Die Party / Kurzgeschichte

Donatella

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DIE PARTY

Es war schon dunkel. Zufrieden stand sie am kleinen Teich im hinteren Teil des Gartens und atmete ein paar Mal tief durch. Mit einem wohligen Seufzer liess sie sich auf eine der beiden Luxus-Liegen fallen und gönnte sich ein erstes Gläschen Champagner. Sie genoss das gute Gefühl, das sie erfüllte. Manchmal geriet sie kurz vor Ankunft der Gäste noch in Panik. Dann fand sie plötzlich alles zu gewöhnlich, die Gläser zu trüb und ihre Kleidung zu spiessig. Aber heute, heute war alles perfekt!
Im kleinen Salon lockte ein delikates, kaltes Buffet, geschmackvoll dekoriert mit Blütenblättern und Seidentüchern. Champager Flaschen lagen auf Eis und überall im Haus brannten gelbe Kerzen. Im Grunde war es ja ein wenig übertrieben für die paar Gäste, die sie erwartete, doch ihr stand der Sinn heute nach Schönheit, nach Luxus, ... nach Verführung. Sie trug ihr neustes Kleid. Feuerrot und enganliegend. Seinen Preis würde sie niemandem verraten, zu sündhaft! Allerdings verriet ihr ein Blick in den Spiegel, dass es jeden Pfennig wert gewesen war. Selbst Klaus müsste eigentlich bemerken, wie verführerisch gut sie darin aussah. Klaus, ihr Ehemann, ihr Arbeitstier, wie er sich gerne selbst nannte. Seit er die Leitung einer bekannten Kaufhauskette übernommen hatte, sahen sie sich kaum noch. Es reichte gerade noch zu täglichen Telefongesprächen, doch auch diese schienen immer kürzer und belangloser zu werden. Ganz anders als früher.. Früher, als das Feuer noch loderte, als er nicht von ihr lassen konnten. Ihr Blick streifte wieder die Sonnenliegen. Ein paar Mal hatten sie sich hier draussen geliebt. Es war ihnen so herrlich egal gewesen, ob die Nachbarn sie dabei hören oder beobachten konnten. Sie seufzte, geblieben war anscheinend nur noch die Erinnerung. Schnell verscheuchte sie die aufkommende Melancholie. Heute wollte sie schliesslich einen unbeschwerten Abend geniessen, sich amüsieren.

Jeden Augenblick sollte Klaus mit den Gästen eintreffen. Er hatte einige wichtige Geschäftsfreunde eingeladen und ausserdem ihre langjährigen Freunde, Norbert und Carla.
Sabine schlenderte langsam zurück ins Haus, schenkte sich ein weiteres Glas des perlenden Weins ein und zupfte sich einige ihrer blondierten Haarsträhnen zurecht. Eigentlich müssten sie jetzt hier sein. Das laute Klingeln des Telefons riss sie abrupt aus ihren Gedanken. „Boisenberg“, meldete sie sich.

„Sabine, hallo“, die Stimme ihres Mannes klang nervös, „hör ‘mal Kleines, ich weiss, ich hätte früher anrufen sollen, aber ich habe wirklich gehofft, es doch noch zu schaffen. Wird aber nichts! Es sind zu viele neue Probleme aufgetaucht, also werden wir hier eine Kleinigkeit essen und machen dann gleich weiter. Du verstehst das doch, Bienchen, oder? Die kleine Party können wir ja ein anderes Mal nachholen, nicht wahr? Bist du noch dran? Sabinchen? Sabine, sag’ doch was!“

„Ich kann es einfach nicht glauben!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Du rufst mich jetzt erst an, um mir das zu sagen? Ich dachte, ihr kommt jeden Moment zur Tür herein! Was denkst du dir eigentlich?“

