Hans Postor
Mitglied
Fetor Bitumen war ein Pechvogel, der gelegentlich Glück hatte. Das war ihm schon immer seltsam erschienen. Das größte Glück seines Lebens hatte ihn ereilt, als er mit gerade einmal 18 Jahren verkatert zur Tür geschlurft war, und sie fachte in diesem Moment neben ihm den Pechofen an.
Fetor warf das letzte Holzscheit hinein und schloss die metallene Klappe. Natürlich berührte sein Handrücken dabei das Metall, und natürlich ausgerechnet an der Stelle, die sich bereits ordentlich erwärmt hatte.
„Au!“
Resina verspottete ihn nicht. Sie lehnte sich erschöpft an die steinerne Ofenwand. Natürlich ausgerechnet an der Stelle, die sich bereits ordentlich erwärmt hatte.
„Au!“
Er sah ihr in die Augen, zwei schwarze Pünktchen, umflattert von rußigem Haar. Und dann lachten sie beide. Es war ein schöner Moment, bis sie sich fast gleichzeitig verschluckten und jämmerlich hustend nach Luft rangen. Das Pech ließ einen nie lange in Ruhe. Schon gar nicht, wenn es zwei Meter entfernt in einem klebrigen Ofen produziert wurde.
Auf dem Weg in ihre Kate stolperte Fetor über ein vergessenes Holzscheit, und Resina half ihm auf, ohne eine Miene zu verziehen. Nun, sie war dieses Leben schließlich von klein auf gewohnt. Er hingegen hatte es sich bewusst ausgesucht.
Fetor entstammte einer Familie von Gerbern, ein geruchsintensiver, aber geachteter Beruf, auch wenn ihn die meisten mit etwas Abstand achteten. Eines Tages hatte eine junge Frau an ihrer Hintertür gestanden, um Leder abzuholen. Leder, das in der Siedlung der Pechbrenner imprägniert werden sollte für jene, die sich keine teure Imprägnierung mit Tierfett oder Leinöl leisten konnten und lieber ein wenig Pech im Leben akzeptierten, als bei jenem Regen bis auf die Haut durchnässt zu werden. Fetor hatte bis dahin nie groß auf die Pechbrenner geachtet, doch etwas an dieser Frau hatte ihn vom ersten Moment an von den Socken gehauen. Sie war großgewachsen, fast eineinhalb Meter, und hatte sich sofort heftig den Kopf am Türdurchgang gestoßen. Doch Resina hatte nur milde gelächelt, als sei diese Tür nicht ärgerlicher als eine Fliege. Dabei hatte es wirklich schmerzhaft ausgesehen, und sie musste so etwas bestimmt ständig erdulden!
Ein paar heimliche und trotz einiger Verletzungen sehr aufregende Treffen später heiratete er Hals über Kopf Resina, die reizende Pechbrennerin mit dem unverwüstlichen Gemüt. Das war nicht verboten. Es kam nur einfach sehr selten vor, dass jemand derart dämlich war, in den niedersten aller Stände einzuheiraten. Doch der Kopf war damals so ungefähr das letzte Körperteil gewesen, mit dem Fetor gedacht hatte. Er hatte ihren Nachnamen annehmen und in die Pechsiedlung ziehen müssen, und so ziemlich alles hatte darauf hingedeutet, dass sich seine Entscheidung als schwerer Fehler entpuppte. Nach Fetors Einschätzung war dieser Fall bislang nicht eingetreten. Stattdessen hatte ihn die radikale Änderung seiner Lebensumstände ins Grübeln gebracht.
„Wir wissen: Das Glück ist ein begrenztes Gut, und es ist unsichtbar“, überlegte Fetor. „Aber fliegt es durch die Luft wie der Wind? Oder durch das Wasser? Den Boden?“
„Alles davon, glaube ich“, antwortete Resina gelassen. „Auf jeden Fall durch die Luft, sonst hätten unsere Wände keine Wirkung.“
Sie stieß die Tür in ihre bescheidene Ein-Zimmer-Kate auf. Natürlich war das Holz mit Pech abgedichtet. Die Pechbrenner sollten sich schließlich neben all ihren Unfällen nicht auch noch den Schüttelfrost holen, wenn es hereinregnete. Und wertvollen Kalkschlamm durfte man natürlich nicht an diejenigen verschwenden, die ohnehin schon unrettbar vom Pech verfolgt waren. Durch die Nordwand pfiff Luft, es hatten sich erneut Bretter gelöst.
„Also, folgendes wollte ich dir zeigen.“ Vorsichtig zog er die papierne Rolle aus der Pappröhre. Natürlich riss der Rand trotzdem ein bisschen ein.
Resina hatte sich eine Portion Haferschleim mit Gemüse genommen, nahm einen Löffel und verzog das Gesicht.
„Kalt oder angebrannt?“, fragte Fetor mit kundigem Blick.
„Beides.“ Sie musterte die Rolle in seiner Hand. „Ich habe sowieso keinen Hunger. Essen wir später, sonst fällt uns bestimmt alles auf dein Papier.“
Kaum war der Tisch frei, breitete Fetor sein Papier aus, das sich prompt wieder einzurollen versuchte. Es handelte sich um eine Karte der Küstenstadt Bad Mergens und ihrer Umgebung, detaillierter als jede Zeichnung, die Fetor je zuvor gesehen hatte.
„Woher hast du die?“, staunte Resina.
„Mein Bruder hat sie mir beim letzten Mal besorgt. Ich dachte, vielleicht können wir so verstehen, wie es strömt?“
„Strömt? Du meinst wie Wasser?“
„Oder wie der Wind. Ich glaube, es muss so etwas wie natürliche Strömungen geben, auch ohne das Pech.“
„Das ergibt Sinn. Selbst, wenn es sich nicht von Natur aus bewegt – wir bewegen die Pechquellen. Die Fässer, die Stoffe, das frische Pech aus dem Ofen. Wenn es das Glück abstößt, muss auch das Glück in ständiger Bewegung sein.“
„Eben. Und deshalb dachte ich: Was, wenn es eine Strömung gibt, die durch unser Haus verläuft?“
Resiana lachte auf. „Ist das dein Ernst?“
Er war nahe dran, ihr zuzustimmen. Das Leben als Pechvogel war frustrierend.
Wie jeder Pechbrenner spürte er täglich die Auswirkungen des schwarzen, klebrigen Unglücks, mit dem er bei seiner Arbeit in Berührung kam. Das Feuer ging ihm ständig aus, Krüge in seiner Hand fielen zu Boden, und stets zerschellten sie dabei in tausend Scherben – manchmal sogar, wenn sie aus Holz bestanden. Wenn er einen Würfel warf, betrug die Augenzahl im Durchschnitt nicht etwa 3,5, sondern 1,7 – und am Ende dieses Experiments war der Würfel unter den Schrank gerollt und auf ewig verschwunden. Was immer er sich vornahm oder wünschte, die Wahrscheinlichkeit war stets hoch, dass es misslang. In seinem früheren Leben war das Brot manchmal mit der unbestrichenen Seite zu Boden gefallen! Das waren die Augenblicke, die er am meisten vermisste. Neben seiner Familie natürlich.
Und natürlich war es Fetor und Resina in all der Zeit noch nicht gelungen, ein Kind zu zeugen. Das war in Ordnung, Fetor war sich nicht einmal sicher, ob er wirklich eins wollte. Nur wenigen Pechbrennern gelang es, ihr Kind gesund bis ins Erwachsenenalter großzuziehen. Zu viele Dinge konnten in achtzehn Jahren schiefgehen, und Regel Nummer eins des Pechbrennerstandes lautete: Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Die Pechbrenner wären längst ausgestorben, wenn nicht durch die Schuldknechtschaft immer wieder Menschen in den niedersten Stand gezwungen worden wären.
Und doch. Und doch. Anders als andere Pechbrenner waren die Bitumens bislang nie dem Hungertod nah gewesen, ihr Ofen warf trotz gelegentlicher Probleme genug Gewinn ab. Bei seinem schlimmsten Unfall hatte sich Fetor ein Bein gebrochen, und es schmerzte inzwischen nur noch von dienstags und donnerstags. Und er hatte eine wunderbare Frau, mit der er sich auch nach fünf Jahren noch verstand. Es war nicht alles schlecht. Angesichts dieser Widersprüche hatte in Fetor der Wunsch zu keimen begonnen, zu verstehen, wie die Sache mit dem Glück und Pech wirklich funktionierte.
„Du bist doch eine Pechbrennerin der dritten Generation, nicht wahr? In wie vielen Häusern in dieser Brennersiedlung haben drei Kinder hintereinander das Erwachsenenalter erreicht?“
„Fetor, meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben. Mit 17.“
„Trotzdem! Ich meine, es tut mir natürlich furchtbar leid, Liebste“, korrigierte er sich rasch, doch Resina hatte sich bereits wieder über die Karte gebeugt. Sie griff sich an die Stirn und schob eine Pechsträhne aus ihrem Gesicht.
