Die Lehrerin

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WinterAgain

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Es ist immer wieder erstaunlich was kleine Dinge in dieser Welt zu bewirken im Stande sind. Durch eine kleine Geste, wie eine fallengelassene Blume vor dem Panorama eines Schlachtfeldes, konnte ein Film zum Meisterwerk, durch vier kleine Worte, eine Rede zum Wahrzeichen einer Bewegung, oder durch eine Geste der Angst, konnte ein Reformversuch zur Massenhinrichtung werden.



Im Falle von Maria konnte allerdings die kleine Magenverstimmung ihrer Kollegin nur zu einer Änderung ihres Tagesablaufs führen. Sie hatte Vertretung.

Klasse 11b im oberen, "Elfenbeinturm" genannten, Klassenraum, dessen Lage im oberen Geschoss, direkt neben der Abstellkammer, von Schülern wie Lehrern als reine Schikane empfunden wurde. Endlos kamen einem die Treppen, vor die man zu steigen hatte und schon allein deshalb war Maria schlecht gelaunt. Hinzukam, dass sie ihre lange Mittagspause vergessen konnte, hatte sie doch sonst immer in dieser Doppelstunde frei gehabt und sich immer mit dem größten Döner, den Mustafa um die Ecke zu bieten hatte, in das Lehrerzimmer gesetzt und hatte das Leben genossen und nun...

Egal. Was sein musste, musste sein. Sie öffnete die Tür und achtzehn Augenpaare sahen sie an. Sie spürte, wie der Geräuschpegel im Klassenraum um einen Gutteil dumpfer und verhaltener wurde, als sie eintrat. Die Schüler kannten den Ablauf: wen den Lehrer den Raum betrat hatte man sich hinzusetzen. Vor allem die Jungen ließen sich aber nicht davon abhalten weiterüber Partys oder ihr Auto zu reden, was sie auch bequem vom Platz tun konnten. Maria klopfte dreimal laut auf den Tisch und in exakt diesem Moment läutete eine Klingel von draußen die neue Stunde ein. Die Gespräche verstummten fast alle. Maria legte ihre Materialien auf den Lehrertisch:

"So Ladys" begann sie "Rhetorik!". Sie ließ das Wort für eine Sekunde im Raum stehen. Das Thema, so viel Gutes hatte die Situation immerhin, war ganz nach ihrem Geschmack. Sie liebte Rhetorik. Schon so manchen Abend saß sie vor ihrem Computer, um auf YouTube festgehaltene Reden zu analysieren und auf Mimik und Körpersprache während der Rede zu achten. Sie mochte die einzelne Wirkung von bestimmten Stilmitteln und sie wusste, wie man welches am besten einsetzen konnte. In Ihrer Klasse hatte sie dieses Thema schon behandelt und es wäre für sie ein Geschenk gewesen, wenn sie es nochmal unterrichten und eventuell dem ein oder anderen vermitteln könnte, wäre es nur zu einer anderen Zeit in einem anderen Raum gewesen.

"Frau Dromme hat mir gesagt" fuhr sie nach ihrer Einleitung fort "dass sie euch die theoretischen Aspekte einer Rede schon mit euch besprochen habt, und auch wie ihr euch eine Rede merken könnt ohne ins Stolpern zu geraten. Gibt es hierzu Fragen?" wieder ließ sie eine Sekunde Zeit nur um wahrzunehmen, dass niemand sich meldete und alle Schüler vor ihr angestrengt in verschiedene Richtungen starrten. Maria erkannte den ein oder anderen Funken Enttäuschung in den Augen bei manchen Sie hatte sich an dieser Schule den Ruf erworben, oft Filme mit den Schülern zu schauen oder den Unterricht sonst praxisnäher zu gestalten, was sie langsam aber sicher zur beliebtesten Lehrerin der Schule machte und sie war stolz auf diesen Ruf. Die Schüler hatten vermutlich gehofft den Termin der Rede, die sie halten mussten und zu heute ausgearbeitet und auswendig vorzutragen hatten, noch etwas nach hinten verlegen zu können.

Tatsächlich hatte Maria mit dem Gedanken gespielt einfach einen Film zu zeigen und so von der Bildfläche zu verschwinden, doch mit ihrem Lieblingsthema war sie eigen. Sie wollte die Reden hören. "Gut" sagte sie und kramte in ihren Notizen nach der Namensliste: "Wir wollen uns dann mal eure geistigen Ergüsse anhören es beginnt..."

Ah da war die Namensliste

"... es beginnt Emma". Siebzehn von achtzehn Schülern atmeten auf. Sie hatten noch etwas Galgenfrist. Emma jedoch hörte auf zu atmen. Maria räumte den Platz und verzog sich hinter die letzte Reihe, um alle im Publikum noch im Blick zu haben, sollten sie mit ihren Handys spielen. Das war schon mehr als einmal vorgekommen. Emma stand auf und ordnete ihren grauen Pullover. Es war gerade Februar und gerade hier, im "Elfenbeinturm", konnte es unangenehm kalt werden. Emma war ein sehr schönes Mädchen mit blonden Haaren, grünen Augen und sie hatte stets nur Akzente von Schminke im Gesicht, wodurch sie sehr natürlich aussah. Sie hatte ein sehr freundliches Gesicht und Wesen, was Maria aber nicht wusste. Als Emma zu reden anfing war es im Saal still und jeder hörte ihr zu, oder gab es zumindest vor. Maria war beeindruckt. Emma konnte sich klar artikulieren, hatte einen erkennbaren roten Faden in der Rede und konnte ihre Thesen mit argumentativ untermauern. Doch sie wirkte etwas zu steif und nüchtern, fast schon förmlich. Sie sprach die Logik ihres Publikums an und das, wie Maria feststellte, sehr gut, doch es brauchte mehr um die Hörer mitzureißen. Viel mehr. Als Emma sich setzte gab es Applaus und Maria hatte zwischen zwölf und dreizehn Punkten abzuwägen. Es würde eine hilfreiche Note für Emma werden, so oder so.

Es folgten nacheinander zwei Jungen, Max und Jakob, die beide nicht so gut abschnitten wie Emma. Zu viel Geschwafel, zu wenig Argumente. Diese beiden wurden gefolgt von Linn, die sich wieder einmal überhaupt keine Gedanken gemacht hatte, ebenso wie Erik. Dieses Dreamteam der Demotivation war schon im Lehrerzimmer bekannt. Alles in allem waren das mittelmäßige bis schlechte Leistungen und Maria fürchtete schon Emma wäre der Klimax der ganzen Leistungen gewesen.

Dann rief sie Timon auf.

Timon war, was Maria nicht wissen konnte, ein eher stiller Junge, der sich meist darin gefiel, hinten in der letzten Reihe zu sitzen und nichts zu tun. Seine Noten waren durchschnittlich, ebenso wie sein Aussehen. Seine kurzen schwarzen Haare passten nicht wirklich zu seinem generell eher hellen Teint. Er hatte ein dünnes, längliches Gesicht mit sehr markanten Wangenknochen und stechenden grauen Augen. Er war nicht besonders groß, allerdings sehr dünn. Es hätte Maria gewundert, wenn er über 65kg auf die Waage gebracht hätte. Er trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose, die von einem ebenfalls schwarzen Gürtel am Platz gehalten wurde, dazu billige schwarze Lederschuhe und eine graue, geschlossene Anzugweste. Er sah sehr erwachsen aus.

Er stellte sich breitbeinig vor die Klasse hin, die noch die Zeit des Wechsels nutzte, um ein paar Worte zu wechseln. Vor allem Emma unterhielt sich noch mit ihrer besten Freundin und ging offenbar immer noch ihre gehaltene Rede durch.

Timon sah sie an.

Maria konnte ganz genau hören, wie alle im Raum leiser wurden, nur ausgerechnet Emma bemerkte dies etwas zu spät.

Timon sah sie immer noch an.

Emma zog die Stirn in Falten und sah nach vorn. Etwas stimmte hier nicht, das merkte sie jetzt.

Sie fand Timons Blick. Im Raum war es still.

Schuldbewusst sah Emma auf die Tischplatte. Maria setzte sich gerade hin. Moment mal...

Frau Dromme, meine Freunde" begann Timon dann und seine Stimme war alles was die Stille durchbrach "Was haben wir nicht von ihr gelernt? Welchen unschätzbaren Bildungsgrad haben wir nicht allein ihretwegen? Welche kulturellen Werte hat sie uns nicht vermittelt?"

Jetzt war es nicht nur Emma die Stirn in Falten zu werfen. Was sollte das hier? Auch Maria war verwirrt. Weshalb hielt Timon eine Lobrede über seine, von vielen aufgrund ihrer Stimmlage gehassten, regulären Deutschlehrerin?

"Könnt ihr mir sagen, was Frau Dromme nicht für uns getan hat? was sie geleistet hat?" fuhr Timon fort. Abfällige Geräusche waren aus dem Publikum zu hören "nun... ich könnte das nicht" sagte Timon "Ich könnte keine dieser Fragen beantworten ohne lügen zu müssen. Ich wüsste einfach nicht was ich sagen soll" Ein paar Köpfe sahen sich etwas verängstigt nach Maria um, die immer noch eher verwirrt, als alles andere war. Sie ließ Timon Zeit und die brauchte er auch noch:

"Im Gegenteil!" Timon legte eine kleine Pause ein, was die Wirkung des gesagten noch unterstrich "Im Gegenteil! Ich will - und zwar mit Fug und Recht - behaupten, dass es auf dieser Schule, ach was sage ich? ich dieser Stadt, keine schlechtere Deutschlehrerin gibt als sie!" Jetzt wurde es brenzlig. Das hier ging eindeutig zu weit Maria musste eingreifen. Gleich. Sie wollte nur noch kurz zuhören. Nur kurz.

"Ihr wollt Beweise? So grabt in eurer Vergangenheit! Welche schlechte Note in eurer Laufbahn könnt ihr euch vorstellen die sie euch, allein aus bösem Willen, gegeben hat? Welches Thema hat einer von euch nur nicht verstanden, weil sie es erklärte? Welcher Stoff wurde von ihr jemals schülerfreundlich oder gar praxisbezogen und nicht didaktisch nach Lehrbuch unterrichtet?" Maria blickte in die Runde. Sie sah Kopfnicken. Zwar noch meist von Jungs, die wahrscheinlich einfach nur allen zeigen wollten wie rebellisch sie waren, doch es war Kopfnicken. Erik aus der zweiten Reihe murmelte "True".

Timon schien es auch zu bemerken.

Er gab noch mehr Zunder.


"Denkt an euer Abitur" sagte er "was wenn ihr es am Ende nicht kriegtet. Zwei Jahre Arbeit umsonst. Alles am Ende nur ihretwegen. Ist euch klar was passieren kann? Was passieren wird? Was tut ihr dagegen? Wehrt ihr euch? Wollt ihr es nicht?"

Die Schüler murrten. Mädchen sahen Timon nur verwirrt an, Jungs schüttelten mit den Köpfen. Einer rief "haben wir doch"

"Ich weiß" sagte Timon so laut, dass wieder Ruhe einkehrte "Ich weiß" er wurde wieder leiser "Ich habe die neunt Klasse genauso wenig vergessen wie ihr, Freunde. Wir sind zu ihr gegangen. Wir haben unsere Probleme geschildert mit der Schulleitung als Vermittler. Ich weiß noch, wie wir alle beschlossen haben, dass etwas passieren muss. Ich weiß noch, wie Frau Drommer gesagt hat, dass etwas passieren wird." Er machte eine kleine Pause.