„Sabine, Schätzchen, nun beruhige dich doch. Ich verstehe ja, dass du ärgerlich bist. Wir holen das alles nach, ich verspreche es dir. Ausserdem habe ich Norbert gebeten, wenigstens Carla zu dir zu schicken, dann bist du nicht so allein. Er lässt dich übrigens herzlich grüssen.“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, knallte Sabine den Hörer auf. Tränen der Wut und Enttäuschung schossen ihr in die Augen. „Scheisse, scheisse“ schrie sie vor sich hin und stampfte mit dem Fuss auf, wie ein kleines, trotziges Mädchen. Sie liess sich auf eine der Treppenstufen sinken und starrte auf ihre roten Schuhe. „Ich bin ihm einfach egal“, flüsterte sie fassungslos. Sie fühlte sich plötzlich ganz leer. Kein Quäntchen Energie schien mehr in ihr zu sein. Der Kloss im Hals begann schon richtig zu schmerzen, die ersten Tränen liessen sich nicht mehr zurück halten. Energisch wischte Sabine sie weg. „Verdammt, jetzt nur nicht heulen“, dachte sie sich. „Das fehlte noch und das alles wegen diesem Scheisskerl“. Sie rappelte sich auf, nahm eine vorbereitete Champagnerflasche vom Eis und setzte sie direkt an die Lippen. Einige Tropfen rannen ihr Kinn hinunter und tropften in ihren Ausschnitt. Sie fühlte sich erbärmlich.

Die Türklingel schellte und Sabine zuckte zusammen. Doch bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte, schoss die Tür auf und Carla stand vor ihr. Schnurstracks schritt sie auf Sabine zu, fasste sie bei den Schultern und gab ihr zwei herzhafte Küsse auf die Wangen. Mit ihren tiefbraunen Augen musterte sie Sabine von oben bis unten.

„Du bist definitiv die schönste Frau Europas, die heute Abend versetzt wurde. Wäre ich ein Mann, ich würde dein glühendster Verehrer!“
Ein erstes, winziges Lächeln huschte über Sabines Gesicht. Wenn sie vor einigen Minuten die Wahl gehabt hätte, wäre die Eingangstüre bestimmt verschlossen geblieben. Doch jetzt war sie froh, dass Carla bei ihr war. Nun holte Sabine doch noch die wertvollen Kristallgläser.
„Trinken wir auf einen schönen Abend im kleinen Kreis“ meinte Sabine.
„Ja“, lächelte Carla, „auf uns Frauen“.

Nach einigen weiteren Trinksprüchen fühlte sich Sabine schon recht gut. Sie hatten beide die Schuhe von den Füssen gestreift. Sabine öffnete den seitlichen Reissverschluss ihres Traumkleides und langsam wurde ihr immer wohler. Ihr war warm und sie fühlte sich geborgen in der Anwesenheit der Freundin. War es nicht auch schön, so ganz ohne Männer? Man konnte sich geben wie man wirklich war, weder musste man sich „schicklich“ hinsetzen, noch brauchte man ständig den Bauch einzuziehen und was Frauen sonst noch so alles tun, sobald Männer sich im selben Raum befinden.. Bei Carla war das alles nicht nötig. Die beiden sprachen darüber und kicherten ausgiebig. Ein Glas nach dem anderen wurde gefüllt, bald war auch die zweite Flasche leer. Sabine seufzte, hob beide Arme über den Kopf und dehnte und streckte sich. Ihr trägerloses Designer-Kleid verrutschte ein wenig, so dass der Ansatz ihrer weissen Brüste zu sehen war, aber wen kümmerte das schon. Sabine liess alles wie es war. Carla hatte es sich ebenfalls längst bequem gemacht. Auch ihr Kleid machte einen leicht derangierten Eindruck, aber das hinderte Carla keineswegs, weiter heftige Witze auf Kosten der Männerwelt zu machen. Sabine lachte und gluckste wie schon lange nicht mehr.

„Ach Carla, Carletta, du bist so viel unterhaltsamer als alle Männer zusammen und erst noch tausend Mal schöner“.
Wieder kicherten sie. Sabine spürte den Alkohol. Er machte sie so leicht und ein klein wenig schwindelig. Ein schönes Gefühl! Sie begann sich langsam im Takt der Musik zu wiegen. „Ach Carla, warum bist du bloss kein Mann, dann könnte ich jetzt mit dir tanzen“, seufzte sie leise vor sich hin und blieb mit geschlossenen Augen mitten im Raum stehen. Sie spürte einen sanften Lufthauch, der von der immer noch offen stehenden Gartentüre herkam. Sie hörte, wie Carla leise aufstand.

„Geh nicht weg, Carlchen“, sagte sie leise, „ich mag nur die Augen noch nicht öffnen. Es ist so schön in meiner Halbtraumwelt“.

