Die Mondscheinsonate

Hera Klit

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Es war einer jener seltenen Tage im Jahr, an denen ich mich von allen Pflichten freimachte und hinüber nach Darmstadt fuhr, um etwas durch die Straßen und Läden zu bummeln.

An solchen Tagen wurde meine Lust, dies zu tun, meist durch schönes Wetter und herrlichen Sonnenschein bei angenehmen Temperaturen begünstigt. So war dies auch an diesem Tag.

Ich parkte wie gewöhnlich im Staatstheater-Parkhaus und ging dann direkt über den Georg-Büchner-Platz zur Wilhelminenstraße und auf dieser schnurstracks hinunter zum Karstadt.

Es wehte kein Lüftchen und die Passanten waren alle leicht bekleidet.

Besonders die Frauen, deren stoffarme Mode wenig Raum für Geheimnisse ließ.

Im Kartstadt-Restaurant nahm ich dann zunächst mein Mittagessen ein, etwas Leichtes, bevor ich meine Exkursion durch die Läden startete. Dieser Ablauf lief bei mir nahezu automatisiert ab. Wer mich ein Gewohnheitstier nennt, liegt ziemlich richtig mit seiner Einschätzung.

Wie üblich konnte ich mich auch nicht dazu entschließen, in einem der Klamottenläden irgendein Teil zu erstehen, weil keines mich wirklich überzeugte.

Ich hatte ja auch gar keinen echten Bedarf, ich war ja nur so zum Spaß in die Stadt gefahren.

Wie immer kam ich dann bald in meinem eigentlichen Ziel an. In der Thalia-Buchhandlung.

Ich liebte es, darin nach Lust und Laune zu stöbern. Dort fiel es mir gar nicht schwer, mich zum Kauf einer interessanten Lektüre zu entschließen. Ich kaufte aber niemals irgendwelche Neuerscheinungen, sondern ausschließlich Klassiker. Da weiß man, was man bekommt. Der modernste Schriftsteller, von dem ich alle Werke besitze, ist Michel Houellebecq, aber der ist ja im Prinzip auch schon ein Klassiker. Ich weiß, er wird mir nichts servieren, mit dem ich nicht einverstanden sein kann. Gerade las ich in einer Kurzgeschichtensammlung von Tolstoi einen kurzen Abschnitt in der Kreutzersonate, als wollte ich prüfen, ob mir der Autor behagt. Dabei war ich schon fest zum Kauf entschlossen. Da rempelte mich ein Mann an, der wohl nicht schnell genug an das Regal herankommen konnte.

Da ich noch nie ein Mensch war, der die Auseinandersetzung bewusst sucht, schaute ich den Fremden extra freundlich an und erkannte in ihm tatsächlich meinen früheren Kommilitonen Ralf. Den Nachnamen hatte ich vergessen. Auch seine Miene hellte sich auf, als sich unsere Blicke trafen, denn auch er erkannte mich wieder. Die Freude über das Wiedersehen war auf beiden Seiten groß und die Chance, neue Fakten aus dem Leben eines ehemaligen guten Bekannten zu erfahren, führte bei uns schnell zu dem Entschluss, uns im Café im Kellergeschoss der Buchhandlung zusammenzusetzen. Ralf kam mir sehr schlank vor, sein Gesicht war etwas eingefallen. Er war definitiv noch schlanker als früher im Studium und sein ansonsten noch bubenhaft aussehendes Gesicht zierten doch schon einige Falten. Nicht so bei mir, denn die paar Kilos mehr, die ich draufhatte, gaben Falten in meinem Gesicht kaum eine Chance, sich abzuzeichnen.

Nachdem wir einen freien Tisch im Café entdeckt hatten, was um diese Uhrzeit eher eine seltene Sache war, sagte ich zu Ralf: „Setz dich hin, ich hole die Getränke. Was willst du?“

„Eine Latte wäre gut“, entgegnete er. Ich holte an der Theke einen Latte und einen Cappuccino und war bald wieder am Tisch zurück. Als ich die Getränke abstellte, fragte mein wiederentdeckter Bekannter: „Mensch, sag mal, wie lange ist das her? „Um Himmels willen, das müssen bald dreißig Jahre sein“, entgegnete ich und ließ mich etwas krachend auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder. Eine Frau gegenüber schaute kurz von ihrem schwarzen Kaffee auf, um den Störer zu identifizieren. Dies war ein intellektuelles Café in einer Buchhandlung, in dem ein distinguiertes Verhalten der Gäste vorausgesetzt werden durfte. Menschen, die Bücher lesen, sind keine Vandalen.

