Dichter Erdling
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Die Kriegsgöttin sitzt schweigend an der Ecke Tummelplatz/Altstadt 14.
In der Stadt Linz, die sich „Friedensstadt“ an die Fahnen heftet.
Im Juli 2026.
Die Frau hat sich komplett weiß angemalt, sodass sie tatsächlich aussieht wie eine antike griechische Statue. Sie trägt ein weißes Wallegewand. Alles an ihr ist weiß und wie aus Stein, nur die goldene Rüstung glänzt in der Sonne. Ein goldenes, schlangenverziertes Brustschild, ein imposanter goldener Helm auf dem Kopf und ein Speer, dessen goldene Spitze steil nach oben zeigt.
Die Kriegsgöttin kommt aus der Ukraine.
Sie kam auf Einladung der Friedensstadt.
Die Kriegsgöttin ist in diesem Jahr Teil der Veranstaltung, die man in Linz „Pflasterspektakel“ nennt und die die Linzer Innenstadt tagelang in eine bunte Bühne der internationalen Straßenkunst verwandelt.
Mehr als 300 Künstlerinnen und Künstler aus knapp 40 Ländern sind beim 38. Pflasterspektakel mit dabei. Akrobatik, Comedy, Tanz, Feuershows - oder eben auch sogenannte „Stehstill-Künste“ wie jene der ukrainischen Teilnehmerin.
Ich mag es gar nicht glauben, als ich einen Blick ins Programmheft werfe.
Programmhefte werden überall am Festival verteilt. In der Broschüre werden die einzelnen Künstler mit Foto und Kurzbeschreibung vorgestellt.
Die Kriegsgöttin fällt mir gleich auf.
Neben dem Namen der Künstlerin steht das Herkunftsland. Ukraine. Titel der Darbietung lautet: „Greek Goddess of War Athena“.
Also: „Griechische Göttin des Krieges Athene“.
Das Foto im Programmheft und auf der Homepage der Veranstaltung sieht übrigens anders aus als die Figur, die in der Altstadt sitzt. Abgebildet ist die Künstlerin hier in einem Mozart-Kostüm, nicht als Kriegsgöttin.
Der YouTube-Link auf der Homepage führt indes hin zu einem Video, wo die als Kriegsgöttin Maskierte eine seltsame Handbewegung vollführt, welche verdächtig nach einem Kühnengruß (Abwandlung des verbotenen Hitler-Grußes) aussieht. Die rechte Hand ist nach oben ausgestreckt, Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sind abgespreizt.
Diese Pose ist sogar das Vorschaubild in besagtem Video.
Ich weiß nicht, was sich die Friedensstadt Linz dabei gedacht hat.
Wahrscheinlich das, was man heute gemeinhin so denkt, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht: Dieser Krieg muss geführt und gewonnen werden!
Dafür ist jedes Mittel recht.
Und:
Was die Ukraine macht, kann nicht schlecht sein.
Jetzt kann man sich natürlich dumm stellen und einen relativierenden Exkurs über die Göttin Athene anfangen. Man könnte wunderbar fabulieren, dass sie ja auch die Göttin der Weisheit und des Handwerks ist und dass ihre Darstellung vielerlei bedeuten kann.
Die Botschaft beim Festival allerdings ist recht eindeutig: Hier das Land im Krieg, da die siegessicher lächelnde Kriegsgöttin.
Ich habe verstanden und die Besucher beim Pflasterspektakel verstehen gewiss ebenso.
Wikipedia sagt zudem, dass mancherorts die Athene mit gesenkter Speerspitze dargestellt ist, um an Kriegsopfer zu gemahnen; etwa am Campus des Karlsruher Instituts für Technologie oder am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal.
Die Speerspitze der Ukrainerin ist im Gegensatz dazu hoch erhoben. Kampfbereit, entschlossen und fest hält die Künstlerin das Requisit in ihren Händen.
Auf dem Foto, das ich von ihr mache, hat sie den Mund zu einem kaum merklichen, bitteren Lächeln verzogen.
Nein, ich lege ihr kein Hutgeld in das Gefäß zu ihren Füßen.
Aber ich bereue es, keinen Folder der Friedensstadt mitgebracht zu haben oder ein anderes Gegengift-Symbol, das ich ihr anstelle einer Geldgabe hätte dalassen können. Ein Peace-Zeichen, eine Friedenstaube oder einen markigen Friedens-Spruch.
Ich sehe die Künstlerin an und fühle mich unwohl.