„Du glaubst also, irgendwo gibt es ein großes mit Pech bestrichenes Ding, das ein bisschen Glück in unsere Richtung zurückwirft?“
„So ungefähr.“ Genau genommen hatte er noch gar nicht so konkret gedacht.
„Vielleicht ein anderes Haus der Siedlung?“
Fetor fuhr mit dem Finger die Linie der Siedlung entlang und hinterließ einen schwarzen Rückstand.
„Ich glaube nicht. Die meisten Pechvögel wohnen hier, die Katen bilden einen Bogen, und wir stehen ganz außen am Ende. Das meiste Glück müsste an den langen Seiten der Katen und Öfen abprallen, also hier aufs Meer oder dort in den Wald hineingelangen.“
„Hmm ...“ Resina hatte Feuer gefangen, so viel war klar. „Die Pechhäuser in der Stadt können es auch nicht sein, sie stehen hauptsächlich in diesem Bereich, dann würde das Glück hierlang ...“
Da kam Resina eine Idee.
„Was ist mit dem Hafen?“
Natürlich! Häuser und Stoffe konnte man auch auf andere Weise abdichten, doch für Schiffe hatte noch niemand eine Lösung gefunden.
„Hmm ...“ Auch der Hafen lag weit außerhalb des Stadtkerns. Werftarbeiter und Seemänner standen nur knapp über den Pechbrennern. Das Glück war nur selten mit jenen, die in einer mit Pech bestrichenen Holzschale herumfuhren und dabei unwahrscheinlich oft gegen Riffe und Sandbänke stießen. Wäre die kargen Küstenlande nicht dringend auf den Fisch zur Ernährung des Volkes angewiesen, so hätten sie die Sache mit der Seefahrt vermutlich längst aufgegeben.
„Die Schiffe, die Werkstätten und Werften, da wird eine Menge zurückgeworfen ... lass mal sehen, entweder hier ins offene Meer oder dorthin, nein, das passt nicht.
Sein Blick wanderte über die Karte, die einfachen Arbeiterviertel, die Kaufmannsviertel und schließlich, auf den Berghängen, die ersten Kupfervillen.
Er seufzte. Natürlich war das Ganze nur ein lächerlicher Versuch, ein Zeitvertreib. Wenn er bei all seinen Vorhaben Pech hatte, dann galt das natürlich auch für den Versuch, diese Tatsache zu ändern. Es hatte Pechbrenner-Aufstände gegeben, friedliche und gewaltsame. Meist scheiterten sie schon im Frühstadium, weil ein loyaler Wachmann im falschen Moment auf der Straße einen verräterischen Satz aufschnappte. Wenn nicht, endeten sie katastrophal, etwa der Angriff des Piratenkapitäns Ludwig Pechstein ...
„Die Schiffe. Sina, du bist ein Genie!“
„Was?“ Resina fuhr zusammen und stieß sich schmerzhaft das Knie an der Tischplatte.
„Käpt’n Pechstein!“
„Was?“ Resina rieb sich das Knie.
„Mein Onkel kannte einen Fischer, der hat ihm die Legende erzählt, wie Pechsteins Flotte mitten in der Schlacht auf die Sandbank von Rasura aufgelaufen ist. Die ganze Gegend ist voller Wracks, ungefähr ... hier!“ Fetors Finger bohrte sich in die Karte. „Und seitdem müssen die Fischer jeden Morgen den Bereich großräumig umschiffen. Aber weil auf dieser Seite scharfe Klippen sind, bleibt ihnen nur diese schmale Lücke, um zu den großen Fischschwärmen weiter nördlich zu kommen.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Jeden Morgen segelt eine ganze Flotte Schiffe durch diese Meerenge, und sie drücken damit das Glück in Richtung Land. In diese Richtung kann es nicht, denn da sind die ganzen Wracks, nicht nur von Pechstein, auch viele weitere. Das heißt, es muss nach ...“
Fetor verstummte. Sein Finger folgte der Strömung des Glücks, mitten durch die Stadt, und ihm wurde kalt.
„Das ist doch das Kaufmannsviertel“, meinte Resina. „Fast nur Häuser aus Kalkschlamm im Weg. So ein Zufall. Da hat das Glück wohl Glück.“ Sie schmunzelte über ihren eigenen Witz.
Fetor schmunzelte nicht.
„Das ist kein Zufall.“
„Nicht?“
„Das Kaufmannsviertel ist dort, weil die Fischerflotte das Glück dorthin lenkt. Es hat diejenigen bestimmt, die glückliche Geschäfte machen und es sich leisten können, ihre Häuser mit Kalkschlamm abzudichten, sodass noch mehr Glück hineinkommt. Und der Rest der Stadt ist gezwungen, zumindest sein Dach mit Pech abzudichten, sodass noch weniger Glück ankommt.“
„Du glaubst, diese Strömung hat die Stadt ... geformt?“
„Die schönsten Häuser stehen genau hier, wo der Glücksstrom als erstes ankommt. Und wenn er sich dann allmählich verliert und die Stadt hier hinten verlässt, dann ...“ Sein Finger folgte der Linie weiter. Sie verfehlte die Pechbrennersiedlung knapp, streifte sie nur am Rande.
Ungefähr dort, wo ihr Haus stand.
Einen Monat später schrubbte sich Resina Bitumen gründlich alles Pech von der Haut, um die Siedlung verlassen zu dürfen. Niemand wollte, dass sein Glück von schmutzigen Pechvögeln vertrieben wurde, die frei herumspazieren durften. Das verstand sie. Ärgerlich war nur, dass jeder Pechbrenner die Reinigung selbst bezahlen musste und deshalb nur wenige die Siedlung überhaupt verließen.
Tropfnass kletterte sie aus dem alten Holzzuber und trocknete sich ab. Das Wasser war eisig und hatte doch gutgetan. Sie ließ den mürrischen Blick der verschrumpelten Waschfrau über sich ergehen, die genau hinsah, ob sie auch keine Stelle übersehen hatte. Dann zog sie sich an.
Fetor stand bereits am Ausgang des Männerwaschhauses und kramte sein Papier heraus.
„Familienbesuch?“, fragte Sulfur, ein Wachmann mit einem tiefschwarzen Monstrum von Bart.
„Genau.“
„Sie sind dir nicht mehr böse, dass du zu den Pechvögeln gezogen bist?“
Fetor zuckte seine Achseln.
„Ach, meine Eltern haben mehr als genug Ersatzkinder, auf eins mehr oder weniger kommt es da nicht an.“
Das war sogar die Wahrheit. Böse war nicht der richtige Ausdruck, um das Verhalten der Gerberfamilie Resina gegenüber zu beschreiben. Eher: Vollkommen irritiert.
„Das ergibt Sinn. Dann gute Fahrt.“
Resina trat heran und hob ihr Papier.
„Das Glück ist mit den Würdigen“, verabschiedete sich Sulfur.
„Das Glück ist mit den Würdigen“, wiederholte Fetor und knurrte, kaum dass er außer Hörweite war: „Das Glück ist mit den Glücklichen.“ Das kam der Wahrheit weitaus näher. Wenn jemand bei all seinen Vorhaben Glück hatte, dann galt das natürlich auch für das Ziel, diese Tatsache beizubehalten.
Sulfur war nicht misstrauisch geworden. Kein Wunder: So wie sein Bart aussah, trug er stets eine beträchtliche Menge Pech unter seinem Kinn herum.
Ihre Schritte knirschten die kiesbestreute Straße entlang, Fetor zog seinen Handkarren hinter sich her. Kein Pechbrenner konnte sich einen eigenen Wagen leisten. Als der Weg eine Baumgruppe umrundete, schaute sich Resina um.
Dies war der entscheidende Moment. Wenn sie diesmal Pech hatten, dann war es das.
Niemand war zu sehen. Resina hielt den Atem an und trat über den Rand des Weges. Fetor folgte ihr, mit einem Ruck polterte der Handkarren durch den kleinen Straßengraben.
„Heda! Ihr könnt aber schon sehen, dass der Weg hier entlangführt, oder?“
Der Mann saß auf dem Bock eines einfachen Wagens, allem Anschein nach ein Abnehmer, der das frische Pech am Übergabepunkt im Zaun entgegennehmen wollte. Diesen hier kannte Resina nicht persönlich. Wie hatten sie ihn übersehen können? Nun ja, einfach Pech.
„Wir hörten von Banditen, die auf der Straße lauern, da wollten wir lieber abseits der Straße reisen“, erklärte Resina. Es war nicht die beste, aber die erstbeste Erklärung, die ihr einfiel.