„Das Letzte, an das ich mich in Bezug auf dich erinnere, war das Nachrichtentechnik-Seminar. Das hast du, soweit ich weiß, abgebrochen und danach sind wir uns gar nicht mehr begegnet an der Hochschule, glaube ich?“ fragte ich dann, vielleicht etwas mit der Tür ins Haus fallend.

„Ja, das stimmt, ich habe dann das Studium abgebrochen“, gestand er mir, wobei sein jetzt sorgenvoller Blick die Schwere der damaligen Entscheidung noch einmal zu reflektieren schien.

„Ja, warum? Was war los? Du hattest doch den Stoff im Griff und alle Scheine bis dahin in der Tasche. „Warum hast du hingeschmissen?“, wollte ich jetzt wissen.

„Das hatte einfach private Gründe. Es lief damals in meinem Leben nicht alles so, wie ich es mir wünschte. Vieles war sehr belastend. Meine Nerven waren da schon ziemlich angegriffen davon.“ erklärte mir Ralf und schaute dabei so halb unter den Tisch, als wolle er vor Peinlichkeit gerührt darunter verschwinden. Ich spürte, dass ich nichts Genaues erfahren würde, wenn ich zu direkt nachbohrte, also erzählte ich erst mal etwas von mir.“

„Ich habe noch vier Semester gebraucht, weil mir etliche Scheine fehlten. Nach dem Studium bekam ich auch nicht gleich einen Job, aufgrund meiner überlangen Studiendauer und meiner durchwachsenen Zensuren. Ich war einfach noch zu jung und unreif damals, um das Studium ernsthaft zu betreiben. Man weiß ja gar nicht, wie man sich durch diese Laxheit und die stetige Feierlaune die Zukunft verbaut. Letztlich musste ich froh sein, in einer kleinen Klitsche im Odenwald unterzukommen, in der ich auch bis heute mein kärglich Brot verdiene. Also alles ganz anders, als wir uns unsere Karrieren naiver Weise in der Mensa ausmalten. Erinnerst du dich noch, Ralf, was wir uns da zusammenträumten?“

„Klar“, entgegnete er. „Wir waren jung und hatten von nix eine Ahnung. Aber du hast wenigstens abgeschlossen, ich nicht, was mein Berufsleben dann quasi zu einem Spießrutenlauf machte. Die Chefs stellen gerne mal einen Freak ein, der, obwohl er keinen Abschluss hat, sich mit Computern und Elektronik super auskennt. Aber sie sind natürlich nicht bereit, ihm ein anständiges Gehalt zu zahlen, und wenn es eng wird, setzen sie den als Erstes an die Luft. Man spielt immer den Kasper und das Mädchen für alles und die mit Abschluss machen Karriere und schauen auf einen herab.“

Jetzt schaute Ralf auf die Tischplatte, als wolle er sie mit Blicken durchbohren. Deswegen überlegte ich fieberhaft, welches Thema ich aufwerfen könnte, das seine Stimmung aufhellen könnte, und kam dann mit der Frage heraus: „Du hattest doch damals dieses sexy blonde Mädel im Steinbruchtheater in Mühltal, unserer geliebten Disco und Kneipe, kennengelernt, in der wir manche Abende pro Woche verbrachten. Hieß die nicht Daniela?“

Bei Nennung dieses Namens fiel Ralfs Blick direkt in meine Augen und sein Mund verzog sich zu einem melankolischen Halblächeln. „Ja, die hieß Daniela, sehr richtig“, entgegnete er tonlos, dann schaute er schräg links neben dem Tisch auf den Boden, als wären dort seine Erinnerungen vergraben. Ich rutschte etwas nervös auf meinem Stuhl hin und her, weil ich vermuten musste, ein weiteres unangenehmes Thema eröffnet zu haben, und erwartete nicht, von Ralf irgendwelche Einzelheiten darüber zu erfahren, doch plötzlich fing er mit tonloser Stimme an zu berichten:

