Die PlayStation bleibt, wo sie ist!

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Nennen wir ihn >Jemand<.
Jemand hat gesagt: „Eine PlayStation für zehn Euro, wie super ist das denn?!“ und dann sind wir zu dieser Adresse gefahren, die Jemand aus dem Internet hat. Ich soll mitfahren, hat Jemand gesagt, weil hinterher können wir noch bei Rainer vorbeischauen, der wohnt ganz in der Nähe und freut sich über Besuch.
Mir war gleich klar, dass es unangenehm werden kann, aber Jemand wollte nicht hören.
„So ist die Welt nun mal“, hat Jemand gesagt, achselzuckend und in freudiger Erwartung einer fast geschenkten PlayStation fünf. Mickrige zehn Euro Startgebot, das ist doch gar nichts. Der Neupreis für so eine Spielekonsole liegt schon mal bei sechshundert Euro, wie Jemand weiß.

Jemand hat eine Adresse und einen Namen. Beim Haus Nummer neunzehn drückt Jemand auf das Klingelschild, auf dem >Müller< steht. Also ja, nennen wir sie >Frau Müller<.
Frau Müller macht nicht auf.
Jemand sieht auf die Uhr.
„Okay, es ist noch ein bisschen zu früh. Im Internet steht was von acht Uhr und jetzt ist es erst zehn vor…“, murmelt Jemand vor sich hin. Jemand weiß auch nicht so recht, wie das im Detail ablaufen soll.
Wir stehen in der Morgensonne und warten. Ob wir die einzigen Interessenten sind? Jemand fragt sich. Ein anderer Typ mit Baseballkappe steht auch noch da, ein bisschen im Abseits.
Um fünf vor Acht kommt eine resolute kleine Frau mit Klemmbrett. Sie trägt helle Jeans, weiße Sneakers, ein pinkfarbenes T-Shirt und ist keine dreißig Jahre alt. Sie schaut nicht aus wie eine Gerichtsvollzieherin, aber sie ist es. Sie geht auf den Typ mit Basecap zu wie auf einen alten Bekannten, dann gibt sie auch uns die Hand und stellt sich namentlich vor.
„Ist das Ihr erstes Mal?“, fragt sie uns und Jemand sagt: „Ja“, weil es wahr ist.
Der Typ mit dem Cappy gesellt sich jetzt auch zu uns. Für ihn ist es nicht das erste Mal. Er macht das schon seit zwanzig Jahren, erzählt er freimütig. Auch er will die PlayStation haben.
Nach diesem Termin geht es noch an einer anderen Adresse weiter, erklärt die Gerichtsvollzieherin. Dort wird dann über einen gepfändeten BMW und ein paar nigelnagelneue iPhones verhandelt. Ob wir Interesse hätten?
Jemand sagt: „Nein“ und dass er nur an der PlayStation interessiert ist.
Ich sage nur wenig und mache deutlich, dass ich bloß die Begleitung von Jemand bin.
„Sind bei der PlayStation auch Spiele dabei?“, will Jemand von der Gerichtsvollzieherin wissen.
„Kann sein“, antwortet diese. Sie befürchtet allerdings, dass Frau Müller nicht sehr kooperativ sein wird. „Kann sein, dass sie mir die Playstation nachschmeißt“, sagt die Frau vom Gericht. Lachend. Sie hat keine Angst, nicht wirklich. Die Frau vom Gericht und Frau Müller kennen sich. Die beiden Frauen hatten schon öfter miteinander zu tun.
„Aber leider, Frau Müller verhält sich meistens nicht kooperativ“, wiederholt die Gerichtsvollzieherin und ich mache mich auf schlimme Szenen gefasst.
Jemand sagt: „Normalerweise muss ich um diese Zeit arbeiten, nur heute habe ich ausnahmsweise frei und Zeit für den Termin.“
Damit macht er klar, dass er ein Jemand ist, der weiß, was man am Montagmorgen zu tun hat, nämlich pflichtschuldig zur Arbeit zu gehen. Ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, welches sich nicht fürchten muss, dass der Exekutor an seine Tür klopft.
Die Gerichtsvollzieherin nickt anerkennend und sagt: „Ja, klar, normalerweise muss man um diese Zeit arbeiten.“
Die Frau vom Gericht tut hier auch nur ihre Arbeit.
Punktgenau um acht Uhr gehen wir hinein. Die Gerichtsvollzieherin hat einen Haustürschlüssel, der uns schon mal den Zutritt zum Stiegenhaus verschafft.

