Die Quadratur des Kreises

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DIE QUADRATUR DES KREISES

Erinnerst du dich der kleinsten Torheit nicht,
in welche dich die Liebe je gestürzt,
so hast du nicht geliebt!
Wie es euch gefällt, W. SHAKESPEARE


1

Diese Geschichte handelt von Liebe – darauf beharre ich und dazu stehe ich auch! –, aber es ist keine Liebesgeschichte. Ich verstehe (nach wie vor) nicht viel davon. Hab auch noch nie eine geschrieben, die irgendein Leser (und schon gar keine Leserin) als glaubwürdig oder wenigstens ergreifend bezeichnet hätte.
Sie werden im weiteren Verlauf vielleicht glauben mögen, die nachfolgende Geschichte schon irgendwo einmal gehört (bzw. gelesen) zu haben.
Nun kennen wir alle eine Menge Geschichten, fröhliche wie traurige, lehrhafte wie oberflächliche, sieg- wie verlustreiche, doch wie viele davon – Hand aufs Herz – würden wir ohne zu zögern reine, echte Liebesgeschichten nennen? Meist sehen wir in ihnen vorrangig Schilderungen günstiger, unerwarteter, aufregender Gelegenheiten, schlimmstenfalls schmerzhafte, wiewohl gleichermaßen unbekümmerte Episoden eitler Leidenschaft; ferne Erinnerungen an Jugend, Sehnsucht und Verlangen, letztendlich zum Vergessen bestimmt, mögen sie auch zeitweise von aufrichtiger Zärtlichkeit, Erkenntnis und sogar Reue durchdrungen gewesen sein.
Außerdem (und genau genommen) weiß ich so gut wie nichts über Liebe, abgesehen von dem, was so geredet wird. Ich besitze einen Koffer voller Liebesgedichte- und Lieder, dazu drei oder vier Telefonnummern und E-Mailadressen, und vor einiger Zeit hat Laura eine linke, weiße Socke (von jener lächerlichen Art, die knapp unterhalb des Knöchels endet) bei mir liegenlassen, an der Sohle ein wenig grau und fadenscheinig. Eine linke Socke erkennt man an der Art der Ausbuchtung der Zehen, die sich nach rechts oben vergrößert, im Gegensatz zur rechten Socke, wo es umgekehrt ist. Ich habe ihr, Laura, gleich zu Anfang erklärt, dass ich weiße Socken (besonders jener Art) verabscheue, noch bevor ich ihr, als Beschwichtigung und Köder gleichermaßen, eine Schwäche für fliederfarbige Büstenhalter gestand. Seitdem trägt sie nur noch weiße Socken, Gott weiß warum, auch des Nachts im Bett. In einer jener billigen TV-Zeitschriften, die es gleichermaßen Rätsel- wie Tierfreunden, Freizeitsportlern, Vegetariern und modebewussten Hausfrauen recht machen wollen, war zu lesen, sie trage sie ausschließlich und überall, sogar beim Ställe ausmisten, was sie zwei- bis dreimal die Woche ehrenamtlich macht. Ich mache mir nichts aus Tieren und Landwirtschaft, und ansonsten ist sie meist anderweitig beschäftigt, sodass wir uns selten sehen. Ich weiß nicht recht, was sie des Weiteren so treibt, beruflich und überhaupt, außer dass sie beim Fernsehen ist und hin und wieder über sie geschrieben wird, soviel hat sie mir erzählt, aber ansonsten erzählt sie so gut wie nichts, nur was sie für unwichtig hält, und das ist meist erfunden.
Die weißen Socken haben mir eine Zeitlang sehr zugesetzt. So bin ich nun mal, nehme nichts auf die leichte Schulter. Einen Büstenhalter hat sie nie getragen, soweit ich sagen kann. Manchmal durfte ich nachsehen, wenn sie gut aufgelegt war, so an die vier, fünf Mal im Quartal, jedoch nur kurz. Das ist so in etwa das, was ich über Liebe weiß. Nicht genug? Man wird sehen. Jedenfalls wurde mir von angeblich kundiger – wenn auch nicht durchweg wohlmeinender – Seite versichert, es reiche aus für eine Geschichte; unter Umständen, auf die man aber nicht näher eingehen wollte, sogar für eine Novelle; aber ich verstehe auch (nach wie vor) nicht viel von Novellen.
Man sollte wohl zuerst einmal eine schreiben.