Ich mache das Foto und möchte weg.
Die Botschaft, auch nur eine Art Kriegspropaganda, tut weh.
Mein Geld sollen andere kriegen.
Schon viel besser gefällt mir etwa die Künstlerin aus Litauen, die als Bronzestatue ein paar Meter weiter sitzt. „Stray Cat Feeder“ lautet hier der Titel und dementsprechend zeigt sich diese Frau als Tierliebhaberin, die Straßenkatzen füttert und liebkost. Auch sie ist eine Stehstill-Künstlerin. Ihr langes Kleid, ihr altertümlicher Hut, die Tierfiguren und überhaupt alles ist bronzefarben und wie aus Metall.
Ich werfe einige Münzen in den Futternapf zu ihren Füßen, der zu diesem Zweck aufgestellt ist.
Die größte Gage von mir erhält allerdings eine andere Truppe.
Auch hier kann ich es kaum glauben, als ich im Programmheft lese: „Joshua Monten Dance Company“ aus – ja, wirklich - Russland, Ukraine, Schweiz.
Man kann es sich fast nicht mehr vorstellen, aber tatsächlich: Eine russisch-ukrainische Zusammenarbeit. Kunstschaffende aus Russland, die explizit ein-, nicht ausgeladen werden zu diesem Festival, das hat es schon länger nicht mehr gegeben.
Ganz bewusst steuere ich diesen Auftritt an.
Ich bin begeistert, beeindruckt.
Hätte nicht gedacht, dass sowas wieder möglich ist.
Ich fotografiere sogar extra die aufgestellte Info-Tafel, die die Künstler vor Ort porträtieren.
In echt: „Russland, Ukraine, Schweiz“ steht schwarz auf weiß vor dem Linzer Landhaus, wo die Künstler-Truppe ihr Können zeigt.
Eine andere Frau kann es offenbar auch nicht glauben und fotografiert das Info-Schild ebenfalls.
Also ja, vielleicht gibt es doch noch Hoffnung in der Friedensstadt.
Nicht nur Götter und Göttinnen der Kriegskunst.
Es wäre gut, denn:
Krieg ist keine Kunst, Frieden schon.
Da fällt mir ein: Den Satz hätte ich der Kriegsgöttin vor die Füße schmeißen sollen! Der ist gar nicht mal schlecht.
In der Stadt Linz, die sich „Friedensstadt“ an die Fahnen heftet.
Im Juli 2026.
Die Frau hat sich komplett weiß angemalt, sodass sie tatsächlich aussieht wie eine antike griechische Statue. Sie trägt ein weißes Wallegewand. Alles an ihr ist weiß und wie aus Stein, nur die goldene Rüstung glänzt in der Sonne. Ein goldenes, schlangenverziertes Brustschild, ein imposanter goldener Helm auf dem Kopf und ein Speer, dessen goldene Spitze steil nach oben zeigt.
Die Kriegsgöttin kommt aus der Ukraine.
Sie kam auf Einladung der Friedensstadt.
Die Kriegsgöttin ist in diesem Jahr Teil der Veranstaltung, die man in Linz „Pflasterspektakel“ nennt und die die Linzer Innenstadt tagelang in eine bunte Bühne der internationalen Straßenkunst verwandelt.
Mehr als 300 Künstlerinnen und Künstler aus knapp 40 Ländern sind beim 38. Pflasterspektakel mit dabei. Akrobatik, Comedy, Tanz, Feuershows - oder eben auch sogenannte „Stehstill-Künste“ wie jene der ukrainischen Teilnehmerin.
Ich mag es gar nicht glauben, als ich einen Blick ins Programmheft werfe.
Programmhefte werden überall am Festival verteilt. In der Broschüre werden die einzelnen Künstler mit Foto und Kurzbeschreibung vorgestellt.
Die Kriegsgöttin fällt mir gleich auf.
Neben dem Namen der Künstlerin steht das Herkunftsland. Ukraine. Titel der Darbietung lautet: „Greek Goddess of War Athena“.
Also: „Griechische Göttin des Krieges Athene“.
Das Foto im Programmheft und auf der Homepage der Veranstaltung sieht übrigens anders aus als die Figur, die in der Altstadt sitzt. Abgebildet ist die Künstlerin hier in einem Mozart-Kostüm, nicht als Kriegsgöttin.