Es gibt keinen Lift, wir müssen Treppen steigen. Die Gerichtsvollzieherin im pinken T-Shirt geht voran, dahinter der Kapperl-Typ, der sich seit zwanzig Jahren an Zwangsversteigerungen bereichert, dann kommt Jemand. Ich trotte als Schlusslicht hintennach.
Bis in den dritten Stock hinauf müssen wir steigen, Jemand schnauft schon. Im Halbstock zwischen der zweiten und dritten Etage bleiben wir Interessenten am Fenster stehen, nur das pinke T-Shirt geht ganz hinauf zur Tür von Frau Müller.
Die Frau Exekutor tippt etwas in ihr Handy, das sie neben einem Ausweis an einer Kette um den Hals hängen hat, dann klopft sie an die Tür von Frau Müller. Was sage ich: Sie hämmert! Mit Fäusten. Und nochmal.
Frau Müller rührt sich nicht.
Der Typ, der seit zwanzig Jahren mit dabei ist, erzählt uns von dem einem Mal, als die da drinnen auch nicht aufmachen wollten. Da hat man dann den Schlosser geholt. Der Schlosser hat die Tür entriegelt und man ist reingegangen. Die Familie hat erschrocken auf der Couch gesessen und ziemlich blöd aus der Wäsche geschaut. Der Typ lacht. Dann haben sie den Schlosser auch noch zahlen müssen, das heißt, am Ende hat man ihnen nur noch mehr unterm Hintern weggepfändet. Jemand lacht ebenfalls.
„Aber das mit dem Schlosser darf man heute nicht mehr machen, so vom Gesetz her“, sagt der Mann mit dem Basecap hintennach und Jemand findet das offenkundig schade.
Wieder hämmert die Gerichtsvollzieherin an die Tür, läutet Sturm.
Nichts.
Ich stelle mir vor, wie Frau Müller auf der anderen Seite der Tür ihre PlayStation festhält. Vielleicht hat sie das Teil in der Wohnung versteckt und wir müssen suchen. Vielleicht wird man es ihr unter Wehgeschrei entreißen müssen. Vielleicht hält sie sich da drin grad verzweifelt die Ohren zu und will so tun, als wäre nix. Vielleicht schmeißt sie die PlayStation auch lieber aus dem Fenster als dass sie sie uns geben mag.
Die Gerichtsvollzieherin gibt nicht auf, nicht so schnell. Bumm-bumm, klingeling. Aber sie sagt nichts. Sie sagt nicht, wer da vor der Tür steht oder ruft den Namen von Frau Müller laut im Stiegenhaus und dass sie gefälligst aufmachen soll. Ich glaube, das darf sie nicht. Wenn sie es dürfte, würde sie es tun, da bin ich mir sicher. Vermutlich darf sie uns auch nicht sagen, was Frau Müller verbrochen hat, dass man ihr die PlayStation wegnehmen muss, jedenfalls sagt sie auch das nicht.
Frau Müller bleibt ein Geheimnis und unsichtbar.
Hinter der weißen Tür Nummer zwölf wohnt sie. Dort schläft sie, dort ist ihr Bett. Ein Tisch, eine Küche, ein Badezimmer und was man ihr sonst noch gelassen hat. Die PlayStation will sie nicht rausrücken, nicht heute. Ich frage mich, wie ihr Privates ausschaut, also ob sie es sauber und ordentlich hat – oder anders. Vielleicht hat Frau Müller noch mehr schöne Sachen?
Vielleicht ist Frau Müller auch gar nicht zu Hause. Freilich weiß sie, wer an diesem Montag kommen wird, sie ist ja vorab informiert worden über den öffentlichen Termin. Vielleicht ist Frau Müller absichtlich weggegangen, um die Frau im pinken T-Shirt nicht sehen zu müssen. Man kennt sich ja. Vielleicht hat sie die PlayStation längst aus dem Haus geschafft.
Ich könnte das verstehen, aber die Frau vom Gericht ganz sicher nicht. Sie findet das Verhalten der Person hinter der Tür Nummer zwölf im Haus Nummer neunzehn um acht Uhr fünf einfach nur unkooperativ und wird das auch gewiss so vermerken. Ganz sicherlich wird auch dieses Verhalten von Frau Müller abgestraft werden, aber für den Moment kann man nichts machen.
Frau Müller bleibt stur.
„Da kann man nichts machen“, erklärt die Gerichtsvollzieherin den Termin schließlich für beendet.
Wir gehen die Treppen wieder hinunter. Jetzt gehe ich voran, gefolgt von Jemand und den anderen beiden. Ich bin froh, als wir wieder draußen sind.