Maria reichte es. Sie selbst mochte Else Drommer auch nicht besonders, aber sie war schon aus Kollegialität verpflichtet, hier den Schlusspunkt zu setzen. "Stopp" sagte sie "Es reicht Timon. Du sollst hier nicht hinter dem Rücken einer Person über sie lästern, wenn sie sich nicht wehren kann. Ich werde Frau Drommer..."

"Welche Wahl haben wir denn?" fragte Timon laut und direkt in Marias Gesicht. Maria stutzte wieder. Wir?

"Auf bisherige Vorschläge ist Frau Drommer nun einmal nicht eingegangen! Ich wollte diese Rede als Weckruf heute in ihrer Anwesenheit halten. Das sie nun nicht hier ist, ist tragisch aber nicht zu ändern. Aber, Frau Meinert, vom Wechsel würden gerade sie ganz besonders profitieren, denn wir wollen sie. Sie Frau Meinert, als unsere Deutschlehrerin. Denken sie daran, wie sich ihr Gehalt aufbessern würde, sollte ihnen noch eine andere Klasse zugeteilt werden, wie sehr ihr Ruf sich verbessern würde unter noch mehr Schülern. Ich weiß, dass sie sehr auf eine vertraute und witzige Art im Unterricht Wissen vermitteln, wie sehr sie die Schüler in den Vordergrund stellen. Frau Drommer hat das nie getan, obwohl wir sie gebeten haben es zu tun. Ich denke die Zeit, um die Dinge zu forcieren ist gekommen."

Wieder nickten viele Schüler.

"Ich denke wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass uns die Schulleitung irgendwann in ferner Zukunft zuhört. Ich denke wir sollten endlich das laut fordern, was wir wollen. Und ich denke, dass es ihre Zustimmung trifft, wenn Schüler ihre Meinung sagen."

Jetzt war Maria auf Grundeis geraten. Sie vertrat in der Tat die Ansicht, dass die Schüler Probleme offen ansprechen sollten. Sie war in der Tat auf ihren Ruf bedacht. Sie wollte in der Tat, dass die Schüler in ihrem Unterricht Spaß an demselben hatten, nicht zuletzt aus dem egoistischen Motiv, dass sie selbst dann auch mehr Spaß am Unterricht hatte.

"Aber das denke nur ich."

An seinem Tonfall erkannte Maria, dass nun das abschließende Crescendo von Timons Rede bevorstand.

"Aber die Frage, wer alle unterrichten soll, sollte auch von allen getroffen werden. Also, Freunde, frage ich euch: Was denkt ihr?"

Die Klasse johlte.

Einige Jungen sprangen auf und applaudierten, einige Mädchen flüsterten und Zustimmung lag in ihren Gesichtern.



Der Rest hatte sich von selbst ergeben. Nach der Stunde waren alle zum Schulbüro gegangen und hatten den Lehrerwechsel verlangt. Maria hatte notgedrungen mitgespielt und so war es der Schulleitung kaum möglich das Anliegen der Schüler abzulehnen. Das war der Nachteil, wenn man als Schule proklamierte Hand in Hand mit den Schülern zu arbeiten: Man musste tatsächlich Hand in Hand mit den Schülern arbeiten. Ein Eintrag im Stundenplan, ein Anruf bei Else Drommer, eine Unterschrift der Schulleitung und schon war der Lehrerwechsel vollzogen gewesen.

Maria hatte in den Schülern nach Timon gesucht, ihn in der Menge gefunden und hatte ihn zur Seite gezogen. Fest hatte sie ihm in die Augen gesehen.

"Timon" hatte sie heiser gezischt. "Was zum Teufel sollte das? Wieso konntest du denn nicht warten bis Frau Drommer wieder hier ist? Wieso musste ich jetzt die Böse sein und euer Anliegen unterstützen?". Timon hatte sie nur angesehen: "ich verstehe ihr Problem nicht" hatte er dann, sich offensichtlich keiner Schuld bewusst, erwidert "Ist es nicht so, dass sie nun mehr Gehalt kriegen, dass wir jetzt eine bessere Deutschlehrerin haben? Das ist eine klassische Win-Win-Situation."

"Nicht für Frau Drommer". Eine kleine Gesprächspause war entstanden.

"Sie wird es überleben" Timon hatte sich halb zum Gehen gewandt. Es hatte aber noch eine Frage gegeben, die Maria unter den Nägeln gebrannt hatte. Sie hatte ihn am Bizeps festgehalten: "wo hast du so reden gelernt?" Auch bei dieser Frage hatte sie ihm in die Augen gesehen. Timon hatte die Stirn gekräuselt und die Augenbrauen zusammengezogen: "Wie" Er hatte wirklich perplex ausgesehen.

Maria war fast vom Glauben abgefallen: "sag mir nicht, dass du das alles einfach so konntest. Das ist Bullshit!". Timon hatte nur mit den Schultern gezuckt: "ich hab das nirgendwo gelernt... also ich hatte nie Unterricht oder so"

"Echt?"

"Ja, ich hatte nie irgendwie sowas"

Der Gedanke war dann in Marias Augen aufgeblitzt, analysiert und überdacht worden und hatte sich zu einer Entscheidung entwickelt, bevor Timon seinen letzten Satz überhaupt zu Ende gebracht hatte: "Morgen, nach der letzten Stunde. Klassenraum 5" hatte ihre knappe Ansage gelautet.

Dann war sie gegangen.

Sie stand noch immer zu dieser Entscheidung, als sie dann am nächsten Tag um sechzehn Uhr im Klassenraum 5 saß und auf Timon wartete. Zwei Reklamhefte lagen vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte sich entschlossen dieses Talent nicht zu ignorieren. Timon hatte eine ganze Klasse für sich gewonnen, aus der er vorher in keiner Weise herausgestochen war. Er wäre so, in einer „normalen“ Situation, nie als jemand mit Autorität und Überzeugungskraft wahrgenommen worden. Und doch hatte er aus dem Nichts einen Lehrerwechsel herbeigeführt und die Schulleitung gezwungen seinen Vorschlag umzusetzen. Mit Rhetorik. Nur mit Rhetorik. Maria wusste nun wieder, warum sie das Thema der Rhetorik immer wieder so begeisterte und für so lange Zeit begeistert hatte. Auf einmal konnte man sich von Massen abheben, sich der Welt präsentieren, sich erklären und, wenn man gut genug war, Dinge beeinflussen, die man als einzelnes Mitglied der Masse nie würde beeinflussen können. Timon konnte das und Maria glaubte, dass es in erster Linie die Pflicht eines Lehrers sei Talent zu erkennen und zu fördern. Wo und bei wem auch immer.

Jetzt war es an Timon seine Chance zu erkennen. Die Uhr tickte und Maria versuchte sich auf das Korrigieren von Klausuren der siebten Klasse zu konzentrieren, doch irgendwie konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Würde Timon die Chance wahrnehmen? Würde er sich unterrichten lassen?

Das Geräusch der Türklinke riss Maria aus ihren Gedanken. Sie sah hoch und erblickte Timon, der mit seiner Schultasche auf dem Rücken im Rahmen stand und nun fast schon schüchtern die Tür hinter sich zuzog als er einen Schritt näher in den Raum machte.

"Na also" dachte Maria, sprach aber nur ein kurzes "Setz dich!" aus. Timon gehorchte, setzte sich vor sie hin und blickte dann erwartungsvoll und auch etwas unsicher zu ihr hoch. Maria baute sich vor Timon auf und stemmte die Hände in die Hüften "Ich will nicht, dass du mich missverstehst" sagte sie ernst "Ich bin immer noch wütend darüber, dass du mir vor der Schulleitung derart die Pistole auf die Brust gesetzt hast und ich jetzt wie das größte Kollegenschwein der Welt für alle anderen Lehrer aussehe. Das ist nicht vergessen!" sie machte eine Kunstpause und fixierte Timon. Alles von seinem Selbstbewusstsein, dass er hinter dem Pult, vor Publikum gezeigt hatte schien von ihm abgefallen zu sein. Er hielt die Augen auf seine Hände gerichtet, die flach auf der Tischplatte lagen.

"Aber" fuhr Maria nach ihrer Kunstpause fort "Ich habe mitbekommen WIE du es getan hast, wie du die Leute überzeugt hast, deiner Meinung zu sein, was zu tun was du von ihnen wolltest. Deshalb habe ich dich gefragt, ob du irgendwo unterrichtet worden bist. Das war nämlich nicht nur gut, sondern genial." Timon schaute auf und zog wieder die Augenbrauen zusammen. Ganz offensichtlich verstand er den Sinn dieses Treffens nicht. Er hatte wohl angenommen, dies alles hier wäre mit einer Strafpredigt beendet gewesen, doch dem war nicht so. Maria hatte andere Pläne.

"Ich will dein Talent fördern, weil ich welches in dir sehe, Timon. Du kannst reden. Überzeugen. Es gibt nicht viele Leute, die eine ganze Klasse geschlossen in das Schulbüro marschieren lassen können und sie mit einer Stimme einen Willen vortragen lassen." Sie griff zu den zwei Reklamheften, während sie weiter ausführte: "Ab heute werden wir uns jeden Dienstag von sechzehn bis siebzehn Uhr in diesem Raum treffen und du wirst mich die Hälfte der Stunde von einer Sache überzeugen. Irgendeiner. Die Zweite Hälfte werden wir die theoretischen Aspekte der Rhetorik durchgehen. Dafür ist das hier. Sie knallte Timon das Erste Heft vor die Nase. Der las laut vor: "Rhetorik für Anfänger... was soll ich damit?"

"Lesen" erwiderte Maria knapp "du kannst es nach Hause mitnehmen... Sollten wir uns nicht mit Theorie beschäftigen, dann werden wir an deinem Stil arbeiten" damit warf sie Timon das Zweite Buch hin. es war etwas dicker als das erste und hatte ein orangenes Couvert. Auch dieses nahm Timon genau in Augenschein und las laut vor: "In Catilinam... Marcus Tulius Cicero... Latein/Deutsch. Was ist das?" Maria wollte gerade zur Antwort ansetzen, da sagte Timon von sich aus noch "Sekunde mal…Ich glaube ich habe den Namen mal in Geschichte gehört. War das nicht ein Römer? Ein Kaiser oder so?"

"Ein Anwalt und Redner im alten Rom" antwortete Maria "ein Mann aus dem einfachen Volk, der mit bloßer Redekunst an die Spitze der Politik eines der mächtigsten Reiche der Erde gelangte. Das sind seine vier Reden gegen einen Verschwörer gegen den Staat, der Catilina hieß. Es hat selten einen so begnadeten Redner gegeben" Timon besah sich das Buch genauer.

"Die heutige Stunde soll eigentlich jetzt schon beendet sein. Bis zum nächsten Dienstag solltest du in diesem Buch" sie tippte auf das "Rhetorik für Anfänger"-Buch "einigermaßen sattelfest sein. Cicero kann noch etwas warten, aber man kann ihn eigentlich nie früh genug und nie oft genug lesen" Sie wandte sich zum Gehen. Sie war schon auf halben Weg hinaus, als sie von Timon ein "Danke" vernahm. Sie drehte sie zu ihm um und lächelte "Gern" sagte sie und sie hörte wie an das Fester im Flur einige Zweige schlugen. Der Wind wehte stark heute. Wie üblich im späten Winter.



"Und das, meine Damen und Herren ist es, was sie tun können. Sie können nun die Welt verändern. Sie können... sie sollten... und sie müssten."

"Sag ruhig müssen, nicht müssten. Das ist das Ende der Rede, da kannst du ruhig dick auftragen. Und die Pause am Ende noch ein bisschen länger, sonst war das sehr gut". Maria klatschte dreimal in die Hände, um Applaus zu simulieren. Timon sah geschmeichelt aus. Er stand an einem Pult vor einem Fenster im Klassenraum 5 und hinter ihm wehten bunte und braune Blätter in einem relativ strengen Herbstwind. Seit einigen Wochen, konnte man wieder die Pullover aus dem Schrank holen..

