Die Geschichte der Badewanne

Omar Chajjam

Mitglied
Die Geschichte der Badewanne

Am Anfang der Badewanne stand das Meer. Es war sogar das größte Meer, das es je auf der Erde gab.

Ganz in der Nähe lebte eine Riesenfamilie, ziemlich große Leute mit großen Füßen und großen Nasen, womit man diese Füße riechen konnte. Das Interessante bei einer Rie-senfamilie war, daß sie wie bei einer Menschenfamilie auch aus Vater, Mutter und zwei Kindern bestanden - und ab und zu kommt die Oma zu Besuch und bringt Kuchen mit. Sogar die Namen waren ziemlich gleich - der Vaterriese hieß Schosch, die Mutterriesin Heada.

Die Riesenfamilie lebte nun schon eine halbe Ewigkeit in ihrem gemütlichen Einfamilien-häuschen am Strand des Meeres, blickte auf den Ozean hinaus, hörte das Rauschen der Wellen und roch den Gestank ihrer Füße. Wie Frauen so sind, hatte Heada plötzlich eine Idee. Sie blickte mahnend auf ihren Ehemann und sprach: „Der kleine Kall müßte mal du-schen.“ Sie meinte damit natürlich ihren ältesten Sohn, der die größten Füße in der Rie-senfamilie hatte - flächenmäßig etwa so groß wie Deutschland Ost und der rechte wie Polen.

Wie immer wußte natürlich keiner von den anderen Riesen, was sie meinte. Alle rätselten herum und fragten sich gegenseitig und auch selbst, was „duschen“ sein könnte - ihr Wortschatz war eher beschränkt, so wie ihr Horizont. Keiner konnte sich vorstellen, was das mit dem Duschen auf sich hatte, denn den Regen kannten sie nur vom Hörensagen. Wegen ihrer Größe waren Riesen etwa bis zum Bauchnabel über den Wolken, wenn es regnete. Und wegen der Wolken konnten sie den Regen nicht sehen. Man kann sich eben schwer vorstellen, wenn man permanent in der Sonne herumläuft, wie es anderen geht, die dauernd im Regen stehen.

Aber in einem Punkt waren sich alle einig, die Füße von Kall rochen am strengsten. Und es mußte dringend etwas dagegen unternommen werden. Da Duschen nicht möglich war, weiß jedes Kind, daß nur „Baden“ übrigblieb. Wie immer hatte Schosch die beste Idee: „Isch denk, wanne bad, werds besse.“ Damit hatte Schosch, der Riese das sogenannte Wannenbad erfunden. Alle schleppten den kleinen Kall die wenigen Schritte zum Ufer und warfen ihn hinein.

Das Meer war wegen seiner Größe auch ziemlich tief und schäumte wild, gischtete und brandete und tat, was das Zeug hielt. Die Meeresbewohner waren entsetzt und versuch-ten zu flüchten. Zu der Zeit ist übrigens auch Atlantis untergegangen. Man kann sagen, daß das erste Wannenbad eine Katastrophe für die Umgebung war.

Kall tat übrigens noch ein übriges. Er ruderte wie wild mit Ostdeutschland und Polen her-um und erzeugte damit noch zusätzliche Aufregung. Mutter Heada kippte noch ordentlich Badedas dazu und rief die erste Algenpest hervor.

Daß jede Menge Beschwerdebriefe eingingen und die Haie eine Lichterkette bildeten, störte die Riesenfamilie überhaupt nicht. Mutter Heada bestand darauf, daß alle baden mußten, ob sie wollten oder nicht. Aber dazu mußte erst mal frisches Wasser her. Schosch hatte sofort eine blendende Idee. Er begann den Saharawald abzuholzen und damit aus den Gletschern Badewasser zu machen.

Was vorher eine lokale Katastrophe war, wuchs jetzt aber wirklich zu einer Weltbedrohung an. Die Wüste Sahara entstand, wo einmal ein großer Wald gewesen war. Die Gletscher schmolzen dahin und das große Bademeer trat über seine Ufer. Die Atmosphäre er-wärmte sich wegen der vielen Heizerei. Die Saurier starben aus, weil sie die Hitze nicht ertragen konnten.

Das ging entschieden zu weit. Unter Vorsitz des Aals wurde der Weltsicherheitsrat einbe-rufen. Man mußte der Sache Herr werden, ihr auf den Grund gehen und unumwunden die Angelegenheit überwinden, wenn man sich schon nicht aus ihr herauswinden konnte. Der Aal konnte schon immer die schönsten Reden halten.

„Verkleinern!“ Das war das Zauberwort! Einer Muräne war ein sogenannter Kugelfisch im Südlichen Meer bekannt, der sich angeblich vergrößern und verkleinern konnte. Der schnellste Turbohai schwamm los und kehrte nach einer Woche, gerade rechtzeitig vor der nächsten Badesaison mit dem Kugelfisch zurück. Der Aal hatte einen sehr schönen Vortrag vorbereitet und wollte gerade damit beginnen, als Mama Riese mit einer Riesen-flasche Badedas vor die Hütte trat. Alles schwamm durcheinander, um sich zu retten, die einen aufs offene Meer, die anderen an den Strand. Die Störe waren verstört, die Schlammspringer sprangen, die Zitterrochen zitterten. Jeder wie ers gelernt hatte. Eine Flunder rief beherzt: „Kugelfisch! Schnell, wie machst du dich kleiner!“

„Luft rauslassen!“

Und gerade als Ostdeutschland und Polen ins Meer tauchten, hatte die Flunder den Stöp-sel gezogen.

Der Kugelfisch wollte noch rufen: „Nicht diesen Stöpsel!“ Aber es war schon zu spät. Nicht nur die Riesen, auch die Umgebung schrumpfte. Das Meer und die Küsten wurden zur Badewanne, die Riesen wurden zu Menschen. Die Fische in dem Meer konnte man nur noch unter dem Mikroskop erkennen.

Heute lebt die Riesenfamilie in ihrem Einfamilienhaus in der Nähe von Darmstadt. Einmal in der Woche badet sie in einer Badewanne, die einmal das große Meer gewesen war, und mit ihr baden alle anderen Riesenfamilien auf der Welt. Jede Woche geht einmal At-lantis unter, und die Saurier werden vernichtet. Kleine Flundern müssen sterben, wenn die großen Füße ins Wasser tauchen.

Es war der falsche Stöpsel gewesen. - Doch glaube mir mein Kind, irgendwo sucht eine große Hand nach dem richtigen Stöpsel.
 
Hallo Omar

Großes Kompliment! Da ist Dir in herrlich-schnoddrigem Ton
eine Geschichte gelungen, die treffend die Umweltkatastrophen
der Weltgeschichte erklären.
Viele Grüße
Willi
 
L

leonie

Gast
hallo Omar

Eine schöne und lustige geschichte, auch wenn der Hintergrund gar nicht lustig ist. Dir ist es gelungen ohne erhobenen Zeigefinger an das zu erinnern, was der Mensch mit seiner Umwelt alles anstellt.
Ich hoffe ich sehe das richtig so.
leonie
 

Omar Chajjam

Mitglied
Ja, leonie, ich hatte schon den Anspruch, ein modernes Märchen zu schreiben. Ich habe eine ganze Menge davon geschrieben und erzähle sie am liebsten mit Bildern zusammen.

Gruß
Omar
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
endlich

wird einmal logisch erklärt, wie und warum atlantis unterging. hab recht vielen dank für dieses schöne märchen. es kommt in meine samm lung und ich werde auch ein bild dazu kleben. ganz lieb grüßt
 

 
Oben Unten