Die Liebesinseln

Die Liebesinseln


Das Boot dümpelte im seichten Gewässer der Selbstverliebtheit, und Herbie entschloss sich, es in die etwas fließendere Strömung der Bewunderung eines anderen zu lenken, nahm sich vor, es nicht in Beweihräucherung ausarten zu lassen. Sein Boot wurde vorwärts gezogen, vorbei an den ewig grünen Inseln der Illusionen. Unsanft stieß es an die Landzungen der Eitelkeit. Er schaute auf der Karte, wo die Insel der Verliebten lag und schreckte auf, als sich das Boot mit knirschendem Kiel auf die Sandbank der Eifersucht schob. Mit äußerstem Unwillen stakte er sich wieder frei und glitt zurück in die Lagune.

Von weitem schon sah er die hell erleuchteten Gestade einer Insel näherkommen. Es war die Insel der Party-Wütigen. Die auf dem Gelände angebrachten Lautsprecher übten einen mitreißenden Tanzimpuls aus, dem hier willig nachgegeben wurde.

Im mittleren Bereich des Areals sah man im orgiastischen Sinnesrausch Taumelnde in hinreißenden Szenen pornographischen Ausmaßes. Beim Hochfahren der Kamera auf Helikopterhöhe, sah man am hinteren Ende der Insel zerzauste und in bösester Tonfärbung aufeinander einredende Paare, die sich gegenseitig in Boote zu schubsen versuchten, um das störende Element auf immer von der Insel zu verbannen.

Tja, wenn das so ist, dachte Herbie und warf den billig erstandenen 12 PS Außenbordmotor an und tuckerte gedankenversunken weiter. Das Wasser begann sich zu verzweigen. Er befand sich in dem Delta der Zweierbeziehungen und musste sich entscheiden, welchen der Wasserarme er nehmen wollte. Auf einem Schild las er: All exclusiv!

Die unsäglichen Dispute, denen er lauschen musste, und in die er selbst verwickelt wurde, wollen wir hier nicht wiedergeben. Es sei nur erwähnt, dass es ungefähr 50 Wege gab, den Liebhaber zu verlassen. (Anm. der Redaktion: Wir haben inzwischen noch 23 weitere Lösungs-Vorschläge bekommen)

Er wischte sich den Schweiß aus der Stirn, als er unter heftigen Ruderbewegungen den Rückweg in die Lagune suchte. Er hatte sich aus den gröbsten Steuermanövern befreit, lehnte mit dem Rücken an der Bordwand, hielt das Ruder mit der Kniekehle und kritzelte Gedanken in sein Bordtagebuch. Als er wieder aufblickte, sah er eine Insel näherkommen. Er schaute auf die Karte: Island of One-night-stands. Sollte er mal wieder an Land gehen? Er hatte Lust auf Pfannkuchen und heißen Punsch.

In weiträumig luftigen Hütten lümmelten sich Paare auf ausreichend mit duftigen Kissen gepolsterten Korbsesselgruppen. In hübschen Holzhäusern konnte man Crash-Curse in Aufschneiden und Schönfärben, Faustdicke Lügen und Instant-Suck-zess belegen. Eine 450 m lange Bar erstreckte über die Insel. Davor war eine Riesentanzfläche, die von verzückten Gestalten übersät war.

Herbie stand an der Rezeption und wollte einchecken. Eine Brünette, mit der Ausstrahlung einer Aerobic-Trainerin blickte ihn mit blaugrünen Augen herausfordernd an: „Na, haben wir es uns auch gut überlegt?“ Er spürte einen Hautwiderstandsanstieg im Bereich der Hüften und beugte sich zu ihr runter: „Meinst Du auch wir, wenn Du wir sagst?“ funkelte er diabolisch. Sie stand auf und kitzelte ihn mit einer Schreibfeder unterm Pulli. „Hör mal, Kleiner, wir sind hier nicht erst seit gestern. Du bist nicht der Erste, und wirst auch nicht der Letzte sein. Also mach keinen Wind, o.k? Außerdem bist Du nicht mein Typ.“





Sie schnippte ihm das Formular weg und warf ihm einen Schlüssel zu. „Danke, Schlampe!“ rief er lachend und sprang übermütig in den Innenhof. Er landete auf einem sonnenüberstrahlten Platz, der einladende Schirme über Caféhaustischen bereithielt. Der Anblick all der bodygestählten Extra-Ausgaben verschlug ihm den Atem. Er versicherte sich innerlich seiner herausstechendsten Eitelkeiten und stob in die Meute. Zwei busenwundrige Wildheiten bemächtigten sich seines Schlüssels, den er baumelnd am Handgelenk trug. „Hey, Fremder!“ lachten sie, „willkommen, und keine Scheu, wir beißen nicht!“

Sie zogen ihn über ihre seidigen Beine hinweg auf einen freien Stuhl. „Herr Ober! Einen großen Amadoras bitte, mit drei Strohhalmen“, rief die mit der Hand winkende und eine entzückende Achselansicht freigebende Amazone. „Wisst Ihr den Unterschied zwischen einem Job und einer Ehefrau?“, fragte er nebenbei. „Nein“, sagte die andere, und grinste ihn herausfordernd klassisch-irisch-kokett an, „aber du wirst es uns gleich sagen“. Der Kellner stellte einen Kelch mit einem prickelnden Getränk ab, und während Herbie sich zu einem der Strohhalme beugte und der Amazone in den Ausschnitt sah, ging er nahtlos ins Englische über: „After two years, the job still sucks!“ Dabei sah er in die Luft und wartete auf zwei Pruster.