„So? Wenn ihr bei den Pechvögeln einbrechen wollt, kann ich euch sagen, es ist die Mühe nicht wert ...“ Da erst senkte sich sein Blick auf den schwarzen Anstecker an ihrer Kleidung, und er runzelte die Stirn. „Oh, wie ich sehe, seid ihr ja ... was auch immer, dann gute Reise. Das Glück ist mit den Würdigen!“
„Er hat uns kein Wort geglaubt“, stellte Resina fest, und die Enttäuschung machte ihre Schritte schwer.
„Aber das heißt noch nicht, dass er es melden wird.“ Fetor zog den Karren hastig weiter. „Weder er noch die Wache haben eine Ahnung, was wir denn vorhaben könnten. Dafür bräuchte es schon eine gewaltige Dosis Pech. Aber ich glaube, das war nur eine mittlere Dosis. Wir können es schaffen.“
Im Bogen näherten sie sich wieder dem Zaun der Siedlung, an jenem Ende in der Nähe von Fetors Haus. Am Zaun lag ein Haufen mit Holzabfällen, achtlos über den Rand der Siedlung geworfen. Und darauf eine große gewölbte Holzplatte und ein Sack. Fetor griff sogleich nach dem Sack und rutschte auf einem morschen Holzklotz aus, Resina beugte sich vor, streifte den Zaun, zog sich einen Splitter zu und packte die Holzplatte. Und zwar so, dass die nach innen gewölbte Seite zu ihr zeigte.
Sofort flutete Klarheit und Selbstsicherheit ihren Kopf. Gefühle, die einem Pechbrenner normalerweise fremd waren. Es mochte Einbildung sein, eine Schöpfung ihres Kopfes, der von ihrer Idee zu überzeugt war.
War es aber nicht. Sie hatten es oft genug ausprobiert.
Fetor hatte den hinteren Teil im Karren freigeräumt, und Resina legte den Holzschild nieder. Langsam und geschmeidig, sofort in die richtige Position. Und ohne sich einen zweiten Splitter zu holen.
Heiliger Glückspilz, das hier konnte wirklich funktionieren!
Fetor legte den Sack in den Karren, dann kaschierte er das Ganze einigermaßen mit dem Gerümpel, das sie bei sich führten – Stoff- und Holzreste, die sich in der Stadt vielleicht zu Geld machen ließen. Natürlich schaute die große Holzplatte noch immer oben heraus, aber mit etwas Glück würde sich niemand darüber Gedanken machen.
Etwas Glück.
Nun hatten sie endlich etwas davon.
„Gehen wir. Pass auf, dass du nie hinter dem Karren stehst.“
Fetor zog den Karren, der wild über den unebenen Boden polterte. Doch weder kippte er um, noch stieß er gegen einen von ihnen beiden oder wirbelte größere Steine auf, die sie hätten verletzen können.
„Es funktioniert!“, meinte er begeistert.
Resina lief einen Schritt vor ihm und zog sich Handschuhe an. Dann trat sie neben den Karren, griff in den Sack und zog den ersten Brocken heraus. Die Spuren durften nicht zu nah an der Siedlung beginnen, sonst würden sie allzu leicht jemandem auffallen.
„Ja, ich denke, hier können wir anfangen“, nickte Fetor und hielt an.
Resina sprang davon, den Pechklumpen in der Hand, eilte über die unförmigen Buckel aus Moos und kleinen Felsbrocken, die den Ackerbau an der Küste so schwer machten. War es leichtsinnig, so herumzuhüpfen und ihr knappes Glück auf die Probe zu stellen? Oder war es weise, weil sie nicht wusste, wie lange das Glück anhalten würde, das sie im Schatten des Glücksbretts getankt hatte? Sie wusste es nicht, also konnte sie ebenso gut ihrer Aufregung nachgeben.
Schließlich kniete sie nieder und zeichnete eine pechschwarze Linie über den Boden, quer über die Felsbrocken, das Moos und den Stamm einer dicken Kiefer. Es war besser zu sehen als erwartet, blieb hartnäckig auf den unterschiedlichen Oberflächen kleben und schien trotzig zu den Regenwolken emporzustarren, die ihm nichts anhaben konnten. Resina hastete zum Karren zurück, verharrte für einen Moment im Schatten des Glücksschilds und schöpfte Atem. Dann rannte sie in die andere Richtung davon, ähnlich weit, und schmierte eine zweite Linie.
Als sie den Weg fortsetzten, murmelte Fetor: „Verdammich, ich glaube, das könnte wirklich funktionieren.“
„Das hoffe ich doch, dass die ganze Lauferei nicht umsonst ist.“
„Aber Sina, wenn das wirklich klappt – das wäre die erstaunlichste Erfindung seit der Windmühle. Mindestens!“ Er lachte auf. „Und das in der Pechsiedlung von Mergens!“
„Ich wäre nie darauf gekommen, wenn du nicht die ganze Zeit über die Glücksströme nachgedacht hättest“, meinte sie. So funktionierte nun einmal ihre Ehe: Sie hatte seltsame Ideen, durch die Fetor seltsame Ideen hatte, durch die sie dann wiederum ...
„Aber wie kann es sein, dass niemand vorher darauf gekommen ist?“
„Wer denn? Die Glückspilze haben keinen Grund, etwas an ihrer Lage zu ändern, und die Pechvögel haben zwangsläufig Pech schon bei dem Versuch, darüber nachzudenken. Meine Familie ist vielleicht die Einzige seit Jahrhunderten, die beides gleichzeitig ist.“
Resina hatte sich diese Frage auch schon gestellt. Genauso wie vermutlich der Erfinder der Windmühle.
Fetor holte die Karte heraus und prüfte den Kurs.
„Hinter dem Wäldchen dort müssen wir uns leicht rechts halten.“
Resina nickte und holte dann den nächsten Pechklumpen hervor. Sie zeichnete Linie um Linie. Nach zwei Stunden tauschten sie die Rollen und kamen beide zu dem Schluss, dass das Wagenziehen beziehungsweise Herumrennen auch nicht weniger anstrengend war.
Sie begegneten niemandem. Immer wieder drehte Resina den Kopf hierhin und dorthin, und ihre Nervosität wich immer mehr ungläubigem Staunen. Sie beide wurden vom Pech verfolgt.
Und offenbar hatten sie es abgehängt.
Wenn’s einmal läuft, dann läufts, dachte sie – letztlich auch nur eine Abwandlung von Das Glück ist mit den Glücklichen.
Dennoch kamen sie auf diese Weise natürlich derart quälend langsam voran, dass ein Vergleich mit dem Tempo auf der parallelen Straße gar keinen Sinn ergab. Ihre Arme schmerzten. Das war kein Pech, das war unvermeidlich bei dieser Arbeit, sagte sie sich. Die Sonne errötete schamhaft und verzog sich hinter dem Horizont, als endlich hinter einer Anhöhe die Lichter der Stadt aufleuchteten. Und noch weiter rechts funkelten in den Bergen die Villen des Adels, die sich Kupferdächer leisten konnten und Speisekammern, in denen entweder alle Fässer mit Talg abgedichtet waren oder meilenweit außerhalb der Schlösser lagen, in einem versteckten Keller, zu dem man die Diener schickte. Kein Fitzelchen Pech durfte ihrem Palast auch nur auf einen Kilometer nahekommen.
Kein Wunder, dass ihre Dynastien seit Menschengedenken an der Macht sind.
Aber sie denken zu kurz. Sie haben ja keinen Grund, länger zu denken. Es kommt nicht nur auf den Abstand zur nächsten Pechquelle an.
„Jetzt kommt der schwierige Teil“, seufzte Fetor. „Bist du sicher, dass wir es nicht erst einmal dabei belassen sollen?“
Resina schüttelte den Kopf.
„Es ist bereits dunkel, und das Glück ist uns heute hold, es wäre töricht, diese Gelegenheit nicht zu ergreifen.“
Vor der grauen Stadtmauer hielten sich ein paar zusammengezimmerte Hütten mehr schlecht als recht aufrecht. Neben denen wirkte sogar ihre Kate wie eine Kupfervilla. Die waren ganz bestimmt nicht kalkgeschlämmt, und sie konnten den Glücksstrom ganz erheblich zersplittern. Wahrscheinlich brauchten die Bettler darin all das überschüssige Glück der Stadt, damit diese Bretterhaufen überhaupt stehenblieben.
Resina zeichnete, öffnete die Pechlinien langsam zu einem Trichter in Richtung des Kaufmannsviertels, damit er möglichst viel des zerfasernden Glücksstroms auffing. Ihre Hand schmierte die letzten Überreste eines Pechstücks über einen flachen Findling, der fast vollständig im Erdboden versunken war. Ihre Hand schürfte über den rauen Stein, und ihr Handschuh riss auf. Ohweh, hatte ihr Glück nachgelassen? Sie eilte zurück zum Karren, wo Fetor gerade gähnte und seine wunden Glieder streckte ... oh nein.
Er hatte die Deckung des Glücksschilds verlassen. Keiner von ihnen hatte gerade Glück.