2
Ich lebe in einem kleinen Ort, gleich links hinter dem Gebirge.
Den Ort kann man schon von weitem sehen, der fünf Türme wegen. Zwei davon gehören zu den beiden angesehenen, anerkannten Kirchen des Orts; zwei sind als Ersatz gedacht, sollte einmal eine neue Kirche gewünscht (beziehungsweise benötigt) werden. Der fünfte Turm – eine Art Minarett – genießt nur geringes Ansehen, ist dafür aber der höchste. Anfangs war das Minarett eine ständige Quelle des Unmuts der angesehenen Bürger, wohl auch, weil es das höchste Gebäude im Ort ist und dies nicht als angemessen erachtet wurde. Es ist ein wirklich kleiner Ort.
Ich selbst mag das Minarett aus anderen Gründen nicht.
Vor Jahren, als ich noch der Freiwilligen Feuerwehr angehörte, musste das brennende Minarett gelöscht werden. (Derartiges – also ein Brand – geschieht unter den vorliegenden Umständen schnell hier im Ort, will heißen, dass solch eine Art von Gebäude eben ganz zufällig Feuer fängt.) Man schickte mich als Ersten die Feuerwehrleiter hinauf, und ich habe mich, da ich nicht schwindelfrei bin, noch auf halber Strecke dem Hauptmann, der unten im Schutz seiner Autorität an der Leiter stand – um sie festzuhalten, was weiß ich –, auf die Uniform erbrochen, was dadurch erleichtert wurde, dass er, entgegen der Vorschriften, keinen Schutzhelm trug. Ich habe dies, im Gegensatz zu den nachfolgenden lautstarken, öffentlichen Spekulationen, nicht mit Absicht getan. Gleich als ich meinen Dienst angetreten habe, hatte ich darauf hingewiesen, dass mir in der Höhe rasch schlecht wird. Daraufhin wurde mir leichthin versichert, dies wäre nicht weiter von Belang, da, bis man an einer Brandstelle einträfe, der obere, höhere Teil zumeist schon abgebrannt sei, sodass es nur selten nötig sein würde, mit der Leiter in größere Höhen zu steigen. Doch nun brannte das Minarett; ich stand irgendwo im oberen Drittel der Leiter, und mein Erbrochenes lief dem Hauptmann an Gesicht und Uniform herab.
Warum ich der Feuerwehr überhaupt beigetreten bin, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Hingegen weiß ich noch sehr genau, dass wir es nicht gerade eilig hatten, das Minarett zu löschen. Aber dann kam ein Ü-Wagen irgendeines regionalen TV-Senders hinzu, und wir mussten richtig ran, weil die regionalen Sender hier bei uns alles sehr ernst nehmen und immer ein großes Tamtam veranstalten. Ich glaube, der Stellvertreter vom Schwager vom Bürgermeister (oder so ähnlich) war auch anwesend, aber es ist doch schon einige Zeit her und diese Leute sind leicht zu verwechseln. Laura beschied mir später, sie hätte sich ernsthafte Sorgen um mich gemacht, wie ich da auf der Leiter stand, wusste sie doch um meine Höhenangst; dennoch – was mich kaum überraschte – hatte sie lachen müssen, als es den Hauptmann traf, und sie habe zufällig die ganze Show aufgezeichnet, aus einem unbestimmten – sicherlich berufsbedingten – Reflex heraus, wie sie mir schwor. Übrigens hätte der Kameramann sein Geschäft verstanden: Die Kamera zoomte sehr schön zwischen mir und dem Hauptmann hin und her, als die Kotze fiel. Später habe man es branchenüblich aufbereitet: Schnitt auf das Gesicht des Hauptmanns, bisschen Kotze, Schnitt auf mich, Gesicht Hauptmann, noch ein bisschen Kotze, und so fort. Ich kann mich nicht erinnern, so viel gekotzt zu haben, woraufhin Laura erklärte, dass dies eine Frage der Kameraeinstellung, Bildachse, Belichtung, Hintergrund und so wäre, alles reine Routine; dies sei im Übrigen so üblich und mache sich gut. Wie gesagt, Laura ist sozusagen vom Fach und muss es wissen.
Ich bin danach nur noch kurze Zeit bei der Feuerwehr geblieben; ich dachte mir, unbekümmert und ehrgeizig wie ich war, vielleicht ergibt sich etwas mit dem Fernsehen oder so.

