Bis heute steht die Farm auf der riesigen Plantage am Rande von Concordia leer.
Einzig den unterschiedlichsten tierischen Bewohnern dieses Grundstückes bot gerade die Abwesenheit der Menschen ideale Lebensbedingungen und verwandelte diesen scheinbar ausgestorbenen Ort langsam und über Jahre in ein Zuhause für unzählige Lebewesen, welches sich dem Beobachter oft erst bei näherem Hinsehen in seinem vollen Glanz präsentierte.
Sebastian öffnete seine Augen und wie durch den Duft geleitet, bahnte er sich langsamen Schrittes seinen Weg durch das dicht bewachsene Grün, an der verwucherten Farm vorbei in Richtung der Orangenbäume.
Im Gegensatz zu seinem eigentlichen Zuhause in Lyon fühlte er sich hier wirklich willkommen.
Hier hatte er das Gefühl, wertvoll zu sein. Außerdem gab es immer viel zu tun.
Er half seinem Opa auf der Plantage, spielte mit ihm zusammen auf der Gitarre oder sie lagen einfach unter einem der zahlreichen Bäume, schauten in den Himmel und erzählten sich die verrücktesten Geschichten. Er hatte einen echten Freund in seinem Opa.
Sebastian war schon immer eher ein stiller Junge. In Lyon hatte er nicht viele Freunde. Er ging nicht gerne in die Schule. Alle sagten immer, er solle doch lesen, schreiben und rechnen lernen. Die Lehrer sagten ihm, dass er es sonst zu nichts im Leben bringen könnte.
Für Sebastian jedoch machte das keinen Sinn.
Er wollte doch sowieso eines Tages mit seinem Opa zusammen auf der Farm leben, und dafür brauchte er schließlich kein Mathe … lesen musste er auch nicht, um die saftigen Orangen zu pflücken. Er brauchte nur seine Hände, eine Leiter und einen Korb.
Wie der bittere Geschmack einer überreifen Orange, wie die gerissene Saite einer viel bespielten Gitarre, wie die Geschichte, die plötzlich nicht mehr weitererzählt wird, so wurde auch Sebastian von der bitteren Realität über die Vergänglichkeit des Lebens eingeholt.
An dem Tag, an dem Opa starb, da starb auch etwas in Sebastian. Der Traum vom Rest seines Lebens, zusammen mit ihm auf der Farm, die unendlichen Ideen, all die Lieder, die sie singen, die Geschichten, die sie erzählen und nicht zuletzt die unzähligen Orangen, welche die beiden noch pflücken sollten. All diese Träume verließen ihn an diesem Tag und er spürte das erste Mal, wie leer sich das Leben anfühlen kann.
Er wusste nicht, dass ein Mensch so viele Tränen weinen kann. Mehr Tränen, als es Regentropfen gibt auf der Welt. Mehr Tränen, als in allen Zeiten jemals Wasser im Meer war, weinte Sebastian über den Tod seines besten Freundes.
Das Leben geht weiter. Das sagten alle. Er brachte die Schule hinter sich und dann sollte er einen Beruf lernen. Das ist wichtig. Das sagten alle.
Sebastian fühlte sich leer. Eigentlich waren ihm „alle“ egal.
Sebastians achtzehnter Geburtstag stand vor der Tür und seine Mutter schmückte die kleine Wohnung am Rande der Stadt festlich. So festlich, dass er fast vergaß, dass es keine Freunde gab, die er hätte einladen können. So festlich, dass Sebastians Mutter vergaß, dass sie die Wohnung auch mit zwei Jobs und Sozialhilfe kaum halten konnte.
So festlich, dass es fast schon so wirkte, als wolle sie mit allen Mitteln verstecken, dass es an diesem Tag und in dieser Wohnung einfach nichts zu feiern gab.
Sebastian saß, den Kopf auf die Hände gestützt, an dem wackeligen Küchentisch, den die beiden vor Jahren auf einer Wohnungsauflösung für schlappe 20 Euro ersteigert hatten, und sah seiner Mutter eine ganze Weile wie in Trance dabei zu, wie sie nahezu anmutig durch die Wohnung tänzelte und unzählige Luftschlangen verteilte. Sie hatte schon immer ein Talent darin, so zu tun, als wäre alles okay.
Aus dem kleinen Kofferradio auf der Küchenzeile, an dem sich nach Jahren der Nutzung nur noch ein Sender einstellen ließ, dröhnte in voller Lautstärke irgendein irrelevanter Popsong eines irrelevanten Künstlers. Verträumt schaute er auf seine Armbanduhr, als er zusammenschreckte. „13:20 Uhr! Ich komme noch zu spät zur Arbeit“, rief er, wie aus einem Traum erwacht, aus, als er sich von der alten Bank erhob, die dabei immer etwas knarzte. „Bis heute Abend, Geburtstagskind!“, rief ihm seine Mutter entgegen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Komm nicht zu spät zum Essen“.
Das sagte sie immer. Er wusste, dass sie sich eigentlich wünschte, dass er zu spät kommen würde. Das würde nämlich bedeuten, dass er vielleicht irgendjemanden da draußen hatte, mit dem er Zeit verbringen könnte. Das wünschte er sich auch. Doch leider war er immer pünktlich zu Hause.