„Fetor! Der Schil ...“
Sie verstummte gerade noch nicht mehr rechtzeitig, als eine Gestalt in der Abenddämmerung auf sie zustapfte. Sie trug ebenfalls einen Schild. Und einen großen Speer.
„Heda! Was treibt ihr hier? Ihr wisst schon, dass die Straße da drüben ist?“
Er hielt abrupt an, als er ihre ärmliche Aufmachung erkannte. Die meisten Menschen hielten Abstand zu Pechbrennern. Selbst wenn sie gründlich gewaschen waren, hielt sich der Aberglaube, dass allein ihre Nähe Unglück brachte.
In diesem Fall mochte es stimmen, oder das genaue Gegenteil. Sie war sich gerade selbst nicht sicher.
„Ein Schild?“ Er stand im Glücksstrom der Stadt, näher als sie beide, und so sah er problemlos den schlecht versteckten, schildähnlichen Gegenstand aus ihrem Karren ragen. „Was seid ihr? Söldner? Banditen?“
Er war ein Hüne von einem Mann, mehr als eineinhalb Meter groß.[1]
„Nein, Herr, wir sollten nur diesen Schild reparieren und ihm dem Herrn ...“ Ihr fiel kein Name ein, und so schloss sie den Satz lahm mit: „... bringen.“
Mit ein paar weiteren Sprüngen stand sie wieder vor dem Schild.
„Reparieren? Die Waffenschmiede sind doch alle in der Stadt ansässig.“
Stimmt. Sie hatte schon besser gelogen. Ihr Herz hämmerte so laut, dass es mit dem Lärm alles Glück zu vertreiben schien.
„Es handelt sich um eine Sonderanfertigung“, erklärte sie, als würde das irgendetwas erklären. „Seht nur!“
Zweifellos starrte er sie gerade sehr misstrauisch an. Unter anderem, weil sie sich über den kompletten Karren beugte, um den Glücksschild herauszuziehen, anstatt einfach zur Rückseite zu gehen. Sie zog ganz langsam und verfolgte aus dem Augenwinkel, wie ... ja, er kam näher. Gut. Wachmann war ein wichtiger Beruf, Männer wie er waren das Glück gewohnt, hatten manchmal sogar kalkgeschlämmte Häuser.
Der Wachmann stand kurz vor dem Karren, als sie mit einem Ruck den Schild herauszog, sich dahinter versteckte und zurückwich.
„Erkennt ihr nicht das Wappen?“, fragte ein sichtlich irritierter Fetor hinter ihr, der sich bemühte, mitzuspielen, auch wenn er die Spielregeln nicht kannte.
„Hä? Welches Wappen?“ Er richtete den Speer auf sie. „Legt den Schild nieder und hebt die Hände! Sofort!“
Resina tat nichts davon. Sie tat stattdessen drei andere Dinge. Erstens packte sie Fetor am Arm. Zweitens lief sie ein paar Schritte seitwärts, sodass sie zwischen dem Wachmann und der Stadt standen. Und drittens drehte sie den Schild um.
„Ich hab gesagt, niederlegen! Nicht umdrehen!“
Er stürmte auf sie zu.
Und war dabei von allem Glück der Stadt abgeschirmt. Zwei Schichten Holz trennten ihn davon, und verborgen dazwischen eine Pechschicht, weit dicker aufgetragen als in den Ritzen jedes Hauses und jedes Fasses. Die Wölbung des Schilds teilte den Glücksfluss und schuf eine Insel, auf der ein Soldat soeben im Moos ausrutschte und ...
„Urgh!“
... sich auf seinem eigenen Speer pfählte.
„Oh. Das war etwas drastischer, als ich erwartet hatte.“
„Was hast du denn genau erwartet?“
„Ich weiß es nicht. Ich wusste nur, wir brauchen Glück und er nicht.“
„Naja, gebraucht hätte er es vermutlich schon.“ Fetor sah nachdenklich den Mann an, der im Moos verblutete. Dann schnellte sein Blick herum. In der Ferne glommen Laternen am Stadttor, zweifellos weitere Wachen. Sie hatten trotzdem ungewöhnlich viel Glück gehabt, dass dieser hier allein patrouilliert war und durch einen unwahrscheinlichen Glücksfall niemand den unwahrscheinlichen Glücksfall – oder aus seiner Sicht, unwahrscheinlichen Pechfall – des Soldaten gehört hatte.
„Heiliger Glückspilz! Wir haben einen Mann der Stadtwache ermordet! Was tun wir?“, flüsterte Fetor panisch. „Wenn sie ihn hier finden, mitten im Strom, den wir noch verstärkt haben ... dann haben sie Glück bei den Ermittlungen! Die finden dann auch die Linien! Und unser Haus, sie brauchen ihnen nur zu folgen!“
„Wir könnten ihn wegziehen. Aus dem Strom heraus.“
„Aber dann sehen die doch, dass ihn jemand bewegt hat. Und dass er also offensichtlich kein Trottel war, der auf seinen Speer gefallen ist!“
„Stimmt. Verdammte Pechsträhne aber auch.“
Sollten sie alles aufgeben? Nein. Jetzt stand mehr auf dem Spiel als ihre verbrannten Handflächen und ihr ewig angebranntes Essen.
„Sie werden bestimmt noch heute Nacht nach ihm suchen. Wenn alles dunkel ist.“
„Umso schlimmer!“
„Sie müssen glauben, dass es ein Unfall war, und gar nicht erst an diesen Ort zurückkehren. Oder sich falsch daran erinnern, wo dieser Ort liegt.“
„Und warum sollten sie das tun?“
Resina griff nach dem letzten Pechbrocken und zog in wenigen Metern Abstand einen Kreis um den Toten.
„Weil sie bei den ersten Ermittlungen kolossales Pech haben.“
Tags darauf saßen Resina und Fetor Bitumen in ihrer Kate und genossen zum ersten Mal seit Ewigkeiten genießbares Essen. Himmlisch. Hatte das früher in der Stadt immer so geschmeckt?
Nein. Das hier war besser. Nicht zuletzt aufgrund Resinas Gesichtsausdruck.
„Das ist großartig!“, strahlte sie. Sie hatte stets so gleichmütig auf außergewöhnliches Pech reagiert, aber wie sich herausstellte, verhielt es sich umgekehrt ganz anders. Auf außergewöhnliches Glück reagierte sie außergewöhnlich euphorisch.
„Wir müssen nur alle paar Jahre eine Linie nachziehen, und dann können wir für den Rest unseres Lebens so essen!“ Sie nahm einen weiteren Löffel Haferschleim. „Wir werden wahrscheinlich die bedeutendste Familie der Pechsiedlung. Danke.“ Sie nahm seine Hand.
„Wofür? Es war deine Idee.“
„Danke, dass du an sie geglaubt hast.“
Fetor lächelte. Und war glücklich.
Und doch. Und doch. Er wurde das Gesicht des armen Wachmanns nicht los, wie er röchelnd an seinem eigenen Blut erstickte, das Gesicht entstellt von einer grässlichen Grimasse aus roten Schlieren und Angstschweiß.
Fetor senkte den Blick auf die plötzlich ungemein interessante Tischplatte.
„Wir haben dafür einen Menschen getötet.“
„Ich weiß.“
„Wir ...“ Seine Kehle war trocken. „Können wir diese Erfindung wirklich für uns behalten?“
„Was, willst du unser Geheimnis herausposaunen? Bestimmt finden sie bald ein schönes Wort, um es zu verbieten. Unbefugte Glückskanalisierung oder so was. Außerdem haben wir heimlich Pech aus der Siedlung geschmuggelt, das allein ist schon verboten.“
„Und wenn wir den ganzen Strom für uns behalten, sind wir dann besser als die? Dann halten wir uns doch auch nur an Jeder ist seines Glückes Schmied, Das Glück ist mit den Würdigen und den ganzen Mist. Vielleicht gibt es ja einen Weg, einen Teil davon zu den anderen Katen umzuleiten. Der alte Glomus Gudronis hustet seit Tagen Blut, vielleicht zuerst zu ihm.“
Resina kratzte sich an der Nase. Tja, so funktionierte nun einmal ihre Ehe: Er hatte seltsame Ideen, durch die Resina seltsame Ideen hatte, durch die er dann wiederum ...
„Dadurch laufen wir Gefahr, aufzufliegen.“
Unterdessen griff Fetor in seine Manteltasche und holte einen kleinen, brandneuen Spielwürfel hervor. Es war keine leichte Entscheidung, und er wollte ihr Zeit geben. Also begann er zunächst mit einem neuen Experiment.
Zwanzig Minuten später rief er aufgeregt.
„Resina! 3,3!“
Fetor warf das letzte Holzscheit hinein und schloss die metallene Klappe. Natürlich berührte sein Handrücken dabei das Metall, und natürlich ausgerechnet an der Stelle, die sich bereits ordentlich erwärmt hatte.
