Die Qual der Wahl, Kap. 5+6

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visco

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Die Qual der Wahl​


Kapitel 5​

[ 6]Kriminalbeamte sind bekannt für ihre ausgezeichnete Menschenkenntnis und ein ganz besonderes Gespür. Hauptkommissar Haisterkamp bildet da keine Ausnahme. Entsprechendes wollte ich sicher nicht von mir behaupten, und vielleicht ist mir ein gewisses Spießertum tatsächlich zu eigen, aber Vorsicht ist eben immer noch besser als das Nachsehen zu haben, mag sie auch noch so übertrieben erscheinen. Immerhin bestärkte mich das Telefonat mit einem ehemals gemeinsamen Bekannten, von dem ich annahm, daß Axel und er auch heute noch in Kontakt stehen, in den ohnehin längst vorhandenen Bedenken, mich unter Umständen zu überhasteten Handlungen hinreißen zu lassen. Axels Familienplanung beziehungsweise deren Entwicklung entzog sich nach achtzehn Jahren Funkstille meiner Kenntnis, aber der Bekannte war sich absolut sicher, daß Axel zwei Söhne habe. Wer also auch immer die junge Dame gewesen sein mochte, die mich in meinem Geschäft aufsuchte, Axels Tochter, für die sie sich ausgab, war sie demnach jedenfalls nicht. Mir schien es daher vernünftiger, vorab die örtlichen Polizeibehörden um Rat zu fragen.
[ 6]Die Geschichte mit der geteilten Banknote entlockte dem zuständigen Beamten, an den ich verwiesen wurde, ein süffisantes Schmunzeln, welchem allerdings nicht anzusehen war, ob etwas Vergleichbares zu seinen bestgehütesten Schätzen zählte, oder ob es ihn einfach nur amüsierte. Auf eine diesbezügliche Nachfrage habe ich taktvoll verzichtet.
[ 6]Viel zu erzählen hatte ich zugegebenermaßen nicht, aber man schien meine Vorbehalte zu teilen, und auf Anraten des Kommissars kehrte ich schon wenig später zwecks Erreichbarkeit für die ominöse Fremde ins Geschäft zurück. Ich blieb auch nach Ladenschluß dort, wie empfohlen jedoch ohne mich mit Axel in Verbindung zu setzen, und als ob sich eine Vorahnung erfüllte, erhielt ich am späten Nachmittag Besuch von bewußtem Kriminalbeamten in Begleitung zweier Kollegen. Konkrete Hinweise für eine Straftat lägen zwar nicht vor, allerdings sei man zwischenzeitlich verschiedenen Aussagen befragter Personen aus Axels Umfeld nachgegangen. Demnach sei der jüngste Sohn nicht wie üblich von der Mutter vom Kindergarten abgeholt worden, und den Nachbarn von gegenüber will aufgefallen sein, daß weder die Mutter noch der Vater den quirligen Jungen bei sich hatten, als sie gestern und zeitlich versetzt nach Hause kamen. Gemeinsam mit der Mutter hätten ein junger Mann, höchstens Anfang Zwanzig, etwa Eins-Achtzig groß, dunkles Haar, schlank, sportlich gekleidet und eine junge Frau das Haus betreten, deren Beschreibung exakt mit meiner von der angeblichen Tochter übereinstimme. Niemand habe seither beobachten können, daß jemand das Haus wieder verließ. Einen Anlaß zur Besorgnis sahen die Beamten in dem Umstand, daß sich eine Erzieherin des Kindergartens zu erinnern glaubte, den kleinen Kevin mit einem jungen Mann weggehen gesehen zu haben, den sie allerdings nicht näher beschreiben könne. Unter dem Gesichtspunkt, daß aufgrund obgleich recht vager Anhaltspunkte eine Straftat nicht zweifelsfrei auszuschließen sei, erscheine nun der ungewöhnliche Hilferuf meines alten Freundes in völlig anderem Licht.
[ 6]Beeindruckt von den in so kurzer Zeit gewonnenen Erkenntnissen schließe ich mich spontan auch den nachfolgend geäußerten Vermutungen an und sichere meine volle Unterstützung zu, noch bevor man mich höflich darum bittet.
[ 6]Gegen 20 Uhr erreichen wir das verschlafene Städtchen Langenbroich am Niederrhein, in dem sich Axel und Heike ihren Traum vom Eigenheim in Form einer bescheidenen Doppelhaushälfte erfüllt haben. Kriminalhauptkommissar Haisterkamp, von dessen Äußeres man eher auf einen Oberstudiendirektor im Frühruhestand tippen würde, und der mich tatsächlich hin und wieder an einen meiner damaligen Pauker erinnert, läßt den Wagen einige Hundert Meter vorher in einer Seitenstraße halten. Bereits vor Ort und mit wachem Blick auf das zu beobachtende Objekt warten zwei Kollegen in ihrem zivilen Dienstfahrzeug.
[ 6]Vermutlich zwecks Sondierung der Lage macht sich der Hauptkommissar zunächst alleine auf den Weg, kehrt aber schon nach wenigen Minuten zurück. Die weitere Vorgehensweise ist schnell besprochen, und selbstverständlich bin ich einverstanden. Ausgestattet mit einem winzigen schnurlosen Mikrophon, versteckt unter dem Revers meines Sakkos, steige ich in das gerufene Taxi, mit dem ich ohne Verdacht zu erregen bei den Wiesmanns vorfahre.
