Hans Postor
Mitglied
Es begab sich eines Tages, dass sich die Götter auf dem Gipfel des Mervalis versammelten, denn der Gottkanzler hatte zu einer dringlichen Sitzung geladen. Finstere Wolken hüllten den Heiligen Gipfel ein, und schon von ferne hörten sie es blitzen, poltern und toben.
„Bei den sieben Flussnymphen, was ist denn nun los mit der alten Blitzbirne? Hat etwa jemand den Blitzableiter erfunden?“
Dehael, Gott der Reisenden, Infrastruktur, Kleinkriminalität und Kurzstreckenflüge, blieb mitten im Fluge stehen. Die Schwingen an seinen Schnürsenkeln rotierten im Kreise und hielten ihn auf diese Weise an Ort und Stelle.
„Seid ihr ganz sicher, dass wir dort hineingehen sollten, teure Freunde?“
„Sei kein Feigling!“, knurrte Snikers, der Gott des Krieges. „Ich habe keine Angst vor dem verrückten Alten.“
„Ich sage dies wirklich nur ungern.“, meinte Uhula, Göttin der Weisheit, Bildung, Forschung und nachtaktiven Raubvögel. „Doch Snikers hat Recht. Sein Zorn wird nur wachsen, wenn wir uns verspäten oder gar nicht erscheinen.“ Mit Sorgenfalten im Gesicht blickte sie zur Halle der Götter hinüber.
So trotteten die zwölf Götter, die mächtigsten Geschöpfe der Welt, gesenkten Hauptes in die Halle und nahmen ihre Throne ein. Der Gottkanzler betrachtete sie stumm aus verkniffenen Augen und ließ seine Blitze über der Halle zucken. Neben ihm saß reglos seine Gemahlin Vera. Als sich schließlich auch Snikers betont langsam auf seinen Thron gehievt hatte, holte der Gottkanzler tief Luft, und draußen pfiff ein Sturm um die Tempelmauern.
„Na schön. Wer von euch war das?“
Die Götter schwiegen.
„War... was?“, fragte schließlich zögerlich Monsanta, Göttin der Landwirtschaft, Ernährung, Heimat und Füllhörner.
„Wer von euch wagt es, mir meine Anhänger zu stehlen?! Und dann auch noch unter falschem Namen?“
Der Blitz schlug in die Mitte des Kreises ein und entzündete ein Feuer unter dem Heiligen Schnellkochtopf.
„Gottkanzler, ich fürchte, wir können leider nicht ganz folgen“, wagte schließlich Dehael anzumerken.
„Haltet mich nicht zum Narren! Wer von euch ist der neue Gott, der mir meine Gläubigen streitig zu machen versucht?“
Versucht? Wenn die Folge ein derartiger Wutanfall ist, dachte Dehael, so muss dieser sogenannte Versuch bereits von ungewöhnlichem Erfolg gekrönt sein.
„Selbst meine Priester! Welch eine Unverfrorenheit! Und derjenige sieht mir noch nicht einmal ins Gesicht bei seinem Verrat, sondern will ihn verschleiern mit dieser lächerlichen Bezeichnung. Also sagt an, ich finde es ohnehin heraus! Wer von euch ist Der Relative?“
Es herrschte Schweigen auf dem Gipfel Mervalis. Zehn Götter sahen sich verständnislos an.
Doch Uhula hob den Kopf und entgegnete mit ruhiger Stimme: „Ich habe von diesem Gott gehört. Ein kurioser Kult, der eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Ich hielt ihn für eine vorübergehende Laune des Volkes.“
Der Gottkanzler fuhr herum. Er erkannte ihre Weisheit, doch sein Misstrauen hatte sich nicht gelegt.
„Ich bezweifle, dass Der Relative jemand in diesem Raum in einer Verkleidung ist“, führte Uhula weiter aus. „Wer von uns kann sein wahres Wesen schon lange verbergen?“
„Ich!“, meldete sich Vielmann, Gott der Kunst, Kultur, Zukunft, des Tageslichts und der kurzfristigen Liebe.
„Abgesehen von dir.“
Der Gottkanzler schnaubte.