Im Flur angelangt, warf Sebastian wie jeden Tag einen Blick in den chromglänzenden Briefkasten im Erdgeschoss des großen Mehrfamilienhauses.
Zwischen Werbung und Rechnungen ragte, fast schon majestätisch, ein großer dunkelblauer Umschlag hervor.
Sebastian nahm ihn heraus und mit Blick auf den Absender zuckte er zusammen.
Concordia, Argentinien, stand in silberner Schrift an dem Ort des Absenders. An diesem Ort, an dem er jeden Sommer seiner Kindheit verbrachte, lebte sein Großvater. Er hatte Ewigkeiten nicht mehr über diesen Ort nachgedacht.
Das Vermögen ging nach dem Tod seines Großvaters aufgrund hoher Schulden an die Stadt über und die Farm stand seitdem leer, soweit er wusste.
Sebastian öffnete den Umschlag und holte einen Brief heraus.
An meinen Enkel Sebastian
Mein Junge,
wenn du diesen Brief liest, bist du inzwischen 18 Jahre alt. Ich weiß nicht, wo ich dann sein werde, aber ich weiß, dass du jetzt erwachsen bist.
Diese Farm, auf der du immer so gerne warst, gehört jetzt dir. Ich hoffe, du wirst sie nicht als Last sehen, sondern als einen Ort, an dem du eine Zukunft haben kannst, so wie du sie dir vorstellst.
Es kann sein, dass du schon vieles vergessen hast, aber die Bäume werden sich an dich erinnern. Sie tragen dein Lachen in ihren Ästen, so wie sie meins tragen.
Nimm die Farm an, Sebastian. Als Erinnerung daran, dass du immer mein Freund bleibst.
Dein Opa
Sebastians Hände zitterten und eine Träne tropfte auf das raue Briefpapier, welches unter der Vibration von Sebastians Händen zu beben begann.
Die Worte des Briefes agierten wie Funken und versetzten die traurige Flamme in Sebastians Herzen in ein loderndes Feuer aus Liebe und Melancholie.
Dieser Brief schien ihn in ein Gefühl zwischen Hoffnung, Leben und Energie zu versetzen.
Ein Gefühl, so tief vergraben und doch vollkommen vertraut. Wie ein alter Freund, dem man zufällig begegnet, wie eine alte Liebe, die in einem neuen, nie gekannten Glanz ein Feuer entfacht, das jede noch so majestätische Flamme in Neid erblassen und schließlich erlöschen ließ.
Letztlich wie die Geschichte, die beendet schien, plötzlich mit frischer Tinte, Wort für Wort, eine neue Handlung formt und mit einer Fortsetzung, so schön wie nie vorher gekannt, ganz vergessen lässt, dass es jemals ein Ende gegeben hat.
Entgegen all seiner Verpflichtungen erfasste Sebastian den Entschluss, nach Argentinien zu gehen und das Erbe seines besten Freundes anzutreten.
Nächste Woche würde er sich auf den Weg machen. Für den Moment allerdings war er zu spät dran. Seine Schicht hatte bereits begonnen.
Seitdem er mit der Schule fertig wurde, arbeitete Sebastian in einem Supermarkt am Ende der großen, von Kastanienbäumen geschmückten Straße, auf der er als Kind schon immer widerwillig seinen Weg in die Schule bestritt.
Die Bäume am Rande der Straße, verkleidet in Orange, ließen keinerlei Zweifel daran, dass der Herbst Einzug hielt. Nach und nach warfen sie ihr Blätterkleid auf die Straße, als würden sie den Boden mit einem Teppich auslegen wollen. Unter dem von Wolken bedeckten Himmel Lyons flog Sebastian förmlich über den Weg und mit jedem Schritt wirbelte er unzählige Blätter auf. Sein Herz schlug mit jedem weiteren Gedanken an die Farm etwas schneller und schien ihn immer weiter zu beflügeln.
Angekommen am kleinen Supermarkt, vorbei an der Kasse, bahnte sich Sebastian seinen Weg durch die engen Gänge hin zum Pausenraum, in dem er seine Arbeitskleidung aufbewahrte.
Dieser Supermarkt schien wie das Abbild der deprimierenden Hoffnungslosigkeit vieler Gestalten, die hier täglich einkauften. Erschreckend genau spiegelte er so die Verlorenheit, die sich nüchtern in tiefer Trauer wiederfand, um dort leise zu verenden.
Der klägliche Kampf, mit künstlich warmem Neonlicht der kalten, ausladenden Atmosphäre entgegenzuwirken, schien eher vermieden als gescheitert, den Aufenthalt des Einkäufers auf das Nötigste zu beschränken.
„Du bist zu spät“, riss ihn eine vertraute Stimme aus dem Gedankengang, als Sebastian den spärlich eingerichteten Raum betrat. Am Tisch saß ein mit dem Gesicht in die Tageszeitung vertiefter Mann.
Er blickte nicht auf. Es war Phillipe, sein Chef.
Er konnte Sebastian noch nie wirklich gut leiden. „Ich weiß, entschuldige.“ Wenn er sonst wenige Qualitäten aufwies, verstand sein Vorgesetzter es, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.
„Du wirst die Zeit nachholen“, sprach Phillipe, ungeachtet der Entschuldigung, den Blick noch immer der Zeitung zugewandt.
