Anonym
Gast
Die Lehmanns grillen gern mit Kohle. Meist ist es unproblematisch mit ihnen, wenn wir uns sehen, grüßen wir freundlich. Sie sind Mieter der Wohnung neben uns, ihr Balkon grenzt an unseren. Einfache Leute, er mit einem Puddinggesicht, aus dem sich eine Knollennase herausquetscht, die kleinen Augen kaum zu erkennen unter den wulstigen Brauen. Möbelverkäufer bei einem Großflächenanbieter am Stadtrand. Vielleicht hat er den Grill da geklaut, hört man ja immer wieder, dass die Angestellten für Betriebe das größte Problem sind, was Schwund angeht. So einem geht nicht viel durch den Kopf, aber an jedem Wochenende, an dem es nicht regnet, hat er einen Einfall. Der lautet: Bratwurst. Und dann hat er einen zweiten: Ich hab doch diesen Grill auf dem Balkon.
Für Gedanken über die Rauchentwicklung ist in einem solchen Gehirn kein Platz. In dem seiner Frau auch nicht, stattdessen wird munter Grillgut angeschleift. Zu allem Unglück haben sie einen Hund und zwei Kinder, die ständig streiten. Der Ältere hat sich mit unserem angefreundet, seitdem sie in dieselbe Klasse gehen, naja, unser Theo ist halt vorpubertär, da spielen die Hormone verrückt. In dem Alter ist das Gehirn eine Baustelle, weiß man ja alles. Meine Frau war nicht erfreut, als Theo den Nachbarsjungen auch noch zum Geburtstag eingeladen hatte.
„Ich habe die mit zwölf Buletten bebraten“, sagt sie. „Sechs Jungen, zwei für jeden. Glaubst du, da sagt jemand was? Ich meine, sowas wie: ‚die sind aber lecker´, oder ‚Danke fürs Kochen´? Du kennst meine Buletten. Es gibt keine besseren! Weißt du, was die Göre von den Lehmanns sagt? Er hätte lieber eine Bratwurst.“
„Du weißt doch, wie Kinder heutzutage sind“, sage ich. „Da musst du immer mit dem Schlimmsten rechnen. Narzisstische kleine Monster, keine Manieren, kein Respekt. Unser ist auch nicht besser.“
„Ich bitte dich, du hast den kleinen Lehmann nicht erlebt! Der redet nicht normal, der schreit nur. Der ist schon so schlimm wie das Publikum am Kotti, ich geh sowieso nur noch mit Pfefferspray raus.“
„Übertreib mal nicht!“
„Dann hat er drei Buletten gefressen, stell dir das mal vor! Für einen, der lieber Bratwurst will, ganz schön viel! Und du kannst dir nicht vorstellen, was der an Kartoffelsalat in sich reingeschaufelt hat!“
„Bis zur Figur seines Vaters hat er noch einen Weg vor sich, aber vielleicht nimmt er ja eine Abkürzung. Wie heißt der nochmal? Marlon? Marvin?“
„Ja, Martin. Wie kann man sein Kind nur Martin nennen heutzutage. Ich weiß nicht, was Theo an dem findet. Aber er hat ihn eingeladen, da kann man den ja nicht rausschmeißen.“
„Natürlich nicht! Wir sind ein offenes Haus! Außerdem sind es Nachbarn.“
„Nachbarn!“ Meine Frau spuckt das Wort fast aus. „Die uns die Hütte vollqualmen mit ihrem Kohle-Grill? Und du? Sagst nichts, gar nichts!“
„Es ist nicht verboten“, sage ich.
„Die Kontaminierung mit Giftgas ist erlaubt? Wer sagt das?“
„Ich rede mit ihm“, verspreche ich.
Als ich Lehmann am Freitag auf dem Parkplatz vorm Haus sehe, gehe ich auf ihn zu. Er räumt Pakete aus seinem Kofferraum, seinen Hund hält er gleichzeitig an der Leine.
„Hallo Hartmut“, sage ich. „Schon Feierabend?“
„Ja, und morgen frei. Bei dem Wetter. Der da oben meint es gut mit mir.“
Er drückt mir einen Beutel in die Hand. „Kannst du kurz tragen helfen?“
Ich schaue auf die Verpackung. Grillkohle. War fast klar. Ich stelle den Beutel zurück in den Kofferraum.
„Ich mache mir große Sorgen“, sage ich.