„Im Prinzip hing mein Studienabbruch mit ihr zusammen, weil ich nach der Trennung von ihr einfach nicht mehr weiterstudieren konnte. Ich brauchte erst mal drei Jahre, in denen ich meinen Eltern auf der Tasche lag, und danach eine Psychotherapie, die mir meine Mutter vermittelt hatte, bis ich wieder genug Willen in mir aufkommen spürte, wenigstens zu arbeiten und meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, auch wenn mir jegliche Freude am Leben genommen war. Das mit ihr ging mir einfach zu tief rein. Ich war ja kein Mensch mehr, nachdem sie gegangen war. Null Selbstbewusstsein. Ich traute mich quasi nicht mehr aus dem Haus, weil ich befürchtete, alle deuten mit dem Finger auf mich und sagen: „Da ist er, der Looser, der keine Frau halten kann.“

Ich überlegte, ob ich ihn aufrichten könnte, wenn ich ihm sagte, dass eine bezaubernde Frau vom Nachbartisch schon mehrfach zu ihm hingeschaut hätte, weil sie ihn scheinbar äußerst interessant findet, nahm dann aber von dieser Notlüge Abstand und sagte stattdessen: „Also, wenn ich bedenke, wie toll ihr zwei nebeneinander gewirkt habt, wie passend das für mich war, dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das in die Brüche gegangen sein soll mit euch. Tut mir leid, dazu fehlt mir echt jetzt die Fantasie.“

Daraufhin klappte Ralf sein Kinn einmal links an die Schulter und einmal rechts und atmete tief durch, als müsse er einen Power-on-Reset durchführen, und versuchte, mir dann mit leiser Stimme die Dramaturgie seiner damaligen Beziehung darzulegen.

„Am Anfang war ja auch alles klasse mit uns. So wie sie war, ist mir bisher noch keine reingegangen. Ich wusste beim ersten Blick, dass sie die Richtige ist. Sie war blond und trug die Haare schulterlang, genau wie ich es mochte, und ihre Figur war makellos. Ihr Po in der Jeans war bis dato das Schönste, was ich je gesehen hatte.“ Ich nickte anerkennend, um zu zeigen, dass auch ich einsehe, wie wichtig diese weiblichen Attribute nun mal sind, und als er ihren geradezu idealtypischen Busen beschrieb, der genau die richtige Größe und Festigkeit hatte, nickte ich noch heftiger. In dem Punkt waren Ralfs und meine Vorstellungen und Wünsche absolut deckungsgleich. Ich verschwieg allerdings, dass der Busen und Po meiner langjährigen Ehefrau, die ich bald nach dem Studium heiratete, gar nicht so perfekt gewesen war. Ich hatte mir, absolut bewusst, eine Frau gesucht, die nicht in der Lage sein sollte, meinen Kopf durcheinanderzubringen und mich ins Unglück zu stürzen. Ja, ich setze auf eine solide Vernunftsehe, weil ich nach einer, zum Glück kurzen, enttäuschenden Erfahrung mit einem frechen hübschen Girl im Steinbruch-Theater festgestellt hatte, wie zerstörerisch Frauen wirken können, wenn sie einen erst einmal an der Gurgel haben. Das wollte ich nicht. Auf keinen Fall. Ich beabsichtigte aber momentan nicht, Ralf zu gestehen, dass ich nicht wie er ein verdammt hohes Risiko in Liebesdingen eingegangen war wie er mit seiner tollen, blonden, vollbusigen, strammen Daniela, und hörte ihm stattdessen weiter zu:

„Natürlich war es nicht nur ihr Körper, der mich anzog. Es kam auch ihr Intellekt dazu. Nie hatte ich bis dato mit einer Frau gesprochen, die in allen Themen, die mich interessierten, so bewandert war und meine Gedanken derart perfekt reflektierte wie sie. Das gab mir das Gefühl, an meinem Ziel angelangt zu sein, meinen Lebensmenschen gefunden zu haben. Aber ich bin ehrlich genug, um zuzugeben, dass eine andere Frau, die nur ihren Verstand gehabt hätte, aber nicht ihr Aussehen, mich freilich nicht hätte für sich einnehmen können. Sie nahm die Pille und das gab uns die Möglichkeit, in den ersten Monaten so oft und so ungestüm wie wir wollten, Sex zu haben. Glaube mir, ich wollte es mit ihr sehr oft. Wenn möglich, mindestens täglich, und ich war überzeugt, sie will das auch.

