Die mutige Bine

Olaf Euler

Mitglied
Mitten in der Welt der Menschen, doch ihren Blicken die meiste Zeit verborgen, lag die Stadt der Engel. Dort war immer viel los und wer mit einem wachen Blick durch den Tag ging, konnte manchmal einen Engel entdecken, der eilig irgendwohin flog. Und wer in den Abendstunden, wenn die letzten Sonnenstrahlen über die Erde zogen, genau hinhörte, konnte sie in der Ferne gemeinsam singen hören. Denn dann trafen sich alle Engel zur nächtlichen Versammlung, in der sie die Liebe und Schönheit der wundervollen Gottheit feierten und sich von ihren Erlebnissen des zurückliegenden Tages erzählten. Es war ein großes Fest für jeden Engel und sie freuten sich immer auf diesen Abschluss des Tages.
Aber leider fehlte ein Engel bei diesem Treffen. Es war Bine, ein Engel aus der Gilde der Botschafter. Alle Engel gehörten nämlich einer Gilde an. Je nachdem, was sie gut konnten und lernen wollten. Waren sie sportlich oder konnten sicher mit Gefahren umgehen, kamen sie zur Gilde der Schutzengel. Wenn sie gerne malten, bastelten oder musizierten, schlossen sie sich der Gilde der Künste an. Oder sie lernten gerne neue Sprachen oder konnten gut erzählen und erklären. Dann gehörten sie wie Bine zur Gilde der Botschafter.
Nun traute sich Bine seit ein paar Tagen nicht mehr zur abendlichen Versammlung. Sie blieb stattdessen in der Bibliothek und machte es sich mit ihren Büchern auf einem Sessel gemütlich. Heute las sie wieder in ihrem Lieblingsbuch. Es handelte von einem Engel, der in ein fernes Land aufgebrochen war. Dort kündigte er einem Menschenpaar die Geburt eines ganz besonderen Kindes an. Kennst du das Paar? Richtig, es war die Geschichte vom Engel Gabriel, der zu Maria und Josef kam. Bine blätterte durch die Buchseiten, konnte sich aber nicht so recht konzentrieren. Denn sie war traurig und fühlte sich allein.
Auf einmal nahm sie ein sanftes Huschen im Raum wahr. So wie auch in den letzten Tagen, bekam sie von Gott persönlich Besuch. Er war für Bine wie ein alter, weiser Kater, der auf den Namen Mika hörte. Er schnurrte, während er um Bines Beine schlich und sich sanft an sie heran schmiegte. Plötzlich nahm er mit einem kräftigen Sprung Platz auf ihrem Schoß.
Bine legte ihr Buch beiseite und strich mit ihrer Hand über sein flauschiges Fell.
»Was betrübt dich so, meine liebe Bine?«, säuselte er und schmiegte seinen Kopf an ihren Arm.
Bine kraulte sein Kinn und meinte dann: »Das weißt du doch, Mika. Ich fühle mich so allein hier in der Bibliothek. Wie gern wäre ich jetzt bei den anderen Engeln und würde mit ihnen dich und das Leben feiern. Aber ich trau mich nicht, da ich mich da gleichzeitig so fremd fühle. Denn ich gehöre einfach nicht richtig dazu, weißt du.«
Mika genoss Bines Streicheleinheiten und schüttelte leicht den Kopf. »Aber wie kommst du denn darauf? Für mich gehörst du dazu und du hast doch Freundinnen, die sich sehr freuen würden, dich zu sehen.« Er stupste mit seiner Schnauze ihre Hand an und meinte: »Ich glaube, du machst dir da nur etwas vor! Du wirst sicherlich schon erwartet.«
Bine wusste genau, auf wen Mika anspielte. Tina und Sofie waren ihre besten Freundinnen. Sie kannten sich schon seit Ewigkeiten und waren immer unzertrennlich gewesen. Doch dann hatten sie sich unterschiedlichen Gilden angeschlossen, Tina und Sofie wählten für sich die Gilde der Künste, während Bine eine Botschafterin werden wollte. Seitdem hatte Bine das Gefühl, dass Tina und Sofie sich nicht mehr für sie interessieren würden.