„Musst du nicht!“, antwortet er. „Wochenende steht an!“
Ich mache mir immer Sorgen. Um alles. Meistens zu Recht. Im Moment wegen dem Tier, das an mir schnüffelt. Ich versuche, den Köter nicht anzusehen. Hab ich irgendwo gelesen, guck dem nicht in die Augen. Der schnüffelt weiter.
„Kannst du mal?“, frage ich.
Lehmann ruckt an der Leine, zieht den Hund zurück, aber der zerrt sofort wieder in meine Richtung. Mich nervt das.
„Geht so nicht!“, sage ich.
„Hab dich nicht so, der mag dich!“
Ich mag den aber nicht. Der sabbert, lange Fäden hängen an seinem Maul, tropfen auf den Boden. Stiert mich an, hechelt. Ich nehme das Pfefferspray aus der Hosentasche, drücke den Auslöser. Ein Jaulen, ich geb dem Köter noch eine Ladung. Lehmann lässt entsetzt die Leine los, der Hund prescht davon. Das Puddinggesicht blickt seinem sabbernden Monstrum hinterher, dann sieht er mich an.
„Du bist komplett irre!“
Ich nicke. Die Spraydose liegt noch in meiner Hand. Ich drücke drauf und Lehmann jault wie sein Hund. Reibt sich die Augen.
„So reibst du es richtig rein“, sage ich.
Er weiß es natürlich besser und macht weiter. Reibt es tief in seine kleinen Augen, torkelt umher wie ein Betrunkener, kommt auf die Straße. Es gibt einen dumpfen Knall, als er von einem roten Auto erfasst wird. Der Toyota bremst und hält, auf seiner Heckklappe prangt ein Sylt-Aufkleber. Ein junger Mann steigt aus und blickt entsetzt auf den reglos am Boden Liegenden.
„Und wo fahren Sie immer hin? Wenningstedt? Keitum? Oder ganz nach List?“, frage ich.
„Was?“, gibt der junge Mann fassungslos von sich.
„Nicht wichtig“, sage ich. „Ich glaube, Sie haben gerade jemanden totgefahren.“
„Was?“, fragt der Mann wieder.
„Können Sie auch irgendwas anderes sagen? Ich rufe mal besser die Polizei.“
Der Mann dreht sich um, springt in sein Auto und gibt Gas. Ich merke mir das Nummernschild und wähle die Eins-Eins-Null. So einfach kommt der mir nicht davon!
Zuhause sieht mich meine Frau fragend an.
„Alles erledigt“, sage ich und gebe ihr das Pfefferspray zurück.
„Hast du ihm so richtig in seine kleinen Schweinsäuglein …?“
„Den Hund hättest du erstmal sehen sollen!“, sage ich.
Für Gedanken über die Rauchentwicklung ist in einem solchen Gehirn kein Platz. In dem seiner Frau auch nicht, stattdessen wird munter Grillgut angeschleift. Zu allem Unglück haben sie einen Hund und zwei Kinder, die ständig streiten. Der Ältere hat sich mit unserem angefreundet, seitdem sie in dieselbe Klasse gehen, naja, unser Theo ist halt vorpubertär, da spielen die Hormone verrückt. In dem Alter ist das Gehirn eine Baustelle, weiß man ja alles. Meine Frau war nicht erfreut, als Theo den Nachbarsjungen auch noch zum Geburtstag eingeladen hatte.
„Ich habe die mit zwölf Buletten bebraten“, sagt sie. „Sechs Jungen, zwei für jeden. Glaubst du, da sagt jemand was? Ich meine, sowas wie: ‚die sind aber lecker´, oder ‚Danke fürs Kochen´? Du kennst meine Buletten. Es gibt keine besseren! Weißt du, was die Göre von den Lehmanns sagt? Er hätte lieber eine Bratwurst.“
„Du weißt doch, wie Kinder heutzutage sind“, sage ich. „Da musst du immer mit dem Schlimmsten rechnen. Narzisstische kleine Monster, keine Manieren, kein Respekt. Unser ist auch nicht besser.“
„Ich bitte dich, du hast den kleinen Lehmann nicht erlebt! Der redet nicht normal, der schreit nur. Der ist schon so schlimm wie das Publikum am Kotti, ich geh sowieso nur noch mit Pfefferspray raus.“
„Übertreib mal nicht!“
„Dann hat er drei Buletten gefressen, stell dir das mal vor! Für einen, der lieber Bratwurst will, ganz schön viel! Und du kannst dir nicht vorstellen, was der an Kartoffelsalat in sich reingeschaufelt hat!“
„Bis zur Figur seines Vaters hat er noch einen Weg vor sich, aber vielleicht nimmt er ja eine Abkürzung. Wie heißt der nochmal? Marlon? Marvin?“
„Ja, Martin. Wie kann man sein Kind nur Martin nennen heutzutage. Ich weiß nicht, was Theo an dem findet. Aber er hat ihn eingeladen, da kann man den ja nicht rausschmeißen.“
„Natürlich nicht! Wir sind ein offenes Haus! Außerdem sind es Nachbarn.“
„Nachbarn!“ Meine Frau spuckt das Wort fast aus. „Die uns die Hütte vollqualmen mit ihrem Kohle-Grill? Und du? Sagst nichts, gar nichts!“
„Es ist nicht verboten“, sage ich.