Sebastian war niemand, der sich viel beschwerte. Diese für das Leben doch häufig so ungünstige Eigenschaft hatte er von seiner Mutter geerbt.
„Worauf wartest du? Mach dich an die Arbeit“, raunte es hinter der Zeitung hervor.
Als Sebastian nach seiner Weste griff, fiel ihm mit Blick auf Malikas Haken auf, dass ihre Weste weg war. Sie hatte freitags normalerweise ihren freien Tag. Leider konnte auch sie sehr schlecht Nein sagen.
Er verließ den Raum, so still, wie er ihn betreten hatte.
An diesem Nachmittag konnte er sich einfach nicht konzentrieren. Jeder Gedanke drehte sich um seine Reise und die Farm.
Als er vor dem Drogerieregal stand, um die verschiedensten Rasierer farblich zu sortieren, spürte er einen Finger auf seiner rechten Schulter und kaum umgedreht die Umarmung einer jungen Frau.
Es war Malika. Sie strahlte ihn an. „Happy Birthday, mein Lieber“, lächelte sie ihm ins Gesicht, als sie diese kurze Umarmung langsam löste.
Malika war eine dieser Menschen, die ihm das Gefühl geben konnte, dass er irgendwie wichtig wäre. Seit sie vor circa zwei Jahren zusammen mit ihrem Vater von Marseille nach Lyon zog, lebte sie in derselben Straße wie Sebastian. Seit einem Jahr arbeitete er mit ihr zusammen in diesem Supermarkt.
Vielleicht mochte sie ihn, weil sie seine Einsamkeit verstand. Vielleicht hatte sie denselben ständigen Begleiter.
Dieser Begleiter, der wie ein Schatten für einen kurzen Moment in dem warmen Dunkel der menschlichen Interaktion eine fast schon liebevolle Daseinsberechtigung zu erlangen schien.
„Und? Wann steigt die Party?“, fragte sie ihn, als würde sie wirklich fest daran glauben, dass es eine gäbe. „Ach weißt du, ich feiere nicht so gerne. Außerdem hab ich morgen wieder Schicht.“
Malika sah ihn mit diesem Blick in die Augen, mit dem sie ihn wohl eher durch- als anschaute.
„Wie wäre es mit einem Bier heute Abend nach der Arbeit?“
Hatte sie ihn gerade eingeladen? Sebastian wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Herz schlug wie verrückt, seine Hände fingen an zu schwitzen und sein Mund ausgetrocknet, brachte er kein einziges Wort heraus.
Malika lächelte. „Also abgemacht“. „Es ist mir eine Ehre, deinen Geburtstag mit dir zu feiern“, sagte sie lachend, als sie Sebastian im Sumpf seiner Unsicherheit versinkend stehen ließ und Richtung Kasse lief.
Der Tag verging wie im Flug. Um die Zeit nachzuholen, verzichtete Sebastian auf seine Pause und arbeitete durch. Er schaffte es sogar, noch die Bestellungen für morgen zu machen.
Nach Feierabend wartete Malika auf Sebastian vor dem Eingang.
Beide Hände in den Taschen ihrer schweren oversized-Lederjacke vergraben, lächelte sie Sebastian zu, als dieser aus dem mittlerweile nur noch spärlich beleuchteten Supermarkt auf den Parkplatz lief. „Da bist du ja endlich. Bei den Überstunden, die du immer machst, müsstest du ein Spitzengehalt bekommen“, sagte sie lachend. Sebastian schaute sie mit großen Augen an.
Das machte er immer, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte. Er stand nur da und schaute. Malika unterbrach ihn dabei. „Keine Sorge, ich lade dich trotzdem ein“, sagte sie, während sie ihm einen flüchtigen Blick zuwarf und vorweglief.
Sie gingen in eine kleine, bescheidene Bar, in der viele Arbeiter aus der Gegend den Abend bei ein paar Drinks ausklingen ließen.
Die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch ganz hinten in der Bar und Malika bestellte zwei Bier, die der Wirt auf ihrem Deckel in Form von Strichen verzeichnete.
„Sag mal, Basti“, fragte Malika ohne Umwege. „Warum bist du eigentlich so?“
„Wie meinst du das?“, fragte Sebastian leicht ertappt. „Hast du keine Ziele?“, entgegnete ihm Malika, als hätte sie seine Frage vorausgesehen. „Gibt es denn nichts, was du gerne machen möchtest?“
„Ich meine, du kommst jeden Tag in diesen Supermarkt und machst, was du machst. Du machst das nicht gut und nicht schlecht. Als wäre es irgendwas zwischen wichtig und egal. Aber auf jeden Fall ohne Gefühl.
Danach gehst du nach Hause und spielst an deinem Computer. Ich habe noch nie gesehen, dass du rausgehst, dich mit Freunden triffst, mit irgendjemandem redest oder vielleicht einfach bloß mal einen anderen Weg nimmst als sonst.
Du machst immer dasselbe. Das würde mich kaputtmachen. Gibt es nichts, was dich antreibt?“
Hatte sie ihn gerade beleidigt? Warum fühlte es sich nicht so an? Er war nicht beleidigt. Er war verletzt. Vielleicht, weil sie die Wahrheit sagte. Sie hatte Recht. Ihm war schon lange alles egal. Bis heute. Dieser Brief hatte etwas in ihm geweckt, das er schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Dieser Brief weckte Hoffnung.