In einem vielfach praktizierten Ablauf setzte sich Timon hin und Maria stand im selben Moment auf. Sie tauschten die Plätze. Maria atmete tief durch, um mit dem theoretischen Teil des Unterrichts fortzufahren, auch wenn die Lektionen von Stunde zu Stunde schmaler und spezieller wurden. Timon wusste schon fast alles. Sie wollte mit einer Frage beginnen: "Mal vorweg" hob sie an. Sie hatte schon lange Zeit mit Timon über eine Sache sprechen wollen "hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo du deine Redefähigkeiten einsetzen willst? Ich meine nach der Schule?"

Timon lehnte sich zurück. Mit der Zeit des Privatunterrichts waren die Gespräche in letzter Zeit immer persönlicher geworden. Timon war, was Maria nie vermutet hätte, ein durchaus interessanter Gesprächspartner und er war vor allem, schon nach dem Lesen des ersten Satzes in dem orangenen Reklamheft, Cicero vollkommen verfallen.

Es war nicht so, dass sie sich nur mit ihm beschäftigt hätten. Auch andere populäre Reden waren sie durchgegangen: die Debattenreden von Gregor Gysi und Ben Shapiro, die Rede von Martin Luther King vor den Lincoln Memorial, die Amtsantrittsreden von Barack Obama, Ronald Regan und Donald Trump, die Rede des Ernst Reuter vor den Bürgern Berlins und die des Winston Churchill vor dem britischen Parlament und sogar die Rede von Bane im Stadion von Gotham im dritten Teil der Batman- Trilogie. Aus allen konnte man lernen, doch nur Cicero hatte diesen Stil, diesen Zauber, der sogar noch zweitausend Jahre nach seinem Tod zu spüren war, wenn man sich auf ihn einließ.

Auch Timon hatte sich mit dem Gedanken herumgetragen, was er mit seinem erworbenen Wissen anfangen sollte. Er hatte ein oder zwei Ideen, aber er war gespannt auf die Dinge, die Frau Meinert ihm vorschlagen wollte.

"Ich denke" hob Maria an "du solltest einmal darüber nachdenken dich politisch zu betätigen. Ich glaube das wäre etwas für dich. Mit deinen rhetorischen Fähigkeiten bist du so manchem, fast allen eigentlich, überlegen." Zufrieden erblickte sie ein stolzes Blitzen in den Augen von Timon "Du könntest etwas verändern, Timon." Ein geschmeicheltes Lächeln umspielte die Lippen Timons. "ich werde dich weiter unterrichten und wir werden zusammen noch besser werden, aber momentan kann ich dir fast nicht mehr beibringen. Ich bin stolz auf dich"

Das geschmeichelte Lächeln wurde breiter.

Und wieder verging die Zeit. Herbststürme kamen, Herbststürme gingen. Es fiel Schnee, es schien die Sonne. Klausuren wurden geschrieben und es wurde für sie gelernt. Bekanntschafften wurden gemacht und Mitgliedschaften beschlossen. Prüfungen wurden bestanden, Bälle gefeiert. Und von einem dünnen Jungen mit schwarzen Haaren wurden Reden gehalten. Viele. Gute.



Es war fast elf Uhr und Maria sah auf ihre Armbanduhr. Langsam zog sie an ihrer Zigarette und stieß den Rauch durch die Nase aus. Langsam stieg er in eine laue Sommernacht, in der hinter großen Betonhäusern noch der letzte Rest eines hellen Streifens von Abendlicht zu erahnen war. Maria und ihr Lebensgefährte Tilman standen vor dem Kino und gingen den eben gesehenen Film noch einmal haarklein durch. Ihre beiden Freunde hatten sich gleich nach der Vorstellung verzogen. Maria vermutete, dass sie auf dem Weg nach Hause den kinderfreien Abend noch anderweitig genießen wollten und genau das kaum noch abwarten konnten.

Maria und Tilman setzten sich in Bewegung und sie flippte ihre Kippe gegen eine Häuserwand. Links neben dem Kino war das Bürgerzentrum der Stadt und eine dichte Menschentraube stand davor und die Menschen schwatzten, einige angeregt und konzentriert, einige verstohlen und auffällig unauffällig und wieder einige ausgelassen und lachend. Viele rauchten, einige hatten Champagnergläser in der Hand. Maria konstatierte adrette Abendkleider und Anzüge mit Krawatten. Sie und Tilman wirkten in Jeans und dünnen T-Shirts angesichts dieser feinen Garderobe irgendwie fehl am Platze und beeilten sich die Menschentraube zu durchschreiten.

Doch genau in diesem Moment rief ein breitschultriger Securitymann laut "Einlass" und die Traube reihte sich ein. Karten musste man anscheinend nicht vorzeigen. Maria wurde von Tilman regelrecht weggerissen und von den ins Bürgerzentrum strömenden Menschen mitgenommen. Nach ein paar fruchtlosen Versuchen gegen den Strom zu schwimmen gab sie es auf und entschied sich drinnen eine Möglichkeit zu suchen hier irgendwie herauszukommen und sich mit Tilman wieder zu treffen.

Die Menschen schleppten Maria zu einem hell erleuchteten Raum, in dem eine kleine Bühne aufgebaut war. Zwei Banner hingen darüber. Eins zeigte einen ...

Was?

Maria gelang es im richtigen Zeitpunkt sich in dem Rahmen eines Notausgangs durch einen Schritt seitwärts zu retten. Hier hatte sie einen von vorbeischnellenden Köpfen und Gesichtern leicht beeinträchtigten Blick auf die Banner.

Sie hatte sich nicht geirrt.

Das eine Banner zeigte einen dünnen Mann von etwa Anfang Zwanzig. Er trug einen schwarzen Anzug mit dunkelgrüner Krawatte. Der Anzug hatte dieselbe Farbe wie seine Haare. Grüne Augen blickten streng über markanten Wangenknochen in die Kamera. Neben dem Foto des Mannes hing ein anderes Banner. Maria las entgeistert:

Heute Abend: TIMON SONNER

- Bürgergespräch und Vortrag -​

Maria stand dort wie angewurzelt. Timon? Hier? Bürgergespräch und Vortrag?

Die Gäste in Abendgarderobe nahmen Platz und ein Gong wurde geschlagen. Auf die Bühne trat Timon in einem schwarzen Anzug, dem seines riesigen Abbildes über ihm nicht unähnlich, nur seine Krawatte war heute Weinrot.

Ein ohrenbetäubender Applaus erhob sich und einige Männer standen auf und Pfiffen, während Timon gönnerhaft in die Menge winkte. Ein dicklicher Mann mit Schnauz- sowie Kinnbart reichte Timon ehrfürchtig ein Mikrofon und - Maria konnte es kaum glauben - machte einen Diener und entschwand von der Bühne. Timon schaltete das Mikrofon an, was wirkte als hätte ein Jediritter sein Lichtschwert entzündet. Ein leises Knacken ertönte aus den Lautsprechern.

Maria war schwer beeindruckt. Timon schien ein hohes Tier hier zu sein. Er war ihrem Rat also gefolgt. Sie war stolz.

Die Geräusche verstummen langsam und Timon blickte in die Runde. Jetzt war es vollständig still. Nicht einmal ein Husten war zu hören.

"Guten Abend"

"Langsam" schossen Maria ihre eigenen Worte durch den Kopf "Leise, bloß leise beginnen. Wie Cicero. Sie sollen gezwungen sein dir genau hinzuzuhören"

"Es freut mich sehr, dass sie sich so zahlreich hier eingefunden haben. Es ist immer wieder eine Ehre in meine Heimatstadt zu kommen und hier auftreten beziehungsweise sprechen zu können."

Timon machte eine kurze Pause. Nur Maria wusste, das Timon immer eine kleine Pause zwischen Einleitung und Begrüßung und eigentlichem Hauptteil ließ, weswegen beides bei ihm sehr gut voneinander zu unterscheiden war. Er wollte wohl die Begrüßung relativ kurz halten. Eine taktisch durchaus sinnvolle Strategie.

"Ich bin jedoch heute mit einer Frage vor sie, meine Damen und Herren, gekommen. Eine Frage die mich seit langem beschäftigt hat. Und die sie, wie ich aus ihrer Anwesenheit schließen kann, auch beschäftigt: Wie lange will die Regierung in Berlin, unsere Geduld noch missbrauchen? Wie lange soll ungebremste, unkontrollierte Ungerechtigkeit noch weitergehen? Bis zu welcher Spitze will man uns, uns Bürger, noch hinter´s Licht führen?"

Maria musste schmunzeln. Cicero: die erste Rede gegen Catilina. Das erkannte sie sofort.

Dann aber gefror das Lächeln auf ihrem Gesicht. Was sagte Timon eigentlich da? Wer führte hier wen hinter das Licht? Maria sah ins Publikum und sah meist zusammengezogene Augenbrauen und fragende Blicke.

"Sehen sie doch einmal nach Berlin." fuhr Timon fort "sehen sie hin und sehen sie auf Politiker, die den Bezug zu dem verloren haben, was sie tun sollten. Regieren. Lenken. Die Dinge vorantreiben und für unsere Sicherheit sorgen und"

Wieder eine kurze Pause, die Timon diesmal mitten im Satz ließ.

"wie steht es mit ihnen? Ihrer Bürgernähe, die sie sonst immer so sehr propagieren? Haben sie unsere Petitionen zum Handeln bewegt? Unsere Satire, die ja auch nur dafür Gedacht ist Probleme aufzuzeigen? Unsere Demonstrationen? Unsere Äußerungen in sozialen Netzwerken, die einzig und allein dazu gedacht sind mit jedem -und wirklich mit jedem- in Kontakt zu treten und zu bleiben? Hat irgendetwas davon sie in irgendeiner Weise je geschert? Sagt es mir!"

Timon blickte erwartungsvoll in die Runde. Maria sah wieder ins Publikum und sah Köpfe, die sich schüttelten. Sie hörte Murmeln und an einigen Stellen etwas beklommenes Füßescharren und Hüsteln. Sie ahnte Böses.

"Woran liegt das wohl? Waren wir immernoch nicht deutlich genug? nicht konsequent genug? Oder liegt es vieleicht an... Andreas Torner?"

Der Name des deutschen Bundeskanzlers klang einen Moment im Raum nach und rief wieder fragende Gesichter hervor. Maria war wohl jetzt gerade die Einzige die Torner als den Catilina in der Rede Timons erkannte. Sie konnte das Ziel nur ahnen, auf welches die Rede zusteuerte und als Jemand, die die Regierung von Andreas Torner mit einem weinenden und einem lachenden sah, wobei der lachende Teil überwog -deutlich überwog, wenn Maria genauer darüber nachdachte- , gefielen ihre eigenen Ahnungen ihr ganz und gar nicht. Torner hatte das Bildungssystem reformiert und so vielfältige Erleichterungen sowohl für Lehrer als auch für Schüler geschaffen. Allein dafür mochte sie ihn.

"Ja, verehrtes Publikum, Andreas Torner. Was hat er getan? Sie könnten jetzt sagen" Timon zählte an den Fingern ab "Er hat das Bildungssystem reformiert und im selben Atemzug das Abitur wieder zentral geplant. Doch was hat er gegen die Strukturelle Schwäche des Ostens, der neuen Bundesländer gemacht? Was gegen organisierte Kriminalität in unseren Großstädten? Was gegen das Problem der nicht ausreichenden Rente? Was gegen unser marodes Militär?"

