Die Netze wirft der böse Frühling - Sonett

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Walther

Mitglied
Die Netze wirft der böse Frühling


Die Netze wirft der böse Frühling: Fische fangen?
Das ist es nicht, das in die Netze kommen wird.
Es sind die Herzen, die die laue Luft verwirrt.
Die blauen Bänder winden sich zu langen Schlangen,

Die Fenster schlagen, und da ist ein Glas, das klirrt.
Der Winter ist in das Gebirge fortgegangen.
Auf Plätzen, Straßen tollen laut die wilden Rangen.
Die kleine Wolke hat sich in der Zeit geirrt.

Ich sitze auf der Bank und sehe in den Garten:
Die Kirsche blüht. Auch die Magnolie macht sich schön.
Der Nestbau strebt zum Höhepunkt. Die vielen Meisen

Verzwitschern fast den ganzen Tag. Der warme Föhn
Bläst von den dunklen Bergen durch die Schneisen:
Das Grün will aus den Knospen brechen. Es muss warten.
 

Mondnein

Mitglied
Klasse!

Wunderbar! Ich bin begeistert.
Zum Beispiel das klirrende Glas des schlagenden Fensters. Oder die Magnolie, die sich aufbrezelt. Und der lakonische Schlußsatz.

Es sind auch bei Dir, wo wie ich das ähnlich schon zu Tulas Sonett angemerkt habe, die kontrapunktischen antisonettischen Spielbeine, die dem Standbein Asymmetrien zuspielen. Nein, es steht nicht klassisch rum, sondern beginnt hellenistisch zu schlendern, zu laufen, zu spielen halt.
 

Walther

Mitglied
Moin mondnein,

danke für deine lobenden worte und die wertung. na, ob das sonett das verdient hat ... ;) aber ich nehm's gerne hin.

ich glaube, daß durch die naturgedichte durchaus das teuflische bocksgrinsen hindurchschauen darf. der überschwang hat schon manchen über klippen gebracht, die er nicht überlebt hat. das schöne am fliegen ist nicht der absturz, aber sein preis.

wenn wir die glätte und den schmankes, den wir auf den kitsch paclken, nicht brechen, dann ist es die ewig gleiche kerbe, in der andere besser zuhause sind: die alten meister. sie haben sie schließlich treffsicher gehauen.

wir aber sind die neuen. von uns erwartet man neues. das alte ist ja schon alt und da. und wenn wir es aus den geschrumpften lyrikecken der buchhandlungen vertreiben willen, dann müssen wir uns verdammt noch mal was einfallen lassen!

gut, wir dürfen ein bißchen was abspickeln. aber reines epigonentum langweilt und ist was für einfallslose denkfaule ärsche, die das risiko scheuen, also nix für mich. :cool:

lg W.
 
A

aligaga

Gast
Ächts!

Die volle Dröhnung - unser nimmermüder Poet hat auch wirklich nichts ausgelassen und knattert vom Herzerl, dem blauen Bandl, dem Vogerl, den Buberln und dem Glaserl bis zum Bankerl, den Kirscherln, den Knosperln und dem Föhn.

"Wie schön ist's doch", schrieb ein Dr. Owlglass pseudonym solchen "Sängern" schon vor hundert Jahren ins Stammbuch, "im Lenz auf grünen Pfaden, das Seelenleben rhythmisch zu entladen!"

TTip, o @Waltherchen: Wenn du wieder mal krächzend aus uralten Liederbücherln vortragen willst, dann achte drauf, dass die Kulisse stimmt. Hierzulande werden die Netze nicht geworfen, sondern gesetzt, und im Frühling pflegen die Berge, von denen der Sunnawind ins Tal braust, nicht dunkel zu sein. Sie sind immer noch schneebedeckt, Klimawandel hin oder her.

Der Volxmund nennt schneeblinde Heimatdichter seit alters "Flachlandtiroler": Sie wollen zwar immer und immer wieder, können aber nicht.

Sich guhgelnd vor Lachen

aligaga
 

Walther

Mitglied
Lb Marie-Luise,
danke für deinen eintrag. ironie ist nicht jedermanns ding.
niemand ist besser als die meister. nachklappern ist und bleibt dennoch langweilig.
an diesem sonett ist eine menge mit ironie verfaßt. der vers, der dir querliegt, ist einer davon.
LG W.
 
Nachtrag

Hallo Walther,
eines möchte ich aber noch lobend erwähnen, deine Treue zu deinem Lieblingsgewächs, der Magnolie.
Sie wird von dir fast in jedem Frühlingsgedicht erwähnt. Find ich gut.

Nochmals Grüße von mir
 

Walther

Mitglied
Lb Marie-Luise,

was man vor augen hat, beschreibt man: rechts steht die rosarote japan. zierkirsche - links die fast 4 m hohe magnolie.

auch der teich mit 3 kröten, 3 bergmolchen, einem dutzend "nasen"fischen und roten, rosaroten und weißen seerosen ist vorhanden.

lg W.
 

Label

Mitglied
Lieber Walther

ein schönes Frühlingsgedicht,
das eine feine Balance zwischen altertümlich hübsch,malerisch, schnulzig und Augenzwinkerei hält.
Und mit der frischen Brise schlagen Fenster und da klirren auch schon mal die Scheiben (zumindest war das in den jüngsten Stürmen so bei meiner Behausung).

Tja, alle denken bei Frühling an Liebe und Frieden
nur nicht Aligaga, der nutzt sein Waffenlager

Mir hat dein Gedicht eine angenehme Stimmung beschert, genau das Richtige zwischen Frühlingsoptimismus und Alltagswirklichkeit.

Lieber Gruß
Label
 

Walther

Mitglied
Hi Label,

danke für deinen besuch und den freundlichen eintrag (samt wertung). :)

der böse frühling schreitet voran; bei manchen hinterläßt er neben gebrochenem herzen auch eine denkschwäche. die hormone, weißt du. da kann man nix machen ... :D

lg W.
 

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