»Du weißt doch, dass Sofie und Tina in einer ganz anderen Gilde sind. Sie interessieren sich nicht für meine Botschaften, da es keine Kunst ist. Als ich das letzte Mal in der Versammlung meine Geschichte vom Engel Gabriel vorgetragen habe, waren sie sogar am Tuscheln, und dann haben sie auch noch laut gelacht. Sie haben sich über mich lustig gemacht, da ich keine Künstlerin bin!«
Mika setzte sich auf und blickte Bine in die Augen. Er sah bei ihr eine Träne herunterkullern und schnurrte tröstend: »Aber Bine, das stimmt doch nicht! Deine Geschichte war wunderbar. Ich mag es, wie du sie erzählt hast. Bist du sicher, dass die beiden über dich gelacht haben? Vielleicht haben sie sich gefreut, dass sie eine so mutige Botschafterin kennen und als Freundin haben?«
Bine schüttelte den Kopf und erwiderte: »Aber warum meiden sie mich dann? Nach der Versammlung waren sie sofort weg und ich stand allein in der Menge von Engeln herum. Alle haben nur von der beeindruckenden Show der Akrobatikengel am Ende gesprochen und für meine Geschichte hat sich niemand mehr interessiert.«
Mika erhob Einspruch: »Ich war bei dir und habe dich auch für deine Geschichte gelobt. Hast du das vergessen? Und vielleicht gab es für Tinas und Sofies plötzliches Fehlen eine Erklärung. Am besten fragst du sie einfach. Wie wäre es, wenn du sie morgen bei der Gilde der Künste besuchst? Ich könnte dich sogar begleiten!«
Dann beugte er sich zu Bines Gesicht hoch und leckte sanft über Bines Hals, so dass es sie kitzelte und sie sogar kichern musste. »Ich überlege es mir!«, meinte sie mutig und mit neuer Zuversicht im Herzen. Sie kraulte Mika noch einmal ordentlich unter dem Kinn, so wie er es liebte. Dann wendete sie sich wieder ihrem Buch zu. Nun konnte sie der Geschichte folgen, auch wenn sie nach einigen Seiten einschlief.

Am nächsten Morgen war Bine nicht mehr ganz so entschlossen wie nach dem Gespräch mit Mika. Daher ging sie einem Besuch bei der Gilde der Künstler aus dem Weg, auch wenn sie ein paar Mal spürte, wie die wundervolle Gottheit sie lockte. Wie eine sanfte Brise wehte sie ein paar Mal durch das Fenster und säuselte Bine zu: »Na los, komm schon, meine liebe Bine. Lass uns nach Tina und Sofie schauen!«
Aber Bine wollte nicht und vertrieb sich die Zeit mit den vielen Aufgaben, für die sie in der Bibliothek zuständig war. Einige Engel brachten ihre geliehenen Bücher zurück, die Bine wieder in die Regale einsortierte. Andere Engel hatten Bücher vorbestellt, die Bine schon einmal heraussuchte und auf der Theke im Eingangsbereich zurechtlegte. Danach wendete sie sich ihrem Sprachstudium zu. Sie lernte gerade Niederländisch, ihre neue Lieblingssprache, da sie für Bine so lustig klang. „Ik lees het liefst de hele dag boeken.“ Das war ihr Lieblingssatz. Er bedeutet: „Ich lese am liebsten den ganzen Tag Bücher.“ Aber sie konnte auch schon einen bekannten Zungenbrecher: „Als vliegen achter vliegen vliegen, vliegen vliegen vliegen achterna.“ Und, weißt du wie der Zungenbrecher auf deutsch lautet? Ja genau: „Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen hinterher.“
Bine lernte gerade neue Vokabeln auswendig, als sie plötzlich lautstarke Hilferufe im Eingangsbereich hörte. Sofort unterbrach sie ihre Lektion und stürmte zum Empfang. Dort stand Benno und redete mit wilden Gesten auf den Bibliothekar ein: »Ich brauche jemanden, der mit mir kommt. Drei Menschenkinder sind mit ihrem Bötchen auf einer Insel am Mühlenweiher gestrandet und brauchen unsere Hilfe. Sie haben sich ganz fürchterlich gestritten und müssen sich wieder vertragen. Ansonsten kommen sie nicht zurück nach Hause. Kannst du mir einen Botschafter nennen, der sich mit mir um die drei kümmert?«
Benno war übrigens ein ganz besonderer Engel. Bine hatte schon viel von ihm gehört. Er war der einzige Engel, der sich keiner der drei Gilden angeschlossen hatte. Aber mittlerweile erfüllte er Aufträge, die das Expertenwissen aller drei Gruppen brauchte. Er war ein super Botschafter, half den Menschenkindern aber auch als Schutzengel und liebte es, mit den Kindern neue Künste zu erlernen. Für Bine war Benno ein großes Vorbild, da er so mutig war und einfach seinem Herzen folgte.