Nach einem Streit, den sie mit ihrem Stiefvater hatte, holte ich sie in meine Wohnung, die sich im Souterrain meines Elternhauses befand. Ich wollte sie schützen und gleichzeitig ganz besitzen. Dies war vielleicht schon der entscheidende Fehler. Womöglich geschah es zu früh. Wir kannten uns ja noch gar nicht richtig und wir waren auch im Prinzip noch nicht reif genug, um die Last eines gemeinsamen Alltags zu bewältigen. Sich im Steinbruch Theater zu treffen, zu tanzen und sich zu amüsieren und dann spät in der Nacht zusammen ins Bett zu hüpfen, ist etwas anderes, als in einer engen Wohnung tagein, tagaus aufeinander zu sitzen.“

Jetzt machte Ralf eine kurze Pause in seinem Redefluss und schlürfte seine Latte leer, sodass ich die Gelegenheit fand, einzuwerfen: „Du, das leuchtet mir alles sowas von ein, das glaubst du gar nicht.“ Darauf wischte sich Ralf den Mund ab und fuhr fort:

„In der ersten Zeit kam ja noch erleichternd hinzu, dass Daniela nach dem Abi noch nicht gleich begann zu studieren. So hatte ich eine Frau zuhause, die entspannt und ausgeruht war, wenn ich von der Hochschule kam, und die sich auch aufgeschlossen und tolerant zeigte, wenn ich mit meinen Bedürfnissen abends an sie herantrat. Stell dir vor, ich hatte mir damals eine Canon AE1 gekauft für schlappe fünfhundertfünfzig Mark in einem Fotozubehörladen in Darmstadt und gleich alle Apparaturen dazu, um Schwarzweiß-Fotos selbst entwickeln zu können.“ Ralf wartete meine Meinung zur AE1 erst gar nicht ab und fuhr fort: „Fotografieren wurde dann unser gemeinsames Hobby und der Gipfel war, dass ich Daniela zu Aktaufnahmen überreden konnte. Mensch, die Bilder wurden toll. Die hätte man glatt im Playboy bringen können. Und sexuell haben wir alles Mögliche und Unmögliche ausprobiert. Wir lasen zum Beispiel die damals berühmten, weitverbreiteten Bücher „Joy of Sex“ und „More Joy of Sex“ und natürlich den Hite-Report gemeinsam und diskutierten stundenlang darüber. Ich hätte ja selbst nicht gedacht, dass es eine Frau gibt, die so aufgeschlossen ist. Man hörte natürlich viel darüber in Talkshows, dass es auch Frauen gibt, die Sex nicht gut finden. Ich war überzeugt, dass Daniela alles gut findet, was ich gut finde, und sie hat ja auch immer einen Orgasmus bekommen, genau wie ich. Ich strengte mich da schon an, das ist klar.“

Während Ralf erzählte, dachte ich an die bescheidene Leidenschaft in meiner Ehe und ein bisschen Neid kam da schon in mir auf. Ich stellte mir vor, wie seine Daniela im Doggystyle von hinten wohl ausgesehen haben mochte. Sehr inspirierend, nahm ich an. Fellatio mit ihr wollte ich mir gar nicht erst vorstellen, das wäre mir zu heiß gewesen, auch aus Höflichkeit Ralf gegenüber, der sich genötigt sah, mir sein weiteres Zusammensein mit Daniela haarklein zu schildern:

„Natürlich war es ein Fehler, meine Daniela in mein Elternhaus zu bringen. „Du glaubst nicht, wie intrigant die Mütter von Söhnen ihren vermeintlich zukünftigen Schwiegertöchtern gegenüber sind“, klärte mich Ralf nun auf und fuhr fort: „Aber ich war ja damals viel zu naiv, um das zu begreifen, und habe dummerweise Mutter recht gegeben, wenn sie mir berichtete, dass Daniel wiedermal die Wäsche falsch in die gemeinsame Waschmaschine einsortiert hatte. Natürlich hatte Daniela in Hauswirtschaft weniger Ahnung als meine Mutter. Aber diese Illojalität der eigenen Freundin gegenüber rächt sich schon. Man darf sich dann nicht wundern, wenn sie mal nein sagt, wenn man mit ihr ins Bett will.