Wieder sah Maria Nicken im Publikum.

"Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach: Er tut nichts dagegen. Aufschwung und Reichtum hat er uns versprochen, soziale Gerechtigkeit und das gemeinsame Durchstehen gesellschaftlicher Krisen, doch alles was wir bekommen haben war in vielen Punkten ein großes Nichts. Und er hat auch nicht vor etwas zu tun. Warum? Er profitiert von billigen Arbeitskräften im Osten, denn dort produzieren seine Firmen. Er leitet Hilfsfonds für die Rente in die eigene Tasche um. Und zu der Sache mit der Kriminalität: Ihr müsst nur etwas in seiner Vergangenheit suchen. Die ersten vierzig Jahre seines Lebens hat er damit zugebracht drei Ehen zu ruinieren, fünfmal in eine Entzugsklinik eingewiesen zu werden und zweimal wegen Unterschlagung vorbestraft zu werden. Mehr noch. Fragen sie in Berlin doch einmal in Zwielichtigen Bereichen herum"

Einige Menschen im Publikum schüttelten mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf, um ihren Unglauben und ihre Entrüstung allen offen zur Schau zu stellen. Maria schnaubte durch die Nase. "Ihr Heuchler" dachte sie mit nicht wenig Verachtung. Nun war es an ihr im Schatten der Tür den Kopf zu schütteln. Sie hätte um ihr ganzes Erspartes gewettet, dass mindestens die Hälfte der Leute auf den Stühlen dort mehr Ehen als drei an die Wand gefahren hatten oder auch schon das ein oder andere Mal mit Drogenproblemen zu kämpfen hatten. Sie wollten aber auf jemanden mit dem Finger zeigen.

Überhaupt: Das, was Timon dort sagte entbehrte jedes Beweises, war schlimmster Rufmord und schlimmste Propaganda. Was war denn nur in ihn gefahren?

"Ja" Timon war anscheinend noch nicht fertig "Fragen sie herum. Wo in ganz Berlin ist ein Dealer, wo ein Schnapsbrenner, wo eine Prostituierte, ein Eskortmädchen, eine Striptänzerin, wo ein Wirt einer zweitklassigen Kaschemme im Keller eines Bordells, wo ein Brutaler Türsteher, wo ein Alkoholabhängiger, wo ein Verdorbener, wo ein Verkommener zu in dieser Metropole zu finden, der nicht von sich sagen kann mit Andreas Torner auf Du-und-Du zu stehen oder zumindest gestanden zu haben?"

Lauteres Gemurmel erhob sich im Publikum. Maria hörte eine Frau in rotem Abendkleid zu ihrem Mann: "Ich hab´s doch gewusst" zischen. Der Angesprochene schüttelte nur den Kopf und lehnte sich dabei überlegen zurück. Maria hatte die Cicero´sche Aufzählung durchaus erkannt. Es stammte aus der zweiten Rede gegen Catilina, wenn sie sich nicht sehr täuschte und dem Publikum schien es zu gefallen. Dem Publikum schien das alles hier sehr zu gefallen.

"Was ist nur mit unserem Land passiert?" fragte Timon und seine Stimme schien jetzt voluminös und von Oben herab zu kommen "von so jemandem lassen wir uns regieren? So jemand wird gewählt? Ist es das was unser Land braucht?"

Immer lauter schwallte der Geräuschpegel der Menge. Ganz deutlich konnte Maria Timon, für einen kurzen Moment nur, die Augen schließen sehen. Für ihn musste es wie Musik sein. Dann fuhr er fort.

"Andreas Torner sagt wir können die Kriminalität nicht bekämpfen, zumindest nicht in kurzer Zeit. Andreas Torner sagt wir können den Osten nicht unterstützen. Er sagt die Geldmittel wären zu knapp und es könne nur mit einem langfristigen Plan erreicht werden. Er sagt wir müssten warten. Ich sage das haben wir. Ich sage das haben wir lange genug. Ich sage ich will nicht mehr warten. Ich will das meine, das unser aller Kinder in den selben Strukturen und unter den selben Bedingungen aufwachsen wie es die Kinder in den alten Bundesländern tun. Ich sage, dass wir jetzt, in diesem Augenblick, gegen Kriminalität vorgehen müssen und zwar gnadenlos mit Axt und Schwert"

Maria erinnerte sich an Timons erste Rede vor der Klasse. Sie hätte es schon damals erkennen müssen.

Maria erinnerte sich an Timons erste Rede vor der Klasse. Sie hätte es schon damals erkennen müssen.

"Ich sage wir müssen wieder ein repräsentatives Militär haben, um uns erfolgreich verteidigen zu können und zwar gegen alle Bedrohungen, die auf uns zukommen. Ich sage die Lösung all diese Probleme ist die Absetzung von Andreas Torner und das Einsetzen einer anderen Regierung, die euch, dem Volk wieder zugewandt ist. Die wieder von euch gewählt ist.“

Timon atmete kurz durch. Maria war wie in Schockstarre, unfähig sich dem was sie dort hörte auf irgendeine Weise zu entziehen.

„Natürlich wird diese Regierung gegen Freunde des Andreas Torner und des ganzen Parteikaders hart vorgehen müssen, doch dies ist notwendig, um eure Sicherheit zu gewährleisten. Ich frage euch: seid ihr damit einverstanden?“

Jetzt brachen die Dämme. Wie damals im Klassenraum standen die Leute auf und klatschten Timon zu. Sie riefen im Chor: "SONNER; SONNER; SONNER; SONNER". Nur ganz allein an ihrem Rand stand nun eine vollkommen aufgewühlte Deutschlehrerin, die laut gegen die Bühne "NEIN!" rief, aber deren Rufe den Jubel nicht durchdringen konnten. Sie hätte es damals aufhalten können. Sollen. MÜSSEN.

Timon blickte zufrieden und rief: "Dann soll es so sein. Dieses, unser Land bedarf der Rettung. Das ist das was wir tun können.“

"Nein" dachte Maria hilflos "Das sagst du nicht"

"Tun sollen"

"BITTE"

"Tun MÜSSEN"

Die Menge johlte und Timons durch den Raum schweifender Blick war nun ganz der eines Königs, der sich von seinem Volk huldigen lässt.

Dann kreuzte er den Blick von Maria. Für einen Moment wirkte er ungläubig, dann umspielte seinen Mund ein freudiges Lächeln. Er versuchte die Menge zum Schweigen zu bringen und mit Gesten Ruhe zu befehlen. Tatsächlich beruhigte sich das Volk, die Plebs, der Pöbel. Maria konnte sich kein Wort ausdenken, dass abfällig genug für das wäre, was da johlte und tobte. Timon zeigte auf Maria und lächelte sie freundlich an.

"Wir haben heute einen ganz besonderen Gast." sagte er den Menschen zugewandt "Frau Meinert, warum haben sie denn nichts gesagt? Ich hätte sie persönlich gerne begrüßt!" Ein Scheinwerfer schien nun voll auf Maria. Sie fühlte sich vollkommen ausgeliefert und sie spürte, dass alle sie anstarrten, auch wenn sie nur in Timons immer noch freundliches Gesicht blicken konnte. Der redete weiter "Frau Meinert, meine Freunde, war meine Deutschlehrerin, als ich noch in die Schule ging. Sie hat mir alles beigebracht, was ich weiß, vor allem über das Reden. Ohne sie wäre ich nicht das was ich wäre. Einen großen Applaus bitte für Frau Meinert."

Applaus brandete auf, doch für Maria war es nur fernes Rauschen. Die ganze Szenerie war nur noch verschwommen. Sie realisierte erst jetzt, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es war der einfache Gedanke, dass Timon recht hatte, der ihr das das Wasser in die Augen trieb. Er hatte Recht. Ohne sie wäre er nicht was er war. Ohne sie könnte er nicht was er konnte.

Was hatte sie getan?

Sie lief weg. Raus. Raus aus dem Raum, in dem Timon gerade ein Fundament für seine Machtergreifung legte. Sie hatte ihm dabei geholfen. Sie hatte es nicht gesehen. Sie hätte es in Dem Moment sehen müssen als Timon die Rede über den Lehrerwechsel hielt. Sie hatte es damals nicht aufgehalten und jetzt war es zu spät. Es war die Wahrheit. Sie hatte ihm alles beigebracht was er wusste.

Das kalte Licht der Laternen auf dem Parkplatz empfing sie und sie sank an einer nieder. Sie wollte schreien, weinen, fliehen, am Besten in alle acht Himmelsrichtungen zugleich. Ihr war übel. Sie war wütend. Eine Stimme drang an ihr Ohr "großer Gott, was ist denn mit dir passiert?". Tilman. Er würde sie nach Hause bringen. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ein Gedanke war noch übrig und drehte in ihrem Kopf Pirouetten: Das SIE es gewesen war, die ihm dies alles ermöglicht hatte. Sie hatte ihn entdeckt. Sie hatte ihn gefördert.

Als seine Lehrerin.

Ende
 

CPMan

Mitglied
Hallo WinterAgain,

meine Meinung:

Es ist immer wieder erstaunlich was kleine Dinge in dieser Welt zu bewirken im Stande sind. Durch eine kleine Geste, wie eine fallengelassene Blume vor dem Panorama eines Schlachtfeldes, konnte ein Film zum Meisterwerk, durch vier kleine Worte, eine Rede zum Wahrzeichen einer Bewegung, oder durch eine Geste der Angst, konnte ein Reformversuch zur Massenhinrichtung werden.



Im Falle von Maria konnte allerdings die kleine Magenverstimmung ihrer Kollegin nur zu einer Änderung ihres Tagesablaufs führen. Sie hatte Vertretung.
Kann alles weg!

Die Schüler kannten den Ablauf: wen den Lehrer den Raum betrat hatte man sich hinzusetzen.
Lies den Satz bitte nochmal.

weiterüber Partys oder ihr Auto zu reden
weiter über
auch 'Pult' genannt.
"Frau Dromme hat mir gesagt" fuhr sie nach ihrer Einleitung fort "dass sie euch die theoretischen Aspekte einer Rede schon mit euch besprochen habt, und auch wie ihr euch eine Rede merken könnt ohne ins Stolpern zu geraten.
Lies den Satz bitte auch nochmal durch.

Ich stelle die Leküre hier erst einmal ein. Wenn ein Text sich inhaltlich um 'Rhetorik' dreht, sprachlich aber noch gravierende Mängel aufweist
und offenbar vom Autor auch nicht Korrektur gelesen wurde, dann vergeht mir ziemlich schnell die Lust.

Tut mri leid. Das Thema interessiert mich, aber die Sprache haut mich raus.

LG,

CPMan
 

WinterAgain

Mitglied
Maria sah missmutig die Treppen, die noch vor ihr lagen hinauf. Eine kleine Magenverstimmung ihrer Kollegin hatte zu dieser missliebiegen Änderung ihres Tagesablaufs geführt. Sie hatte Vertretung.

Klasse 11b im oberen, "Elfenbeinturm" genannten, Klassenraum, dessen Lage im oberen Geschoss, direkt neben der Abstellkammer, von Schülern wie Lehrern als reine Schikane empfunden wurde. Endlos kamen einem die Treppen, vor die man zu steigen hatte und schon allein deshalb war Maria schlecht gelaunt. Hinzukam, dass sie ihre lange Mittagspause vergessen konnte, hatte sie doch sonst immer in dieser Doppelstunde frei gehabt und sich immer mit dem größten Döner, den Mustafa um die Ecke zu bieten hatte, in das Lehrerzimmer gesetzt und hatte das Leben genossen und nun...