„Aber wenn es keiner von euch ist... ist es etwa ein fremder Gott, der sich bei uns einschleicht?“
„So etwas kommt gelegentlich vor“, meinte Nikos, Gott der Außenbeziehungen. „Vor allem nach ausgedehnten Invasionen.“
„Eine lästige Nebenwirkung des Krieges“, musste Snikers zugeben. „Aber sie ist den Spaß allemal wert!“
„Aber doch nicht in diesem Ausmaß! Dieser Relative hat fast...“ Der Gottkanzler pausierte, denn er wollte seine Schwäche nicht einräumen. „Er konnte bereits eine gewisse Zahl an Gläubigen verführen.“
„Nikos, dergleichen fällt in deinen Aufgabenbereich“, winkte Dehael ab. „Kümmere du dich darum, diesem Fremdling die Reviergrenzen zu erklären.“
„Oh nein!“ Der Gottkanzler ließ einen Blitz in seiner Hand zucken, der beinahe vom Boden bis zur Decke reichte. „Ihr alle kümmert euch darum! Sucht überall, Tag und Nacht, bis ihr diesen Relativen gefunden habt, und dann schleift ihn vor meinen Thron! Er ist eine Bedrohung für uns alle!“
Es begab sich drei Monate später, dass sich die Götter abermals versammelten. Der Gottkanzler blickte ungeduldig in die Runde.
„Nun?“
Uhula räusperte sich.
„Ich habe mit den Gelehrten und Weisen gesprochen. Die meisten haben von Dem Relativen gehört. Einige fühlten sich gar zu seinen Lehren hingezogen und behaupteten, sie seien in sich logischer als das, was wir sie gelehrt haben. Unser Pantheon sei von Widersprüchen durchzogen, der Relative aber einzig und wahrhaftig.“
„Ich bin nicht an Büchergebrabbel interessiert! Hast du ihn gefunden?“
Uhula schüttelte den Kopf.
„Keiner der Gelehrten ist dem Relativen jemals persönlich begegnet. Sie kennen ihn nur in der Theorie.“
„Also alles Unfug“, schnaubte der Gottkanzler.
„Mein Gemahl“, setzte da Vera an, die Göttin der Familie, Jugend, Frauen, Senioren und Gedöns, und fasste den Gottkanzler sanft am Arm. „Ich habe es ganz ähnlich erlebt. Einige Mütter erzählen ihren Kindern Geschichten vom Relativen. Doch mehr noch fühlen sich jene von ihm angezogen, denen ich noch keinen Kindersegen verliehen habe. Sie verfluchen meinen Namen und wenden sich ihm zu.“
„Warum schenkst du ihnen dann nicht endlich Kinder?“, fragte der Gottkanzler unwirsch.
„Wenn ich allen sofort Kinder gebe, was ist dann Besonderes an meinem Segen? Wofür bin ich dann noch da?“
„Das frage ich mich auch manchmal“, knurrte der Gottkanzler. „Was ist mit unserem Kriegsgott?“
„Hört auf, mich so zu nennen!“, protestierte Snikers. „Ich bin jetzt der Gott der Verteidigung.“
„Warum das denn?“, fragte der Gottkanzler. „Das klingt lächerlich.“
„Niemand mag mehr zu einem Kriegsgott beten.“ Snikers knirschte mit den Zähnen. „Sie jammern den ganzen Tag nur über das Leid, das ihnen der Krieg gebracht hat. Weicheier.“ Er spuckte aus.
„Na schön, aber hast du den Relativen gesehen? Er wird sich doch wohl seinen Anhängern zeigen, wenn sie für ihn in die Schlacht ziehen.“
„Von wegen! Ein elender Feigling ist er, genau, wie ich es gesagt habe.“
„Manche der Bauern beten ebenfalls zu ihm“, ergänzte Monsanta. „Doch so oft ich auch aus der Erde heraus ihre seltsamen Zeremonien belauschte, der Relative tauchte niemals auf.“
„Mit den Handwerkern ist es dasselbe“, fiel ihr Phauwe ins Wort, der Gott der Wirtschaft, Industrie, Metallarbeiten, nackten Oberkörper und Hämmer. „Sie sagen: Was haben die Götter je für uns getan?“
„Ich brachte ihnen den Regen“, sagte Monsanta.
„Ich brachte ihnen den Aufschwung“, nickte Phauwe. „Aber sie sagen, es gab in den letzten Jahren auch immer wieder Zeiten des schlechten Geschäfts, und gaben mir die Schuld daran. Als könnte es einen Aufschwung ohne Abschwung geben!“
„Wenn es keine Dürre gäbe, wie sollen sie dann wissen, dass sie dankbar für den Regen sein müssen?“, fragte Monsanta.
