren Mann“, versicherte der Roboter. „Aber Sie wissen es ja selbst, Frau Sullivan. Durch KI wurde ausgerechnet, dass die Weltbevölkerung ins Unermessliche steigt, wenn man nicht rechtzeitig gegensteuert. Die Folgen wären Hungersnöte in allen Teilen der Erde, und das Klima würde endgültig verrückt spielen. Nur deswegen sind wir so vorsichtig.“

Sally konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen, als sie vor dem Ausgang auf ihre Freundinnen traf.
„Was ist passiert?“, fragte Patricia erschrocken.
„Ich darf nicht schwanger werden.“ Sally schluchzte laut auf. „Ich darf es erst nächstes Jahr wieder versuchen. Und wenn es dann auch nicht klappt? Dann bin ich irgendwann zu alt.“
Kelly nahm ihre Freundin tröstend in die Arme. „Du bist noch jung“, sagte sie. „Frag einfach die KI, was du machen sollst."
Sally nickte unter Tränen.
 

Anders Tell

Mitglied
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe den Roboter als Playmobil Figur gesehen und die Frauen als Barbie Puppen. Eine so unterkomplexe Verarbeitung von Überbevölkerung und KI evoziert solche Bilder.
 

ARIIOOL

Mitglied
Mir gefällt die Story aus mehreren Gründen. Zum einen mag ich deinen aufgeräumten Schreibstil und dass sich vieles nur subtil andeutet:
Das Gebäude lag im Sonnenschein und sah gar nicht bedrohlich aus.
Auch der Grund für die Regulierung
Die Folgen wären Hungersnöte in allen Teilen der Erde, und das Klima würde endgültig verrücktspielen. Nur deswegen sind wir so vorsichtig.
ist bitterböse, wenn man die Ressourcengeilheit von Rechenzentren kennt. Ein wenig Bürokratie ist trotz aller Bits und Bytes übriggeblieben. Papierformulare und Zimmer soundso um genau die und die Uhrzeit.
Ja, und warum nicht? Playmobil und Barbiepuppen hätten auch funktioniert. Geht es nicht vorrangig darum, dass sich der Wahnsinn im und hinter dem Alltäglichen versteckt?
 



 
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