[ 6]Ich kann nicht abstreiten, daß mich ein mulmiges Gefühl überkommt, während ich über die Garagenzufahrt auf die Haustür zugehe, da ich im Grunde keine Vorstellung davon habe, was mich drinnen erwartet. Durch tiefes Einatmen versuche ich, mich etwas zu beruhigen, bis ich mir endlich ein Herz fasse und auf den Klingelknopf drücke.
[ 6]Wie schon zuvor dem Kommissar öffnet auch mir Daniela, aber im Gegensatz zu ihm werde ich hereingebeten. Streng genommen ist es eher eine Aufforderung denn eine Einladung. Der Flur ist nicht unbedingt schmal aber auch nicht besonders geräumig. Gleich rechter Hand ist eine Tür, hinter der ich die Gästetoilette vermute, geradeaus die Treppe zu den oberen Stockwerken und rechts daneben ein monströses, metallenes Gestell, das augenscheinlich als Garderobe dient. Vor der Treppe führt eine Tür nach links in die Küche zur Straßenseite, aber es bleibt nur Zeit für einen flüchtigen Blick hinein, während Daniela mich in entgegengesetzter Richtung ins Wohnzimmer führt.
[ 6]Axels Geschmack hat sich in den Jahren nur unwesentlich verbessert, obwohl ich eigentlich nicht ihm die Auswahl der für diesen Raum viel zu ausladenden Polstergarnitur anlasten möchte. Wie schon früher zu hoch aufgehangene Bilder in kunterbuntem Stil post-modernen Kitsches und die zahlreichen, ausnahmslos deplaziert wirkenden Püppchen und Figürchen runden den Eindruck einer Wohnkultur Marke ‚Heike’ ab. Ein Blick in den Garten, sofern vorhanden, wird durch heruntergelassene Rolladen verwehrt.
[ 6]Da ich nicht gefragt werde, ob ich ablegen wolle, behalte ich meinen Trenchcoat einfach an, als ich mich mit Blick auf die Zimmertüre auf dem zugegeben durchaus bequemen Sofa niederlasse.
[ 6]»Nett habt ihr es hier, richtig gemütlich.«
[ 6]»Ich find´s ziemlich altbacken, aber klar, daß Ihnen das gefällt.«
[ 6]»Tja, also da hat doch mein alter Freund Axel bereits eine fast erwachsene Tochter, eine hübsche noch dazu, und bis heute weiß ich nicht einmal etwas davon. Da sieht man mal wieder, wie doch die Zeit vergeht. Wohnt eigentlich Dennis noch zu Hause?«
[ 6]»Wer?«
[ 6]»Dennis, dein Bruder. Er müßte inzwischen zwanzig sein, schätze ich. Was macht er so?«
[ 6]Ein junger Bursche taucht plötzlich auf und lehnt sich stumm mit vor der Brust verschränkten Armen in den Türrahmen. In der Hand hält er ein Fleischermesser.
[ 6]»Okay, genug jetzt von dem blöden ´Rumgesülze!« bereitet Daniela dem small talk ein jähes Ende. »Einer von euch beiden Spießern ist mein Dad, und wer es auch ist, er schuldet mir ´was, und das will ich jetzt haben!«
[ 6]»Würde mir jetzt freundlicherweise jemand erklären, was hier gespielt wird? Wer ist das? Und wozu das Messer? Wollt ihr mir Angst einjagen? Und wo ist eigentlich Axel?«
[ 6]»Hey, immer locker, okay? Keine Panik. Das ist Chester. Wir machen das hier zusammen. Und dein alter Kumpel wartet auf dem Klo auf dich. Aber keine Dummheiten! Klar?«
[ 6]Außer einem Nicken weiß ich zunächst überhaupt nicht zu reagieren. Verwirrt von der abstrusen Forderung in Zusammenhang mit einer ungeklärten Vaterschaft bleibe ich noch einen Moment lang sitzen, sehe abwechselnd dem jungen Burschen und dann wieder Daniela in die Augen, bevor ich langsam aufstehe und mich mit bedächtigen Bewegungen der Zimmertüre zum Flur nähere. Die Anklägerin und ihr Kompagnon weichen zurück und geben den Weg zur Gästetoilette frei, in der ich Axel mit den Händen sowie einem Fuß an den Heizkörper angebunden vorfinde. Über seinem Mund klebt ein Streifen Packband, den ich sofort entferne. »Sagt mal, ihr seid doch nicht mehr ganz richtig im Kopf!« fahre ich unwillkürlich aus der Haut und reiße vergeblich an den Fesseln. »Macht das sofort los!« fordere ich lautstark und will durch die Tür, um aus der Küche eine Schere zu holen, doch dieser Chester versperrt mir den Weg. Drohend streckt er mir das lange Messer entgegen.
[ 6]»Schon gut, Bernd. Es geht schon«, meldet sich nun mein alter Freund zu Wort. »Danke, daß du gekommen bist. Ich wußte, auf dich ist Verlaß!«
[ 6]»Was zum Teufel geht hier vor?«
[ 6]»Sie haben Kevin. Heike ist oben«, weiß Axel zu meiner Überraschung mit halbwegs gelassener Stimme zu berichten, während für mich inzwischen fest steht, daß die von den Kriminalbeamten als ‚worst case scenario’ bezeichnete Situation, also der schlimmst anzunehmende Fall tatsächlich zutrifft.