„Ich hörte ähnliches Geflüster auf den Straßen und in den Tavernen“, erklärte Dehael. „Doch es will mir nicht einleuchten. Auch unter dem Relativen gibt es doch weiterhin schlechte Zeiten! Die Welt hat sich nicht in ein Paradies verwandelt, ich glaube, das wäre mir aufgefallen.“
„Eben dies habe ich eine der kinderlosen Frauen gefragt“, sagte Vera und blickte zu Boden. „Doch sie sagte mir ins Gesicht, ich hätte sie oft genug enttäuscht. Da könne sie ihr Glück doch ebenso mit dem Relativen versuchen, der enttäusche sie zumindest erst seit Kurzem.“
„Welch eine Dreistigkeit!“, schimpfte der Gottkanzler. „Was hast du getan?“
„Was hätte ich tun sollen? Hätte ich sie grausam bestraft, so hätte sie mich erst recht gehasst. Hätte ich ihr ein Kind geschenkt, so hätte sie es dem Relativen zugeschrieben. Ich konnte nur verlieren.“
„Soll das heißen, ihr alle habt Anhänger an ihn verloren? Aber keiner von euch hat diesen Kerl auch nur gesehen?“
Die Götter nickten betreten.
„Na schön, wisst ihr wenigstens, wie er aussieht?“
„Er scheint nicht von derselben Gestalt zu sein wie wir“, meints Uhula. „Die Schriften des Kults stellen ihn eher als eine Art gesichtslose Kraft dar.“
„Die Bauern haben ihm primitive Bildnisse gezeichnet auf ihren Schreinen. Er sieht aus wie ein Haufen grünlicher Tentakel, aber dicker als jedes Rankengewächs.“
„Das habe ich auch gesehen!“, rief Phauwe. „Doch bei den Handwerkern sind die Tentakel rot und lodern wie Flammen.“
Der Gottkanzler blickte ihnen allen in die Augen und gestattete sich einen seltenen Moment der Selbstkritik.
„Nun gut. Wie es scheint, stammt dieser Eindringling wirklich nicht aus unserer Mitte. Er hat uns alle angegriffen. Dann sag an, Nikos! Aus welchem fernen Reiche hat sich dieser unverfrorene Haufen Pflanzenstrünke eingeschlichen?“
Nikos, Gott der auswärtigen Beziehungen zu den Göttern anderer Reiche, richtete sich auf und entgegnete beflissen: „Mein Gottkanzler, ich fürchte, aus keinem. Ich reiste durch alle Ebenen der Welt, und doch konnte ich den Relativen nirgendwo aufspüren. Ich war bei unseren Nachbarn, den Aleanern auf der Bekloppten Ebene. Auch bei ihnen hat der Kult Fuß gefasst, wenn auch in geringerem Ausmaß. Ihr Gott, den sie den Duldsamen Meister nennen, schwor mir Stein und Bein, der Relative sei kein Teil einer Geschichte, die er geschrieben habe. Ich war bei den Großglodisten im Monströsen Massiv. Dorthin waren Gerüchte und Geflüster über den Kult vorgedrungen, und ihr Gott Großglodklotz dankte mir für die Warnung und schwor, dieses Übel in seinem Lande herauszureißen, ehe es Wurzeln schlagen konnte. Er schien mir von ähnlich wankelmütigen Gläubigen geplagt wie wir. Ich besuchte sogar die Rekathisten in den Fernsten Städten, doch weder Rekathor noch sonst jemand dort hatte bislang von einem Relativen gehört.“
„Was soll das bedeuten?“, fragte der Gottkanzler. „Aus welchem Reich kommt er denn dann?“
Nikos verzog sein Gesicht. „Ich fürchte, aus unserem eigenen. Alles, was ich gehört habe, scheint darauf hinzudeuten.“
Vielmann der Kulturgott beugte sich vor.
