Die Mauer

dommas

Mitglied
Die Mauer

Da standen wir nun: ein bunt zusammengewürfelter Haufen stolzer Recken, Mann wie Frau, geeint im gemeinsamen Ziel. Ein jeder hatte die prächtigste Rüstung an, die ihm gebührte, eine jede hatte ihre schönste und eindrucksvollste Haartracht geflochten, die ihren Stand verriet; und alle, vierzig Mann hoch, standen wir vor ihr, der MAUER!!
Schwarz und unheilvoll ragte sie vor uns in die Höhe, Seile und Leitern überzogen ihre Oberfläche wie Krampfadern die Beine einer uralten Frau. Mit den Handflächen über den Augen, um den Sonnenstrahlen das blendende Werk zu vereiteln, starrten wir empor. Die Zinnen der Mauer waren von hier unten nicht erkennbar, nein, nicht einmal erahnbar. Nur ein breites, schwarzes Band zog sich vor unseren Augen dem hellblauen Himmel entgegen.
Auf halber Höhe erkannte man Gestalten, ihre Rüstungen noch im letzten Sonnenstrahl des zur Neige gehenden Tages aufblitzend, die sich bereits mit den Heimtücken und Hinterlistigkeiten der Mauer abmühten.
Ehrfurcht überkam einen jeden von uns; Ehrfurcht vor diesem Gemäuer, Ehrfurcht vor dem, was uns auf dem Weg nach oben passieren sollte, Ehrfurcht vor denen, die sich schon abkämpften, Ehrfurcht vor dem, was danach kommen mag. In stiller Ehrfurcht also faßten wir uns alle ein Herz und traten auf die Mauer zu.
Sobald wir, ein neuer Trupp, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dieses gewaltige Bauwerk zu erklimmen, am Fuß der Mauer angekommen waren, stürzten einige derjenigen, die sich schon im Jahr zuvor versucht hatten, an ihren Leitern und Seilen und Ketten herab. Wir nahmen sie freundschaftlich in unserem Verband auf, da sie uns natürlich auch gewisse Tricks und Feinheiten in der Besteigung nahebringen konnten, die wir dankenden Herzens entgegennahmen.
Es wurden alte Leitern, Seile, Ketten emporgezogen, vermutlich von denen, die es geschafft hatten – die Glücklichen – und neue Leitern, Seile und Ketten herabgelassen. Es ist nicht so, daß der, der sich eine Leiter ergattern konnte, einen einfacheren Weg nach oben haben sollte. Denn eine Leiter ist nur dann relativ problemlos zu besteigen, wenn auch jede Sprosse vorhanden ist. Da dem bei diesen Leitern aber nicht so war, verlangten sie eine hohes Maß an akrobatischem Talent. Ja, es grenzte zum Teil wirklich an Akrobatik, was sich einige meiner Mitstreiter hier leisteten: sie wanden sich, drehten sich, schlängelten sich nach oben, doch irgendwie schaffte jeder die ersten, größeren Hürden.
Bei dem Besteigen der Mauer war jedoch nicht nur Durchhaltevermögen gefragt. Klar, wer das nicht hatte, der hätte gar nicht erst anfangen brauchen. Was noch dringend notwendig war, und das wurde uns von den Kämpfern, die wir nach ihrem Sturz bei uns aufgenommen hatten, mit heftigem Kopfnicken und starker Zustimmung bekräftigt, war eine sehr, sehr gute Panzerung. Denn, so geschickt man sich mit den ihm zur Verfügung gestellten Kletterutensilien auch anstellen mag, man benötigte mehr als nur akrobatisches Talent, um den von oben heruntergeworfenen Steinen auszuweichen.
Wer sich jetzt blauäugig und naiv an die Mauer herangewagt hat, wer sich gesagt hat, daß er solches Zierat nicht benötige, daß es ihn den Weg nach oben nur erschwere, spätestens jetzt würde derjenige schmerzerfüllt zugeben müssen, daß eine Rüstung lebensnotwendig gewesen wäre.
So kletterten wir also, alle zusammen und doch jeder für sich, mühten uns ab, bis wir, ausgezehrt und mit den Nerven am Ende, an einer Stelle ankamen, wo quer über die ganze Mauer ein dicker, weißer Strich aufgemalt war. Einen jeden von uns empfing dort ein Wächter, die alle auf einer kleinen Plattform standen, von der eine Höhle, mannshoch, in die Mauer führte. Man erklärte uns dann, daß wir hier die Mitte der Mauer erreicht hatten.
Wir wurden von den Wächtern in die Höhlen geführt, bekamen die Möglichkeit, uns zu säubern und zu erholen. Später fanden wir uns alle vor den Hohen Herrn Der Mitte geführt, der uns mit lauter, tiefer Stimme verkündete, wer denn die Erlaubnis habe, weiterzuklettern, und wer die Mauer wieder hinuntergeworfen werden würde, um es im nächsten Jahr, oder im Jahr darauf, oder überhaupt nicht mehr versuchen zu können.
Wir bekamen erneut Unterstützung von fünf stolzen Kämpfern, mit bereits verbeulten Rüstungen, aber dennoch nicht ohne Mut, die der Meister Der Zinnen verstoßen hatte. Von ihnen holten wir uns erneut unsere Ratschläge ab und machten uns danach auf die letzte, sehr viel schwierigere Etappe der Mauer, jedoch nicht ohne vorher ein gar festlich Mahl zu uns genommen zu haben.
Das letzte Stück war hart. Hart, steil, schier unpassierbar. Vielen ging unterwegs der Atem aus, jedoch wurden sie von Mitstreitern heldenhaft gestützt und aufgerichtet, so daß sie sich, zwar zum Teil halbherzig noch und abgekämpft, aufrafften weiterzumachen; weiter auf den Weg nach oben.
Je näher wir den Zinnen kamen, desto aggressiver wurden auch die Steinschläge, die uns von oben den Weg erschwerten. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre - die Rüstungen waren zwar mittlerweile verbeult und der Glanz und die Verzierungen nur noch ein Schatten früherer Schönheit - fingen die Gehilfen des Meisters Der Zinnen nun auch noch an, mit schwarzem, heißem PECH nach uns zu schütten. Unter großem Schmerzgeschrei sah ich Freunde taumeln, sich mit letzter Kraft an das Seil klammern, in die Tiefe stürzen. Es waren schreckliche Anblicke, die sich mir, je näher ich den Zinnen kam, darboten. In den Gesichtern meiner Kameraden standen Pein, Kraftlosigkeit, Hilflosigkeit, Zermürbtheit, ebenso wie ein letztes Aufbäumen, Hoffnung, ja, zum Teil sogar Erleichterung geschrieben.
Und auf einmal sah man es: das Ende der Mauer, die Zinnen. Gestalten mit häßlichen Fratzen standen dort oben und warfen Steine, schütteten Pech und versuchten, Leitern ins Wanken zu bringen. Die Gehilfen des Meisters Der Zinnen taten wirklich ihr bestes, uns am Weiterklettern zu hindern. Doch nachdem ein jeder von uns die Zinnen erblickt hatte, durchflutete ihn, und natürlich auch sie, eine letzte Welle der Kraft, jeder spannte sich innerlich, konzentrierte sich nur noch auf die letzten Meter, die es hinter sich zu bringen galt, und auf einmal ging alles wahnsinnig schnell.
Die letzten, schwierigen Meter sah man nicht mehr nach oben. Man rackerte nur noch, kämpfte ums nackte Überleben, Schweiß machte die Seile und die Ketten glitschig, die letzten Sprossen der Leitern fehlten gänzlich. Die letzte Etappe kletterte man zwar nebeneinander, doch war es wieder einmal ein Abschnitt, den man schließlich und endlich alleine durchschritt. Alleine!
Doch all die Hürden, die man versuchte, uns in den Weg zu legen, meisterten wir mit Bravour. Und dann war es schließlich so weit: Wir waren OBEN!
Wir fielen uns freudetaumelnd in die Arme, küßten uns ob der gelungenen Herausforderung, nahmen uns bei den Händen und blickten in das Land hinter der Mauer.
Mit einem Male wurden alle sehr still. Anstatt grüne Auen zu erblicken, sahen wir uns mit einem Wald weiterer Mauern, höher noch als die, die wir soeben erzwungen, konfrontiert. Wieder flossen Tränen, doch diesmal nicht aus Freude, eher aus Verzweiflung, und mein Freund und Mitstreiter neben mir sagte: „Wozu, frage ich Dich, wozu haben wir uns dieser zweijährigen Tortur ausgesetzt, wenn so etwas folgt?“
Ich sah ihn traurig an, schüttelte mit dem Kopf, zuckte mit den Schultern. Die Worte fehlten mir gänzlich.
Diese nicht gerade freudige Zukunft in Aussicht machten wir uns also auf den Weg. Hier trennten sich unsere Wege. Einige meiner Freunde sah ich nie wieder, andere gelegentlich, einige kann ich auch heute noch zu meinen engsten Freunden zählen.
Nun war dieser Weg, den wir einschlugen, jedes einzelnen persönlicher Weg. Erneut ein Weg, den jeder alleine gehen mußte. Erneut ein Weg, der anstrengend, kräftezehrend war und zeitweise als hoffnungslos erschien. Doch heute wage ich zu sagen: er hat sich gelohnt.