Plötzlich erschauerte sie. Etwas berührte ihren nackten Hals.. Was war das? Nun eine kleine Berührung an ihrem Rücken. Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Was für ein wohliges Schaudern. Sie spürte, wie ihre Gefühle immer bereiter wurden, verrückt zu spielen. Oh, sie wollte sich nur noch fallen lassen, sich ohne Gedanken einfach von Gefühlswellen tragen lassen. Ihre Freundin lehnte sich an sie. Rücken an Rücken schmiegten sich ihre Körper aneinander im Takt der Musik. Wie von selbst hielten sie sich plötzlich bei den Händen. Alles begann seinen Lauf zu nehmen. Als hätten sie zum ersten Mal die Gelegenheit, die Welt zu ertasten. Langsam wandten sich die beiden Frauenkörper einander zu, aber immer noch hielten beide ihre Augen geschlossen. Sabine schmiegte ihr Gesicht an Carlas Wange. Sie konnte den Atem der Freundin spüren, ihre feine Haut, ihren zarten Duft. Worte hatten keinen Platz.
„Was geschieht nur mit mir“, dachte Sabine einen Augenblick lang, doch dann spürte sie, wie Carla begann, hauchzart über ihre Haut zu streichen und jeder Widerstand war gebrochen. Nein, sie wollte nicht dass es aufhörte, sie wollte geniessen, einfach nur geniessen. Denken konnte sie nachher wieder. Carlas Hände bereisten im Zeitlupentempo die hügeligen Landschaften von Sabines Körper. Sabine stand still da. In ihr schienen sich Tropenglut und Sturmwind abzuwechseln. Regungslos, mit geschlossenen Augen, liess sie die kleinen Sensationen in ihrem Innern geschehen. Carlas Finger hatten Sabines Lippen erreicht. Zärtlich strichen sie deren Konturen nach. Sabine spürte Carlas Lippen auf den ihren. Nie zuvor hatte sie eine Frau geküsst, nie zuvor hatte sie ein solches Verlangen gespürt. Nie - und doch schien es ihr nun, als habe sie schon seit Jahren darauf gewartet. Es war unvergleichlich! Verrückt, einfach verrückt...! Sanft strich sie über die wunderschöne Linie von Carlas Schlüsselbein, als ein lautes Rufen störte, ..... sie in die Wirklichkeit zurück holte.

„Was ist verrückt, Bienchen? Hey, Schätzchen, ich glaube fast, du bist noch ein wenig im Traumland“.
Lachend setzte sich Klaus zu ihr auf’s Bett. Sabine bemühte sich schnellstens wach zu werden. Bett! Wieso lag sie im Bett? Warum war Klaus plötzlich da und wo war Carla? Sie starrte ihren Mann ungläubig an. Dieser lachte nur amüsiert. Er war zwar noch unrasiert, doch er roch frisch geduscht. Anscheinend war er schon seit einem Weilchen da. Sabine schüttelte den Kopf, als würde sie dann klarer denken können. Dann fasste sich schmerzerfüllt an die Stirn und sank wieder in ihre Kissen. Ihr war ganz schwindlig, hinter ihrer Stirn hämmerte es unbarmherzig.

„Ach Süsses, du siehst fast ein wenig krank aus“, meinte Klaus. Ein schlechtes Gewissen zu haben, war ihm schon immer fremd gewesen. Aber dennoch blickte er sich nun etwas verunsichert im Schlafzimmer um. Drei leere Champagnerflaschen standen da und in einer Ecke lagen ein paar Scherben von einem Glas. Oder von mehreren Gläsern? Schwer zu sagen..

„Du musst ja so einiges getrunken haben gestern. Das sieht dir gar nicht ähnlich. War Carla denn nicht da?“

„Ich glaube...., ich weiss nicht..!“ , stammelte Sabine.
Plötzlich füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. Klaus sah es. Schnell stand er auf und meinte, „mach dir nichts draus, Bienchen. Du hast zwar einen Kater, aber das kommt schon wieder in Ordnung. Das nächste Mal rufe ich Carla selber an, dann kommt sie bestimmt. Sie ist doch ein nettes Mädchen, oder findest du nicht?“

Sabine nickte benommen, „ja, das ist sie..“
Sie lächelte etwas verzerrt. Was war nur mit ihr geschehen?? Wo war Carla? Hatte sie etwa alles nur geträumt? Das konnte doch nicht sein, oder doch?

„Für mich hat sich der Abend jedenfalls gelohnt“, sagte Klaus nun stolz und mit gewohntem Siegeslächeln.