3
Jedoch hatte die Sache mit dem Minarett noch ein Nachspiel.
Man hatte es schließlich (auch ohne meine Hilfe) doch noch gelöscht, und daraufhin kamen einige angesehene Leute aus dem Ort auf den Gedanken, dies könne man doch als eine Art Taufe ansehen; schließlich war, um den Brand zu löschen, jede Menge Wasser verspritzt worden. Also gehörte das Minarett fortan zu den angesehenen, anerkannten Kirchen. Zwar blieb es, wieder aufgebaut, rein äußerlich ein Minarett, auch ging der Ausrufer weiterhin seiner lautstarken Passion nach, doch war man allgemein der Ansicht, dass ein getauftes Minarett einiges aufwiege, was normalerweise zu missbilligen sei.
Ein paar Tage darauf war im Fernsehen eine weitere, etwa dreiminütige Dokumentation der Ereignisse zu sehen, in der Landesschau. Ich musste sie mir ansehen, hauptsächlich weil Laura irgendetwas damit zu tun hatte, aber was genau dies war, habe ich nicht verstanden, wie sie es mir erklärt hat. Genau genommen hatte ich auch gar nicht danach gefragt; im Grunde interessierte mich nur, ob und wie lange ich in dem Film vorkomme. Meinem Wesen entsprechend mache ich mir nichts aus Öffentlichkeit; jedoch, wie ich mir damals sagte, kann ein bisschen Öffentlichkeit wohl nicht schaden, vor allem in Anbetracht der Pläne, die sich, zwar noch sehr verschwommen, dennoch hartnäckig in mir zu regen begannen. Um es kurz zu machen: Von mir war zu meiner Verwunderung (und meinem vorsichtigen Ärger) in dem Film nicht mehr die Rede, und bis heute weiß ich nicht, ob Laura dahintergesteckt hat, und vom Sender hat sich bei mir auch niemand gemeldet.
In jener Nacht aber, beziehungsweise am nächsten Morgen, hat Laura die bewusste weiße Socke bei mir liegenlassen, ohne Kommentar. Keine Nachricht auf dem Kopfkissen. Kein Brief auf dem Frühstückstisch. Als ich am nächsten Tag bei ihr anrief, sagte mir ihr Anrufbeantworter, ich solle mich Anfang Oktober, so um den dritten oder vierten herum, nochmals melden.
Es war gerade November geworden.

4
Ungefähr zu dieser Zeit, entsprechend meiner nunmehr ausgereiften Pläne, habe ich die Firma für linksdrehende Schrauben eröffnet. Ich leite sie noch heute, obwohl ich die dazu gehörende Verkaufsstelle nur noch selten öffne. Die Schrauben gingen von Anfang an nicht recht, und in den letzten Monaten so gut wie gar nicht mehr.
Dabei hielt ich es anfangs für eine vielversprechende Idee. Linksdrehende Schrauben gibt es nicht, sagte ich mir, also hat sie auch noch niemand, und was es nicht gibt und deshalb keiner hat, will immer irgendwer haben, schon weil es sonst keiner hat. Dies stellte sich zu meinem (anhaltenden) Kummer – wie schon weiter oben angedeutet – als Trugschluss heraus, aber jeder braucht nun mal eine Arbeit.