Der YouTube-Link auf der Homepage führt indes hin zu einem Video, wo die als Kriegsgöttin Maskierte eine seltsame Handbewegung vollführt, welche verdächtig nach einem Kühnengruß (Abwandlung des verbotenen Hitler-Grußes) aussieht. Die rechte Hand ist nach oben ausgestreckt, Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sind abgespreizt.
Diese Pose ist sogar das Vorschaubild in besagtem Video.
Ich weiß nicht, was sich die Friedensstadt Linz dabei gedacht hat.
Wahrscheinlich das, was man heute gemeinhin so denkt, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht: Dieser Krieg muss geführt und gewonnen werden!
Dafür ist jedes Mittel recht.
Und:
Was die Ukraine macht, kann nicht schlecht sein.
Jetzt kann man sich natürlich dumm stellen und einen relativierenden Exkurs über die Göttin Athene anfangen. Man könnte wunderbar fabulieren, dass sie ja auch die Göttin der Weisheit und des Handwerks ist und dass ihre Darstellung vielerlei bedeuten kann.
Die Botschaft beim Festival allerdings ist recht eindeutig: Hier das Land im Krieg, da die siegessicher lächelnde Kriegsgöttin.
Ich habe verstanden und die Besucher beim Pflasterspektakel verstehen gewiss ebenso.
Wikipedia sagt zudem, dass mancherorts die Athene mit gesenkter Speerspitze dargestellt ist, um an Kriegsopfer zu gemahnen; etwa am Campus des Karlsruher Instituts für Technologie oder am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal.
Die Speerspitze der Ukrainerin ist im Gegensatz dazu hoch erhoben. Kampfbereit, entschlossen und fest hält die Künstlerin das Requisit in ihren Händen.
Auf dem Foto, das ich von ihr mache, hat sie den Mund zu einem kaum merklichen, bitteren Lächeln verzogen.
Nein, ich lege ihr kein Hutgeld in das Gefäß zu ihren Füßen.
Aber ich bereue es, keinen Folder der Friedensstadt mitgebracht zu haben oder ein anderes Gegengift-Symbol, das ich ihr anstelle einer Geldgabe hätte dalassen können. Ein Peace-Zeichen, eine Friedenstaube oder einen markigen Friedens-Spruch.
Ich sehe die Künstlerin an und fühle mich unwohl.
Ich mache das Foto und möchte weg.
Die Botschaft, auch nur eine Art Kriegspropaganda, tut weh.
Mein Geld sollen andere kriegen.
Schon viel besser gefällt mir etwa die Künstlerin aus Litauen, die als Bronzestatue ein paar Meter weiter sitzt. „Stray Cat Feeder“ lautet hier der Titel und dementsprechend zeigt sich diese Frau als Tierliebhaberin, die Straßenkatzen füttert und liebkost. Auch sie ist eine Stehstill-Künstlerin. Ihr langes Kleid, ihr altertümlicher Hut, die Tierfiguren und überhaupt alles ist bronzefarben und wie aus Metall.
Ich werfe einige Münzen in den Futternapf zu ihren Füßen, der zu diesem Zweck aufgestellt ist.
Die größte Gage von mir erhält allerdings eine andere Truppe.
Auch hier kann ich es kaum glauben, als ich im Programmheft lese: „Joshua Monten Dance Company“ aus – ja, wirklich - Russland, Ukraine, Schweiz.
Man kann es sich fast nicht mehr vorstellen, aber tatsächlich: Eine russisch-ukrainische Zusammenarbeit. Kunstschaffende aus Russland, die explizit ein-, nicht ausgeladen werden zu diesem Festival, das hat es schon länger nicht mehr gegeben.
Ganz bewusst steuere ich diesen Auftritt an.
Ich bin begeistert, beeindruckt.
Hätte nicht gedacht, dass sowas wieder möglich ist.
Ich fotografiere sogar extra die aufgestellte Info-Tafel, die die Künstler vor Ort porträtieren.
In echt: „Russland, Ukraine, Schweiz“ steht schwarz auf weiß vor dem Linzer Landhaus, wo die Künstler-Truppe ihr Können zeigt.
Eine andere Frau kann es offenbar auch nicht glauben und fotografiert das Info-Schild ebenfalls.
Also ja, vielleicht gibt es doch noch Hoffnung in der Friedensstadt.
Nicht nur Götter und Göttinnen der Kriegskunst.
Es wäre gut, denn:
Krieg ist keine Kunst, Frieden schon.
Da fällt mir ein: Den Satz hätte ich der Kriegsgöttin vor die Füße schmeißen sollen! Der ist gar nicht mal schlecht.