„Die Kontaminierung mit Giftgas ist erlaubt? Wer sagt das?“
„Ich rede mit ihm“, verspreche ich.
Als ich Lehmann am Freitag auf dem Parkplatz vorm Haus sehe, gehe ich auf ihn zu. Er räumt Pakete aus seinem Kofferraum, seinen Hund hält er gleichzeitig an der Leine.
„Hallo Hartmut“, sage ich. „Schon Feierabend?“
„Ja, und morgen frei. Bei dem Wetter. Der da oben meint es gut mit mir.“
Er drückt mir einen Beutel in die Hand. „Kannst du kurz tragen helfen?“
Ich schaue auf die Verpackung. Grillkohle. War fast klar. Ich stelle den Beutel zurück in den Kofferraum.
„Ich mache mir große Sorgen“, sage ich.
„Musst du nicht!“, antwortet er. „Wochenende steht an!“
Ich mache mir immer Sorgen. Um alles. Meistens zu Recht. Im Moment wegen dem Tier, das an mir schnüffelt. Ich versuche, den Köter nicht anzusehen. Hab ich irgendwo gelesen, guck dem nicht in die Augen. Der schnüffelt weiter.
„Kannst du mal?“, frage ich.
Lehmann ruckt an der Leine, zieht den Hund zurück, aber der zerrt sofort wieder in meine Richtung. Mich nervt das.
„Geht so nicht!“, sage ich.
„Hab dich nicht so, der mag dich!“
Ich mag den aber nicht. Der sabbert, lange Fäden hängen an seinem Maul, tropfen auf den Boden. Stiert mich an, hechelt. Ich nehme das Pfefferspray aus der Hosentasche, drücke den Auslöser. Ein Jaulen, ich geb dem Köter noch eine Ladung. Lehmann lässt entsetzt die Leine los, der Hund prescht davon. Das Puddinggesicht blickt seinem sabbernden Monstrum hinterher, dann sieht er mich an.
„Du bist komplett irre!“
Ich nicke. Die Spraydose liegt noch in meiner Hand. Ich drücke drauf und Lehmann jault wie sein Hund. Reibt sich die Augen.
„So reibst du es richtig rein“, sage ich.
Er weiß es natürlich besser und macht weiter. Reibt es tief in seine kleinen Augen, torkelt umher wie ein Betrunkener, kommt auf die Straße. Es gibt einen dumpfen Knall, als er von einem roten Auto erfasst wird. Der Toyota bremst und hält, auf seiner Heckklappe prangt ein Sylt-Aufkleber. Ein junger Mann steigt aus und blickt entsetzt auf den reglos am Boden Liegenden.
„Und wo fahren Sie immer hin? Wenningstedt? Keitum? Oder ganz nach List?“, frage ich.
„Was?“, gibt der junge Mann fassungslos von sich.
„Nicht wichtig“, sage ich. „Ich glaube, Sie haben gerade jemanden totgefahren.“
„Was?“, fragt der Mann wieder.
„Können Sie auch irgendwas anderes sagen? Ich rufe mal besser die Polizei.“
Der Mann dreht sich um, springt in sein Auto und gibt Gas. Ich merke mir das Nummernschild und wähle die Eins-Eins-Null. So einfach kommt der mir nicht davon!
Zuhause sieht mich meine Frau fragend an.
„Alles erledigt“, sage ich und gebe ihr das Pfefferspray zurück.
„Hast du ihm so richtig in seine kleinen Schweinsäuglein …?“
„Den Hund hättest du erstmal sehen sollen!“, sage ich.