„Einen Moment mal. Das bedeutet, in unserem eigenen Reiche ist ein Glaube gewachsen an einen Gott, den aber niemals jemand gesehen hat.“ Er stockte kurz, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Nein, das ist zu köstlich! Welch eine erfrischende Ironie!“
„Was ist los mit dir, du Narr?“, schnaubte der Gottkanzler. „Wo ist der Relative? Nun sag an!“
„Begreift ihr nicht? Nein, schon gut, das tut ihr nicht, eure Gesichter verraten es. Der Relative existiert nicht! Er ist reine Erfindung, ein Kostüm ohne Inhalt, nichts als Schall und Rauch. Wir werden gerade von einem Feind besiegt, den es nicht gibt.“
Die Götter starrten ihn an.
„Das ist doch absurd!“, widersprach Phauwe.
„Na und? Jeden Tag passieren mehr absurde Dinge, als ich zählen kann.“
„Wenn du einen Gott haben kannst, der real ist und mit dir sprechen kann, oder einen frei erfundenen, der nie auf deine Gebete antwortet oder Wunder vollbringt – wie kann sich der erfundene Gott da jemals auf dem freien Markt durchsetzen?“, argumentierte Phauwe.
„Hmm“, überlegte Uhula, und die Götter verstummten. „Wir sollten diese Hypothese nicht vorschnell verwerfen. Womöglich müssen wir uns einer unbequemen Frage stellen. Wenn Monsanta den Bauern manchmal Regen schenkt und manchmal nicht – worin liegt dann der Unterschied zu einer Welt ohne Monsanta?“
„Aber mit mir gibt es... mehr Regen“, protestierte Monsanta hilflos.
„Wirklich? Erinnerst du dich an eine Welt, in der es dich nicht gab?“
„Natürlich nicht! Wir sind so alt wie die Welt selbst.“
„Eben. So schmerzlich es auch sein mag, für das gemeine Volk besteht im täglichen Leben offenbar kein wesentlicher Unterschied zwischen uns und einem erfundenen Gott. Das Resultat ist dasselbe.“
„Aber wir können ihnen erscheinen, ihnen Angst einjagen!“, widersprach Snikers.
„Oder ein paar hübsche junge Dinger glücklich machen“, grinste der Gottkanzler und erntete dafür einen vernichtenden Blick seiner Gemahlin.
„Also, was das angeht, ist das Volk auch nicht mehr so glücklich darüber, wie es einst war, muss ich leider aus eigener Erfahrung sagen.“ Dehael wiegte bedauernd den Kopf. „Die jungen Frauen sind oft alles andere als froh darüber, ganz allein einen Halbgott mit übermenschlichen Kräften erziehen zu müssen. Vor allem, wenn die angebliche Göttin der Familie sie nicht unterstützt, sondern aus Eifersucht verfolgt.“
Veras Knurren erinnerte für einen Moment auf erstaunliche Weise an ihren Gemahl. Was auch kein Wunder war, schließlich waren sie Geschwister.
„Erwartest du etwa, dass ich diesen Flittchen auch noch...?“
„Ichgebenurwiederwasichgehörthabe tötet nicht den Boten!“ Dehael hob die Hände.
„Ich glaube, wir sind vom Thema abgekommen“, lenkte Uhula die Diskussion zurück in ihre Bahnen. „Gewiss, wir besuchen gelegentlich einen Gläubigen, um ihn zu inspirieren, ihm Angst einzuflößen oder unserer niederen Triebe wegen. Doch seien wir ehrlich, wie viele Personen werden wirklich Zeuge eines solchen Besuchs? Die große Mehrheit kennt sie nur als Geschichten vom Hörensagen. Wenn nun also irgendein gelangweilter Geschichtenerzähler vergleichbare Geschichten über einen fiktiven Gott in die Welt setzt, und beide keinen sichtbaren Einfluss auf das tägliche Leben dieser Mehrheit haben, wie können sie dann zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden?“
„Können sie es nicht in ihrem Herzen fühlen?“, fragte Vera. „Wie kann man wirkliche Liebe und Hingabe gegenüber jemandem zeigen, der nicht da ist?“
„Womöglich empfinden sie nicht einmal aufrichtige Hingabe gegenüber dem Relativen. Sie sind nur derart enttäuscht von allen bekannten Göttern, dass sie wahllos jedem folgen. Nennen wir es einfach - Religionsverdrossenheit.“
Die zwölf Götter auf dem Gipfel Mervalis starrten benommen in das Feuer, über dem der Heilige Schnellkochtopf brodelte. Es machte keinen Unterschied, ob sie existierten. Zum ersten Mal in ihrem ewigen Leben fühlten sie, was die Sterblichen dort unten täglich fühlten. Machtlosigkeit.