Jemand ist enttäuscht. Er hatte sich so auf die PlayStation gefreut. Bis auf hundert Euro hätte er mitgeboten gegen den anderen Typ.
Aber so ist das bei diesen Terminen, erklärt uns die Gerichtsvollzieherin. Man weiß nie, was kommt. Hier gibt es heute jedenfalls keine Auktion, keine Beschlagnahme. Die PlayStation bleibt, wo sie ist.
Noch einmal weist uns die Frau vom Gericht auf den anderen Termin hin, der gleich im Anschluss stattfinden soll. Sie nennt uns die Adresse. Und morgen kommen wieder andere Dinge unter den Hammer, vielleicht wäre ja was für uns dabei?
Die Frau vom Gericht sagt, es hat sie gefreut, dass wir gekommen sind. Es ist gut, wenn es mehrere Interessenten gibt.
„Normalerweise kommen immer die gleichen Leute zu den Terminen und man kennt sich schon“, meint sie mit Blick auf den Typ, der das seit zwanzig Jahren hauptberuflich macht.
„Normalerweise muss ich um diese Zeit ja arbeiten“, wiederholt sich Jemand. Nur heute hätte Jemand ausnahmsweise frei.
„Und der BMW reizt Sie gar nicht? Ist nicht weit von hier!“, versucht uns das pinke T-Shirt zu locken.
Jemand betont, dass er kein zusätzliches Auto braucht, er hat schon drei. Er hat schon drei Autos und einen Job und keine Angst, dass vielleicht der Kuckuck auf seine Sachen draufkommt.
Der andere Typ ist beeindruckt und die Frau vom Gericht ebenso. Ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft finden sich gegenseitig ganz toll und maximal kooperativ in jeder Hinsicht.
„Vielleicht sehen wir uns ja demnächst wieder?“ sagt die Gerichtsvollzieherin zum Abschied.
Ich lächle, während ich ihr die Hand gebe, aber ich denke im Stillen: „Hoffentlich auf der richtigen Seite der Tür!“

Wie wir so vorm Haus Nummer neunzehn rumstehen und uns verabschieden, frage ich mich, ob Frau Müller hinter der Tür Nummer zwölf grade aufatmet. Vielleicht schaut sie auch aus dem Fenster auf uns herab. Vielleicht wird sie uns die PlayStation doch noch nachschmeißen, von oben, vom dritten Stock auf unsere Köpfe drauf, während wir hier unten über Termine reden und über Schnäppchen, die man machen kann, wenn man schlau und ausgefuchst ist und keine Skrupel hat, anderen Leuten ihr letztes Hab und Gut aus den Händen zu reißen.
„Es wird schon alles einen Grund und seine Ordnung haben“, sagt Jemand später. Frau Müller wird sich schon was Arges zuschulden kommen lassen und das alles verdient haben, meint er.
Wir besuchen Rainer und frühstücken. Wir haben Croissants mitgebracht und resche Semmeln vom Biobäcker.
„Aber nicht, dass du mir wieder eine deiner Geschichten schreibst!“, droht mir Jemand, während er am Kaffeehäferl nippt und anfängt, ein bisschen nachzudenken.
 



 
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