Sabine lächelte zurück und dachte „für mich wohl auch – ja, ganz sicher, lieber Klaus, für mich auch!“
 

Marc Mx

Mitglied
Hallo

"...Zufrieden stand sie am Teich..." Den Anfang finde ich ein wenig zu belanglos. Ich fände es besser, wenn gleich ein Konflikt angekündigt würde... irgendwas, was passieren wird, zumindest eine Andeutung.
Das soll nun nicht heißen, daß ich den Anfang total schlecht finde. Nein, ist es durchaus lesenswert, nur halt etwas zu belangslos: Friede, Freude...
Als ich dann allerdings den Namen „Boisenberg" las, bin ich kichernd vom Stuhl gerutscht! Unbedingt ändern!!!! Sorfort, sofort! Warum, verrate ich nicht. Nur soviel: Der Name ist zu bekannt! "Alle" wissen sofort Bescheit!!!*g*
Ich hätte "es" aber ohne den Namen nicht bemerkt und das ist wieder gut!!!
Tja, insgesamt kann man dieses Geschichtchen durchaus gut lesen. Allerdings ist es nur ein kleines Geschichtchen ohne Konsequenzen. Nur ein Hauch... Als Kurzgeschichte kann ich den Text nicht durchgehen lassen...
Wenn Du einen intensiveren Kommentar wünschst sag Bescheid!
Gut finde ich, daß Du an Deiner Schreibe arbeiten willst, etwas aus Deiner Lust am Schreiben machen willst, das Du Deine Texte umschreiben, verbessern, neuschreiben, korrigieren willst... Ja, das Du das willst, das weiß ich! Warum... wie schon gesagt;
Gruß von einem, der sich nicht für die Boisenbergs entschieden hat!*g*
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. deine geschichte gefällt mir, haste gut geschrieben. liest sich weg wie nichts. zwei fragen: wird "Quentchen" nach der deunen rechtschreibung mit ä geschrieben? und wer sind die boisenburgs? ganz lieb grüßt
 

Donatella

Mitglied
Die Party

Grüss dich Marc MX

Danke fürs Lesen meines Geschichtchens, auch wenn es dich nicht gerade umwirft. Ich bin trotzdem entzückt, nämlich dafür, dass du dir die Zeit dafür genommen hast. Mit deiner Kritik kann ich schon leben.

Wer weiss, vielleicht passt sie einfach zu mir, diese kleine, belanglose Geschichte. Friede, Freude, Eierkuchen... ist doch meine Welt *lach*.

Nein, im Ernst, ich bin ja noch blutjung ;-DD und lernbegierig, also sag mir einfach alles.

Richtig interessant fand ich deine Bemerkungen zu Boisenbergs. Du bist "kichernd vom Stuhl gerutscht?? Alle wissen sofort Bescheid???" Herrjeeeee. Dann sind es alle AUSSER mir! Ich habe keine Ahnung. Echt nicht. Dieses Geschichtchen entstand aus einer Hausaufgabe. Gegeben waren die Liegestühle und der Name Boisenberg stand auch irgendwo. Ich habe ihn nie zuvor gehört (aber jetzt bin ich natürlich neugierig!!). Vielleicht verrätst du mir ja doch noch etwas mehr?

Ein liebes Grüsschen,
Donatella
 

Donatella

Mitglied
An Flammarion

Tausend Dank für deinen Willkommensgruss und die netten Zeilen. Du musst ja eine unglaubliche Vielleserin- und Schreiberin sein..! Wie viele Postings?!? *staun* Ich bin unsagbar beeindruckt. Zu deinen Fragen: ja, das Quäntchen hat das Quentchen eindeutig abgelöst. Sieht merkwürdig aus, ich weiss. Betreffend Boisenbergs müssen wir wohl beide auf Marc MX's Antwort warten. Ich selbst habe nicht den leisesten Schimmer..
Herzlich, Donatella
 

Marc Mx

Mitglied
Die berühmten Boisenbergs

Die Boisenbergs sind ihre Nachbarn. Im Sommer verbringen sie bei gutem Wetter den ganzen Tag in ihren Liegestühlen auf dem gepflegten Rasen vorm Haus. Die Liegestühle stehen immer an derselben Stelle, einer dicht neben dem anderen, so dicht, daß sich die Armlehnen beider Stühle berühren.
 

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