Es kam, wie es kommen musste, bald war dann nicht mehr immer eitel Sonnenschein zwischen mir und Daniela, aber weil sie mir ja nach wie vor so super gut gefiel, wollte ich es doch, wenn es geht, täglich mit ihr, und einmal, als sie wieder nein sagte, warf ich ein Bierglas an die Wand, um ihr zu demonstrieren, wie wichtig mir unsere Liebe ist.

Dies erzeugte wohl einen gewissen Riss in ihren Gefühlen zu mir, vermute ich, aber sie sah eben so gut aus und sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich wollte sie unbedingt besitzen. Ob sie mich da schon verlassen hätte, wenn sie auch finanziell dazu in der Lage gewesen wäre – sie verdiente ja nichts –, weiß ich nicht, befürchte es aber schon im Rückblick.“

Mir leuchtete bei Ralfs Erzählung mehr und mehr ein, dass eine Beziehung zu einer Frau, die auf sexueller Leidenschaft fußt, äußerst gefährlich ist. Ein Mann wird dadurch zum permanenten Bittsteller, der eine Dienstleistung erhofft. Ich hingegen musste von meiner Frau gewöhnlich zum Verkehr genötigt werden, den ich dann mit einem gerüttelten Maß an Lustlosigkeit durchführte. Gut, ich wurde dadurch zu einem Meister des Cunningus, weil mir das leichter fiel und weil es dann tags drauf kein Gemecker gab. Aber eine Frau zu haben, die so rattenscharf ist, dass man auch dafür einiges hingeblättert hätte, das hatte ich leider nie kennengelernt, höchstens bei einigen Bordellbesuchen, die ich mit schlechtem Gewissen mal zwischendurch absolvierte.

Ralf musste aufs Klo und ich schaute der passablen Blondine zwei Tische weiter mutig einige aufregende Sekunden lang direkt in die Augen, ohne sie für mich begeistern zu können.

Als Ralf zurückkam, waren seine Hände noch feucht. Scheinbar hatte ihm das vollständige Trocknen derselben zu lange gedauert, was ihn zu seinem Verdruss vom Weiterberichten abgehalten hätte.

„Ich will jetzt gar nicht mehr lange labern, aber es kam, wie es kommen musste“, fuhr es aus ihm schon heraus, noch bevor er mir richtig gegenüber saß.“ Dann schaute er mir offen in die Augen und offenbarte mir weiter:

„Nach einem Jahr schrieb sie sich dann an der Uni in Physik ein und studierte also somit ein Fach, das intellektuell gesehen sogar über meinem Fach der Elektrotechnik angesiedelt ist. Ein Umstand, der mein Selbstbewusstsein schon ankratzte. Ich war damals noch nicht Manns genug, um ertragen zu können, dass eine Frau beruflich über mir steht. Ob ich das heute könnte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich auch nicht, aber ich weiß, dass man es als Mann ertragen können müsste.“

Ich streute kurz ein, dass meine Erika Erzieherin war, was Ralf wohl überhörte, denn er fuhr fort:

„Sie war dann plötzlich immer sehr lange an der Uni und ich machte mir Sorgen und wartete zu Hause. Ich sagte ihr, sie solle wenigstens anrufen, wenn sie später käme. Aber das tat sie nie.“ Mein Selbstbewusstsein war in der Zeit stark angegriffen. Ich fühlte mich immer kleiner und unattraktiver. Ich begann stundenlang am Spiegel morgens, meine Haare zu kämmen, weil ich der Meinung war, mit so unordentlichen Haaren könne ich unmöglich zur Hochschule fahren. Ich kam meist zu spät zur Vorlesung. Letztlich versiebte ich eine um die an der Klausur, weil ich nicht gut vorbereitet war. Ich machte mir doch auch dauernd Sorgen, was Daniela so lange an der Uni trieb, traute mich aber nicht, in ihrem Fachbereich Nachforschungen anzustellen. Ich schämte mich ja wegen meines Aussehens.