5
Natürlich hielt Laura die Idee mit den linksdrehenden Schrauben von Anfang an für eine – wie sie mir sogar schriftlich versicherte – Profilneurose von mir, reine Wichtigtuerei und grundsätzlich, mein Lieber, für ausgemachten Blödsinn.
Als ich, bevor ich die Firma startete, mehr oder weniger zufällig und wie nebensächlich darüber sprach, hat sie mich nur groß angeschaut, sich dabei die Haare zu einem Zopf gebunden, was ich nicht leiden kann, und Ach ja? gemurmelt. Aber ich kann Ihnen sagen – das war vielleicht ein Ach ja! und die kann einen ansehen! Beim Anblick ihrer Augen musste ich zwanghaft an dunkelbraune XL-Mohrenköpfe, hilfsweise Muffins denken. Da stehe ich nämlich drauf, damit bin ich zu kriegen, mit Mohrenköpfen, Muffins und großen, dunklen Augen. Tut mir bloß nicht gut: Nervlich, seelisch, die Verdauung und so weiter. Außerdem wird man schnell süchtig, dick und träge und beginnt zu stammeln, hilfsweise zu mumpfeln.
Wie auch immer: Laura jedenfalls war der Ansicht, kein Mensch brauche linksdrehende Schrauben, und sehr wahrscheinlich wäre alleine schon die Herstellung technisch unmöglich. Überhaupt sei die Idee der reine Schwachsinn, sähe mir aber ähnlich, wie sie mir ständig versicherte (in einigen Fällen sogar schriftlich, mit Briefkopf). Deshalb schlage sie vor, sie zu ihrem nächsten Termin bei ihrem Analytiker zu begleiten; selbstverständlich könne ich auch einen eigenen Termin verabreden, ihr mache das gar nichts aus. Im Übrigen würde ich den Mann ja kennen, dergestalt ich mich nicht hinter Berührungsängsten zu verschanzen bräuchte.
Ich hatte diesen Menschen einmal anlässlich eines von Lauras sogenannten Arbeitsessen getroffen. Laura liebte Arbeitsessen, sie war regelrecht versessen darauf; also war es nur folgerichtig, dass sie sich auch mit ihrem Analytiker zu einem solchen traf. (Ich denke, er war ohnehin in irgendeiner Weise bei ihr angestellt – ich kenne sie nämlich, und dies sehe ihr so recht ähnlich.) Warum ich übrigens damals bei jenem Essen zugegen war, weiß ich nicht mehr, aber ich nehme an, Laura hat es so gewollt, und damit war das klar. Ich erinnere mich allerdings noch gut daran, wie verwundert ich darüber war, dass sie einen Rock trug, einen keuschen, wadenlangen zwar, aber immerhin einen Rock. (Sie trug praktisch nie Röcke.) Als sie ihn bei der Anprobe über die Hüften zog, sah ich zu meinem weiteren Erstaunen, dass sie kein Höschen darunter trug. Ich war einigermaßen sprachlos, dennoch frage ich ganz ruhig:
- Was soll denn das werden? Bleiben wir etwa doch zu Hause? Schwebt dir irgendwas Bestimmtes vor… du weißt schon?
Sie schaut mich wieder groß an, so von oben herab, und sagt, wie zu einem quengelnden Kind:
- Mein Analytiker will das so, ist gut für die Therapie, der vertrauensvollen Atmosphäre wegen; Entspannung, Chakra und so, verstehst du?
Ich rufe:
- Was? Entspannung? Chakra? Beim Essen? Öffentlich? Der Kerl möchte deine du weißt schon sehen, vor allen Leuten? Und…und, na klar, du zeigst sie ihm dann, wie?
Sie antwortete, ich solle nicht albern sein; selbst, wenn sie so etwas täte, so wäre doch gar nichts dabei, es sei nun mal wegen der Therapie, und ich würde doch auch immer hingucken, auch ohne Therapie, oder nicht? Und überhaupt, ob ich ihre du weißt schon nicht mehr mögen würde? Dieser Punkt ging nun an sie, und ich gebe ihr gegenüber ungern etwas zu, weil sie einem das danach immer wieder aufs Brot streicht, vor allem, wenn sie im Unrecht war.
Wie dem auch sei: Ich bin dann doch nicht mit zu dem Analytiker gegangen, auch nicht später allein, nicht mal nach der Geschichte mit der linken, weißen Socke. Ich meine: Was haben linksdrehende Schrauben und linke, weiße Socken mit Lauras Sie wissen schon zu tun? (Vielleicht haben Sie dazu ja eine Idee, so Sie mir bis hierhin folgen konnten.)