Sebastian erzählte ihr von den Sommern auf der Farm, dem Brief und was er ausgelöst hatte.
Doch am wichtigsten: Sebastian erzählte ihr, wie er sich fühlte.
Sie verbrachten Stunden in der Bar und redeten über die Farm und die Orangen, über Sebastians Opa, die Gitarre und die vielen Geschichten.
Es war viertel vor eins, als er die Wohnung betrat. Im Wohnzimmer brannte Licht, als er die Tür ins Schloss fallen ließ, die Jacke an den Kleiderhaken hing und die Schlüssel in die kleine Schale auf dem alten Sideboard neben der Tür legte.
„Hi Mama, bin zuhause.“ Keine Antwort. Er machte zwei Schritte in Richtung Wohnzimmer. Die Luftschlangen hingen noch immer unverändert über den Möbeln.
„Mama?“, erkundigte sich Sebastian, als er langsam durch die Wohnung ging.
Das war ungewöhnlich, für eine Freitagnacht. Normalerweise war sie zu der Zeit noch wach und schaute irgendwelche Schnulzen im TV. Außerdem war das Licht an. Vorsichtig blickte Sebastian ins Schlafzimmer seiner Mutter. Es war dunkel, doch er konnte erkennen, dass ihr Bett leer war.
„Sie hätte mir doch geschrieben, wenn sie ausgegangen wäre. Außerdem hatte sie doch auch niemanden hier. Sie hatten nur einander.“
Ein flaues Gefühl machte sich in Sebastians Bauch breit und versetzte ihn in einen hilflosen, leicht panischen Zustand.
„Reiß dich zusammen!“, besann er sich und folgte dem Gedanken, sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen und erst einmal durchzuatmen.
Er taumelte durch den kleinen Flur und fiel schon fast auf die Klinke der Badezimmertür, welche er nach außen öffnete, und als er den Lichtschalter betätigte, offenbarte sich ihm ein Anblick, der von so einer immensen Grausamkeit geprägt war, dass er den Beobachter für einen Moment in absoluten Stillstand versetzte.
Einer dieser Momente, von denen man sich wünschte, jeden Augenblick schweißgebadet aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum war.
Der Augenblick, verfolgt von dem Gefühl, die Realität ergebe sich am Ende des Versuches, sich mit allen Mitteln in die Möglichkeit eines Traumes zu flüchten, dem nüchternen Ausgang der Wirklichkeit.
So grau, so schmerzhaft.
Als Sebastian fünf Jahre alt war, hatte er große Angst vor dem Fliegen. Jedes Mal, wenn die beiden im Flugzeug in Richtung Buenos Aires starteten, hielt seine Mutter Sebastians Hände ganz fest und sagte ihm eine Art Mantra: „Alles ist gut, wenn wir zusammen sind. Die Angst packen wir jetzt und stecken sie in den Rucksack.“ Dann haben die beiden mit den Händen eine Bewegung gemacht, mit der sie wie Pantomimen den Rucksack mit Angst füllten und ihn verschlossen.
Auch wenn er trotzdem Angst hatte, fühlte er sich immer sicher an der Seite seiner Mutter.
Da lag sie, mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden des kleinen, dunklen Badezimmers. Ihren Kopf umrandete eine Blutlache. Der kleine Holzhocker auf der Seite liegend, der Duschvorhang, abgetrennt durch den kläglichen Versuch, etwas zu greifen, das sie vor dem Aufprall noch schützen würde, lag von der hilflosen Tragik dieser Situation gezeichnet, abgetrennt auf dem Boden des kleinen, karg beleuchteten Badezimmers.
Als hätte jemand den Rucksack geöffnet, über dem lodernden Herzen ausgeschüttet und die Flamme der Hoffnung unter der kalten Angst begraben, dafür gesorgt, dass sich die Leere dieses tauben Momentes in Ewigkeit manifestierte.
Er stand unter Schock. Das würde später der Notarzt dazu sagen.
Der Bestatter würde sagen, dass der Tod auch ein Teil des Lebens ist.
Die Versicherung würde ihm sagen, dass es ein Unfall war und die meisten dieser Art schließlich im Haushalt passieren.
Alle würden ihm ihr herzlichstes Beileid aussprechen.
Sebastian aber wusste nicht, was er sagen sollte.
Dreieinhalb Stunden lag sie dort, bevor er sie fand. Dreieinhalb Stunden zu lang. Er hatte sie im Stich gelassen. Die Augen leer und glasig, schlurfte Sebastian nach einer weiteren schlaflosen Nacht in Richtung Wohnzimmer.
Luftschlangen verblassten im Grau der Atmosphäre des Raumes. Ein dichter Staubfilm hatte sich darauf angesammelt und tauchte den Raum nach und nach in eine kalte Leere, welche ihn bei jeder Gelegenheit zu verspotten schien.
Alles war so wie vor einer Woche. Er hatte nichts verändert. Warum auch?
Er sah keinen Sinn mehr in Veränderung.
Auf Nachrichten antwortete er nicht. Er wusste nicht einmal, wo sein Handy war.
Es war später Nachmittag, als ihn das Klingeln der Tür aus seinen Gedanken riss.