Erwartungsschwanger hängt der Leser jetzt an der Stelle fest, denn hier folgen wenig Einzelheiten zu den rasch aufeinander folgenden Abläufen eines sich anbahnenden Dreiers, der sich dann zugegebenermaßen als ein sehr flotter herausstellten sollte.

Herbie fand sich wieder in einem Moment trockenen Aufwachens so gegen 5 Uhr morgens. Er spürte Harndrang. Fluchend sprang er auf und wankte zum Strand. Das kleine Cafè am Strand hatte er gestern nicht bemerkt. Es trug die Inschrift Der Morgen danach, und wurde von mürrischen Kellnern bedient. „Hey, Alfred, was machst du denn hier?“, fragte er den überraschten, in Kontaktanzeigen blätternden zweiten Oberkellner. „Ach, du bist es, Herbie. Hätte ich nicht gedacht, dich hier zu treffen. Ich arbeite hier nur, bis ich genug Geld habe für die Überfahrt zur Insel Quälende Erleichterungen.“ „Was erwartet einen denn da?“, fragte Herbie, eine spöttische Bemerkung unterdrückend. „Dort können Be- und Erziehungsgeschädigte in Selbsthilfegruppen für eine Zeitlang unterschlupfen“, ironisierte Alfred jetzt seinerseits. „Aber bist Du da nicht so was wie ein Simulant?“ „Wieso?“ „Nun, du hattest doch keine Beziehung, die länger als 6 Monate ging, also zu kurz, um davon geschädigt zu werden.“ „Jetzt übertreibst du aber. Nein, ich will herausfinden, woher dieses Glimmen in den Augen der ansonsten krausstirnig Frustrierten kommt, das ich einmal auf einem Trip dorthin beobachtet habe“. Herbie lachte hohl: “Kenn ich! Die kommen aus den Kursen mit jenem Blick von Leuten, die das Licht am Ende des Tunnels gesehen haben, in der Hoffnung, dass es endlich mal kein D-Zug ist.“ „Der war gut“, grinste Alfred, „darauf gebe ich einen Cappucchino aus.“

Als er die dampfenden Tasse brachte, räumte Herbie seine Seekarte beiseite. „Wie lange brauche ich zu dem Atoll .... na, wie heißt es gleich, Du weißt schon, ....“ „Ach, Du meinst sicher die Kykladen der Betrogenen .... ja, die solltest Du besuchen. Da kommst Du zunächst mal zur großen Vorinsel Partner ausspannen. Dahinter liegen die Detektiv-Inseln Ausspionieren des Liebsten. Nicht gar so witzig ist die Hintergangene Hausfrauen e.V. , die sich daran anschließt. Die Inseln sind durch Hängebrücken miteinander verknüpft. Die letzte dieser Gruppe ist die Halbinsel Ich habe mich mit allem abgefunden . Sie hat mehr Zu- als Ablauf, und ist deswegen oft wegen Überfüllung geschlossen. Die enttäuschten Kandidaten werden umgeleitet zu den andern Inseln, und können dort Schnupperkurse zu Schnäppchenpreisen belegen.“

Herbie grinste ihn offen an. „Also, das klingt mir nicht sehr stimmig. Ich glaub, ich nehme erst einmal Kurs auf die Insel der Verliebten“. Alfred schlug sich auf die Schenkel. „Das sieht dir ähnlich. Gleich die Rosinen rauspicken, was?“ Müde aller Ratschläge drängelte Herbie zum Abrechnen. Er wollte Action, keine Schnupperkurse. Er kritzelte Alfed noch etwas auf einen Zettel, sprang dann in sein Boot und winkte fröstelnd einem skeptisch blickenden zweiten Oberkellner zu.

Er war froh, endlich wieder in offenes Gewässer zu kommen. Eine Inselgruppe auf der Karte zog seine Aufmerksamkeit an und er entschied sich, einen kleinen Umweg zu machen zum Gestade der platonischen Liebe. Eine heitere Atmo empfing ihn. Die Paare wirkten entspannt und heiter, wie Gleichgesinnte, ja wie Geschwister. Den Gedanken an Inzest wehrte er erfolglos ab. So musste er ihn zuende denken: Wenn die Liebenden hier wie Geschwister sind, sich aber körperlich gar nicht lieben, dann musste da im geistigen Bereich etwas geschehen, auf dass er neugierig war. Er ließ sich bei aufgeschlossen Paaren nieder und klinkte sich in angeregte Gespräche ein, bei denen Anteilnahme, neue Strategien und Humor vorherrschten. Als er an die Hinterseite dieser Insel trat, beobachtete er das erstemal beim Abschied von Menschen, eine geheime Freude in ihren Blicken, und er spürte eine mutabstrahlende Energie. Das musste er Alfred erzählen.