„Au!“
Resina verspottete ihn nicht. Sie lehnte sich erschöpft an die steinerne Ofenwand. Natürlich ausgerechnet an der Stelle, die sich bereits ordentlich erwärmt hatte.
„Au!“
Er sah ihr in die Augen, zwei schwarze Pünktchen, umflattert von rußigem Haar. Und dann lachten sie beide. Es war ein schöner Moment, bis sie sich fast gleichzeitig verschluckten und jämmerlich hustend nach Luft rangen. Das Pech ließ einen nie lange in Ruhe. Schon gar nicht, wenn es zwei Meter entfernt in einem klebrigen Ofen produziert wurde.
Auf dem Weg in ihre Kate stolperte Fetor über ein vergessenes Holzscheit, und Resina half ihm auf, ohne eine Miene zu verziehen. Nun, sie war dieses Leben schließlich von klein auf gewohnt. Er hingegen hatte es sich bewusst ausgesucht.
Fetor entstammte einer Familie von Gerbern, ein geruchsintensiver, aber geachteter Beruf, auch wenn ihn die meisten mit etwas Abstand achteten. Eines Tages hatte eine junge Frau an ihrer Hintertür gestanden, um Leder abzuholen. Leder, das in der Siedlung der Pechbrenner imprägniert werden sollte für jene, die sich keine teure Imprägnierung mit Tierfett oder Leinöl leisten konnten und lieber ein wenig Pech im Leben akzeptierten, als bei jenem Regen bis auf die Haut durchnässt zu werden. Fetor hatte bis dahin nie groß auf die Pechbrenner geachtet, doch etwas an dieser Frau hatte ihn vom ersten Moment an von den Socken gehauen. Sie war großgewachsen, fast eineinhalb Meter, und hatte sich sofort heftig den Kopf am Türdurchgang gestoßen. Doch Resina hatte nur milde gelächelt, als sei diese Tür nicht ärgerlicher als eine Fliege. Dabei hatte es wirklich schmerzhaft ausgesehen, und sie musste so etwas bestimmt ständig erdulden!
Ein paar heimliche und trotz einiger Verletzungen sehr aufregende Treffen später heiratete er Hals über Kopf Resina, die reizende Pechbrennerin mit dem unverwüstlichen Gemüt. Das war nicht verboten. Es kam nur einfach sehr selten vor, dass jemand derart dämlich war, in den niedersten aller Stände einzuheiraten. Doch der Kopf war damals so ungefähr das letzte Körperteil gewesen, mit dem Fetor gedacht hatte. Er hatte ihren Nachnamen annehmen und in die Pechsiedlung ziehen müssen, und so ziemlich alles hatte darauf hingedeutet, dass sich seine Entscheidung als schwerer Fehler entpuppte. Nach Fetors Einschätzung war dieser Fall bislang nicht eingetreten. Stattdessen hatte ihn die radikale Änderung seiner Lebensumstände ins Grübeln gebracht.
„Wir wissen: Das Glück ist ein begrenztes Gut, und es ist unsichtbar“, überlegte Fetor. „Aber fliegt es durch die Luft wie der Wind? Oder durch das Wasser? Den Boden?“
„Alles davon, glaube ich“, antwortete Resina gelassen. „Auf jeden Fall durch die Luft, sonst hätten unsere Wände keine Wirkung.“
Sie stieß die Tür in ihre bescheidene Ein-Zimmer-Kate auf. Natürlich war das Holz mit Pech abgedichtet. Die Pechbrenner sollten sich schließlich neben all ihren Unfällen nicht auch noch den Schüttelfrost holen, wenn es hereinregnete. Und wertvollen Kalkschlamm durfte man natürlich nicht an diejenigen verschwenden, die ohnehin schon unrettbar vom Pech verfolgt waren. Durch die Nordwand pfiff Luft, es hatten sich erneut Bretter gelöst.
„Also, folgendes wollte ich dir zeigen.“ Vorsichtig zog er die papierne Rolle aus der Pappröhre. Natürlich riss der Rand trotzdem ein bisschen ein.
Resina hatte sich eine Portion Haferschleim mit Gemüse genommen, nahm einen Löffel und verzog das Gesicht.
„Kalt oder angebrannt?“, fragte Fetor mit kundigem Blick.
„Beides.“ Sie musterte die Rolle in seiner Hand. „Ich habe sowieso keinen Hunger. Essen wir später, sonst fällt uns bestimmt alles auf dein Papier.“
Kaum war der Tisch frei, breitete Fetor sein Papier aus, das sich prompt wieder einzurollen versuchte. Es handelte sich um eine Karte der Küstenstadt Bad Mergens und ihrer Umgebung, detaillierter als jede Zeichnung, die Fetor je zuvor gesehen hatte.
„Woher hast du die?“, staunte Resina.
„Mein Bruder hat sie mir beim letzten Mal besorgt. Ich dachte, vielleicht können wir so verstehen, wie es strömt?“
„Strömt? Du meinst wie Wasser?“
„Oder wie der Wind. Ich glaube, es muss so etwas wie natürliche Strömungen geben, auch ohne das Pech.“
„Das ergibt Sinn. Selbst, wenn es sich nicht von Natur aus bewegt – wir bewegen die Pechquellen. Die Fässer, die Stoffe, das frische Pech aus dem Ofen. Wenn es das Glück abstößt, muss auch das Glück in ständiger Bewegung sein.“
„Eben. Und deshalb dachte ich: Was, wenn es eine Strömung gibt, die durch unser Haus verläuft?“
Resiana lachte auf. „Ist das dein Ernst?“
Er war nahe dran, ihr zuzustimmen. Das Leben als Pechvogel war frustrierend.
Wie jeder Pechbrenner spürte er täglich die Auswirkungen des schwarzen, klebrigen Unglücks, mit dem er bei seiner Arbeit in Berührung kam. Das Feuer ging ihm ständig aus, Krüge in seiner Hand fielen zu Boden, und stets zerschellten sie dabei in tausend Scherben – manchmal sogar, wenn sie aus Holz bestanden. Wenn er einen Würfel warf, betrug die Augenzahl im Durchschnitt nicht etwa 3,5, sondern 1,7 – und am Ende dieses Experiments war der Würfel unter den Schrank gerollt und auf ewig verschwunden. Was immer er sich vornahm oder wünschte, die Wahrscheinlichkeit war stets hoch, dass es misslang. In seinem früheren Leben war das Brot manchmal mit der unbestrichenen Seite zu Boden gefallen! Das waren die Augenblicke, die er am meisten vermisste. Neben seiner Familie natürlich.
Und natürlich war es Fetor und Resina in all der Zeit noch nicht gelungen, ein Kind zu zeugen. Das war in Ordnung, Fetor war sich nicht einmal sicher, ob er wirklich eins wollte. Nur wenigen Pechbrennern gelang es, ihr Kind gesund bis ins Erwachsenenalter großzuziehen. Zu viele Dinge konnten in achtzehn Jahren schiefgehen, und Regel Nummer eins des Pechbrennerstandes lautete: Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Die Pechbrenner wären längst ausgestorben, wenn nicht durch die Schuldknechtschaft immer wieder Menschen in den niedersten Stand gezwungen worden wären.
Und doch. Und doch. Anders als andere Pechbrenner waren die Bitumens bislang nie dem Hungertod nah gewesen, ihr Ofen warf trotz gelegentlicher Probleme genug Gewinn ab. Bei seinem schlimmsten Unfall hatte sich Fetor ein Bein gebrochen, und es schmerzte inzwischen nur noch von dienstags und donnerstags. Und er hatte eine wunderbare Frau, mit der er sich auch nach fünf Jahren noch verstand. Es war nicht alles schlecht. Angesichts dieser Widersprüche hatte in Fetor der Wunsch zu keimen begonnen, zu verstehen, wie die Sache mit dem Glück und Pech wirklich funktionierte.
„Du bist doch eine Pechbrennerin der dritten Generation, nicht wahr? In wie vielen Häusern in dieser Brennersiedlung haben drei Kinder hintereinander das Erwachsenenalter erreicht?“
„Fetor, meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben. Mit 17.“
„Trotzdem! Ich meine, es tut mir natürlich furchtbar leid, Liebste“, korrigierte er sich rasch, doch Resina hatte sich bereits wieder über die Karte gebeugt. Sie griff sich an die Stirn und schob eine Pechsträhne aus ihrem Gesicht.
„Du glaubst also, irgendwo gibt es ein großes mit Pech bestrichenes Ding, das ein bisschen Glück in unsere Richtung zurückwirft?“
„So ungefähr.“ Genau genommen hatte er noch gar nicht so konkret gedacht.
„Vielleicht ein anderes Haus der Siedlung?“
Fetor fuhr mit dem Finger die Linie der Siedlung entlang und hinterließ einen schwarzen Rückstand.