Kapitel 6​

[ 6]Ob der Junge wohl auf sei, und wo er sich derzeit befinde, hören wir Herrn Zander fragen. Die Qualität der Audio-Übertragung ist wie erwartet einwandfrei. Unsere Abteilung setzt dieses System schon seit Jahren erfolgreich bei verdeckten Ermittlungen ein. Die Stimmen der einzelnen Personen, bislang vier an der Zahl, lassen sich zweifelsfrei unterscheiden. Neben dem uns bereits bekannten Sprachmuster des mit der mobilen Sendeeinheit ausgestatteten Herrn Zander lassen typische Tonhöhen und Klangfarben auf zwei weitere männliche Personen sowie eine weibliche Person schließen. Aus des bisherigen Dialogen geht hervor, daß es sich hierbei um den Hausherren und langjährigen Freund des Herrn Zander, Herrn Axel Wiesmann, einen noch nicht näher identifizierten jungen Mann sowie dessen mutmaßliche Komplizin handelt.
[ 6]Auf die herunterspielende und kindlich naiv wirkende Beschwichtigung der Tatverdächtigen zum Befinden des kleinen Kevin reagiert Herr Wiesmann mit heftigen Vorwürfen, an welche sich wütende Drohungen anschließen. Schon seit gestern Mittag werde der Junge irgendwo festgehalten, und keiner der beiden, weder die Anstifterin noch ihr Komplize hätten sich seitdem um ihn gekümmert.
[ 6]Gegen die beiden im Verdacht der Entführung und Freiheitsberaubung mit erpresserischer Absicht stehenden Personen, die sich mit Chester beziehungsweise bei der Frau mit Daniela oder auch dem Kosenamen Dibi anreden lassen, liegen inzwischen konkrete Verdachtsmomente vor. Eine Meldung an die zuständigen Stellen ist bereits erfolgt, alle nötigen Maßnahmen sind in die Wege geleitet. Auf die Anforderung zusätzlicher Hilfskräfte habe ich zunächst verzichtet. Eine Fluchtgefahr der Verdächtigen ist nach meiner Einschätzung nicht unmittelbar gegeben, und der Einsatz von Suchmannschaften scheint mir erst bei verwertbaren Anhaltspunkten zum Aufenthaltsort des fünfjährigen Kevin Wiesmann gerechtfertigt, der, wie wir nun annehmen müssen, von seinen Entführern in einem Versteck gefangengehalten wird.
[ 6]Sofern wir nicht binnen dreißig Minuten über nähere Informationen verfügen, die wir uns derzeit noch von den weiteren Dialogen erhoffen, ist ein aktives Vorgehen unsererseits beabsichtigt, bei dem wir die Tatverdächtigen zwecks direkter Befragung in Gewahrsam nehmen werden. Eine Gefährdung der ebenfalls im Haus befindlichen Personen wird natürlich durch umfangreiche Vorkehrungsmaßnahmen ausgeschlossen.
[ 6]Es scheint, als sei es Herrn Zander gelungen, die zwischenzeitlich erhitzten Gemüter wieder zu beruhigen und die Gesprächsführung an sich zu ziehen. »Also, ... ihr habt den Jungen entführt, und nur gegen eine gewisse Summe laßt ihr ihn wieder frei. Habe ich das so richtig verstanden?« bringt er den Sachverhalt auf den Punkt. Statt einer klaren Antwort wiederholt jedoch die Tatverdächtige ihre wütenden wie wirren Beschuldigungen, mit denen sie anscheinend die Tat zu rechtfertigen versucht. Im gleichen Atemzug bekräftigt sie ihre Forderung auf Entschädigung für nicht geleistete Unterhaltszahlungen seitens ihres leiblichen Vaters. Über dessen Identität, die sie erst vor kurzem enthüllt haben will, scheint allerdings nicht wirklich Klarheit zu herrschen. Sowohl Herr Wiesmann als auch Herr Zander kommen nach Ansicht der jungen Frau gleichermaßen in Frage.