Als die Insel der Verliebten in Sicht kam, machte Herbie eine Schublade auf: Sein Tagebuch. Er wollte eine Absichtserklärung abgeben, bevor er das geheiligte Terrain der Amorettos betrat. Er schrieb den Traum seiner Liebe auf. Noch bevor er neidisch auf die Bewohner der Insel werden konnte, stieß sein Boot sanft an Land.

Die Strandbar Wolke Sieben war gut gefüllt. In großzügig angelegten Sälen mit ledergepolsterten Garnituren saßen an unsagbar vielen Kaminen unsagbar verliebte Leute mit einer Ausstrahlung, die selbst die dezenten Kellnerinnen nur ungern unterbrachen. Musikanlagen mit Schmusemusik und exquisitem Lichtdesign untermalten die amouröse Atmosphäre. Herbie schlenderte durch große Galerien edlen Kunstgenusses, in denen sich Paare händchenhaltend ergingen, hinunter in den Park.

Eine anmutiger Umgebung umfing ihn, und er fühlte einen liebkosenden warmen Wind durch die Eukaliptusbäume wehen. Er vernahm das Rascheln von seidigen Kleidern und unterdrückte Juchzer. Er spürte ein Kribbeln im Bauch, und es zog ihn in eine Stimmung hingebungsvoller Träumerei über die Liebste. In Trance ging er weiter und kam an einen einladenden Pavillon, der überschrieben war mit Treueeide. Die Luft war schwanger vom Duft der Sandelhölzer und Pinien und von Liebesschwüren. Ein schattiger Hain lud ihn ein zum Verweilen und so sank er auf eine Bank und hing seinen süßen Erinnerungen und Gefühlen nach.

Er erwachte aus seiner Trance und griff automatisch nach seinem Logbuch. Als er seine wiedererweckten Visionen niedergeschrieben hatte, schaute er sich um sah dass die Paare in genau der Stimmung waren, aus der er sich gerade herausgeholt hatte. Hier wurden Botschaften eindringlichster Art durch Blicke übermittelt. Er sah ganze Weltreiche in den Augen der Liebenden entstehen – aber als er länger hinschaute, auch vergehen.

Eine Tür zog seine Aufmerksamkeit an über der stand Erste Liebe. Ein Schild forderte zum anklopfen auf, und Herbie klopfte. Er war mehr als überrascht, als Alfred ihm die Tür öffnete. „Was machst Du denn hier?“ „Nun, ich habe einfach die Adresse gecheckt, die du aufgeschrieben hast. Aber jetzt komm, ich muss dir was zeigen“.

Er zog Herbie in einen großen verspiegelten Ballsaal. Sie kamen an eine in sanften Blautönen ausgelegte Lounge: Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens auf ewig. Hier schauten sich scherzende Paare tief in die Augen und verliebten sich in diesen Augenblick für immer.

Weiter hinten hatte eine Rotkreuzstation ein Zelt aufgebaut, in dem Herzschmerz jeder Art behandelt werden konnte. Die Lost&Found-Pin-Wand war übersät mit schreienden Zetteln über verlorengegangene Liebe. Im Kino lief als Dauerbrenner Romeo und Julia. Taschentücher und Beißringe wurden an der Kasse verteilt. Die kleine Videothek verlieh immer nur eine Folge der Serie Vögeln, äh pardon, Fackeln im Sturm.



Alfred zog ihn weiter. Sie stolperten runter zum Strand, und nach einem befehlenden Nicken folgte Herbie ihm über ein Feuchtbiotop zu einem dem Gebiet der Königskinder. Ein Graben, der sich mit Meerwasser gefüllt hatte stoppte ihren Weg. An den Ufern saßen Liebende mit depressiven Ausdruck, allein, verlassen. Wirr und stumpf hing einst so glänzendes Haar, Helden rissen sich Orden von der Brust und Schönheiten gingen in Sack und Asche. Den Shop mit den Schusswaffen wollen wir lieber verschweigen.

Als Herbie in sein Boot kletterte, fragte er: „Und was hast Du jetzt vor?“ „Nun, ich muss wohl noch eine Weile arbeiten, um das Geld zusammenzubekommen für...“, Alfred stockte. „Na, komm raus mit der Sprache, alter Gauner“, half Herbie nach. „O.K. Ich verrate es Dir: Es gibt einmal im Monat eine Fähre, die werde ich nehmen“. „Und wohin fährt die?“ „Endstation Sehnsucht“, sagte Alfred entschuldigend. Dann winkte er noch lange dem in der gleißenden Dünung Entschwindenden nach.

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