Während Bine ihn noch mit großen Augen ansah, war der Bibliothekar mit Bennos Frage völlig überfordert. Nervös schaute er in der Halle herum und meinte dann: »Auf die Schnelle fällt mir niemand ein, der da passen würde. Willst du nicht lieber bei der Gilde der Schutzengel nachfragen? Die können den Kindern doch sicher besser helfen!«
Doch Benno winkte sofort ab: »Nein, bei dieser Mission ist weniger körperliche Fitness oder Stärke gefragt, sondern ich brauche jemanden mit einem weiten Herzen, der gut zuhören kann und die richtigen Worte findet.« Dann wendete er sich Bine zu und meinte: »Wie sieht es denn mit dir aus? Du bist perfekt für den Auftrag geeignet. Du hast doch letztens die schöne Geschichte vom Engel Gabriel vorgetragen und voller Mitgefühl von Marias Situation erzählt. Wie sie sich in ihrem jungen Alter gefühlt haben musste, als sie von der wundersamen Schwangerschaft erfuhr. Kannst du nicht mitkommen und mir bei diesem Auftrag helfen?«
Bine war überrascht, dass Benno sie kannte und sich an ihre Geschichte erinnerte. Sofort spürte sie eine große Aufregung in ihr hochkommen, da sie noch nie für einen Außeneinsatz in der Menschenwelt unterwegs war. So etwas konnte sie doch gar nicht. Daher meinte sie schnell: »Ich weiß nicht, ob ich dir dabei helfen kann. Ich war noch nie bei den Menschen und bin noch gar keine richtige Botschafterin.«
Nun quetschte der Bibliothekar sich zwischen Bine und Benno. Er legte Benno seinen Arm um die Schulter und versuchte ihn von Bine wegzulenken. Dabei sagte er großkotzig: »Also, ich glaube auch, dass Bine andere Stärken hat und mit so einem Auftrag völlig überfordert wäre. Vielleicht kann sie dich später einmal bei einem Ausflug begleiten. Lass uns mal im Lesesaal schauen, vielleicht finden wir dort jemand passendes.«
Aber Benno schüttelte sich kräftig aus der Umklammerung des Bibliothekars und wendete sich wieder Bine zu: »Ich bin mir sicher, dass du der passende Engel bist, um den Streit zu schlichten. Bitte komm mit mir mit, ich werde auch auf dich aufpassen!«
In dem Moment stieß wieder ein sanfter Luftzug durch die Bibliothek und Bine wusste, dass die wunderbare Gottheit sie mit Bennos Worten zu einem Abenteuer lockte. Sie zögerte noch ein wenig, gab sich dann aber einen Ruck: »Na gut, ich komme mit. Aber du musst mir genau erklären, was ich tun muss. Und sei bitte nicht böse, wenn mir die richtigen Worte fehlen.«
Dann ergriff sie Bennos Hand, der sie mit schnellen Schritten hinter sich herzog und den Bibliothekar einfach verdutzt stehen ließ. Dabei meinte er noch: »Natürlich werde ich dich gut vorbereiten. Ich erzähl dir alles auf dem Weg. Los, wir haben keine Zeit mehr!«