6
Die Sache mit den Schrauben also lief nicht, Laura ließ sich nicht mehr blicken, und erreichen konnte (und durfte) ich sie auch nicht mehr.
Als ob ich dies gewollt hätte! Wirklich nicht, glauben Sie mir. Dafür hätte schon sie angekrochen kommen müssen, nur würde sie so etwas niemals tun, außer es ginge um etwas Sexuelles. Wenn sie schon einmal nachgab, hatte man dabei dennoch nie das Gefühl, als hätte sie nachgegeben, denn der Anlass, warum sie hätte nachgeben müssen (oder wollen), schien für sie schon Augenblicke später nicht mehr zu existieren. Wies man sie darauf hin, hat sie einen nur groß angeschaut (Sie können sich diesen Blick mittlerweile sicherlich vorstellen), und man hat es auf sich beruhen lassen, beziehungsweise kapituliert.
Manchmal kam ich mir vor wie ein Charakter aus Krieg und Frieden, irgendein Pjotr, Mischa, eine Gruschka oder so. Man liest von diesen Leuten, lernt sie ein wenig kennen, was sie so tun, wie sie aussehen, sich kleiden, und ein paar Seiten später weiß man schon nicht mehr, wer sie sind, was sie in der Geschichte überhaupt verloren (beziehungsweise damit eigentlich zu tun) haben. Also blättert man zurück, um wiederum über einen anderen Boris, Michal, eine Natalia und so weiter zu stolpern, die man bis dahin gar nicht kannte oder einfach übersehen hat. Es sind so viele Figuren, und ständig werden es mehr, und bald schon ist man die ganze Geschichte leid (die man ohnehin nie recht verstanden hat), und zieht ein Gesicht oder verlässt verunsichert den Raum, wenn jemand den Roman auch nur erwähnt. Keiner kann sich derartige (und so viele) Namen merken, und die Vorstellung, dass jemand dergleichen erfindet und niederschreibt, jagt mir eine unbestimmte Angst ein.
Jedenfalls kam Laura nicht angekrochen. Dafür ich. Und nun wird es seltsam und unheimlich.