Egal. Was sein musste, musste sein. Sie öffnete die Tür und achtzehn Augenpaare sahen sie an. Sie spürte, wie der Geräuschpegel im Klassenraum um einen Gutteil dumpfer und verhaltener wurde, als sie eintrat. Die Schüler kannten den Ablauf: wenn den Lehrer den Raum betrat hatte man sich hinzusetzen. Vor allem die Jungen ließen sich aber nicht davon abhalten weiter über Partys oder ihr Auto zu reden, was sie auch bequem vom Platz tun konnten. Maria klopfte dreimal laut auf den Tisch und in exakt diesem Moment läutete eine Klingel von draußen die neue Stunde ein. Die Gespräche verstummten fast alle. Maria legte ihre Materialien auf den Lehrertisch:

"So Ladys" begann sie "Rhetorik!". Sie ließ das Wort für eine Sekunde im Raum stehen. Das Thema, so viel Gutes hatte die Situation immerhin, war ganz nach ihrem Geschmack. Sie liebte Rhetorik. Schon so manchen Abend saß sie vor ihrem Computer, um auf YouTube festgehaltene Reden zu analysieren und auf Mimik und Körpersprache während der Rede zu achten. Sie mochte die einzelne Wirkung von bestimmten Stilmitteln und sie wusste, wie man welches am besten einsetzen konnte. In Ihrer Klasse hatte sie dieses Thema schon behandelt und es wäre für sie ein Geschenk gewesen, wenn sie es nochmal unterrichten und eventuell dem ein oder anderen vermitteln könnte, wäre es nur zu einer anderen Zeit in einem anderen Raum gewesen.

"Frau Dromme hat mir gesagt" fuhr sie nach ihrer Einleitung fort "dass sie mit euch die theoretischen Aspekte einer Rede schon besprochen hat, und auch wie man sich eine Rede merken kann ohne ins Stolpern zu geraten. Gibt es hierzu Fragen?" wieder ließ sie eine Sekunde Zeit nur um wahrzunehmen, dass niemand sich meldete und alle Schüler vor ihr angestrengt in verschiedene Richtungen starrten. Maria erkannte den ein oder anderen Funken Enttäuschung in den Augen bei manchen Sie hatte sich an dieser Schule den Ruf erworben, oft Filme mit den Schülern zu schauen oder den Unterricht sonst irgendwie praxisnäher zu gestalten, was sie langsam aber sicher zur beliebtesten Lehrerin der Schule gemacht hatte und sie war stolz auf diesen Ruf. Die Schüler hatten vermutlich gehofft den Termin der Rede, die sie zu heute ausgearbeitet haben sollten und auswendig vorzutragen hatten, noch etwas nach hinten verlegen zu können.

Tatsächlich hatte Maria mit dem Gedanken gespielt einfach einen Film zu zeigen und so von der Bildfläche zu verschwinden, doch mit ihrem Lieblingsthema war sie eigen. Sie wollte die Reden hören. "Gut" sagte sie und kramte in ihren Notizen nach der Namensliste: "Wir wollen uns dann mal eure geistigen Ergüsse anhören es beginnt..."

Ah da war die Namensliste

"... es beginnt Emma". Siebzehn von achtzehn Schülern atmeten auf. Sie hatten noch etwas Galgenfrist. Emma jedoch hörte auf zu atmen. Maria räumte den Platz und verzog sich hinter die letzte Reihe, um alle im Publikum noch im Blick zu haben, sollten sie mit ihren Handys spielen. Das war schon mehr als einmal vorgekommen. Emma stand auf und ordnete ihren grauen Pullover. Es war gerade Februar und gerade hier, im "Elfenbeinturm", konnte es unangenehm kalt werden. Emma war ein sehr schönes Mädchen mit blonden Haaren, grünen Augen und sie hatte stets nur Akzente von Schminke im Gesicht, wodurch sie sehr natürlich aussah. Sie hatte ein sehr freundliches Gesicht und Wesen, was Maria aber nicht wusste. Als Emma dich hinter ein vorher aufgestelltes Rednerpult stellte und zu reden anfing war es im Saal still und jeder hörte ihr zu, oder gab es zumindest vor. Maria war beeindruckt. Emma konnte sich klar artikulieren, hatte einen erkennbaren roten Faden in der Rede und konnte ihre Thesen mit argumentativ untermauern. Doch sie wirkte etwas zu steif und nüchtern, fast schon förmlich. Sie sprach die Logik ihres Publikums an und das, wie Maria zugeben musste, sehr gut, doch es brauchte mehr, um die Hörer mitzureißen. Viel mehr. Als Emma sich setzte gab es Applaus und Maria hatte zwischen zwölf und dreizehn Punkten abzuwägen. Es würde eine hilfreiche Note für Emma werden, so oder so.

Es folgten nacheinander zwei Jungen, Max und Jakob, die beide nicht so gut abschnitten wie Emma. Zu viel Geschwafel, zu wenig Argumente. Diese beiden wurden gefolgt von Linn, die sich wieder einmal überhaupt keine Gedanken gemacht hatte, ebenso wie Erik. Dieses Dreamteam der Demotivation war schon im Lehrerzimmer bekannt. Alles in allem waren das mittelmäßige bis schlechte Leistungen und Maria fürchtete schon Emma wäre der Klimax der ganzen Leistungen gewesen.

Dann rief sie Timon auf.

Timon war, was Maria nicht wissen konnte, ein eher stiller Junge, der sich meist darin gefiel, hinten in der letzten Reihe zu sitzen und nichts zu tun. Seine Noten waren durchschnittlich, ebenso wie sein Aussehen. Seine kurzen schwarzen Haare passten nicht wirklich zu seinem generell eher hellen Teint. Er hatte ein dünnes, längliches Gesicht mit sehr markanten Wangenknochen und stechenden grauen Augen. Er war nicht besonders groß, allerdings sehr dünn. Es hätte Maria gewundert, wenn er über 65kg auf die Waage gebracht hätte. Er trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose, die von einem ebenfalls schwarzen Gürtel am Platz gehalten wurde, dazu billige schwarze Lederschuhe und eine graue, geschlossene Anzugweste. Er sah sehr erwachsen aus.

Er stellte sich breitbeinig vor die Klasse hin, die noch die Zeit des Wechsels nutzte, um ein paar Worte zu wechseln. Vor allem Emma unterhielt sich noch mit ihrer besten Freundin und ging offenbar immer noch ihre gehaltene Rede durch.

Timon sah sie an.

Maria konnte ganz genau hören, wie alle im Raum leiser wurden, nur ausgerechnet Emma bemerkte dies etwas zu spät.

Timon sah sie immer noch an.

Emma zog die Stirn in Falten und sah nach vorn. Etwas stimmte hier nicht, das merkte sie jetzt.

Sie fand Timons Blick. Im Raum war es still.

Schuldbewusst sah Emma auf die Tischplatte. Maria setzte sich gerade hin. Moment mal...

"Frau Dromme, meine Freunde" begann Timon dann und seine Stimme war alles was die Stille durchbrach "Was haben wir nicht von ihr gelernt? Welchen unschätzbaren Bildungsgrad haben wir nicht allein ihretwegen? Welche kulturellen Werte hat sie uns nicht vermittelt?"

Jetzt war es nicht nur Emma die Stirn in Falten zu werfen. Was sollte das hier? Auch Maria war verwirrt. Weshalb hielt Timon eine Lobrede über seine, von vielen aufgrund ihrer Stimmlage gehassten, regulären Deutschlehrerin?

"Könnt ihr mir sagen, was Frau Dromme nicht für uns getan hat? was sie geleistet hat?" fuhr Timon fort. Abfällige Geräusche waren aus dem Publikum zu hören "nun... ich könnte das nicht" sagte Timon "Ich könnte keine dieser Fragen beantworten ohne lügen zu müssen. Ich wüsste einfach nicht was ich sagen soll" Ein paar Köpfe sahen sich etwas verängstigt nach Maria um, die immer noch eher verwirrt, als alles andere war. Sie ließ Timon Zeit und die brauchte er auch noch:

"Im Gegenteil!" Timon legte eine kleine Pause ein, was die Wirkung des Gesagten noch unterstrich "Im Gegenteil! Ich will - und zwar mit Fug und Recht - behaupten, dass es auf dieser Schule, ach was sage ich? In dieser Stadt, keine schlechtere Deutschlehrerin gibt als sie!" Jetzt wurde es brenzlig. Das hier ging eindeutig zu weit. Maria musste eingreifen. Gleich. Sie wollte nur noch kurz zuhören. Nur kurz.

"Ihr wollt Beweise? So grabt in eurer Vergangenheit! Welche schlechte Note in eurer Laufbahn könnt ihr euch vorstellen die sie euch, allein aus bösem Willen, gegeben hat? Welches Thema hat einer von euch nur nicht verstanden, weil sie es erklärte? Welcher Stoff wurde von ihr jemals schülerfreundlich oder gar praxisbezogen und nicht didaktisch nach Lehrbuch unterrichtet?" Maria blickte in die Runde. Sie sah Kopfnicken. Zwar meist noch von Jungs, die wahrscheinlich einfach nur allen zeigen wollten, wie rebellisch sie waren, doch es war Kopfnicken. Erik aus der zweiten Reihe murmelte "True".

Timon schien es auch zu bemerken.

Er gab noch mehr Zunder.

"Denkt an euren Abitur" sagte er "was wenn ihr es am Ende nicht kriegt? Zwei Jahre Arbeit wären umsonst. Alles wäre am Ende, nur ihretwegen. Ist euch klar was passieren kann? Was passieren wird? Was tut ihr dagegen? Wehrt ihr euch? Wollt ihr es nicht?"

Die Schüler murrten. Einige Mädchen sahen Timon nur verwirrt an, Jungs schüttelten mit den Köpfen. Einer rief "haben wir doch"

"Ich weiß" sagte Timon so laut, dass wieder Ruhe einkehrte "Ich weiß" er wurde wieder leiser "Ich habe die neunt Klasse genauso wenig vergessen wie ihr, Freunde. Wir sind zu ihr gegangen. Wir haben unsere Probleme geschildert, mit der Schulleitung als Vermittler. Ich weiß noch, wie wir alle beschlossen haben, dass etwas passieren muss. Ich weiß noch, wie Frau Drommer gesagt hat, dass etwas passieren wird." Er machte eine kleine Pause.

Maria reichte es. Sie selbst mochte Else Drommer auch nicht besonders, aber sie war schon aus Kollegialität verpflichtet, hier den Schlusspunkt zu setzen. "Stopp" sagte sie "Es reicht Timon. Du sollst hier nicht hinter dem Rücken einer Person über sie lästern, wenn sie sich nicht wehren kann. Ich werde Frau Drommer..."

"Welche Wahl haben wir denn?" fragte Timon laut und direkt in Marias Gesicht. Maria stutzte wieder. Wir?

"Auf bisherige Vorschläge ist Frau Drommer nun einmal nicht eingegangen! Ich wollte diese Rede als Weckruf heute in ihrer Anwesenheit halten. Das sie nun nicht hier ist, ist tragisch aber nicht zu ändern. Aber, Frau Meinert, vom Wechsel würden gerade sie ganz besonders profitieren, denn wir wollen sie. Sie Frau Meinert, als unsere Deutschlehrerin. Denken sie daran, wie sich ihr Gehalt aufbessern würde, sollte ihnen noch eine andere Klasse zugeteilt werden, wie sehr ihr Ruf sich verbessern würde unter noch mehr Schülern. Ich weiß, dass sie sehr auf eine vertraute und witzige Art im Unterricht Wissen vermitteln, wie sehr sie die Schüler in den Vordergrund stellen. Frau Drommer hat das nie getan, obwohl wir sie gebeten haben es zu tun. Ich denke die Zeit, um die Dinge zu forcieren ist gekommen."