Während Benno und Bine zum Mühlenweiher flogen, erzählte ihr Benno, was bei Katja und ihren beiden Freundinnen vorgefallen war. Katja war eine gute Freundin von Benno, die er letzten Herbst beim Drachensteigen kennengelernt hatte. Heute war sie mit Simone und Svenja von der alten Mühle aus mit einem Paddelboot aufgebrochen, um die einsame Insel des Weihers zu erkunden und dort ein Picknick zu machen. Katja konnte schon sehr gut paddeln und brachte es den anderen bei. Erst durfte Svenja es versuchen, sie kam aber nicht zurecht und gab das Paddel sofort an Simone weiter. Auch Simone fiel es schwer, sie wollte es aber unbedingt hinbekommen und versuchte die Tipps von Katja umzusetzen. Als sie bei der Insel angekommen waren, lenkte sie das Boot aber an eine Stelle, wo sich lauter Hölzer angesammelt hatten. Einige Baumstämme ragten aus dem Wasser heraus, andere waren unter der Oberfläche verborgen und versperrten dem Boot den Weg. Simone donnerte mit dem Boot gegen einen Baumstamm und kam nicht mehr weiter, so dass Katja übernehmen musste.
Um ihr zu helfen, beugte sich Simone über das Boot, um es vom Baumstamm wegzustoßen. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Auch wenn ihr die beiden Freundinnen sofort die Hände entgegenstreckten und sie wieder ins Boot zogen, konnten sie sich das Lachen nicht verkneifen. Sie bekamen sich gar nicht mehr ein, da es megalustig ausgesehen hatte. Simone ärgerte das so sehr, dass sie bei ihrem Halt am Ufer weggerannt war, während Svenja und Katja noch das Boot auf den Sandstrand schoben.
»Ich war gerade auf einer Erkundungstour«, meinte Benno zu Bine, »als ich Katja gesehen habe. Sie hat mich fast nicht erkannt, erst als ich sie grüßte. Doch dann erzählte sie mir aufgebracht, dass Simone mit dem ganzen Proviant im Rucksack losgezogen war. Die beiden suchten deshalb die ganze Insel nach ihr ab, konnten sie aber nirgends finden. Mittlerweile machen sie sich sorgen, dass ihr etwas zugestoßen ist. Ich sagte Katja, dass ich ihnen helfen werde, dafür aber Unterstützung brauche. Und dann habe ich dich geholt.«
Bine nickte und versuchte alle Namen zu behalten. Katja war Bennos Freundin, die gut paddeln konnte. Simone ist ins Wasser gefallen. Und wie hieß die dritte Freundin nochmal? Ach ja, richtig, Svenja, die Kichertante.
Mittlerweile hatten sie die Insel erreicht und Benno zeigte auf einen großen Baum am Ufer, der von lauter Büschen umgeben war. Daher war er zu Fuß über die Insel nur schwer zu erreichen.
»Ich glaube, Simone hat sich unter dem Baum dort versteckt. Sie muss sich durch das Gebüsch hindurchgekämpft haben«, meinte er. »Sie ist enttäuscht von ihren beiden Freundinnen und braucht jemanden, der ihr zuhört und Mut zuspricht, um den Streit mit den beiden zu klären. Mein Vorschlag wäre, dass du dich um Simone kümmerst und ich noch einmal mit Katja und Svenja spreche. Vielleicht lassen die drei sich dann auf ein Gespräch ein. Meinst du, das kriegt du hin?«
Bine konnte Simones Situation gut verstehen, denn es erinnerte sie ein wenig an das Gelächter ihrer Freundinnen, als sie ihre Geschichte vorgetragen hatte.