„Bei den sieben Flussnymphen, was ist denn nun los mit der alten Blitzbirne? Hat etwa jemand den Blitzableiter erfunden?“
Dehael, Gott der Reisenden, Infrastruktur, Kleinkriminalität und Kurzstreckenflüge, blieb mitten im Fluge stehen. Die Schwingen an seinen Schnürsenkeln rotierten im Kreise und hielten ihn auf diese Weise an Ort und Stelle.
„Seid ihr ganz sicher, dass wir dort hineingehen sollten, teure Freunde?“
„Sei kein Feigling!“, knurrte Snikers, der Gott des Krieges. „Ich habe keine Angst vor dem verrückten Alten.“
„Ich sage dies wirklich nur ungern.“, meinte Uhula, Göttin der Weisheit, Bildung, Forschung und nachtaktiven Raubvögel. „Doch Snikers hat Recht. Sein Zorn wird nur wachsen, wenn wir uns verspäten oder gar nicht erscheinen.“ Mit Sorgenfalten im Gesicht blickte sie zur Halle der Götter hinüber.
So trotteten die zwölf Götter, die mächtigsten Geschöpfe der Welt, gesenkten Hauptes in die Halle und nahmen ihre Throne ein. Der Gottkanzler betrachtete sie stumm aus verkniffenen Augen und ließ seine Blitze über der Halle zucken. Neben ihm saß reglos seine Gemahlin Vera. Als sich schließlich auch Snikers betont langsam auf seinen Thron gehievt hatte, holte der Gottkanzler tief Luft, und draußen pfiff ein Sturm um die Tempelmauern.
„Na schön. Wer von euch war das?“
Die Götter schwiegen.
„War... was?“, fragte schließlich zögerlich Monsanta, Göttin der Landwirtschaft, Ernährung, Heimat und Füllhörner.
„Wer von euch wagt es, mir meine Anhänger zu stehlen?! Und dann auch noch unter falschem Namen?“
Der Blitz schlug in die Mitte des Kreises ein und entzündete ein Feuer unter dem Heiligen Schnellkochtopf.
„Gottkanzler, ich fürchte, wir können leider nicht ganz folgen“, wagte schließlich Dehael anzumerken.
„Haltet mich nicht zum Narren! Wer von euch ist der neue Gott, der mir meine Gläubigen streitig zu machen versucht?“
Versucht? Wenn die Folge ein derartiger Wutanfall ist, dachte Dehael, so muss dieser sogenannte Versuch bereits von ungewöhnlichem Erfolg gekrönt sein.
„Selbst meine Priester! Welch eine Unverfrorenheit! Und derjenige sieht mir noch nicht einmal ins Gesicht bei seinem Verrat, sondern will ihn verschleiern mit dieser lächerlichen Bezeichnung. Also sagt an, ich finde es ohnehin heraus! Wer von euch ist Der Relative?“
Es herrschte Schweigen auf dem Gipfel Mervalis. Zehn Götter sahen sich verständnislos an.
Doch Uhula hob den Kopf und entgegnete mit ruhiger Stimme: „Ich habe von diesem Gott gehört. Ein kurioser Kult, der eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Ich hielt ihn für eine vorübergehende Laune des Volkes.“
Der Gottkanzler fuhr herum. Er erkannte ihre Weisheit, doch sein Misstrauen hatte sich nicht gelegt.
„Ich bezweifle, dass Der Relative jemand in diesem Raum in einer Verkleidung ist“, führte Uhula weiter aus. „Wer von uns kann sein wahres Wesen schon lange verbergen?“
„Ich!“, meldete sich Vielmann, Gott der Kunst, Kultur, Zukunft, des Tageslichts und der kurzfristigen Liebe.
„Abgesehen von dir.“
Der Gottkanzler schnaubte.