Einzig den unterschiedlichsten tierischen Bewohnern dieses Grundstückes bot gerade die Abwesenheit der Menschen ideale Lebensbedingungen und verwandelte diesen scheinbar ausgestorbenen Ort langsam und über Jahre in ein Zuhause für unzählige Lebewesen, welches sich dem Beobachter oft erst bei näherem Hinsehen in seinem vollen Glanz präsentierte.
Sebastian öffnete seine Augen und wie durch den Duft geleitet, bahnte er sich langsamen Schrittes seinen Weg durch das dicht bewachsene Grün, an der verwucherten Farm vorbei in Richtung der Orangenbäume.
Im Gegensatz zu seinem eigentlichen Zuhause in Lyon fühlte er sich hier wirklich willkommen.
Hier hatte er das Gefühl, wertvoll zu sein. Außerdem gab es immer viel zu tun.
Er half seinem Opa auf der Plantage, spielte mit ihm zusammen auf der Gitarre oder sie lagen einfach unter einem der zahlreichen Bäume, schauten in den Himmel und erzählten sich die verrücktesten Geschichten. Er hatte einen echten Freund in seinem Opa.
Sebastian war schon immer eher ein stiller Junge. In Lyon hatte er nicht viele Freunde. Er ging nicht gerne in die Schule. Alle sagten immer, er solle doch lesen, schreiben und rechnen lernen. Die Lehrer sagten ihm, dass er es sonst zu nichts im Leben bringen könnte.
Für Sebastian jedoch machte das keinen Sinn.
Er wollte doch sowieso eines Tages mit seinem Opa zusammen auf der Farm leben, und dafür brauchte er schließlich kein Mathe … lesen musste er auch nicht, um die saftigen Orangen zu pflücken. Er brauchte nur seine Hände, eine Leiter und einen Korb.
Wie der bittere Geschmack einer überreifen Orange, wie die gerissene Saite einer viel bespielten Gitarre, wie die Geschichte, die plötzlich nicht mehr weitererzählt wird, so wurde auch Sebastian von der bitteren Realität über die Vergänglichkeit des Lebens eingeholt.
An dem Tag, an dem Opa starb, da starb auch etwas in Sebastian. Der Traum vom Rest seines Lebens, zusammen mit ihm auf der Farm, die unendlichen Ideen, all die Lieder, die sie singen, die Geschichten, die sie erzählen und nicht zuletzt die unzähligen Orangen, welche die beiden noch pflücken sollten. All diese Träume verließen ihn an diesem Tag und er spürte das erste Mal, wie leer sich das Leben anfühlen kann.
Er wusste nicht, dass ein Mensch so viele Tränen weinen kann. Mehr Tränen, als es Regentropfen gibt auf der Welt. Mehr Tränen, als in allen Zeiten jemals Wasser im Meer war, weinte Sebastian über den Tod seines besten Freundes.
Das Leben geht weiter. Das sagten alle. Er brachte die Schule hinter sich und dann sollte er einen Beruf lernen. Das ist wichtig. Das sagten alle.
Sebastian fühlte sich leer. Eigentlich waren ihm „alle“ egal.
Sebastians achtzehnter Geburtstag stand vor der Tür und seine Mutter schmückte die kleine Wohnung am Rande der Stadt festlich. So festlich, dass er fast vergaß, dass es keine Freunde gab, die er hätte einladen können. So festlich, dass Sebastians Mutter vergaß, dass sie die Wohnung auch mit zwei Jobs und Sozialhilfe kaum halten konnte.
So festlich, dass es fast schon so wirkte, als wolle sie mit allen Mitteln verstecken, dass es an diesem Tag und in dieser Wohnung einfach nichts zu feiern gab.
Sebastian saß, den Kopf auf die Hände gestützt, an dem wackeligen Küchentisch, den die beiden vor Jahren auf einer Wohnungsauflösung für schlappe 20 Euro ersteigert hatten, und sah seiner Mutter eine ganze Weile wie in Trance dabei zu, wie sie nahezu anmutig durch die Wohnung tänzelte und unzählige Luftschlangen verteilte. Sie hatte schon immer ein Talent darin, so zu tun, als wäre alles okay.
Aus dem kleinen Kofferradio auf der Küchenzeile, an dem sich nach Jahren der Nutzung nur noch ein Sender einstellen ließ, dröhnte in voller Lautstärke irgendein irrelevanter Popsong eines irrelevanten Künstlers. Verträumt schaute er auf seine Armbanduhr, als er zusammenschreckte. „13:20 Uhr! Ich komme noch zu spät zur Arbeit“, rief er, wie aus einem Traum erwacht, aus, als er sich von der alten Bank erhob, die dabei immer etwas knarzte. „Bis heute Abend, Geburtstagskind!“, rief ihm seine Mutter entgegen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Komm nicht zu spät zum Essen“.
Das sagte sie immer. Er wusste, dass sie sich eigentlich wünschte, dass er zu spät kommen würde. Das würde nämlich bedeuten, dass er vielleicht irgendjemanden da draußen hatte, mit dem er Zeit verbringen könnte. Das wünschte er sich auch. Doch leider war er immer pünktlich zu Hause.