»Natürlich kann ich ihr zuhören«, meinte sie zu Benno. »Aber ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Es ist doch schließlich wirklich gemein, dass die beiden sie so ausgelacht haben!«
»Ja, das könntest du ihr doch sagen. Und dann schlägst du ihr vor, dass sie das den beiden auch nochmal sagen sollte. Und sich vielleicht auch anhört, was die beiden ihr zu sagen haben. Magst du es versuchen?«
Bine schluckte kurz. Was sollte sie dem Mädchen schon beibringen? Schließlich war sie einem Gespräch mit Sofie und Tina bisher aus dem Weg gegangen. Da sie Benno aber nicht im Stich lassen wollte, ließ sie sich auf den Auftrag ein.
»Ok. Ich werde es versuchen!«, antwortete sie zaghaft.
Benno grinste sie an und streckte ihr den Daumen entgegen. »Super, ich weiß, dass du das kannst! Aber wenn du doch Hilfe brauchst, holst du mich einfach. Ok? Komm, ich zeige dir noch schnell die Stelle, wo ich mit Katja und Svenja bin.«

Nachdem Bine von Benno die Bucht gezeigt bekommen hatte, wo Katja und Svenja bereits auf ihn wartete, flog sie zurück zu dem Baum, worunter Simone saß. Sie landete einige Meter von ihr entfernt und kämpfte sich dann durch das Gebüsch zu ihrer Stelle durch.
Simone saß mit hochgezogenen Beinen an dem großen Baum gelehnt und hatte ihr Gesicht in ihrem Armen vergraben. Sie bemerkte Bine gar nicht, da sie so sehr am Schluchzen war.
Bine schob den Rucksack mit Proviant bei Seite und setzte sich direkt neben sie. Dann wartete sie etwas ab und legte irgendwann ihre Hand auf Simones Schulter.
Simones T-Shirt war immer noch pitschnass, ebenso wie ihre Jeans. Bine bemerkte jetzt auch die Gänsehaut auf Simones Arm. Sie fror und sollte unbedingt aus den nassen Klamotten.
»Was wollt ihr von mir?«, unterbrach Simone ihr Schluchzen und schüttelte Bines Hand ab. »Lasst mich einfach in Ruhe. Ich will nicht mehr mit euch befreundet sein!«
»Ich bin nicht Svenja oder Katja«, antwortete Bine. »Ich heiße Bine und bin heute dafür da, mich um dich zu kümmern. Ich bin nämlich ein Engel, verstehst du?«
Simone schaute überrascht auf und musterte den Engel. Bine lächelte freundlich und nickte ihr zur Begrüßung zu. Dann griff sie nach dem Rucksack und wühlte darin herum. Sie war einen Kopf kleiner als Simone und sah zwar ähnlich wie ein Mensch aus, doch schimmerte ihre Haut ein wenig. Außerdem hatte sie grüngoldene Flügel.
Da Simone nichts sagte, ergriff Bine mutig das Wort: »Du frierst ganz schön, kann das sein? Wie wäre es, wenn wir deine Kleidung in der Sonne trocknen? Vielleicht kannst du dich so lange mit der Picknickdecke wärmen.«
Sie zog ein altes Laken aus dem Rucksack und reichte es Simone herüber.
Die war immer noch überrascht von der Begegnung und starrte Bine gebannt an. Dann schüttelte sie sich und folgte Bines Vorschlag. Sie zog ihr T-Shirt und die Hose aus und hüllte sich anschließend in das Laken. Dann beobachtete sie Bine, die sich ihre Kleidung geschnappt hatte und damit nach oben hinter dem Baumwipfel geflogen war.