Wieder nickten viele Schüler.

"Ich denke wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass uns die Schulleitung irgendwann in ferner Zukunft zuhört. Ich denke wir sollten endlich das laut fordern, was wir wollen. Und ich dachte, dass es ihre Zustimmung trifft, wenn Schüler ihre Meinung sagen."

Jetzt war Maria auf Grundeis geraten. Sie vertrat in der Tat die Ansicht, dass die Schüler Probleme offen ansprechen sollten. Daraus hatte sie nie einen Hehl gemacht. Sie war in der Tat auf ihren Ruf bedacht. Sie wollte in der Tat, dass die Schüler in ihrem Unterricht Spaß an demselben hatten, nicht zuletzt aus dem egoistischen Motiv, dass sie selbst dann auch mehr Spaß am Unterricht hatte.

"Aber das denke nur ich."

An seinem Tonfall erkannte Maria, dass nun das abschließende Crescendo von Timons Rede bevorstand.

"Aber die Frage, wer alle unterrichten soll, sollte auch von allen getroffen werden. Also, Freunde, frage ich euch: Was denkt ihr?"

Die Klasse johlte.

Einige Jungen sprangen auf und applaudierten, einige Mädchen flüsterten und Zustimmung lag in ihren Gesichtern.



Der Rest hatte sich von selbst ergeben. Nach der Stunde waren alle zum Schulbüro gegangen und hatten den Lehrerwechsel verlangt. Maria hatte notgedrungen mitgespielt und so war es der Schulleitung kaum möglich das Anliegen der Schüler abzulehnen. Das war der Nachteil, wenn man als Schule proklamierte Hand in Hand mit den Schülern zu arbeiten: Man musste tatsächlich Hand in Hand mit den Schülern arbeiten. Ein Eintrag im Stundenplan, ein Anruf bei Else Drommer, eine Unterschrift der Schulleitung und schon war der Lehrerwechsel vollzogen gewesen.

Maria hatte in den Schülern nach Timon gesucht, ihn in der Menge gefunden und hatte ihn zur Seite gezogen. Fest hatte sie ihm in die Augen gesehen.

"Timon" hatte sie verärgert gezischt: "Was zum Teufel sollte das? Wieso konntest du denn nicht warten bis Frau Drommer wieder hier ist? Wieso musste ich jetzt die Böse sein und euer Anliegen unterstützen?". Timon hatte sie nur angesehen: "ich verstehe ihr Problem nicht" hatte er dann, sich offensichtlich keiner Schuld bewusst, erwidert "Ist es nicht so, dass sie nun mehr Gehalt kriegen, dass wir jetzt eine bessere Deutschlehrerin haben? Das ist eine klassische Win-Win-Situation."

"Nicht für Frau Drommer". Eine kleine Gesprächspause war entstanden.

"Sie wird es überleben" Timon hatte sich halb zum Gehen gewandt. Es hatte aber noch eine Frage gegeben, die Maria unter den Nägeln gebrannt hatte. Sie hatte ihn am Bizeps festgehalten: "wo hast du so reden gelernt?" Auch bei dieser Frage hatte sie ihm in die Augen gesehen. Timon hatte die Stirn gekräuselt und die Augenbrauen zusammengezogen: "Wie?"

Er hatte wirklich perplex ausgesehen.

Maria war fast vom Glauben abgefallen: "sag mir nicht, dass du das alles einfach so konntest. Das ist Bullshit!". Timon hatte nur mit den Schultern gezuckt: "ich hab´ das nirgendwo gelernt... also ich hatte nie Unterricht oder so"

"Echt?"

"Ja, ich hatte nie irgendwie sowas"

Der Gedanke war dann in Marias Augen aufgeblitzt, analysiert und überdacht worden und hatte sich zu einer Entscheidung entwickelt, bevor Timon seinen letzten Satz überhaupt zu Ende gebracht hatte: "Morgen, nach der letzten Stunde. Klassenraum 5" hatte ihre knappe Ansage gelautet.

Dann war sie gegangen.

Sie stand noch immer zu dieser Entscheidung, als sie dann am nächsten Tag um sechzehn Uhr im Klassenraum 5 saß und auf Timon wartete. Zwei Reklamhefte lagen vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte sich entschlossen dieses Talent nicht zu ignorieren. Timon hatte eine ganze Klasse für sich gewonnen, aus der er vorher in keiner Weise herausgestochen war. Er wäre so, in einer „normalen“ Situation, nie als jemand mit Autorität und Überzeugungskraft wahrgenommen worden. Und doch hatte er aus dem Nichts einen Lehrerwechsel herbeigeführt und die Schulleitung gezwungen seinen Vorschlag umzusetzen. Mit Rhetorik. Nur mit Rhetorik. Maria wusste nun wieder, warum sie das Thema der Rhetorik immer wieder so begeisterte und für so lange Zeit begeistert hatte. Auf einmal konnte man sich von Massen abheben, sich der Welt präsentieren, sich erklären und, wenn man gut genug war, Dinge beeinflussen, die man als einzelnes Mitglied der Masse nie würde beeinflussen können. Timon konnte das und Maria glaubte, dass es in erster Linie die Pflicht eines Lehrers sei Talent zu erkennen und zu fördern. Wo und bei wem auch immer.

Jetzt war es an Timon seine Chance zu erkennen. Die Uhr tickte und Maria versuchte sich auf das Korrigieren von Klausuren der siebten Klasse zu konzentrieren, doch irgendwie konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Würde Timon die Chance wahrnehmen? Würde er sich unterrichten lassen?

Das Geräusch der Türklinke riss Maria aus ihren Gedanken. Sie sah hoch und erblickte Timon, der mit seiner Schultasche auf dem Rücken im Rahmen stand und nun fast schon schüchtern die Tür hinter sich zuzog als er einen Schritt näher in den Raum machte.

"Na also" dachte Maria, sprach aber nur ein kurzes "Setz dich!" aus. Timon gehorchte, setzte sich vor sie hin und blickte dann erwartungsvoll und auch etwas unsicher zu ihr hoch. Maria baute sich vor Timon auf und stemmte die Hände in die Hüften "Ich will nicht, dass du mich missverstehst" sagte sie ernst "Ich bin immer noch wütend darüber, dass du mir vor der Klasse und später vor der Schulleitung derart die Pistole auf die Brust gesetzt hast und ich jetzt wie das größte Kollegenschwein der Welt für alle anderen Lehrer aussehe. Das ist nicht vergessen!" sie machte eine Kunstpause und fixierte Timon. Alles von seinem Selbstbewusstsein, dass er hinter dem Pult, vor Publikum gezeigt hatte schien von ihm abgefallen zu sein. Er hielt die Augen auf seine Hände gerichtet, die flach auf der Tischplatte lagen.

"Aber" fuhr Maria nach ihrer Kunstpause fort "Ich habe mitbekommen, wie du es getan hast, wie du die Leute überzeugt hast, deiner Meinung zu sein, was zu tun was du von ihnen wolltest. Deshalb habe ich dich gefragt, ob du irgendwo unterrichtet worden bist. Das war nämlich nicht nur gut, sondern genial." Timon schaute auf und zog wieder die Augenbrauen zusammen. Ganz offensichtlich verstand er den Sinn dieses Treffens nicht. Er hatte wohl angenommen, dies alles hier wäre mit einer Strafpredigt beendet gewesen, doch dem war nicht so. Maria hatte andere Pläne.

"Ich will dein Talent fördern, weil ich welches in dir sehe, Timon. Du kannst reden. Überzeugen. Es gibt nicht viele Leute, die eine ganze Klasse geschlossen in das Schulbüro marschieren lassen können und sie mit einer Stimme einen Willen vortragen lassen." Sie griff zu den zwei Reklamheften, während sie weiter ausführte: "Ab heute werden wir uns jeden Dienstag von sechzehn bis siebzehn Uhr in diesem Raum treffen und du wirst mich die Hälfte der Stunde von einer Sache überzeugen. Irgendeiner. Die Zweite Hälfte werden wir die theoretischen Aspekte der Rhetorik durchgehen. Dafür ist das hier. Sie knallte Timon das Erste Heft vor die Nase. Der las laut vor: "Rhetorik für Anfänger... was soll ich damit?"

"Lesen" erwiderte Maria knapp "du kannst es nach Hause mitnehmen... Sollten wir uns nicht mit Theorie beschäftigen, dann werden wir an deinem Stil arbeiten" damit warf sie Timon das Zweite Buch hin. es war etwas dicker als das erste und hatte ein orangenes Couvert. Auch dieses nahm Timon genau in Augenschein und las laut vor: "In Catilinam... Marcus Tulius Cicero... Latein/Deutsch. Was ist das?" Maria wollte gerade zur Antwort ansetzen, da sagte Timon von sich aus noch "Sekunde mal…Ich glaube ich habe den Namen mal in Geschichte gehört. War das nicht ein Römer? Ein Kaiser oder so?"

"Ein Anwalt und Redner im alten Rom" antwortete Maria "ein Mann aus dem einfachen Volk, der mit bloßer Redekunst an die Spitze der Politik eines der mächtigsten Reiche der Erde gelangte. Das sind seine vier Reden gegen einen Verschwörer gegen den Staat, der Catilina hieß. Es hat selten einen so begnadeten Redner gegeben" Timon besah sich das Buch genauer.

"Die heutige Stunde soll eigentlich jetzt schon beendet sein. Bis zum nächsten Dienstag solltest du in diesem Buch" sie tippte auf das "Rhetorik für Anfänger"-Buch "einigermaßen sattelfest sein. Cicero kann noch etwas warten, aber man kann ihn eigentlich nie früh genug und nie oft genug lesen" Sie wandte sich zum Gehen. Sie war schon auf halben Weg hinaus, als sie von Timon ein "Danke" vernahm. Sie drehte sie zu ihm um und lächelte "Gern" sagte sie und sie hörte wie an das Fester im Flur einige Zweige schlugen. Der Wind wehte stark heute. Wie üblich im späten Winter.





"Und das, meine Damen und Herren ist es, was sie tun können. Sie können nun die Welt verändern. Sie können... sie sollten... und sie müssten."

"Sag ruhig müssen, nicht müssten. Das ist das Ende der Rede, da kannst du ruhig dick auftragen. Und die Pause am Ende noch ein bisschen länger, sonst war das sehr gut". Maria klatschte dreimal in die Hände, um Applaus zu simulieren. Timon sah geschmeichelt aus. Er stand an einem Pult vor einem Fenster im Klassenraum 5 und hinter ihm wehten bunte und braune Blätter in einem relativ strengen Herbstwind. Seit einigen Wochen, konnte man wieder die Pullover aus dem Schrank holen.

In einem vielfach praktizierten Ablauf setzte sich Timon hin und Maria stand im selben Moment auf. Sie tauschten die Plätze. Maria atmete tief durch, um mit dem theoretischen Teil des Unterrichts fortzufahren, auch wenn die Lektionen von Stunde zu Stunde schmaler und spezieller wurden. Timon wusste schon fast alles. Sie wollte mit einer Frage beginnen: "Mal vorweg" hob sie an. Sie hatte schon lange Zeit mit Timon über eine Sache sprechen wollen "hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo du deine Redefähigkeiten einsetzen willst? Ich meine nach der Schule?"

Timon lehnte sich zurück. Mit der Zeit des Privatunterrichts waren die Gespräche in letzter Zeit immer persönlicher geworden. Timon war, was Maria nie vermutet hätte, ein durchaus interessanter Gesprächspartner und er war vor allem, schon nach dem Lesen des ersten Satzes in dem orangenen Reklamheft, Cicero vollkommen verfallen.