„Aber wenn es keiner von euch ist... ist es etwa ein fremder Gott, der sich bei uns einschleicht?“
„So etwas kommt gelegentlich vor“, meinte Nikos, Gott der Außenbeziehungen. „Vor allem nach ausgedehnten Invasionen.“
„Eine lästige Nebenwirkung des Krieges“, musste Snikers zugeben. „Aber sie ist den Spaß allemal wert!“
„Aber doch nicht in diesem Ausmaß! Dieser Relative hat fast...“ Der Gottkanzler pausierte, denn er wollte seine Schwäche nicht einräumen. „Er konnte bereits eine gewisse Zahl an Gläubigen verführen.“
„Nikos, dergleichen fällt in deinen Aufgabenbereich“, winkte Dehael ab. „Kümmere du dich darum, diesem Fremdling die Reviergrenzen zu erklären.“
„Oh nein!“ Der Gottkanzler ließ einen Blitz in seiner Hand zucken, der beinahe vom Boden bis zur Decke reichte. „Ihr alle kümmert euch darum! Sucht überall, Tag und Nacht, bis ihr diesen Relativen gefunden habt, und dann schleift ihn vor meinen Thron! Er ist eine Bedrohung für uns alle!“
Es begab sich drei Monate später, dass sich die Götter abermals versammelten. Der Gottkanzler blickte ungeduldig in die Runde.
„Nun?“
Uhula räusperte sich.
„Ich habe mit den Gelehrten und Weisen gesprochen. Die meisten haben von Dem Relativen gehört. Einige fühlten sich gar zu seinen Lehren hingezogen und behaupteten, sie seien in sich logischer als das, was wir sie gelehrt haben. Unser Pantheon sei von Widersprüchen durchzogen, der Relative aber einzig und wahrhaftig.“
„Ich bin nicht an Büchergebrabbel interessiert! Hast du ihn gefunden?“
Uhula schüttelte den Kopf.
„Keiner der Gelehrten ist dem Relativen jemals persönlich begegnet. Sie kennen ihn nur in der Theorie.“
„Also alles Unfug“, schnaubte der Gottkanzler.
„Mein Gemahl“, setzte da Vera an, die Göttin der Familie, Jugend, Frauen, Senioren und Gedöns, und fasste den Gottkanzler sanft am Arm. „Ich habe es ganz ähnlich erlebt. Einige Mütter erzählen ihren Kindern Geschichten vom Relativen. Doch mehr noch fühlen sich jene von ihm angezogen, denen ich noch keinen Kindersegen verliehen habe. Sie verfluchen meinen Namen und wenden sich ihm zu.“
„Warum schenkst du ihnen dann nicht endlich Kinder?“, fragte der Gottkanzler unwirsch.
„Wenn ich allen sofort Kinder gebe, was ist dann Besonderes an meinem Segen? Wofür bin ich dann noch da?“
„Das frage ich mich auch manchmal“, knurrte der Gottkanzler. „Was ist mit unserem Kriegsgott?“
„Hört auf, mich so zu nennen!“, protestierte Snikers. „Ich bin jetzt der Gott der Verteidigung.“
„Warum das denn?“, fragte der Gottkanzler. „Das klingt lächerlich.“
„Niemand mag mehr zu einem Kriegsgott beten.“ Snikers knirschte mit den Zähnen. „Sie jammern den ganzen Tag nur über das Leid, das ihnen der Krieg gebracht hat. Weicheier.“ Er spuckte aus.
„Na schön, aber hast du den Relativen gesehen? Er wird sich doch wohl seinen Anhängern zeigen, wenn sie für ihn in die Schlacht ziehen.“
„Von wegen! Ein elender Feigling ist er, genau, wie ich es gesagt habe.“
„Manche der Bauern beten ebenfalls zu ihm“, ergänzte Monsanta. „Doch so oft ich auch aus der Erde heraus ihre seltsamen Zeremonien belauschte, der Relative tauchte niemals auf.“
„Mit den Handwerkern ist es dasselbe“, fiel ihr Phauwe ins Wort, der Gott der Wirtschaft, Industrie, Metallarbeiten, nackten Oberkörper und Hämmer. „Sie sagen: Was haben die Götter je für uns getan?“
„Ich brachte ihnen den Regen“, sagte Monsanta.
„Ich brachte ihnen den Aufschwung“, nickte Phauwe. „Aber sie sagen, es gab in den letzten Jahren auch immer wieder Zeiten des schlechten Geschäfts, und gaben mir die Schuld daran. Als könnte es einen Aufschwung ohne Abschwung geben!“
„Wenn es keine Dürre gäbe, wie sollen sie dann wissen, dass sie dankbar für den Regen sein müssen?“, fragte Monsanta.