»Ich habe sie an die Äste ganz oben gehängt, da trocknen sie am besten«, versicherte Bine ihr, als sie wieder gelandet war. Dann setzte sie sich wieder neben Simone und sagte: »Nun erzähl mir mal, wieso du so traurig bist.«
Simone berichtete ihr von dem Streit, holte dazu aber noch etwas weiter aus, als es Benno getan hatte. Katja war Simones Nachbarin und Svenja kannten die beiden bereits seit dem Kindergarten. Sie waren in derselben Schule und weiterhin eng befreundet, auch wenn sie in verschiedenen Klassen waren. Svenja hatte bei sich auf dem Hof eine alte Hütte, die direkt am Waldrand lag. Dort hatten die drei ihre Ruhe und konnten sich ungestört treffen, quatschen und Musik hören. Seit einigen Wochen sprach Svenja aber immer wieder über Themen, bei denen Simone nicht mitreden konnte. Oder sie nutzte Worte, deren Bedeutung Simone nicht verstand.
»Ich habe schon länger das Gefühl, dass Svenja mich ausgrenzen will und Katja sich von mir abwendet. Die beiden hacken jetzt häufig auf meinem Alter rum, nur weil ich etwas jünger bin. Das war sonst nie ein Problem. Als ich es dann heute mit dem Rudern nicht richtig hinbekommen habe, hat Katja immer wie eine Oberlehrerin auf mich eingeredet. Mit Svenja war sie nicht so streng. Dann musste sie mir helfen, weil ich das Boot nicht zwischen den Baumstämmen rausbekam. Das war megapeinlich! Als ich dann noch ins Wasser gefallen bin und sie mich ausgelacht haben, wäre ich am liebsten einfach weg gewesen. Die beiden haben immer weitergemacht, auch als ich mich beschwert habe. Als wir am Ufer waren, meinten sie, es wäre doch nicht so schlimm gewesen und hätte aber extrem lustig ausgesehen. Ich war so wütend und bin dann einfach von ihnen weggerannt. Ich will ihnen am liebsten nicht mehr begegnen, weiß aber nicht, wie ich sonst von der Insel kommen soll. Kannst du mir dabei helfen?«
Bine nickte Simone zu und versicherte ihr: »Genau dafür bin ich hier! Danke, dass du so ehrlich zu mir bist und dich mir anvertraut hast. Ich kann sehr gut verstehen, wie du dich fühlst. Ich wäre auch stinksauer auf die beiden und finde, dass du es ihnen auch sagen solltest. Wäre es nicht interessant zu wissen, was sie dazu sagen? Ich möchte dir gerne helfen, aber vielleicht anders, als du es dir gerade vorstellst. Was hältst du davon, wenn wir zu den beiden zurückgehen und nochmal mit ihnen reden? Ich werde dabei sein und mich für dich einsetzen, wenn sie sich gegen dich stellen. Vielleicht werden sie aber auch bei dir entschuldigen und ihr vertragt euch wieder. Was meinst du?«
Simone zögerte. »Was ist, wenn sie sich weiter über mich lustig machen? Dann blamiere ich mich vor ihnen, weil sie sehen, wie wichtig mir ihre Meinung ist.«
»Natürlich kann das passieren. Ich kann dir nicht versprechen, dass sie dich nicht ernst nehmen oder nicht verstehen«, stimmte Bine zu. »Auch wenn ich das eher für unwahrscheinlich halte. Aber peinlich wäre es dann doch für sie und nicht für dich. Für mich würdest du wahre Größe zeigen, weil du dich traust, ehrlich zu sein, zu dir zu stehen und den Streit zu klären. Na komm, gib dir einen Ruck!«
Dann stieß sie Simone mit ihrem Ellbogen in die Seite und zwinkerte ihr zu. Die lächelte zögernd, ließ sich dann aber auf Bines Vorschlag ein.
Bevor es losging, holte Bine die fast trockene Kleidung vom Baumwipfel und nachdem Simone wieder angezogen war, machten sie sich auf den Weg zu den anderen.