[ 6]»Sekunde ... was soll das heißen, wenn nicht er, dann ich? Komme ich jetzt etwa auch schon als dein Vater in Betracht?«
[ 6]»Hat er jedenfalls behauptet.«
[ 6]»Hat wer behauptet?«
[ 6]»Na, er.«
[ 6]»Was siehst du mich so an? Sie ist Vanessas Tochter. Was ist, Bernd? Klingelt es da nicht bei dir?«
[ 6]»Vanessa? Welche Vanessa? Willst du mich auf den Arm nehmen?«
[ 6]»Die Berres. Mensch, Bernd, du weißt schon, der heiße Feger, von dem du mir vorgeschwärmt hast. Ist schon eine Weile her, ich weiß, aber an die wirst du dich doch wohl erinnern!«
[ 6]»Du nimmst mich wirklich auf den Arm, nicht?«
[ 6]»Dibi, ... könntet ihr uns einen Augenblick allein lassen? Mein Freund Bernd und ich müssen mal kurz was besprechen. Unter vier Augen. Dauert nicht lange.«
[ 6]»... Also? Dann laß mal hören.«
[ 6]»Du bist mir ´was schuldig, Bernd, mir und meiner Familie. Du hast Lena auf den Gewissen, das weißt du, und wenn du jetzt nicht hilfst, auch noch meinen Sohn! ... Ich bin kein verdammter Seelendoktor oder so, aber ich sage dir, dieser Dibi geht´s nicht um Geld. Glaub´ mir, die ist total fertig mit der Welt! Der ist alles zuzutrauen!«
[ 6]»Ich weiß wirklich nicht, was ...«
[ 6]»Laß mich ausreden! ... Sie sagt, sie will Geld, viel Geld, aber was sie eigentlich will, ist Rache. Sie hat eine Menge durchmachen müssen, schlimme Kindheit, zerrüttete Verhältnisse. Sie hat mir davon erzählt, und jetzt soll jemand dafür büßen, so ist das. Du mußt ihr klar machen, daß du ihr Vater bist und nicht ich, oder sie wird sich an mir rächen! Es geht um meinen Sohn! Verstehst du? Verdammt, Bernd, du mußt es tun!«

<wird fortgesetzt>

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Rote Socke

Gast
Liebe Viktoria,

komme etwas spät (Erkältung und Lesefrust), aber hier bin ich wieder.

Diese beiden Kapitel fügen sich prima an. Besonders der Einstig vom 5. Kapitel gefällt mir sehr gut.

Manchmal holpere ich aber über zu viele herbeigezwungene Sätze. Diese könnte man lockerer gestalten. Oft taucht da ein zuviel an "Beamtendeutsch" auf.

Hier noch einige zu schwülstige Begriffe:
- diesbezügliche Begriffe
- zwecks Erreichbarkeit
- bewußtem Kriminalbeamten

Solches macht den Erzählstil zu trocken.

LG
Volkmar
 

visco

Mitglied
Lieber Volkmar,

vielen lieben Dank, daß du dich wacker durch meinen Text kämpfst und mir wieder einmal wertvolle Tips gibst! :)

Es läßt sich leider nicht leugnen, daß ich (beruflich bedingt) hauptsächlich geschäftliche Anschreiben verfasse, was ganz offensichtlich auf meinen Schreibstil abfärbt. Bei der Überarbeitung werde ich gezielt darauf achten, die von dir völlig zurecht bemängelten Stolpersteine und ähnliche Formulierungen auszubügeln.

Ab Kapitel 7 geht es auf jeden Fall wieder etwas 'lockerer' zu ;-)

Nochmals Danke
und auch dir weiterhin 'Frohes Schaffen',
[ 6]Viktoria
 

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