Im Flur angelangt, warf Sebastian wie jeden Tag einen Blick in den chromglänzenden Briefkasten im Erdgeschoss des großen Mehrfamilienhauses.
Zwischen Werbung und Rechnungen ragte, fast schon majestätisch, ein großer dunkelblauer Umschlag hervor.
Sebastian nahm ihn heraus und mit Blick auf den Absender zuckte er zusammen.
Concordia, Argentinien, stand in silberner Schrift an dem Ort des Absenders. An diesem Ort, an dem er jeden Sommer seiner Kindheit verbrachte, lebte sein Großvater. Er hatte Ewigkeiten nicht mehr über diesen Ort nachgedacht.
Das Vermögen ging nach dem Tod seines Großvaters aufgrund hoher Schulden an die Stadt über und die Farm stand seitdem leer, soweit er wusste.
Sebastian öffnete den Umschlag und holte einen Brief heraus.
An meinen Enkel Sebastian
Mein Junge,
wenn du diesen Brief liest, bist du inzwischen 18 Jahre alt. Ich weiß nicht, wo ich dann sein werde, aber ich weiß, dass du jetzt erwachsen bist.
Diese Farm, auf der du immer so gerne warst, gehört jetzt dir. Ich hoffe, du wirst sie nicht als Last sehen, sondern als einen Ort, an dem du eine Zukunft haben kannst, so wie du sie dir vorstellst.
Es kann sein, dass du schon vieles vergessen hast, aber die Bäume werden sich an dich erinnern. Sie tragen dein Lachen in ihren Ästen, so wie sie meins tragen.
Nimm die Farm an, Sebastian. Als Erinnerung daran, dass du immer mein Freund bleibst.
Dein Opa
Sebastians Hände zitterten und eine Träne tropfte auf das raue Briefpapier, welches unter der Vibration von Sebastians Händen zu beben begann.
Die Worte des Briefes agierten wie Funken und versetzten die traurige Flamme in Sebastians Herzen in ein loderndes Feuer aus Liebe und Melancholie.
Dieser Brief schien ihn in ein Gefühl zwischen Hoffnung, Leben und Energie zu versetzen.
Ein Gefühl, so tief vergraben und doch vollkommen vertraut. Wie ein alter Freund, dem man zufällig begegnet, wie eine alte Liebe, die in einem neuen, nie gekannten Glanz ein Feuer entfacht, das jede noch so majestätische Flamme in Neid erblassen und schließlich erlöschen ließ.
Letztlich wie die Geschichte, die beendet schien, plötzlich mit frischer Tinte, Wort für Wort, eine neue Handlung formt und mit einer Fortsetzung, so schön wie nie vorher gekannt, ganz vergessen lässt, dass es jemals ein Ende gegeben hat.
Entgegen all seiner Verpflichtungen erfasste Sebastian den Entschluss, nach Argentinien zu gehen und das Erbe seines besten Freundes anzutreten.
Nächste Woche würde er sich auf den Weg machen. Für den Moment allerdings war er zu spät dran. Seine Schicht hatte bereits begonnen.
Seitdem er mit der Schule fertig wurde, arbeitete Sebastian in einem Supermarkt am Ende der großen, von Kastanienbäumen geschmückten Straße, auf der er als Kind schon immer widerwillig seinen Weg in die Schule bestritt.
Die Bäume am Rande der Straße, verkleidet in Orange, ließen keinerlei Zweifel daran, dass der Herbst Einzug hielt. Nach und nach warfen sie ihr Blätterkleid auf die Straße, als würden sie den Boden mit einem Teppich auslegen wollen. Unter dem von Wolken bedeckten Himmel Lyons flog Sebastian förmlich über den Weg und mit jedem Schritt wirbelte er unzählige Blätter auf. Sein Herz schlug mit jedem weiteren Gedanken an die Farm etwas schneller und schien ihn immer weiter zu beflügeln.
Angekommen am kleinen Supermarkt, vorbei an der Kasse, bahnte sich Sebastian seinen Weg durch die engen Gänge hin zum Pausenraum, in dem er seine Arbeitskleidung aufbewahrte.
Dieser Supermarkt schien wie das Abbild der deprimierenden Hoffnungslosigkeit vieler Gestalten, die hier täglich einkauften. Erschreckend genau spiegelte er so die Verlorenheit, die sich nüchtern in tiefer Trauer wiederfand, um dort leise zu verenden.
Der klägliche Kampf, mit künstlich warmem Neonlicht der kalten, ausladenden Atmosphäre entgegenzuwirken, schien eher vermieden als gescheitert, den Aufenthalt des Einkäufers auf das Nötigste zu beschränken.
„Du bist zu spät“, riss ihn eine vertraute Stimme aus dem Gedankengang, als Sebastian den spärlich eingerichteten Raum betrat. Am Tisch saß ein mit dem Gesicht in die Tageszeitung vertiefter Mann.
Er blickte nicht auf. Es war Phillipe, sein Chef.
Er konnte Sebastian noch nie wirklich gut leiden. „Ich weiß, entschuldige.“ Wenn er sonst wenige Qualitäten aufwies, verstand sein Vorgesetzter es, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.
„Du wirst die Zeit nachholen“, sprach Phillipe, ungeachtet der Entschuldigung, den Blick noch immer der Zeitung zugewandt.