7
Da war eine weiße, fahle Tür.
Ich stand unschlüssig vor ihr, starrte sie an, und das Weiß begann sanft zu leuchten, was mich hätte stutzig machen sollen, weil es anfangs tatsächlich fahl, beinahe schmutzig gewirkt hatte. Dann verschwand das Leuchten langsam zum Türrahmen hin, und plötzlich öffnete sich die Tür und ein schattenhafter, aus unzähligen Abstufungen von Dunkelheit bestehender Raum, dessen Tiefe nicht auszumachen war, schien dahinter zu pulsieren. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, aber irgendetwas zog mich irgendwie hinein. Es ging ganz leicht.
Zuerst konnte ich nichts erkennen. Dann, als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich…Stühle, zwei oder drei, einen Tisch, ein Bett, einen Schrank, und ich wusste nicht warum oder woher, aber der Raum kam mir sofort bekannt, mehr noch, sogar seltsam vertraut vor. Ich tastete mich behutsam in Richtung Bett vorwärts und stieß dabei mit der nackten, linken kleinen Zehe an ein Stuhlbein, ein Tischbein, was auch immer. Ich schrie auf – oh verdammt! Verdammte Scheiße! Immer ist es dieser Zeh, jedes Mal der! (So etwas passiert mir ständig.)
Dann wurde es heller, ganz plötzlich; ich habe es gar nicht sofort bemerkt.
Ich hielt mir den Zeh, dachte an Sterne vor den Augen, brennende Streichhölzer oder Kerzen (Laura liebt Duftkerzen) – und da war tatsächlich ein Lichtschein! Ein milchiger, flacher Streifen wie von einer Taschenlampe, und als ich genauer hinsah, waren da Augen, verdammt, da waren tatsächlich Augen! – und es waren ihre, Lauras Augen. Ich bekam es mit der Angst und musste plötzlich an schwarz-weiße Grusel-Filme à la Caligari aus den Tagen des Stummfilms denken. Ich wollte – ach was, ich musste! – so rasch wie möglich hinaus. (Ich kenne Laura nämlich gut und weiß, wozu sie imstande ist, das dürfen Sie nicht vergessen.)
Ich wand mich zur Tür, durch die ich hereingekommen war.
Da war keine Tür. Die Tür war weg. Ich bekam es noch ein wenig mehr mit der Angst. Was wäre, wenn…da von Anfang an keine Tür gewesen ist? Aber ich hatte sie nicht nur gesehen – ich bin doch durch sie hereingekommen, oder? Aber auch die Augen hatte ich gesehen – und das konnte doch nun wirklich nicht sein, was meinen Sie? Augen in einem zwar (sparsam) möblierten, ansonsten jedoch menschenleeren Raum! Ich dachte nach. (Ich war ziemlich angespannt, wie Sie sich denken können, dazu kam die Angst.) Also, überlegte ich, da geht man durch eine Tür; man sieht ein mysteriöses Licht, aber das Licht ist in Wahrheit ein vertrautes Augenpaar – all dies kann nicht wirklich sein, kann einfach nicht wahr sein! –, und als man dann dort herauswill, ist da keine Tür mehr. Keine Tür. Hat wahrscheinlich nie eine gegeben. Alles nur Einbildung, das versteht sich von selbst. Oder ein blöder Traum, völlig klar. Post-amouröser Stress, zweifellos.
Und, wissen Sie – genauso empfand ich ihren (unseren) ersten Kuss. Verdammt, das war ihr erster Kuss! Der erste, o Mann! Ich spüre ihn noch heute (zugleich mit jener unbestimmten Angst), und dabei bin ich mir nicht mal sicher, ob es ihn wirklich gegeben hat.

8
Mit der Erinnerung ist das so eine Sache.
Wenn man sich nicht erinnert, hat man wenig zu erzählen – ein ernstes Problem für einen, der von Geschichten lebt. Andererseits: Ausschließlich von Dingen zu berichten, die man der Erinnerung entrissen hat, ist doch recht einfallslos und eines schöpferischen Verstandes unwürdig, vor allem, wenn es – aus Faulheit, Beschränktheit oder mangels Fantasie – zur Gewohnheit wird.
Überhaupt: Wenn man sich an Dinge nicht (oder nicht mehr) erinnert – hat man sie dann einfach nur vergessen, wollte man sie vergessen? Gab es sie am Ende gar nicht? Soll man nun etwas erzählen, an das man sich nicht erinnern, sich an etwas erinnern, von dem man um keinen Preis erzählen will? Ein schönes Durcheinander, danke sehr!
Wissen Sie, ich halte es da wie mit einer Tonbandaufnahme (meinetwegen auch einen CD-Rohling oder eine Festplatte; was Sie wollen, es spielt keine Rolle). Nun, man legt, was auch immer, in das Abspiel-/Aufnahmegerät ein, und dann löscht man ganz einfach, was einem nicht gefällt (oder nicht mehr gefällt), oder was man nicht mehr gebrauchen kann, und danach spielt man etwas Neues auf die frei gewordenen Stellen. Ganz einfach: Einschalten, drauf und fertig. Keine große Sache, glauben Sie mir. Erinnerung? Fakten? Ach, gehen Sie doch her! Man stellt sich ganz einfach vor, was gewesen sein könnte, wenn man nicht mehr weiß oder wissen will, was war, was jemand getan haben könnte, den man kennt, und dann ist eine Erinnerung so gut wie die andere, wenn sie erst einmal da ist. Ich hatte nie Verwendung für den Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit, und sollte es da einen geben (was ich keinesfalls völlig in Abrede stellen will), und wenn dieser Unterschied für Sie von Bedeutung ist, so, verzeihen Sie mir, haben wir wenig miteinander gemein.
Nun, Laura gab es wirklich, soweit dürfen Sie mir immerhin glauben.