Katja, Svenja und Benno erwarteten die beiden bereits auf einer Wiese in der Nähe des Bootes. Als Bine und Simone ankamen, erzählte ihnen Benno, dass Katja und Svenja sich Sorgen um Simone gemacht haben. »Sie wollen gerne wissen, was mit dir passiert ist, Simone. Sie haben versprochen, dir zuzuhören! Bine und ich werden dabei bleiben, uns aber nur einschalten, wenn ihr euch zu sehr streitet. Ok?«
Simone nahm allen Mut zusammen und vertraute sich ihren Freundinnen an: »Es tut mir leid, ich wollte euch keine Angst einjagen. Aber ich war so verärgert, dass ihr über mich gelacht und nicht damit aufgehört habt. Auch wenn es vielleicht lustig ausgesehen hat, war es mir unangenehm und als wir am Ufer angekommen sind, habe ich euch das auch gesagt. Ihr habt aber einfach weitergemacht und das fand ich so gemein, da wollte ich nur weg und bin auf die andere Seite der Insel gelaufen.«
»Aber musstest du den ganzen Proviant mitnehmen? Du hast uns noch nicht einmal was zu trinken dagelassen!«, platzte es aus Katja heraus.
Als Simone das hörte, erschrak sie. Darüber hatte sie gar nicht nachgedacht. »Das, das wollte ich gar nicht«, sagte sie. »Ich war einfach so traurig und sauer auf euch, dass ich darüber gar nicht nachgedacht habe. Ich habe den Rucksack angezogen, während ihr das Boot in den Sand geschoben habt. Und als ihr dabei weiterhin über mich gelacht habt, bin ich einfach losgerannt. Das wollte ich wirklich nicht. Das müsst ihr mir glauben!«
Dann ergriff Svenja das Wort und meinte: »Ich glaube dir und es tut mir leid. Ich habe mitbekommen, dass du es nicht gut findest. Aber ich war auch etwas neidisch, da Svenja dich viel besser beim Paddeln unterstützt hat und du nicht so schnell aufgegeben hast wie ich. Tut mir wirklich leid, Entschuldigung.«
Sie ging auf Simone zu und umarmte sie.
»Mir tut es auch leid. Es sah zwar wirklich megalustig aus, aber spätestens am Ufer hätten wir aufhören sollen«, sagte Katja und schloss sich den beiden an.
Nun, da die drei Freundinnen sich wieder vertragen hatten, wollten sie ihr Picknick auf der Insel nachholen. Doch Benno bemerkte plötzlich, dass das Abenteuer noch nicht vorüber war. Er zeigte auf den See und meinte: »Ist das eigentlich euer Boot?«
Tatsächlich, die Wellen hatten das Bötchen langsam umspült und vom Uferstrand gelöst. Nun trieb es bereits einige Meter auf dem Weiher.
Da war die Aufregung bei den drei Mädchen groß. Katja und Svenja rannten ans Ufer, sahen die Spuren des Bootes im Sand und überlegten, wie das passieren konnte. Doch Simone zog schnell ihre Kleidung aus und sprang ins Wasser. Sie schwamm auf das Boot zu und sah, wie Benno und Bine ihr über den Kopf hinweg voran flogen. Als sie das Boot erreicht hatte, standen sie schon bereit und zogen sie hoch. Simone wendete mit den Paddeln das Boot und bemerkte dann, dass auch Katja und Svenja angeschwommen kamen. Sie halfen auch den beiden ins Bötchen und vereinbarten dann, das Beste aus der Situation zu machen. Die drei Freundinnen sprangen nochmal ins Wasser und badeten eine Runde. Bine passte in der Zeit auf das Boot auf und Benno holte die Sachen vom Ufer herüber. Als den drei Freundinnen dann irgendwann zu kalt wurde, ließen sie sich von Bine und Benno ins Boot ziehen und paddelten zurück zur alten Mühle.
Nachdem sie sich wieder angezogen hatten, holten sie ihr Picknick nach, während die Sonne langsam unterging.