Sebastian war niemand, der sich viel beschwerte. Diese für das Leben doch häufig so ungünstige Eigenschaft hatte er von seiner Mutter geerbt.
„Worauf wartest du? Mach dich an die Arbeit“, raunte es hinter der Zeitung hervor.
Als Sebastian nach seiner Weste griff, fiel ihm mit Blick auf Malikas Haken auf, dass ihre Weste weg war. Sie hatte freitags normalerweise ihren freien Tag. Leider konnte auch sie sehr schlecht Nein sagen.
Er verließ den Raum, so still, wie er ihn betreten hatte.
An diesem Nachmittag konnte er sich einfach nicht konzentrieren. Jeder Gedanke drehte sich um seine Reise und die Farm.
Als er vor dem Drogerieregal stand, um die verschiedensten Rasierer farblich zu sortieren, spürte er einen Finger auf seiner rechten Schulter und kaum umgedreht die Umarmung einer jungen Frau.
Es war Malika. Sie strahlte ihn an. „Happy Birthday, mein Lieber“, lächelte sie ihm ins Gesicht, als sie diese kurze Umarmung langsam löste.
Malika war eine dieser Menschen, die ihm das Gefühl geben konnte, dass er irgendwie wichtig wäre. Seit sie vor circa zwei Jahren zusammen mit ihrem Vater von Marseille nach Lyon zog, lebte sie in derselben Straße wie Sebastian. Seit einem Jahr arbeitete er mit ihr zusammen in diesem Supermarkt.
Vielleicht mochte sie ihn, weil sie seine Einsamkeit verstand. Vielleicht hatte sie denselben ständigen Begleiter.
Dieser Begleiter, der wie ein Schatten für einen kurzen Moment in dem warmen Dunkel der menschlichen Interaktion eine fast schon liebevolle Daseinsberechtigung zu erlangen schien.
„Und? Wann steigt die Party?“, fragte sie ihn, als würde sie wirklich fest daran glauben, dass es eine gäbe. „Ach weißt du, ich feiere nicht so gerne. Außerdem hab ich morgen wieder Schicht.“
Malika sah ihn mit diesem Blick in die Augen, mit dem sie ihn wohl eher durch- als anschaute.
„Wie wäre es mit einem Bier heute Abend nach der Arbeit?“
Hatte sie ihn gerade eingeladen? Sebastian wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Herz schlug wie verrückt, seine Hände fingen an zu schwitzen und sein Mund ausgetrocknet, brachte er kein einziges Wort heraus.
Malika lächelte. „Also abgemacht“. „Es ist mir eine Ehre, deinen Geburtstag mit dir zu feiern“, sagte sie lachend, als sie Sebastian im Sumpf seiner Unsicherheit versinkend stehen ließ und Richtung Kasse lief.
Der Tag verging wie im Flug. Um die Zeit nachzuholen, verzichtete Sebastian auf seine Pause und arbeitete durch. Er schaffte es sogar, noch die Bestellungen für morgen zu machen.
Nach Feierabend wartete Malika auf Sebastian vor dem Eingang.
Beide Hände in den Taschen ihrer schweren oversized-Lederjacke vergraben, lächelte sie Sebastian zu, als dieser aus dem mittlerweile nur noch spärlich beleuchteten Supermarkt auf den Parkplatz lief. „Da bist du ja endlich. Bei den Überstunden, die du immer machst, müsstest du ein Spitzengehalt bekommen“, sagte sie lachend. Sebastian schaute sie mit großen Augen an.
Das machte er immer, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte. Er stand nur da und schaute. Malika unterbrach ihn dabei. „Keine Sorge, ich lade dich trotzdem ein“, sagte sie, während sie ihm einen flüchtigen Blick zuwarf und vorweglief.
Sie gingen in eine kleine, bescheidene Bar, in der viele Arbeiter aus der Gegend den Abend bei ein paar Drinks ausklingen ließen.
Die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch ganz hinten in der Bar und Malika bestellte zwei Bier, die der Wirt auf ihrem Deckel in Form von Strichen verzeichnete.
„Sag mal, Basti“, fragte Malika ohne Umwege. „Warum bist du eigentlich so?“
„Wie meinst du das?“, fragte Sebastian leicht ertappt. „Hast du keine Ziele?“, entgegnete ihm Malika, als hätte sie seine Frage vorausgesehen. „Gibt es denn nichts, was du gerne machen möchtest?“
„Ich meine, du kommst jeden Tag in diesen Supermarkt und machst, was du machst. Du machst das nicht gut und nicht schlecht. Als wäre es irgendwas zwischen wichtig und egal. Aber auf jeden Fall ohne Gefühl.
Danach gehst du nach Hause und spielst an deinem Computer. Ich habe noch nie gesehen, dass du rausgehst, dich mit Freunden triffst, mit irgendjemandem redest oder vielleicht einfach bloß mal einen anderen Weg nimmst als sonst.
Du machst immer dasselbe. Das würde mich kaputtmachen. Gibt es nichts, was dich antreibt?“
Hatte sie ihn gerade beleidigt? Warum fühlte es sich nicht so an? Er war nicht beleidigt. Er war verletzt. Vielleicht, weil sie die Wahrheit sagte. Sie hatte Recht. Ihm war schon lange alles egal. Bis heute. Dieser Brief hatte etwas in ihm geweckt, das er schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Dieser Brief weckte Hoffnung.