„Ich glaube nicht. Die meisten Pechvögel wohnen hier, die Katen bilden einen Bogen, und wir stehen ganz außen am Ende. Das meiste Glück müsste an den langen Seiten der Katen und Öfen abprallen, also hier aufs Meer oder dort in den Wald hineingelangen.“
„Hmm ...“ Resina hatte Feuer gefangen, so viel war klar. „Die Pechhäuser in der Stadt können es auch nicht sein, sie stehen hauptsächlich in diesem Bereich, dann würde das Glück hierlang ...“
Da kam Resina eine Idee.
„Was ist mit dem Hafen?“
Natürlich! Häuser und Stoffe konnte man auch auf andere Weise abdichten, doch für Schiffe hatte noch niemand eine Lösung gefunden.
„Hmm ...“ Auch der Hafen lag weit außerhalb des Stadtkerns. Werftarbeiter und Seemänner standen nur knapp über den Pechbrennern. Das Glück war nur selten mit jenen, die in einer mit Pech bestrichenen Holzschale herumfuhren und dabei unwahrscheinlich oft gegen Riffe und Sandbänke stießen. Wäre die kargen Küstenlande nicht dringend auf den Fisch zur Ernährung des Volkes angewiesen, so hätten sie die Sache mit der Seefahrt vermutlich längst aufgegeben.
„Die Schiffe, die Werkstätten und Werften, da wird eine Menge zurückgeworfen ... lass mal sehen, entweder hier ins offene Meer oder dorthin, nein, das passt nicht.
Sein Blick wanderte über die Karte, die einfachen Arbeiterviertel, die Kaufmannsviertel und schließlich, auf den Berghängen, die ersten Kupfervillen.
Er seufzte. Natürlich war das Ganze nur ein lächerlicher Versuch, ein Zeitvertreib. Wenn er bei all seinen Vorhaben Pech hatte, dann galt das natürlich auch für den Versuch, diese Tatsache zu ändern. Es hatte Pechbrenner-Aufstände gegeben, friedliche und gewaltsame. Meist scheiterten sie schon im Frühstadium, weil ein loyaler Wachmann im falschen Moment auf der Straße einen verräterischen Satz aufschnappte. Wenn nicht, endeten sie katastrophal, etwa der Angriff des Piratenkapitäns Ludwig Pechstein ...
„Die Schiffe. Sina, du bist ein Genie!“
„Was?“ Resina fuhr zusammen und stieß sich schmerzhaft das Knie an der Tischplatte.
„Käpt’n Pechstein!“
„Was?“ Resina rieb sich das Knie.
„Mein Onkel kannte einen Fischer, der hat ihm die Legende erzählt, wie Pechsteins Flotte mitten in der Schlacht auf die Sandbank von Rasura aufgelaufen ist. Die ganze Gegend ist voller Wracks, ungefähr ... hier!“ Fetors Finger bohrte sich in die Karte. „Und seitdem müssen die Fischer jeden Morgen den Bereich großräumig umschiffen. Aber weil auf dieser Seite scharfe Klippen sind, bleibt ihnen nur diese schmale Lücke, um zu den großen Fischschwärmen weiter nördlich zu kommen.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Jeden Morgen segelt eine ganze Flotte Schiffe durch diese Meerenge, und sie drücken damit das Glück in Richtung Land. In diese Richtung kann es nicht, denn da sind die ganzen Wracks, nicht nur von Pechstein, auch viele weitere. Das heißt, es muss nach ...“
Fetor verstummte. Sein Finger folgte der Strömung des Glücks, mitten durch die Stadt, und ihm wurde kalt.
„Das ist doch das Kaufmannsviertel“, meinte Resina. „Fast nur Häuser aus Kalkschlamm im Weg. So ein Zufall. Da hat das Glück wohl Glück.“ Sie schmunzelte über ihren eigenen Witz.
Fetor schmunzelte nicht.
„Das ist kein Zufall.“
„Nicht?“
„Das Kaufmannsviertel ist dort, weil die Fischerflotte das Glück dorthin lenkt. Es hat diejenigen bestimmt, die glückliche Geschäfte machen und es sich leisten können, ihre Häuser mit Kalkschlamm abzudichten, sodass noch mehr Glück hineinkommt. Und der Rest der Stadt ist gezwungen, zumindest sein Dach mit Pech abzudichten, sodass noch weniger Glück ankommt.“
„Du glaubst, diese Strömung hat die Stadt ... geformt?“
„Die schönsten Häuser stehen genau hier, wo der Glücksstrom als erstes ankommt. Und wenn er sich dann allmählich verliert und die Stadt hier hinten verlässt, dann ...“ Sein Finger folgte der Linie weiter. Sie verfehlte die Pechbrennersiedlung knapp, streifte sie nur am Rande.
Ungefähr dort, wo ihr Haus stand.
Einen Monat später schrubbte sich Resina Bitumen gründlich alles Pech von der Haut, um die Siedlung verlassen zu dürfen. Niemand wollte, dass sein Glück von schmutzigen Pechvögeln vertrieben wurde, die frei herumspazieren durften. Das verstand sie. Ärgerlich war nur, dass jeder Pechbrenner die Reinigung selbst bezahlen musste und deshalb nur wenige die Siedlung überhaupt verließen.
Tropfnass kletterte sie aus dem alten Holzzuber und trocknete sich ab. Das Wasser war eisig und hatte doch gutgetan. Sie ließ den mürrischen Blick der verschrumpelten Waschfrau über sich ergehen, die genau hinsah, ob sie auch keine Stelle übersehen hatte. Dann zog sie sich an.
Fetor stand bereits am Ausgang des Männerwaschhauses und kramte sein Papier heraus.
„Familienbesuch?“, fragte Sulfur, ein Wachmann mit einem tiefschwarzen Monstrum von Bart.
„Genau.“
„Sie sind dir nicht mehr böse, dass du zu den Pechvögeln gezogen bist?“
Fetor zuckte seine Achseln.
„Ach, meine Eltern haben mehr als genug Ersatzkinder, auf eins mehr oder weniger kommt es da nicht an.“
Das war sogar die Wahrheit. Böse war nicht der richtige Ausdruck, um das Verhalten der Gerberfamilie Resina gegenüber zu beschreiben. Eher: Vollkommen irritiert.
„Das ergibt Sinn. Dann gute Fahrt.“
Resina trat heran und hob ihr Papier.
„Das Glück ist mit den Würdigen“, verabschiedete sich Sulfur.
„Das Glück ist mit den Würdigen“, wiederholte Fetor und knurrte, kaum dass er außer Hörweite war: „Das Glück ist mit den Glücklichen.“ Das kam der Wahrheit weitaus näher. Wenn jemand bei all seinen Vorhaben Glück hatte, dann galt das natürlich auch für das Ziel, diese Tatsache beizubehalten.
Sulfur war nicht misstrauisch geworden. Kein Wunder: So wie sein Bart aussah, trug er stets eine beträchtliche Menge Pech unter seinem Kinn herum.
Ihre Schritte knirschten die kiesbestreute Straße entlang, Fetor zog seinen Handkarren hinter sich her. Kein Pechbrenner konnte sich einen eigenen Wagen leisten. Als der Weg eine Baumgruppe umrundete, schaute sich Resina um.
Dies war der entscheidende Moment. Wenn sie diesmal Pech hatten, dann war es das.
Niemand war zu sehen. Resina hielt den Atem an und trat über den Rand des Weges. Fetor folgte ihr, mit einem Ruck polterte der Handkarren durch den kleinen Straßengraben.
„Heda! Ihr könnt aber schon sehen, dass der Weg hier entlangführt, oder?“
Der Mann saß auf dem Bock eines einfachen Wagens, allem Anschein nach ein Abnehmer, der das frische Pech am Übergabepunkt im Zaun entgegennehmen wollte. Diesen hier kannte Resina nicht persönlich. Wie hatten sie ihn übersehen können? Nun ja, einfach Pech.
„Wir hörten von Banditen, die auf der Straße lauern, da wollten wir lieber abseits der Straße reisen“, erklärte Resina. Es war nicht die beste, aber die erstbeste Erklärung, die ihr einfiel.
„So? Wenn ihr bei den Pechvögeln einbrechen wollt, kann ich euch sagen, es ist die Mühe nicht wert ...“ Da erst senkte sich sein Blick auf den schwarzen Anstecker an ihrer Kleidung, und er runzelte die Stirn. „Oh, wie ich sehe, seid ihr ja ... was auch immer, dann gute Reise. Das Glück ist mit den Würdigen!“
„Er hat uns kein Wort geglaubt“, stellte Resina fest, und die Enttäuschung machte ihre Schritte schwer.