Als sich die drei Freundinnen von den Engeln verabschiedeten, flüsterte Simone leise in Bines Ohr: »Danke, dass du mir zugehört und mich ermutigt hast, mit Svenja und Katja über unseren Streit zu sprechen. Du bist ein toller Engel!«

Bine war richtig stolz während sie mit Benno zurück zur Stadt der Engel flog. Trotzdem erschrak sie im ersten Augenblick als Benno ihr vorschlug, dass sie gleich in der Versammlung von ihrem Erlebnis berichten sollte. »Keine Angst, ich werde natürlich auch mit dabei sein. Aber ich finde, du kannst viel besser davon erzählen, weil du ja schließlich mit Simone gesprochen hast!«
Erst wollte Bine, dass nur Benno reden sollte. Sie ließ sich dann aber darauf ein, dass sie beide einen Teil der Geschichte erzählen würden. Der Abend war für Bine ein großes Fest. Alle Engel freuten sich mit ihnen darüber, dass die drei Freundinnen sich wieder versöhnt hatten und Bine verspürte große Dankbarkeit gegenüber der wundervollen Gottheit, die sie auf ihrer Reise begleitet hatte.
Aber das Beste geschah im Anschluss an die Feier. Denn Sofie und Tina kamen sofort zu ihr geeilt. Sie berichteten, dass sie schon seit Tagen auf Bine gewartet hatten. Denn als Bine vor einigen Abenden ihre Geschichte erzählt hatte, mussten sie beide plötzlich lachen. Sofie hatte genau am selben Tag ein Bild von der Begegnung des Engels Gabriels bei Maria gemalt und Tina hatte dazu ein Lied geschrieben. Obwohl sie sich nicht untereinander abgesprochen hatten, beschäftigte alle drei Freundinnen dieselbe Geschichte.
Sofie und Tine hatten sich aber beide nicht getraut, ihre Kunstwerke in der Versammlung vorzustellen und bewunderten Bine für ihren Mut. Nach Bines Vortrag waren sie schnell zurück zu den Werkstätten ihrer Gilde geeilt, um dort ihre Kunstwerke zu holen und sie Bine zu zeigen. Leider konnten sie Bine dann nicht mehr finden und wollten es an den folgenden Abenden nachholen. Als sie Bine dann nicht mehr getroffen hatten, waren sie verwundert, hatten sich aber nichts weiter dabei gedacht.
Nun war es an Bine, das Missverständnis aufzulösen und sich mit ihren Freundinnen auszusprechen. Alle drei entschieden sich danach, in Zukunft besser aufeinander zu achten. Sie wollten sich ab jetzt einmal die Woche abends vor der Versammlung der Engel treffen und sich über ihre neuesten Erlebnisse austauschen. Schließlich waren sie doch Freundinnen und konnten viel voneinander lernen, auch wenn sie anderen Gilden angehörten.
Noch etwas später in der Nacht machte es sich Bine im Bibliothekszimmer auf ihrem Sessel gemütlich. Plötzlich spürte sie ein sanftes Huschen im Raum. Es war Mika, der noch einmal zu ihr schlich. Schnurrend sprang er auf ihren Schoß und maunzte: »Du kannst wirklich stolz auf dich sein, meine liebe Bine. Du bist eine großartige Botschafterin und heute einige Male über deinen Schatten gesprungen.«
»Danke! Aber eins verstehe ich nicht. Warum hast du mir nicht gesagt, dass Sofie und Tina überhaupt nicht über mich gelacht haben?«, fragte Bine ein wenig empört.
»Wenn du es mir geglaubt hättest, vielleicht hättest du es dann auch gehört!«, erwiderte Mika. »Aber so war es doch viel schöner, dass sie es dir persönlich sagen konnten. Oder meinst du nicht?«
Danach beugte er sich zu Bines Gesicht hoch und leckte ihren Hals, so dass sie kichern musste. Bine dankte dem alten, weisen Kater, indem sie ihm unter seinem Kinn kraulte, so wie er es liebte.
 



 
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