Es war nicht so, dass sie sich nur mit ihm beschäftigt hätten. Auch andere populäre Reden waren sie durchgegangen: die Debattenreden von Gregor Gysi und Ben Shapiro, die Rede von Martin Luther King vor den Lincoln Memorial, die Amtsantrittsreden von Barack Obama, Ronald Regan und Donald Trump, die Rede des Ernst Reuter vor den Bürgern Berlins und die des Winston Churchill vor dem britischen Parlament und sogar die Rede von Bane im Stadion von Gotham im dritten Teil der Batman- Trilogie. Aus allen konnte man lernen, doch nur Cicero hatte diesen Stil, diesen Zauber, der sogar noch zweitausend Jahre nach seinem Tod zu spüren war, wenn man sich auf ihn einließ.

Auch Timon hatte sich mit dem Gedanken herumgetragen, was er mit seinem erworbenen Wissen anfangen sollte. Er hatte ein oder zwei Ideen, aber er war gespannt auf die Dinge, die Frau Meinert ihm vorschlagen wollte.

"Ich denke" hob Maria an "du solltest einmal darüber nachdenken dich politisch zu betätigen. Ich glaube das wäre etwas für dich. Mit deinen rhetorischen Fähigkeiten bist du so manchem, fast allen eigentlich, überlegen." Zufrieden erblickte sie ein stolzes Blitzen in den Augen von Timon "Du könntest etwas verändern, Timon." Ein geschmeicheltes Lächeln umspielte die Lippen Timons. "ich werde dich weiter unterrichten und wir werden zusammen noch besser werden, aber momentan kann ich dir fast nicht mehr beibringen. Ich bin stolz auf dich"

Das geschmeichelte Lächeln wurde breiter.

Und wieder verging die Zeit. Herbststürme kamen, Herbststürme gingen. Es fiel Schnee, es schien die Sonne. Klausuren wurden geschrieben und es wurde für sie gelernt. Bekanntschaften wurden gemacht und Mitgliedschaften beschlossen. Prüfungen wurden bestanden, Bälle gefeiert. Und von einem dünnen Jungen mit schwarzen Haaren wurden Reden gehalten. Viele. Gute.





Es war fast elf Uhr und Maria sah auf ihre Armbanduhr. Langsam zog sie an ihrer Zigarette und stieß den Rauch durch die Nase aus. Langsam stieg er in eine laue Sommernacht, in der hinter großen Betonhäusern noch der letzte Rest eines hellen Streifens von Abendlicht zu erahnen war. Maria und ihr Lebensgefährte Tilman standen vor dem Kino und gingen den eben gesehenen Film noch einmal haarklein durch. Ihre beiden Freunde hatten sich gleich nach der Vorstellung verzogen. Maria vermutete, dass sie auf dem Weg nach Hause den kinderfreien Abend noch anderweitig genießen wollten und genau das kaum noch abwarten konnten.

Maria und Tilman setzten sich in Bewegung und sie flippte ihre Kippe gegen eine Häuserwand. Links neben dem Kino war das Bürgerzentrum der Stadt und eine dichte Menschentraube stand davor und die Menschen schwatzten, einige angeregt und konzentriert, einige verstohlen und auffällig unauffällig und wieder einige ausgelassen und lachend. Viele rauchten, einige hatten Champagnergläser in der Hand. Maria konstatierte adrette Abendkleider und Anzüge mit Krawatten. Sie und Tilman wirkten in Jeans und dünnen T-Shirts angesichts dieser feinen Garderobe irgendwie fehl am Platze und beeilten sich die Menschentraube zu durchschreiten.

Doch genau in diesem Moment rief ein breitschultriger Securitymitarbeiter laut "Einlass" und die Traube reihte sich ein. Karten musste man anscheinend nicht vorzeigen. Maria wurde von Tilman regelrecht weggerissen und von den ins Bürgerzentrum strömenden Menschen mitgenommen. Nach ein paar fruchtlosen Versuchen gegen den Strom zu schwimmen gab sie es auf und entschied sich drinnen eine Möglichkeit zu suchen hier irgendwie herauszukommen und sich mit Tilman wieder zu treffen.



Die Menschen schleppten Maria zu einem hell erleuchteten Raum, in dem eine kleine Bühne aufgebaut war. Zwei Banner hingen darüber. Eins zeigte ...

Was?

Maria gelang es im richtigen Zeitpunkt sich in dem Rahmen eines Notausgangs durch einen Schritt seitwärts zu retten. Hier hatte sie einen, von vorbeischnellenden Köpfen und Gesichtern leicht beeinträchtigten, Blick auf die Banner.

Sie hatte sich nicht geirrt.

Das eine Banner zeigte einen dünnen Mann von etwa Anfang Zwanzig. Er trug einen schwarzen Anzug mit dunkelgrüner Krawatte. Der Anzug hatte dieselbe Farbe wie seine Haare. Grüne Augen blickten streng über markanten Wangenknochen in die Kamera. Neben dem Foto des Mannes hing noch ein Zweites Banner. Maria las entgeistert:

Heute Abend: TIMON SONNER

- Bürgergespräch und Vortrag -​

Maria stand dort wie angewurzelt. Timon? Hier? Bürgergespräch und Vortrag?

Die Gäste in Abendgarderobe nahmen Platz und ein Gong wurde geschlagen. Auf die Bühne trat tatsächlich Timon in einem schwarzen Anzug, dem seines riesigen Abbildes über ihm nicht unähnlich, nur seine Krawatte war heute Weinrot.

Ein ohrenbetäubender Applaus erhob sich und einige Männer standen auf und Pfiffen, während Timon gönnerhaft in die Menge winkte. Ein dicklicher Mann mit Schnauz- sowie Kinnbart reichte Timon ehrfürchtig ein Mikrofon und - Maria konnte es kaum glauben - machte einen Diener und entschwand von der Bühne. Timon schaltete das Mikrofon an. Ein leises Knacken ertönte aus den Lautsprechern.

Maria war schwer beeindruckt. Timon schien ein hohes Tier hier zu sein. Er war ihrem Rat also gefolgt. Sie war stolz.

Die Geräusche verstummen langsam und Timon blickte in die Runde. Jetzt war es vollständig still. Nicht einmal ein Husten war zu hören.

"Guten Abend"

"Langsam" schossen Maria ihre eigenen Worte durch den Kopf "Leise, bloß leise beginnen. Wie Cicero. Sie sollen gezwungen sein dir genau hinzuzuhören"

"Es freut mich sehr, dass sie sich so zahlreich hier eingefunden haben. Es ist immer wieder eine Ehre in meine Heimatstadt zu kommen und hier auftreten beziehungsweise sprechen zu können."

Timon machte eine kurze Pause. Nur Maria wusste, das Timon immer eine kleine Pause zwischen Einleitung und Begrüßung und eigentlichem Hauptteil ließ, weswegen beides bei ihm sehr gut voneinander zu unterscheiden war. Er wollte wohl die Begrüßung relativ kurzhalten. Eine taktisch durchaus sinnvolle Strategie.

"Ich bin jedoch heute mit einer Frage vor sie, meine Damen und Herren, gekommen. Eine Frage die mich seit langem beschäftigt hat. Und die sie, wie ich aus ihrer Anwesenheit schließen kann, auch beschäftigt: Wie lange will die Regierung in Berlin, unsere Geduld noch missbrauchen? Wie lange soll ungebremste, unkontrollierte Ungerechtigkeit noch weitergehen? Bis zu welcher Spitze will man uns, uns Bürger, noch hinter´s Licht führen?"

Maria musste schmunzeln. Cicero: die erste Rede gegen Catilina. Das erkannte sie sofort.

Dann aber gefror das Lächeln auf ihrem Gesicht. Was sagte Timon eigentlich da? Wer führte hier wen hinter das Licht? Maria sah ins Publikum und sah meist zusammengezogene Augenbrauen und fragende Blicke.

"Sehen sie doch einmal nach Berlin." fuhr Timon fort "sehen sie hin und sehen sie auf Politiker, die den Bezug zu dem verloren haben, was sie tun sollten. Regieren. Lenken. Die Dinge vorantreiben und für unsere Sicherheit sorgen."

Wieder eine kurze Pause, die Timon diesmal mitten im Satz ließ.

"Wie steht es mit ihnen? Ihrer Bürgernähe, die sie sonst immer so sehr propagieren? Haben sie unsere Petitionen zum Handeln bewegt? Unsere Satire, die ja auch nur dafür gedacht ist Probleme mit Humor aufzuzeigen? Unsere Demonstrationen? Unsere Äußerungen in sozialen Netzwerken, die einzig und allein dazu gedacht sind mit jedem -und wirklich mit jedem- in Kontakt zu treten und zu bleiben? Hat irgendetwas davon sie in irgendeiner Weise je geschert? Sagt es mir!"

Timon blickte erwartungsvoll in die Runde. Maria sah wieder ins Publikum und sah Köpfe, die sich schüttelten. Sie hörte Murmeln und an einigen Stellen etwas beklommenes Füßescharren und Hüsteln. Sie ahnte Böses.

"Woran liegt das wohl? Waren wir immer noch nicht deutlich genug? nicht konsequent genug? Oder liegt es vielleicht an... Andreas Torner?"

Der Name des deutschen Bundeskanzlers klang einen Moment im Raum nach und rief wieder fragende Gesichter hervor. Maria war wohl jetzt gerade die Einzige die Torner als den Catilina in der Rede Timons erkannte. Sie konnte das Ziel nur ahnen, auf welches die Rede zusteuerte und als Jemand, die die Regierung von Andreas Torner mit einem weinenden und einem lachenden sah, wobei der lachende Teil überwog -deutlich überwog, wenn Maria genauer darüber nachdachte- , gefielen ihre eigenen Ahnungen ihr ganz und gar nicht. Torner hatte das Bildungssystem reformiert und so vielfältige Erleichterungen sowohl für Lehrer als auch für Schüler geschaffen. Allein dafür mochte sie ihn.

"Ja, verehrtes Publikum, Andreas Torner. Was hat er getan? Sie könnten jetzt sagen" Timon zählte an den Fingern ab "Er hat das Bildungssystem reformiert und im selben Atemzug das Abitur wieder zentral geplant. Doch was hat er gegen die Strukturelle Schwäche des Ostens, der neuen Bundesländer gemacht? Was gegen organisierte Kriminalität in unseren Großstädten? Was gegen das Problem der nicht ausreichenden Rente? Was gegen unser marodes Militär?"

Wieder sah Maria Nicken im Publikum.

"Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach: Er tut nichts dagegen. Aufschwung und Reichtum hat er uns versprochen, soziale Gerechtigkeit und das gemeinsame Durchstehen gesellschaftlicher Krisen, doch alles was wir bekommen haben war in vielen Punkten ein großes Nichts. Und er hat auch nicht vor etwas zu tun. Warum? Er profitiert von billigen Arbeitskräften im Osten, denn dort produzieren seine Firmen. Er leitet Hilfsfonds für die Rente in die eigene Tasche um. Und zu der Sache mit der Kriminalität: Da müssten sie nur etwas in seiner Vergangenheit suchen. Die ersten vierzig Jahre seines Lebens hat er damit zugebracht drei Ehen zu ruinieren, fünfmal in eine Entzugsklinik eingewiesen zu werden und zweimal wegen Unterschlagung vorbestraft zu werden. Mehr noch. Fragen sie in Berlin doch einmal in Zwielichtigen Bereichen herum"

Einige Menschen im Publikum schüttelten mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf, um ihren Unglauben und ihre Entrüstung allen offen zur Schau zu stellen. Maria schnaubte durch die Nase. "Ihr Heuchler" dachte sie mit nicht wenig Verachtung. Nun war es an ihr im Schatten der Tür den Kopf zu schütteln. Sie hätte um ihr ganzes Erspartes gewettet, dass mindestens die Hälfte der Leute auf den Stühlen dort mehr Ehen als drei an die Wand gefahren hatten oder auch schon das ein oder andere Mal mit Drogenproblemen zu kämpfen hatten. Sie wollten aber auf jemanden mit dem Finger zeigen.