„Aber das heißt noch nicht, dass er es melden wird.“ Fetor zog den Karren hastig weiter. „Weder er noch die Wache haben eine Ahnung, was wir denn vorhaben könnten. Dafür bräuchte es schon eine gewaltige Dosis Pech. Aber ich glaube, das war nur eine mittlere Dosis. Wir können es schaffen.“
Im Bogen näherten sie sich wieder dem Zaun der Siedlung, an jenem Ende in der Nähe von Fetors Haus. Am Zaun lag ein Haufen mit Holzabfällen, achtlos über den Rand der Siedlung geworfen. Und darauf eine große gewölbte Holzplatte und ein Sack. Fetor griff sogleich nach dem Sack und rutschte auf einem morschen Holzklotz aus, Resina beugte sich vor, streifte den Zaun, zog sich einen Splitter zu und packte die Holzplatte. Und zwar so, dass die nach innen gewölbte Seite zu ihr zeigte.
Sofort flutete Klarheit und Selbstsicherheit ihren Kopf. Gefühle, die einem Pechbrenner normalerweise fremd waren. Es mochte Einbildung sein, eine Schöpfung ihres Kopfes, der von ihrer Idee zu überzeugt war.
War es aber nicht. Sie hatten es oft genug ausprobiert.
Fetor hatte den hinteren Teil im Karren freigeräumt, und Resina legte den Holzschild nieder. Langsam und geschmeidig, sofort in die richtige Position. Und ohne sich einen zweiten Splitter zu holen.
Heiliger Glückspilz, das hier konnte wirklich funktionieren!
Fetor legte den Sack in den Karren, dann kaschierte er das Ganze einigermaßen mit dem Gerümpel, das sie bei sich führten – Stoff- und Holzreste, die sich in der Stadt vielleicht zu Geld machen ließen. Natürlich schaute die große Holzplatte noch immer oben heraus, aber mit etwas Glück würde sich niemand darüber Gedanken machen.
Etwas Glück.
Nun hatten sie endlich etwas davon.
„Gehen wir. Pass auf, dass du nie hinter dem Karren stehst.“
Fetor zog den Karren, der wild über den unebenen Boden polterte. Doch weder kippte er um, noch stieß er gegen einen von ihnen beiden oder wirbelte größere Steine auf, die sie hätten verletzen können.
„Es funktioniert!“, meinte er begeistert.
Resina lief einen Schritt vor ihm und zog sich Handschuhe an. Dann trat sie neben den Karren, griff in den Sack und zog den ersten Brocken heraus. Die Spuren durften nicht zu nah an der Siedlung beginnen, sonst würden sie allzu leicht jemandem auffallen.
„Ja, ich denke, hier können wir anfangen“, nickte Fetor und hielt an.
Resina sprang davon, den Pechklumpen in der Hand, eilte über die unförmigen Buckel aus Moos und kleinen Felsbrocken, die den Ackerbau an der Küste so schwer machten. War es leichtsinnig, so herumzuhüpfen und ihr knappes Glück auf die Probe zu stellen? Oder war es weise, weil sie nicht wusste, wie lange das Glück anhalten würde, das sie im Schatten des Glücksbretts getankt hatte? Sie wusste es nicht, also konnte sie ebenso gut ihrer Aufregung nachgeben.
Schließlich kniete sie nieder und zeichnete eine pechschwarze Linie über den Boden, quer über die Felsbrocken, das Moos und den Stamm einer dicken Kiefer. Es war besser zu sehen als erwartet, blieb hartnäckig auf den unterschiedlichen Oberflächen kleben und schien trotzig zu den Regenwolken emporzustarren, die ihm nichts anhaben konnten. Resina hastete zum Karren zurück, verharrte für einen Moment im Schatten des Glücksschilds und schöpfte Atem. Dann rannte sie in die andere Richtung davon, ähnlich weit, und schmierte eine zweite Linie.
Als sie den Weg fortsetzten, murmelte Fetor: „Verdammich, ich glaube, das könnte wirklich funktionieren.“
„Das hoffe ich doch, dass die ganze Lauferei nicht umsonst ist.“
„Aber Sina, wenn das wirklich klappt – das wäre die erstaunlichste Erfindung seit der Windmühle. Mindestens!“ Er lachte auf. „Und das in der Pechsiedlung von Mergens!“
„Ich wäre nie darauf gekommen, wenn du nicht die ganze Zeit über die Glücksströme nachgedacht hättest“, meinte sie. So funktionierte nun einmal ihre Ehe: Sie hatte seltsame Ideen, durch die Fetor seltsame Ideen hatte, durch die sie dann wiederum ...
„Aber wie kann es sein, dass niemand vorher darauf gekommen ist?“
„Wer denn? Die Glückspilze haben keinen Grund, etwas an ihrer Lage zu ändern, und die Pechvögel haben zwangsläufig Pech schon bei dem Versuch, darüber nachzudenken. Meine Familie ist vielleicht die Einzige seit Jahrhunderten, die beides gleichzeitig ist.“
Resina hatte sich diese Frage auch schon gestellt. Genauso wie vermutlich der Erfinder der Windmühle.
Fetor holte die Karte heraus und prüfte den Kurs.
„Hinter dem Wäldchen dort müssen wir uns leicht rechts halten.“
Resina nickte und holte dann den nächsten Pechklumpen hervor. Sie zeichnete Linie um Linie. Nach zwei Stunden tauschten sie die Rollen und kamen beide zu dem Schluss, dass das Wagenziehen beziehungsweise Herumrennen auch nicht weniger anstrengend war.
Sie begegneten niemandem. Immer wieder drehte Resina den Kopf hierhin und dorthin, und ihre Nervosität wich immer mehr ungläubigem Staunen. Sie beide wurden vom Pech verfolgt.
Und offenbar hatten sie es abgehängt.
Wenn’s einmal läuft, dann läufts, dachte sie – letztlich auch nur eine Abwandlung von Das Glück ist mit den Glücklichen.
Dennoch kamen sie auf diese Weise natürlich derart quälend langsam voran, dass ein Vergleich mit dem Tempo auf der parallelen Straße gar keinen Sinn ergab. Ihre Arme schmerzten. Das war kein Pech, das war unvermeidlich bei dieser Arbeit, sagte sie sich. Die Sonne errötete schamhaft und verzog sich hinter dem Horizont, als endlich hinter einer Anhöhe die Lichter der Stadt aufleuchteten. Und noch weiter rechts funkelten in den Bergen die Villen des Adels, die sich Kupferdächer leisten konnten und Speisekammern, in denen entweder alle Fässer mit Talg abgedichtet waren oder meilenweit außerhalb der Schlösser lagen, in einem versteckten Keller, zu dem man die Diener schickte. Kein Fitzelchen Pech durfte ihrem Palast auch nur auf einen Kilometer nahekommen.
Kein Wunder, dass ihre Dynastien seit Menschengedenken an der Macht sind.
Aber sie denken zu kurz. Sie haben ja keinen Grund, länger zu denken. Es kommt nicht nur auf den Abstand zur nächsten Pechquelle an.
„Jetzt kommt der schwierige Teil“, seufzte Fetor. „Bist du sicher, dass wir es nicht erst einmal dabei belassen sollen?“
Resina schüttelte den Kopf.
„Es ist bereits dunkel, und das Glück ist uns heute hold, es wäre töricht, diese Gelegenheit nicht zu ergreifen.“
Vor der grauen Stadtmauer hielten sich ein paar zusammengezimmerte Hütten mehr schlecht als recht aufrecht. Neben denen wirkte sogar ihre Kate wie eine Kupfervilla. Die waren ganz bestimmt nicht kalkgeschlämmt, und sie konnten den Glücksstrom ganz erheblich zersplittern. Wahrscheinlich brauchten die Bettler darin all das überschüssige Glück der Stadt, damit diese Bretterhaufen überhaupt stehenblieben.
Resina zeichnete, öffnete die Pechlinien langsam zu einem Trichter in Richtung des Kaufmannsviertels, damit er möglichst viel des zerfasernden Glücksstroms auffing. Ihre Hand schmierte die letzten Überreste eines Pechstücks über einen flachen Findling, der fast vollständig im Erdboden versunken war. Ihre Hand schürfte über den rauen Stein, und ihr Handschuh riss auf. Ohweh, hatte ihr Glück nachgelassen? Sie eilte zurück zum Karren, wo Fetor gerade gähnte und seine wunden Glieder streckte ... oh nein.
Er hatte die Deckung des Glücksschilds verlassen. Keiner von ihnen hatte gerade Glück.
„Fetor! Der Schil ...“
Sie verstummte gerade noch nicht mehr rechtzeitig, als eine Gestalt in der Abenddämmerung auf sie zustapfte. Sie trug ebenfalls einen Schild. Und einen großen Speer.
„Heda! Was treibt ihr hier? Ihr wisst schon, dass die Straße da drüben ist?“
Er hielt abrupt an, als er ihre ärmliche Aufmachung erkannte. Die meisten Menschen hielten Abstand zu Pechbrennern. Selbst wenn sie gründlich gewaschen waren, hielt sich der Aberglaube, dass allein ihre Nähe Unglück brachte.