by dommas
 
S

Sohn des Rhein

Gast
Hallo dommas,

Die Geschichte gefiel mir sehr gut. Hatte zwar zwischendurch meine Zweifel, ob das nicht doch alles einfach Fantasy war, aber es kommt gut heraus, dass die Mauer für etwas steht, Symbol ist. Beim Ende hast Du Dich allerdings von Kafka mitreissen lassen, anstatt, dass die Geschichte etwas vollständig Eigenes ist, ist sie am Ende einfach eine Art Umkehrung von der Torhüter-Parabel... Weiss jetzt nicht genau, wie sie heisst, aber Du weisst ja, welche Parabel ich meine ;-)

Viele Grüsse,
Sohn des Rhein
 

dommas

Mitglied
danke

sohn des rhein, für die netten worte. ich hatte zunächst meine zweifel, ob ich denn diese geschichte veröffentlichen sollte, denn man könnte sie, aus dem zusammenhang gerissen, vielleicht nicht verstehen. aber nach deinen worten weiß ich, dass es in ordnung war. und was das kafkaeske angeht, ich habe es damals, nach überwinden der 'mauer' wirklich so empfunden, dass zwar eine überstanden ist, viele weitere aber noch folgten. über den vergleich mit kafka war ich natürlich mehr als glücklich. aber er ist nunmal einer meiner lieblingsautoren, und da schleichen sich leicht ungewollt ählichkeiten ein, nicht war?!
in diesem sinne, yours
dommas
 

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