„Ich hörte ähnliches Geflüster auf den Straßen und in den Tavernen“, erklärte Dehael. „Doch es will mir nicht einleuchten. Auch unter dem Relativen gibt es doch weiterhin schlechte Zeiten! Die Welt hat sich nicht in ein Paradies verwandelt, ich glaube, das wäre mir aufgefallen.“
„Eben dies habe ich eine der kinderlosen Frauen gefragt“, sagte Vera und blickte zu Boden. „Doch sie sagte mir ins Gesicht, ich hätte sie oft genug enttäuscht. Da könne sie ihr Glück doch ebenso mit dem Relativen versuchen, der enttäusche sie zumindest erst seit Kurzem.“
„Welch eine Dreistigkeit!“, schimpfte der Gottkanzler. „Was hast du getan?“
„Was hätte ich tun sollen? Hätte ich sie grausam bestraft, so hätte sie mich erst recht gehasst. Hätte ich ihr ein Kind geschenkt, so hätte sie es dem Relativen zugeschrieben. Ich konnte nur verlieren.“
„Soll das heißen, ihr alle habt Anhänger an ihn verloren? Aber keiner von euch hat diesen Kerl auch nur gesehen?“
Die Götter nickten betreten.
„Na schön, wisst ihr wenigstens, wie er aussieht?“
„Er scheint nicht von derselben Gestalt zu sein wie wir“, meints Uhula. „Die Schriften des Kults stellen ihn eher als eine Art gesichtslose Kraft dar.“
„Die Bauern haben ihm primitive Bildnisse gezeichnet auf ihren Schreinen. Er sieht aus wie ein Haufen grünlicher Tentakel, aber dicker als jedes Rankengewächs.“
„Das habe ich auch gesehen!“, rief Phauwe. „Doch bei den Handwerkern sind die Tentakel rot und lodern wie Flammen.“
Der Gottkanzler blickte ihnen allen in die Augen und gestattete sich einen seltenen Moment der Selbstkritik.
„Nun gut. Wie es scheint, stammt dieser Eindringling wirklich nicht aus unserer Mitte. Er hat uns alle angegriffen. Dann sag an, Nikos! Aus welchem fernen Reiche hat sich dieser unverfrorene Haufen Pflanzenstrünke eingeschlichen?“
Nikos, Gott der auswärtigen Beziehungen zu den Göttern anderer Reiche, richtete sich auf und entgegnete beflissen: „Mein Gottkanzler, ich fürchte, aus keinem. Ich reiste durch alle Ebenen der Welt, und doch konnte ich den Relativen nirgendwo aufspüren. Ich war bei unseren Nachbarn, den Aleanern auf der Bekloppten Ebene. Auch bei ihnen hat der Kult Fuß gefasst, wenn auch in geringerem Ausmaß. Ihr Gott, den sie den Duldsamen Meister nennen, schwor mir Stein und Bein, der Relative sei kein Teil einer Geschichte, die er geschrieben habe. Ich war bei den Großglodisten im Monströsen Massiv. Dorthin waren Gerüchte und Geflüster über den Kult vorgedrungen, und ihr Gott Großglodklotz dankte mir für die Warnung und schwor, dieses Übel in seinem Lande herauszureißen, ehe es Wurzeln schlagen konnte. Er schien mir von ähnlich wankelmütigen Gläubigen geplagt wie wir. Ich besuchte sogar die Rekathisten in den Fernsten Städten, doch weder Rekathor noch sonst jemand dort hatte bislang von einem Relativen gehört.“
„Was soll das bedeuten?“, fragte der Gottkanzler. „Aus welchem Reich kommt er denn dann?“
Nikos verzog sein Gesicht. „Ich fürchte, aus unserem eigenen. Alles, was ich gehört habe, scheint darauf hinzudeuten.“
Vielmann der Kulturgott beugte sich vor.
„Einen Moment mal. Das bedeutet, in unserem eigenen Reiche ist ein Glaube gewachsen an einen Gott, den aber niemals jemand gesehen hat.“ Er stockte kurz, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Nein, das ist zu köstlich! Welch eine erfrischende Ironie!“
„Was ist los mit dir, du Narr?“, schnaubte der Gottkanzler. „Wo ist der Relative? Nun sag an!“
„Begreift ihr nicht? Nein, schon gut, das tut ihr nicht, eure Gesichter verraten es. Der Relative existiert nicht! Er ist reine Erfindung, ein Kostüm ohne Inhalt, nichts als Schall und Rauch. Wir werden gerade von einem Feind besiegt, den es nicht gibt.“
Die Götter starrten ihn an.