In diesem Fall mochte es stimmen, oder das genaue Gegenteil. Sie war sich gerade selbst nicht sicher.
„Ein Schild?“ Er stand im Glücksstrom der Stadt, näher als sie beide, und so sah er problemlos den schlecht versteckten, schildähnlichen Gegenstand aus ihrem Karren ragen. „Was seid ihr? Söldner? Banditen?“
Er war ein Hüne von einem Mann, mehr als eineinhalb Meter groß.[1]
„Nein, Herr, wir sollten nur diesen Schild reparieren und ihm dem Herrn ...“ Ihr fiel kein Name ein, und so schloss sie den Satz lahm mit: „... bringen.“
Mit ein paar weiteren Sprüngen stand sie wieder vor dem Schild.
„Reparieren? Die Waffenschmiede sind doch alle in der Stadt ansässig.“
Stimmt. Sie hatte schon besser gelogen. Ihr Herz hämmerte so laut, dass es mit dem Lärm alles Glück zu vertreiben schien.
„Es handelt sich um eine Sonderanfertigung“, erklärte sie, als würde das irgendetwas erklären. „Seht nur!“
Zweifellos starrte er sie gerade sehr misstrauisch an. Unter anderem, weil sie sich über den kompletten Karren beugte, um den Glücksschild herauszuziehen, anstatt einfach zur Rückseite zu gehen. Sie zog ganz langsam und verfolgte aus dem Augenwinkel, wie ... ja, er kam näher. Gut. Wachmann war ein wichtiger Beruf, Männer wie er waren das Glück gewohnt, hatten manchmal sogar kalkgeschlämmte Häuser.
Der Wachmann stand kurz vor dem Karren, als sie mit einem Ruck den Schild herauszog, sich dahinter versteckte und zurückwich.
„Erkennt ihr nicht das Wappen?“, fragte ein sichtlich irritierter Fetor hinter ihr, der sich bemühte, mitzuspielen, auch wenn er die Spielregeln nicht kannte.
„Hä? Welches Wappen?“ Er richtete den Speer auf sie. „Legt den Schild nieder und hebt die Hände! Sofort!“
Resina tat nichts davon. Sie tat stattdessen drei andere Dinge. Erstens packte sie Fetor am Arm. Zweitens lief sie ein paar Schritte seitwärts, sodass sie zwischen dem Wachmann und der Stadt standen. Und drittens drehte sie den Schild um.
„Ich hab gesagt, niederlegen! Nicht umdrehen!“
Er stürmte auf sie zu.
Und war dabei von allem Glück der Stadt abgeschirmt. Zwei Schichten Holz trennten ihn davon, und verborgen dazwischen eine Pechschicht, weit dicker aufgetragen als in den Ritzen jedes Hauses und jedes Fasses. Die Wölbung des Schilds teilte den Glücksfluss und schuf eine Insel, auf der ein Soldat soeben im Moos ausrutschte und ...
„Urgh!“
... sich auf seinem eigenen Speer pfählte.
„Oh. Das war etwas drastischer, als ich erwartet hatte.“
„Was hast du denn genau erwartet?“
„Ich weiß es nicht. Ich wusste nur, wir brauchen Glück und er nicht.“
„Naja, gebraucht hätte er es vermutlich schon.“ Fetor sah nachdenklich den Mann an, der im Moos verblutete. Dann schnellte sein Blick herum. In der Ferne glommen Laternen am Stadttor, zweifellos weitere Wachen. Sie hatten trotzdem ungewöhnlich viel Glück gehabt, dass dieser hier allein patrouilliert war und durch einen unwahrscheinlichen Glücksfall niemand den unwahrscheinlichen Glücksfall – oder aus seiner Sicht, unwahrscheinlichen Pechfall – des Soldaten gehört hatte.
„Heiliger Glückspilz! Wir haben einen Mann der Stadtwache ermordet! Was tun wir?“, flüsterte Fetor panisch. „Wenn sie ihn hier finden, mitten im Strom, den wir noch verstärkt haben ... dann haben sie Glück bei den Ermittlungen! Die finden dann auch die Linien! Und unser Haus, sie brauchen ihnen nur zu folgen!“
„Wir könnten ihn wegziehen. Aus dem Strom heraus.“
„Aber dann sehen die doch, dass ihn jemand bewegt hat. Und dass er also offensichtlich kein Trottel war, der auf seinen Speer gefallen ist!“
„Stimmt. Verdammte Pechsträhne aber auch.“
Sollten sie alles aufgeben? Nein. Jetzt stand mehr auf dem Spiel als ihre verbrannten Handflächen und ihr ewig angebranntes Essen.
„Sie werden bestimmt noch heute Nacht nach ihm suchen. Wenn alles dunkel ist.“
„Umso schlimmer!“
„Sie müssen glauben, dass es ein Unfall war, und gar nicht erst an diesen Ort zurückkehren. Oder sich falsch daran erinnern, wo dieser Ort liegt.“
„Und warum sollten sie das tun?“
Resina griff nach dem letzten Pechbrocken und zog in wenigen Metern Abstand einen Kreis um den Toten.
„Weil sie bei den ersten Ermittlungen kolossales Pech haben.“
Tags darauf saßen Resina und Fetor Bitumen in ihrer Kate und genossen zum ersten Mal seit Ewigkeiten genießbares Essen. Himmlisch. Hatte das früher in der Stadt immer so geschmeckt?
Nein. Das hier war besser. Nicht zuletzt aufgrund Resinas Gesichtsausdruck.
„Das ist großartig!“, strahlte sie. Sie hatte stets so gleichmütig auf außergewöhnliches Pech reagiert, aber wie sich herausstellte, verhielt es sich umgekehrt ganz anders. Auf außergewöhnliches Glück reagierte sie außergewöhnlich euphorisch.
„Wir müssen nur alle paar Jahre eine Linie nachziehen, und dann können wir für den Rest unseres Lebens so essen!“ Sie nahm einen weiteren Löffel Haferschleim. „Wir werden wahrscheinlich die bedeutendste Familie der Pechsiedlung. Danke.“ Sie nahm seine Hand.
„Wofür? Es war deine Idee.“
„Danke, dass du an sie geglaubt hast.“
Fetor lächelte. Und war glücklich.
Und doch. Und doch. Er wurde das Gesicht des armen Wachmanns nicht los, wie er röchelnd an seinem eigenen Blut erstickte, das Gesicht entstellt von einer grässlichen Grimasse aus roten Schlieren und Angstschweiß.
Fetor senkte den Blick auf die plötzlich ungemein interessante Tischplatte.
„Wir haben dafür einen Menschen getötet.“
„Ich weiß.“
„Wir ...“ Seine Kehle war trocken. „Können wir diese Erfindung wirklich für uns behalten?“
„Was, willst du unser Geheimnis herausposaunen? Bestimmt finden sie bald ein schönes Wort, um es zu verbieten. Unbefugte Glückskanalisierung oder so was. Außerdem haben wir heimlich Pech aus der Siedlung geschmuggelt, das allein ist schon verboten.“
„Und wenn wir den ganzen Strom für uns behalten, sind wir dann besser als die? Dann halten wir uns doch auch nur an Jeder ist seines Glückes Schmied, Das Glück ist mit den Würdigen und den ganzen Mist. Vielleicht gibt es ja einen Weg, einen Teil davon zu den anderen Katen umzuleiten. Der alte Glomus Gudronis hustet seit Tagen Blut, vielleicht zuerst zu ihm.“
Resina kratzte sich an der Nase. Tja, so funktionierte nun einmal ihre Ehe: Er hatte seltsame Ideen, durch die Resina seltsame Ideen hatte, durch die er dann wiederum ...
„Dadurch laufen wir Gefahr, aufzufliegen.“
Unterdessen griff Fetor in seine Manteltasche und holte einen kleinen, brandneuen Spielwürfel hervor. Es war keine leichte Entscheidung, und er wollte ihr Zeit geben. Also begann er zunächst mit einem neuen Experiment.
Zwanzig Minuten später rief er aufgeregt.
„Resina! 3,3!“
[1] Die Bewohner der Insel Dissimula bezeichnen sich selbst mit einem Wort, das sich sinngemäß am besten als Mensch übersetzen lässt, auch wenn sie im Schnitt nur 1,3 Meter hoch sind und über ihrem Nasenbein seltsame dreieckige Riffel eingewachsen sind, dessen Zweck niemand je herausgefunden hat. Bislang ist es noch keinem dissimulanischen Seefahrer gelungen, den weiten Weg zu segeln, der nötig wäre, um die eigene Größe mit den Bewohnern anderer Kontinente zu vergleichen. Ein Verkehrsmittel, das ganz und gar mit Pech bestrichen werden muss, hat früher oder später Pech.