Überhaupt: Das, was Timon dort sagte entbehrte jedes Beweises, war schlimmster Rufmord und schlimmste Propaganda. Was war denn nur in ihn gefahren?

"Ja" Timon war anscheinend noch nicht fertig "Fragen sie herum. Wo in ganz Berlin ist ein Dealer, wo ein Schnapsbrenner, wo eine Prostituierte, ein Eskortmädchen, eine Striptänzerin, wo ein Wirt einer zweitklassigen Kaschemme im Keller eines Bordells, wo ein Brutaler Türsteher, wo ein Alkoholabhängiger, wo ein Verdorbener, wo ein Verkommener in dieser Metropole zu finden, der nicht von sich sagen kann mit Andreas Torner auf Du-und-Du zu stehen oder zumindest gestanden zu haben?"

Lauteres Gemurmel erhob sich im Publikum. Maria hörte eine Frau in rotem Abendkleid zu ihrem Mann: "Ich hab´s doch gewusst" zischen. Der Angesprochene schüttelte nur den Kopf und lehnte sich dabei überlegen zurück. Maria hatte die Cicero´sche Aufzählung durchaus erkannt. Es stammte aus der zweiten Rede gegen Catilina, wenn sie sich nicht sehr täuschte und dem Publikum schien es zu gefallen. Dem Publikum schien das alles hier sehr zu gefallen.

"Was ist nur mit unserem Land passiert?" fragte Timon und seine Stimme schien jetzt voluminös und von Oben herab zu kommen "von so jemandem lassen wir uns regieren? So jemand wird gewählt? Ist es das was unser Land braucht?"

Immer lauter schwallte der Geräuschpegel der Menge. Ganz deutlich konnte Maria Timon, für einen kurzen Moment nur, die Augen schließen sehen. Für ihn musste es wie Musik sein. Dann fuhr er fort.

"Andreas Torner sagt wir können die Kriminalität nicht bekämpfen, zumindest nicht in kurzer Zeit. Andreas Torner sagt wir können den Osten nicht unterstützen. Er sagt die Geldmittel wären zu knapp und es könne nur mit einem langfristigen Plan erreicht werden. Dasselbe sagt er zur Bundeswehr. Er sagt wir müssten warten. Ich sage das haben wir. Ich sage das haben wir lange genug. Ich sage wir wollen nicht mehr warten. Ich will, dass meine, dass unser aller Kinder in denselben Strukturen und unter denselben Bedingungen aufwachsen wie es die Kinder in den alten Bundesländern tun. Ich sage, dass wir jetzt, in diesem Augenblick, gegen Kriminalität vorgehen müssen, und zwar gnadenlos mit Axt und Schwert."

Maria erinnerte sich an Timons erste Rede vor der Klasse. Sie hätte es schon damals erkennen müssen.

"Ich sage wir müssen wieder ein repräsentatives Militär haben, um uns erfolgreich verteidigen zu können, und zwar gegen alle Bedrohungen, die auf uns zukommen. Ich sage die Lösung all diese Probleme ist die Absetzung von Andreas Torner und das Einsetzen einer anderen Regierung, die euch, dem Volk wieder zugewandt ist. Die wieder von euch gewählt ist.“

Timon atmete kurz durch. Maria war wie in Schockstarre, unfähig sich dem was sie dort hörte auf irgendeine Weise zu entziehen.

„Natürlich wird diese Regierung gegen Freunde des Andreas Torner und des ganzen Parteikaders hart vorgehen müssen, doch dies ist notwendig, um eure Sicherheit zu gewährleisten. Ich frage euch: seid ihr damit einverstanden?“

Jetzt brachen die Dämme. Wie damals im Klassenraum standen die Leute auf und klatschten Timon zu. Sie riefen im Chor: "SONNER; SONNER; SONNER; SONNER". Nur ganz allein an ihrem Rand stand nun eine vollkommen aufgewühlte Deutschlehrerin, die laut gegen die Bühne "NEIN!" rief, aber deren Rufe den Jubel nicht durchdringen konnten. Sie hätte es damals aufhalten können. Sollen. MÜSSEN.

Timon blickte zufrieden und rief: "Dann soll es so sein. Dieses, unser Land bedarf der Rettung. Das ist das was wir tun können.“

"Nein" dachte Maria hilflos "Das sagst du nicht"

"Tun sollen"

"BITTE"

"Tun MÜSSEN"

Die Menge johlte und Timons durch den Raum schweifender Blick war nun ganz der eines Königs, der sich von seinem Volk huldigen lässt.

Dann kreuzte er den Blick von Maria. Für einen Moment wirkte er ungläubig, dann umspielte seinen Mund ein freudiges Lächeln. Er versuchte die Menge zum Schweigen zu bringen und mit Gesten Ruhe zu befehlen. Tatsächlich beruhigte sich das Volk, die Plebs, der Pöbel. Maria konnte sich kein Wort ausdenken, dass abfällig genug für das wäre, was da johlte und tobte. Timon zeigte auf Maria und lächelte sie freundlich an.

"Wir haben heute einen ganz besonderen Gast." sagte er den Menschen zugewandt "Frau Meinert, warum haben sie denn nichts gesagt? Ich hätte sie persönlich gerne begrüßt!" Ein Scheinwerfer schien nun voll auf Maria. Sie fühlte sich vollkommen ausgeliefert und sie spürte, dass alle sie anstarrten, auch wenn sie nur in Timons immer noch freundliches Gesicht blicken konnte. Der redete weiter "Frau Meinert, meine Freunde, war meine Deutschlehrerin, als ich noch in die Schule ging. Sie hat mir alles beigebracht, was ich weiß, vor allem über das Reden. Ohne sie wäre ich nicht das was ich wäre. Einen großen Applaus bitte für Frau Meinert."

Applaus brandete auf, doch für Maria war es nur fernes Rauschen. Die ganze Szenerie war nur noch verschwommen. Sie realisierte erst jetzt, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es war der einfache Gedanke, dass Timon recht hatte, der ihr das das Wasser in die Augen trieb. Er hatte Recht. Ohne sie wäre er nicht was er war. Ohne sie könnte er nicht was er konnte.

Was hatte sie getan?

Sie lief weg. Raus. Raus aus dem Raum, in dem Timon gerade ein Fundament für seine Machtergreifung legte. Sie hatte ihm dabei geholfen. Sie hatte es nicht gesehen. Sie hätte es in dem Moment sehen müssen als Timon die Rede über den Lehrerwechsel hielt. Sie hatte es damals nicht aufgehalten und jetzt war es zu spät. Es war die Wahrheit. Sie hatte ihm alles beigebracht was er wusste.

Das kalte Licht der Laternen auf dem Parkplatz empfing sie und sie sank an einer nieder. Sie wollte schreien, weinen, fliehen, am Besten in alle acht Himmelsrichtungen zugleich. Ihr war übel. Sie war wütend. Eine Stimme drang an ihr Ohr "großer Gott, was ist denn mit dir passiert?". Tilman. Er würde sie nach Hause bringen. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ein Gedanke war noch übrig und drehte in ihrem Kopf Pirouetten: Das SIE es gewesen war, die ihm dies alles ermöglicht hatte. Sie hatte ihn entdeckt. Sie hatte ihn gefördert.

Als seine Lehrerin.

Ende
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo WinterAgain,

Ich muss ehrlich zugeben, dass es mir sehr schwer fällt, diesen Text in seiner Gesamtheit zu beurteilen. Ich versuche es trotzdem und fange beim Einfachsten an, der Rechtschreibung. Trotz der Länge des Textes halten sich die Rechtschreibfehler in vernachlässigbaren Grenzen, wenn man von der Zeichensetzung absieht. Besonders auffällig tritt Letzteres bei der Verwendung von wörtlicher Rede zutage. Ich würde dir empfehlen, die dort hinsichtlich Zeichensetzung herrschenden Regeln mal genauer anzusehen. So viele sind es ja gar nicht.

Den Stil könnte man als einigermaßen flüssig bezeichnen, wenn nicht immer mal wieder völlig verkorkste Sätze oder falsch angewendete Wörter auftauchen würden. Hinzu kommen häufig unschöne Wortwiederholungen. Und nicht zuletzt zerren die vielen für die Handlung völlig überflüssigen Passagen den Text unnötig in die Breite.

Du hast dir verdammt viel Mühe gegeben – aber es muss auch noch allerhand überarbeitet werden. Doch lohnt das, wenn man sich den Inhalt des Textes vor Augen hält? Das Thema, das du gewählt hast, ist durchaus brisant und somit auch interessant. Es geht im Kern um die Anwendung ausgefeilter Rhetorik und um ihre negativen Einflüsse auf bestimmte Menschengruppen, wenn sich ein Populist einer geschliffenen Rhetorik zu bedienen versteht. Wie gesagt – ein interessantes und durchaus aktuelles Thema.

Wenn du den Text in Form einer Persiflage geschrieben hättest, hätte man fast begeistert sein können. Aber unter einer Persiflage versteht man unter anderem die Möglichkeit, bekannte Inhalte mit kritischen Untertönen zu einer gewitzten und geistvollen Verspottung zu verspinnen. Doch davon ist leider nichts zu spüren. Der Leser – so sehe ich das zumindest – soll vielmehr all diese von dem Protagonisten aufgeführten tumben Argumente tatsächlich ernst nehmen. Es tut mir leid, wenn mir das nicht gelingen will.

Dein Timon wirkt noch einigermaßen glaubwürdig, was man von seiner total naiv daherkommenden Lehrerin eher nicht sagen kann. Beide bemühen auch noch hin und wieder den großen Rhetoriker Cicero. Er ist beider Vorbild. Ich kenne die Reden dieses gepriesenen Rhetorikers nicht, aber ich weiß, dass er – als gelernter Jurist – sich vor allem auf Fakten beruft. Dein Timon dagegen beruft sich auf ein paar Halbwahrheiten und begnügt sich ansonsten mit Anschuldigungen, ohne Beweise dafür zu erbringen.

Alles in Allem – ich würde an deiner Stelle den Text erst einmal liegen lassen und vielleicht später mal wieder hervorholen, um ihn so zu bearbeiten, damit ein Werk entstehen kann, das glaubhaft rüber kommt. Wie gesagt – Potential hat der Stoff.

Gruß Ralph

PS.
Ich wage mal ein Experiment. Es gibt hier die Funktion „Datei anhängen“, die zumindest hier im Unterforum "Erzählungen" noch nicht genutzt wurde. Inhalt der Datei ist eine "Grobkorrektur" deines Textes. Ich weiß noch nicht, ob diese Datei (PDF) für alle User sichtbar sein wird. Lassen wir uns überraschen.
 

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Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ji Rina,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Es scheint demnach so zu funktionieren, wie ich es mir gewünscht habe. Ich empfinde diese Möglichkeit vor allem dann von Vorteil, wenn (gerade bei langen und sehr langen Texten) der Kommentator sich das komplette Werk vornimmt und darin herum kritzelt. Das interessiert nun wirklich nicht jeden. Aber bei Bedarf … prima.

Gruß Ralph
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ralph Ronneberger,
Ich finde die Korrektur als Datei eine grossartige Idee. Eine Riesenarbeit (auch)...
Ich lese es, weil mich die Korrekturen interessieren.
Mit Gruss, Ji
 

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