Die Liebe zu den wahren Worten (Sonetten-Ghasele)

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Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe mit den Worten hart gerungen --
um sie an allen Orten hart gerungen,
ich wollte schreiben. Dass es dir gefalle,
hab ich mit allen Sorten hart gerungen.

In allen Sprachen suchte ich Ideen
und habe, sie zu horten, hart gerungen.
Eroberten sie meine sieben Sinne,
hab ich mit ihnen dorten hart gerungen.

Doch störte jemand boshaft meine Kreise,
hab ich mit solch Konsorten hart gerungen.
Ich kämpfte gegen schwere Niederlagen,
hab vor und hinter Pforten hart gerungen.

Bewarf man mich jedoch mit Süßigkeiten,
dann habe ich die Torten gern verschlungen.
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
ein so nettes Zebra!

frz. "tort" = Unrecht, Beleidigung

Es ist spannend, wie Du das Reimwort "gesungen" vermeidest, aber es gibt ja auch sonst eine Fülle an Ungen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Der Reim geht ja auch auf "Worten hart gerungen" - außer im letzten Vers, der das Schema durchbricht.

Zu "Tort" gibt es ein schönes Gedicht von Morgenstern, in dem es heißt:

...
»Wie bald, so kommt die Wassermagd
und nimmt - so ist sie -
uns zum Tort
die neue Sumpfuhr neidisch fort!«
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Melodik

Das ist eine interessante Form - ich glaube, ich habe schon mal so einen Mittelreim bei Dir gesehen: der epiphorisch-rührende Haufenreim, der aber am Ende "echt" wird, läßt die Versenden blaß in den Hintergrund treten, die Melodievarianten, die aus der Wiederholung inhaltlich-"neue" Verse machen, liegen in der Mitte der Verse. Sie treten in den Vordergrund. Der Vers biegt sich nach vorne, auf den Betrachter zu, wie bei einer variierend sich wiederholenden Melodie, die zwischen anaphorisch-gleiche Anfänge und epiphorisch-gleiche Auslaute die jeweiligen besonderen Aussagen, die Varianten plaziert.

Es ist wohl zugleich eine Priamel, wie es zur Ghasele besonders gut paßt, mit einer antithetischen Pointe am Ende. Auch in diesem Punkt besonders melodisch.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Diese Art des Reimes ist auch bei klassischen Ghaselen verwendet worden, sogar recht häufig.

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ghasel gibt als Beispiel:
Beispiel (Hugo von Hofmannsthal, 1891):

In der ärmsten kleinen Geige liegt die Harmonie des Alls verborgen,
Liegt ekstatisch tiefstes Stöhnen, Jauchzen süßen Schalls verborgen;
In dem Stein am Wege liegt der Funke, der die Welt entzündet,
Liegt die Wucht des fürchterlichen, blitzesgleichen Pralls verborgen.
In dem Wort, dem abgegriffnen, liegt was mancher sinnend suchet:
Eine Wahrheit, mit der Klarheit leuchtenden Kristalls verborgen …
Lockt die Töne, sticht die Wahrheit, werft den Stein mit Riesenkräften!
Unsern Blicken ist Vollkommnes seit dem Tag des Sündenfalls verborgen.
Hier ist die Wiederholung relativ etwas kürzer. Es geht aber bis zu fast vollständigen Versen, bei denen alles, außer dem ersten Wort identisch ist.
Wenn ich ein Beispiel finde, zeige ich es noch.

Hier sind Übersetzungen von Friedrich Rückert im Projekt Gutenberg.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/aus-den-ghaselen-des-mewlana-dschelaleddin-rumi-5069/1
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ja

Ein wunderbares Stück ist das! In der Durchführung des Themas, und mit dieser sorgenlösenden Pointe am Ende, in der melodischen Gestalt, wie schon dargelegt.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die letzte Strophe ist ja tatsächlich hier "bsonders", denn die durchbricht das Reimschema der Ghasele, ohne das Donett zu durchbrechen. Und so endet es versöhnlich.
 


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