Die Kerkerraben

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Die Totenflügel schattengleich gebreitet
Ein scharfes Gleiten in die Winternacht
Zum alten Wächterturm, wo umgebracht
Am Stricke schaukelnd vorbereitet

Der wartet, der vor Tagen noch
Ans Eisengitter sein Gesicht gepresst,
Das Herz versteckte tief ins Kerkerloch
Verzweifelt wie ein Fisch im Storchennest.

- Ein Kind zeigt lachend auf das Aas
Das scharfer Schnabel, Gier und Lust zerfleischt
Die ganze Nacht lang dauerte der Fraß
Bis Morgenrot die blanken Knochen streicht.
 
Ist es überhaupt verständlich geworden, dass ich die Verzweiflung der Depression, das Gefühl des Eingeschlossen sein, bis hin zur Zerfleischung ausdrücken wollte?

Oder wirkt es Bloß wie die Phantasie eines Geisteskranken :D
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Patrick,

(ich kann nur meine Wahrnehmung schildern, verallgemeinernde Aussagen will ich nicht treffen)

Die Stärke deines Gedichts liegt im expressionistischen Gestus: Untergang, Endzeit, Apokalypse werden sprachlich "herausgehauen", Motive des Todes, der Qual und Folter reihen sich aneinander, die Sätze wirken teilweise unvollendet, scheinen von einem apokalyptischen Ungeheuer geschluckt zu werden.
So betrachtet, gefällt es mir ganz gut; eine schrille, überladene Darstellung, die eine Welt am Rande des Wahnsinns widerspiegelt, vielleicht auch einen (nicht näher bezeichneten) quälenden Konflikt in Szene setzt.

Mit Depression verbinde ich persönlich insbesondere Lähmung, Sprachlosigkeit. Dein Werk tendiert eher hin zur Sprachgewalt und zur Explosion. Um den Geist der Depression zu beschwören, würde ich eine viel unauffälligere Darstellungsform wählen.

lg wüstenrose
 
O

orlando

Gast
Lieber Patrick,
ich verstehe deinen Unmut, denn dein Gedicht ist wirklich gut. Nur der Eigenkommentar irritiert.
Hier geht es doch offensichtlich um einen Verurteilten, an dem die Todesstrafe vollstreckt worden ist. Was du gekonnt darstellst, ist sein vorheriges Leiden, das Warten auf den Tod. Ich denke, dass dich wüstenrose da missverstanden hat, aber: selber schuld (s.o.). ;)
Formal finde ich die Verse ausgesprochen gelungen, wie überhaupt fast alle deine letzteren Arbeiten (Ausnahme: Haiku und Konsorten). Vor allem fallen mir hier die gut gesetzten Enajambements auf, die nicht vollendeten Sätze, die sich über zwei Strophen ziehen und so das Nachdenken deiner Leser geradezu erzwingen.
Ich mag das Gedicht, gerade wegen seiner expressiven Sprache, die sich für mich positiv von der Blutarmut abhebt, die Novemberlyrik häufig bestimmt.
Du bist auf einem guten Weg.

Anerkennende Grüße
orlando
 
Hallo wüstenrose

Ich danke dir für den Kommentar.
Ich wollte, hmm, wie drücke ich das am besten aus, mehr den Geist der Verzweiflung beschwören. Vielleicht daher die apokalytische Sprache, du hast sicher recht, der Geist der Depression muss mit leiseren Worten beschworen werden.

Hallo orlando
Auch dir ein großes Danke für den Kommentar und die Wertung.
Ja es ist das Warten auf den Tod dass sozusagen die Ausgangsposition meines Denkansatzes darstellt, ein Gefühl ausgeliefert zu sein, was sich als unwiederbringlich erweist, daher ist das Warten auch nur als Rückblick eingeblendet. Die Todesstrafe selber (Um die sich der Text ja dreht) soll letztlich alle Hoffnung schlucken. Die Hoffnung taucht erst wieder in Form des Morgenrotes auf, wenn alles was vom Verurteilten noch übriggeblieben ist blanke Knochen sind.

Ich entschuldige mich vielmals für diese ungelenken Kommentare, sowohl den ersten Eigenkommetar, wie für diese hier.
Ich weiß nicht so genau wie ich es besser beschreiben soll :box:

Lieben Gruß euch beiden
Patrick
 

molly

Mitglied
Lieber Patrick,

du brauchst Dich nicht zu entschuldigen oder gar schlagen, Dein Kommentar ist gut. Wenn fünf Menschen ein Gedicht lesen, kann es sein, dass alle fünf etwas anderes darin sehen und der Autor hat noch einmal eine andere Sicht. Ich finde das sehr interessant.
Ich habe in den blanken Knochen den Tod gesehen, das was von uns mal übrig bleibt.

Dir eine gute Woche und viele Grüße

molly
 

wüstenrose

Mitglied
Hi Patrick,

ja, nach diesem depressiven Missverständnis sehe nun auch ich wieder klar.

Wie gesagt: Dein Werk gefällt mir; an manchen Stellen bin ich mir unsicher, wie ich deinen Stil für mich selbst einordnen kann - - - aber das ist andrerseits auch wieder ein Kompliment, da ich zu spüren meine: da ist einer, der nicht auf ausgetretenen Pfaden wandelt, sondern um Ausdruck ringt, Neues ausprobiert, Eigenes einbringt.

Nach dem ersten Lesen war ich, neben dem grundsätzlich positiven Eindruck (ich wiederhole mich), unschlüssig, was dein Werk in mir auslöst. Vielleicht war ich nicht der Einzige, dem es so ging. Soll heißen: Mancher wird es dann noch ein zweites und drittes Mal (zeitversetzt, am nächsten Tag ...) lesen. Gib deinen Lesern diese Zeit, denn manchmal kann es dauern, bis ein Leser den Zugang findet, bis er / sie sich sortiert hat im Hinblick auf ein eingestelltes Werk.

lg wüstenrose
 
Hallo molly
Ich danke dir für die aufmunternden Worte :)
Ja, die Aussage eines Gedichtes liegt oft im Auge (oder im Verstand) des Betrachters, gerade wenn sie ein weites Feld offenlässt

Hallo wüstenrose
Es ehrt mich natürlich dass du mir, zumindest im Ansatz, so etwas wie einen eigenen Stil zusagst.
Mal schauen ob sich der ein oder andere noch meldet.
Das wäre schön, weil mir der Text liebgeworden ist.

Dankbare Grüße euch beiden
Patrick
 

PeterBunzel

Mitglied
Ich finde, Patrick, dass Dir da ein ganz ausgezeichnetes Stück Sprachkunst gelungen ist. Die Metaphorik wie Du sie hier dargelegt hast, habe ich zugegebenermaßen nicht durchschaut, aber ich bin auch eher ein akustischer Typ.

Und die Akustik / Melodik / Rythmik ist fabelhaft. Hat mich berührt, über die tiefere Bedeutung der Worte hinweg.

Sophisticated! :]
 

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