Sebastian erzählte ihr von den Sommern auf der Farm, dem Brief und was er ausgelöst hatte.
Doch am wichtigsten: Sebastian erzählte ihr, wie er sich fühlte.
Sie verbrachten Stunden in der Bar und redeten über die Farm und die Orangen, über Sebastians Opa, die Gitarre und die vielen Geschichten.
Es war viertel vor eins, als er die Wohnung betrat. Im Wohnzimmer brannte Licht, als er die Tür ins Schloss fallen ließ, die Jacke an den Kleiderhaken hing und die Schlüssel in die kleine Schale auf dem alten Sideboard neben der Tür legte.
„Hi Mama, bin zuhause.“ Keine Antwort. Er machte zwei Schritte in Richtung Wohnzimmer. Die Luftschlangen hingen noch immer unverändert über den Möbeln.
„Mama?“, erkundigte sich Sebastian, als er langsam durch die Wohnung ging.
Das war ungewöhnlich, für eine Freitagnacht. Normalerweise war sie zu der Zeit noch wach und schaute irgendwelche Schnulzen im TV. Außerdem war das Licht an. Vorsichtig blickte Sebastian ins Schlafzimmer seiner Mutter. Es war dunkel, doch er konnte erkennen, dass ihr Bett leer war.
„Sie hätte mir doch geschrieben, wenn sie ausgegangen wäre. Außerdem hatte sie doch auch niemanden hier. Sie hatten nur einander.“
Ein flaues Gefühl machte sich in Sebastians Bauch breit und versetzte ihn in einen hilflosen, leicht panischen Zustand.
„Reiß dich zusammen!“, besann er sich und folgte dem Gedanken, sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen und erst einmal durchzuatmen.
Er taumelte durch den kleinen Flur und fiel schon fast auf die Klinke der Badezimmertür, welche er nach außen öffnete, und als er den Lichtschalter betätigte, offenbarte sich ihm ein Anblick, der von so einer immensen Grausamkeit geprägt war, dass er den Beobachter für einen Moment in absoluten Stillstand versetzte.
Einer dieser Momente, von denen man sich wünschte, jeden Augenblick schweißgebadet aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum war.
Der Augenblick, verfolgt von dem Gefühl, die Realität ergebe sich am Ende des Versuches, sich mit allen Mitteln in die Möglichkeit eines Traumes zu flüchten, dem nüchternen Ausgang der Wirklichkeit.
So grau, so schmerzhaft.
Als Sebastian fünf Jahre alt war, hatte er große Angst vor dem Fliegen. Jedes Mal, wenn die beiden im Flugzeug in Richtung Buenos Aires starteten, hielt seine Mutter Sebastians Hände ganz fest und sagte ihm eine Art Mantra: „Alles ist gut, wenn wir zusammen sind. Die Angst packen wir jetzt und stecken sie in den Rucksack.“ Dann haben die beiden mit den Händen eine Bewegung gemacht, mit der sie wie Pantomimen den Rucksack mit Angst füllten und ihn verschlossen.
Auch wenn er trotzdem Angst hatte, fühlte er sich immer sicher an der Seite seiner Mutter.
Da lag sie, mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden des kleinen, dunklen Badezimmers. Ihren Kopf umrandete eine Blutlache. Der kleine Holzhocker auf der Seite liegend, der Duschvorhang, abgetrennt durch den kläglichen Versuch, etwas zu greifen, das sie vor dem Aufprall noch schützen würde, lag von der hilflosen Tragik dieser Situation gezeichnet, abgetrennt auf dem Boden des kleinen, karg beleuchteten Badezimmers.
Als hätte jemand den Rucksack geöffnet, über dem lodernden Herzen ausgeschüttet und die Flamme der Hoffnung unter der kalten Angst begraben, dafür gesorgt, dass sich die Leere dieses tauben Momentes in Ewigkeit manifestierte.
Er stand unter Schock. Das würde später der Notarzt dazu sagen.
Der Bestatter würde sagen, dass der Tod auch ein Teil des Lebens ist.
Die Versicherung würde ihm sagen, dass es ein Unfall war und die meisten dieser Art schließlich im Haushalt passieren.
Alle würden ihm ihr herzlichstes Beileid aussprechen.
Sebastian aber wusste nicht, was er sagen sollte.
Dreieinhalb Stunden lag sie dort, bevor er sie fand. Dreieinhalb Stunden zu lang. Er hatte sie im Stich gelassen. Die Augen leer und glasig, schlurfte Sebastian nach einer weiteren schlaflosen Nacht in Richtung Wohnzimmer.
Luftschlangen verblassten im Grau der Atmosphäre des Raumes. Ein dichter Staubfilm hatte sich darauf angesammelt und tauchte den Raum nach und nach in eine kalte Leere, welche ihn bei jeder Gelegenheit zu verspotten schien.
Alles war so wie vor einer Woche. Er hatte nichts verändert. Warum auch?
Er sah keinen Sinn mehr in Veränderung.
Auf Nachrichten antwortete er nicht. Er wusste nicht einmal, wo sein Handy war.
Es war später Nachmittag, als ihn das Klingeln der Tür aus seinen Gedanken riss.
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