Es kam auch jetzt oft vor, dass sie lange abends im Bad blieb. Meist sogar so lange, bis ich schon eingeschlafen war. Bald kam mir der Verdacht auf, sie entzieht sich mir ganz bewusst.

Eines schönen Tages konnte ich nicht mehr an mich halten und brüllte sie an und machte ihr Vorhaltungen, auch wegen unseres gestörten Sexlebens, das ja praktisch brach lag zu der Zeit.

Dies führte dazu, dass sie am nächsten Tag von der Uni aus anrief und mich unterrichtete, es kämen nachmittags einige ihrer Freunde bei mir vorbei, um ihre Sachen abzuholen.

Ich bat Mutter, die Freunde nachher hereinzulassen, und weil ich keinen einzigen von denen sehen wollte, floh ich in den Stadtwald. Ich lief, während die Kerle Danielas Sachen holten, ziellos darin herum.

Danach habe ich Daniela nie wieder gesehen und nach einem Selbstmordversuch musste ich eine Therapie machen, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen, und bis zum heutigen Tag habe ich mich von der ganzen Angelegenheit nicht wirklich erholt, muss ich gestehen.“

Darauf lehnte sich Ralf sichtlich erschöpft in seinem Stuhl zurück, wie ein angeschlagener Boxer, der in den Seilen hängt, und schaute mich irgendwie fragend an.

Ich überlegte nun fieberhaft, was ich sagen könnte, um ihn nach seinem Parforceritt durch seine schwersten Erinnerungen wieder irgendwie mit tröstlichen Worten aufzufangen. Dann sagte ich endlich, nach einer geraumen Zeit der Stille an unserem Tisch:

„Weißt du, es ist eben kein Verlass auf die Frau an sich und je schöner sie sind, umso mehr Macht besitzen sie, und weil ich das wusste, habe ich meine schlichte, aber liebe Erika genommen.“

Ralf verzog daraufhin seinen Mund zu einem zynischen Schmunzeln und platzte förmlich heraus. „Quatsch, das lag doch nicht an ihr. Alles war meine Schuld. Ich habe sie doch nur benutzt. Das, was ich als Liebe eingestuft habe, war doch nichts anderes als meine liebgewonnene Gewohnheit, den maximalen Genuss durch die Benutzung ihres Körpers herausziehen zu können. Was ich ihr angetan habe, in meiner dreisten männlichen Kälte und Empathielosigkeit, schreit doch zum Himmel. Begreifst du das nicht?“

Mein Erstaunen über seine Erkenntnisse gestattete mir kein schnelles Antworten, worauf er ergänzte: „Und der bemitleidenswerte Liebenskummer, der dann so einen Trottel wie mich in den Selbstmord zu treiben scheint, ist doch nichts anderes als gekränkte Eitelkeit. Es war doch in diesen finsteren Zeiten, die wir für aufgeschlossen hielten, gang und gäbe, die Frauen zu Objekten zu degradieren.“

Da ich das mit meiner Erika so nicht erlebt hatte, schwieg ich weiterhin und musste nun vernehmen:

„Weil ich spürte, dass ich für keine Frau ein adäquater Partner sein kann, weil ich durch den falschen Zeitgeist bis in die Tiefen meiner Seele geprägt wurde und dadurch zu einer empathischen Beziehung auf Augenhöhe niemals in der Lage sein werde, machte ich nachher nicht mal mehr den Versuch, eine Frau kennenzulernen. Ich hätte ja nur scheitern können, das war mir sowas von klar.“

Darauf stand Ralf auf und verabschiedete sich mit kurzen Worten und ließ mich alleine am Tisch zurück.

Ich ging dann auch gleich, ohne noch einmal zu der Blonden am Nebentisch hinzuschauen.
 



 
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