9
Unsere erste gemeinsame Nacht war eine faszinierende Katastrophe, und dies sogar in zweifacher Hinsicht, weil sie gleichzeitig auch die letzte war. (Wir sollten später noch auf jene erste zu sprechen kommen, Ihre Neugier und Geduld vorausgesetzt.)
Sie mögen keine Katastrophen? Und was ist mit der Titanic, dem Zeppelin, Apollo 13, dem Vesuv, dem Aussterben der Dinosaurier? Adam und Eva, den Turmbau zu Babel, die Sintflut, Sodom & Gomorra schon vergessen? Ach! Sie waren ja nicht dabei? Also, schauen Sie her: Ich, ich war Feuerwehrmann, Erfinder, Hersteller und Verkäufer von linksdrehenden Schrauben, Fernsehstar und Schreiber; ich habe Laura geliebt, die unvergleichliche, unerreichbare Laura; ich war Casanova und Petrarca, Cervantes und Dante, Tristan und/oder Lanzelot (jedoch niemals Galahad, dieses reliquiensammelnde Weichei), Münchhausen und Lewis Carroll, Mozart und Paganini, Muhammad Ali und Stephen Hawking, Indiana Jones und James Bond; unsportlich, übergewichtig, tot, verkrüppelt, vergessen, geschüttelt oder gerührt, wie’s beliebt! Erinnerung – das ist morgen nur noch die Zahl Pi zwischen zwei Ereignissen; eine Art Satz des Pythagoras für Legastheniker, und immer ruft man dich an die Tafel. Sie werden nicht damit fertig, bei etwas versagt zu haben, das sie eigentlich im Schlaf beherrschen? Oder sind verunsichert, wenn etwas rein zufällig gelingt, von dem sie im Grunde keine Ahnung haben?
Nur ruhig, verehrter Leser, noch mehr verehrte Leserin, ganz ruhig.
Nehmen Sie sich ein Beispiel an – zum Beispiel Plato(n). Dem verdanken wir Atlantis, und das hat es nie gegeben, was er sehr wohl wusste, sonst hätte er bestimmt selbst danach geschürft, anstatt sich die Finger wund zu schreiben (wenn er solches überhaupt jemals getan hatte; wahrscheinlich auch wieder nur so ein Angeber). Ich aber – jawohl, ich! –, ich habe im Laura-Land gegraben und geschürft, und dazu ist nun einmal eine kriechende Haltung nötig, und jene erste Nacht, die gemeinsame erste Nacht, das Eigentliche daran – das war meine Zahl Pi. Ich dachte, die Welt müsse stillstehen, und sollte sie sich weiterdrehen, so könnte sie dies nur auf meinen Befehl hin bewerkstelligen.
Nun, sie drehte sich natürlich weiter, und natürlich war es Laura, die es ihr befahl. Sie hatte den höheren Rang.

10
Obige Einzelheiten jene Nacht betreffend sind Ihnen zu vage? Die Anspielungen befriedigen Ihre Neugier nicht, reizen nicht Ihre Fantasie? Pech gehabt – zählen Sie nicht auf mich. Ich habe es mir nämlich überlegt – vielleicht beim nächsten Mal. (Ich habe mir ohnehin vorgenommen, bislang allerdings noch ohne konkrete Planung, eine Novelle – nun, irgendetwas – zu schreiben.)
In der Zwischenzeit, lieber Leser, geschätzter Rezensent, verehrter Zensor, drehen sie die Szene doch am besten selbst, so Sie nicht darauf verzichten wollen. Wenn Sie dies tun, so hätte ich eine Bitte: Lösen sie die Szene nicht mit dem berühmten (berüchtigten) Zeitsprung in Casablanca auf, Sie wissen schon, Ilsa und Rick, oben im ersten Stock über dem Cafe, auf der Couch. Das tut man heutzutage nicht mehr. Verwenden sie Weichzeichner, Doubles, besondere Kamerawinkel und dergleichen; von mir aus, ich habe damit kein Problem. Allerdings würde ich Ihnen raten, sich vorab mit Lauras Agenten, gegebenenfalls mit ihrem Fernsehsender in Verbindung zu setzen, etwaiger rechtlicher Fragen wegen. Man kann nie wissen.