„Das ist doch absurd!“, widersprach Phauwe.
„Na und? Jeden Tag passieren mehr absurde Dinge, als ich zählen kann.“
„Wenn du einen Gott haben kannst, der real ist und mit dir sprechen kann, oder einen frei erfundenen, der nie auf deine Gebete antwortet oder Wunder vollbringt – wie kann sich der erfundene Gott da jemals auf dem freien Markt durchsetzen?“, argumentierte Phauwe.
„Hmm“, überlegte Uhula, und die Götter verstummten. „Wir sollten diese Hypothese nicht vorschnell verwerfen. Womöglich müssen wir uns einer unbequemen Frage stellen. Wenn Monsanta den Bauern manchmal Regen schenkt und manchmal nicht – worin liegt dann der Unterschied zu einer Welt ohne Monsanta?“
„Aber mit mir gibt es... mehr Regen“, protestierte Monsanta hilflos.
„Wirklich? Erinnerst du dich an eine Welt, in der es dich nicht gab?“
„Natürlich nicht! Wir sind so alt wie die Welt selbst.“
„Eben. So schmerzlich es auch sein mag, für das gemeine Volk besteht im täglichen Leben offenbar kein wesentlicher Unterschied zwischen uns und einem erfundenen Gott. Das Resultat ist dasselbe.“
„Aber wir können ihnen erscheinen, ihnen Angst einjagen!“, widersprach Snikers.
„Oder ein paar hübsche junge Dinger glücklich machen“, grinste der Gottkanzler und erntete dafür einen vernichtenden Blick seiner Gemahlin.
„Also, was das angeht, ist das Volk auch nicht mehr so glücklich darüber, wie es einst war, muss ich leider aus eigener Erfahrung sagen.“ Dehael wiegte bedauernd den Kopf. „Die jungen Frauen sind oft alles andere als froh darüber, ganz allein einen Halbgott mit übermenschlichen Kräften erziehen zu müssen. Vor allem, wenn die angebliche Göttin der Familie sie nicht unterstützt, sondern aus Eifersucht verfolgt.“
Veras Knurren erinnerte für einen Moment auf erstaunliche Weise an ihren Gemahl. Was auch kein Wunder war, schließlich waren sie Geschwister.
„Erwartest du etwa, dass ich diesen Flittchen auch noch...?“
„Ichgebenurwiederwasichgehörthabe tötet nicht den Boten!“ Dehael hob die Hände.
„Ich glaube, wir sind vom Thema abgekommen“, lenkte Uhula die Diskussion zurück in ihre Bahnen. „Gewiss, wir besuchen gelegentlich einen Gläubigen, um ihn zu inspirieren, ihm Angst einzuflößen oder unserer niederen Triebe wegen. Doch seien wir ehrlich, wie viele Personen werden wirklich Zeuge eines solchen Besuchs? Die große Mehrheit kennt sie nur als Geschichten vom Hörensagen. Wenn nun also irgendein gelangweilter Geschichtenerzähler vergleichbare Geschichten über einen fiktiven Gott in die Welt setzt, und beide keinen sichtbaren Einfluss auf das tägliche Leben dieser Mehrheit haben, wie können sie dann zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden?“
„Können sie es nicht in ihrem Herzen fühlen?“, fragte Vera. „Wie kann man wirkliche Liebe und Hingabe gegenüber jemandem zeigen, der nicht da ist?“
„Womöglich empfinden sie nicht einmal aufrichtige Hingabe gegenüber dem Relativen. Sie sind nur derart enttäuscht von allen bekannten Göttern, dass sie wahllos jedem folgen. Nennen wir es einfach - Religionsverdrossenheit.“
Die zwölf Götter auf dem Gipfel Mervalis starrten benommen in das Feuer, über dem der Heilige Schnellkochtopf brodelte. Es machte keinen Unterschied, ob sie existierten. Zum ersten Mal in ihrem ewigen Leben fühlten sie, was die Sterblichen dort unten täglich fühlten. Machtlosigkeit.