11
Es ist ein kleiner, nach wie vor unbedeutender Ort, in dem ich lebe, trotz der geschilderten (und möglicherweise noch zu schildernden) Ereignisse, und trotz der fünf Türme. Jedoch spricht sich alles schnell bei uns herum, wegen der Türme.
Im Haus der Feuerwehr steht seit kurzem eine gläserne Vitrine, in der einige – wie zu hören ist, historisch bedeutsame – Gegenstände ausgestellt sind, wie zum Beispiel die Uniform des Hauptmanns mit meiner (chemisch konservierten) Original-Kotze; des Weiteren das erste Exemplar der linksdrehenden Schraube, mit der ich meine Firma gegründet habe. Ich führe sie noch heute, nicht sehr erfolgreich, wie ich schon erwähnte; wenn Sie mich jedoch einmal in den Verkaufsräumen (oder in der Werkstatt) besuchen wollen, werden Sie willkommen sein.
Ich denke in letzter Zeit häufig über die Möglichkeit einer Vermarktung von weißen Socken nach, mit der (modischen) Auflage, nur einen zu tragen. Links oder rechts ist mir dabei egal, ich bin nicht dogmatisch. Des Weiteren beschäftige ich mich mittlerweile ernsthaft mit dem Schreiben einer Novelle. Wie Sie sich vielleicht erinnern, hat man mir versichert, dass ich dafür ausreichende Voraussetzungen mitbrächte. Ich weiß nicht, woher manche Leute so etwas wissen wollen. Vielleicht rede (prahle) ich zu viel; nun ja, hin und wieder schon, will sagen: möglicherweise. Auch mag Alkohol dabei eine Rolle spielen, sowie meine kurzzeitige Bekanntheit, der Geschichte mit der Feuerwehr wegen. Sie haben vielleicht im Lokalteil unserer Zeitung von der feierlichen Eröffnung der Glasvitrine gelesen, ziemlich weit hinten, auf Seite sechzehn oder siebzehn. Leider war ich inmitten all der Honoratioren nur unscharf abgebildet (was wohl seitens des Fotografen auf den reichlichen Genuss von Gratis-Sekt zurückzuführen war), aber wenigstens war mein Name korrekt buchstabiert.
Vielleicht haben Sie sogar den Kurzbeitrag im Monatsrückblick der Landesschau im Fernsehen verfolgt, ungefähr fünfundvierzig Sekunden lang, im Hausfrauen-Vormittags-Programm, und vielleicht ist Ihnen dabei die Moderatorin aufgefallen. Sehr wahrscheinlich ist sie das. Sie ist nicht zu übersehen. Sie trug am rechten Fuß eine weiße Socke, und sollten Sie nun der Ansicht sein, dies hätte nichts zu bedeuten, so haben Sie von dieser Geschichte nichts, aber auch gar nichts verstanden.

12
Diese Geschichte handelt von Liebe, aber es ist keine Liebesgeschichte. Ich hoffe, dass dies nunmehr klar ist, und dass Sie wenigstens dies verstanden haben.
Im Übrigen sind Liebesgeschichten, die zu sehr ans Herz gehen, wahlweise schicksalhaftes Ungemach oder ein alltägliches Happy End aufweisen, meist schlecht erzählt. Sie befleißigen sich eines zu ernsthaften, weihevollen Erzähltons und haben geschmacklich ein zu kurzes Verfallsdatum, als dass man die Behauptung aufrechterhalten könnte, sie wären gut, bekömmlich, lehrreich und wahrhaftig erzählt.


2021
 
Zuletzt bearbeitet:

onivido

Mitglied
Gerold, Gerold, wieder eine Geschichte , die mir ausgezeichnet gefallen hat. Ich darf zugeben, nicht so sehr wegen des Inhalts , als wegen der Schreibe. Mir gefaellt dein Stil.
Gruesse///Onivido
 

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