Die Reise zu meinem Ich

Itata

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Da war dieser, wie ich dachte, Freund.
Er hat mir, wie ich dachte, immer ein
Ohr geliehen.
Und hätte er mir auch zwei Ohren geliehen,
so hätte er
noch immer nicht
gehört, was ich
gesagt hatte.
Ge-
schweige, war ich nicht gesagt habe.
Und nicht bemerkt die
Stille, die so laut in meinem Kopfe dröhnt
Und mich nicht zur Ruhe kommen lässt, die Gedanken drehen sich im Kreise und
ich bin starr.
Ich bin taub
vor Angst.
Angst vor der, wie ich denke, kommenden Erkenntnis.

Da war diese, wie ich dachte, wundervolle Zeit,
in der ich jeden freien Augenblick diesem, wie ich dachte, Freund, widmete.
Diese wundervolle Energie, die mich
durchströmte und ich genoss, wie es mich durchflutete.
Den sich nähernden fast tödlichen
Stromschlag sah ich nicht kommen.
Ich bin elektrisiert
vor Angst.
Angst vor der, wie ich denke, kommenden Erkenntnis.

Da war dieses, wie ich dachte, Vertrauen,
dass man in einem Menschenleben nur
einem einzigen Menschen-
freund schenkt.
Und je mehr ich vertraute, sah ich nicht hin,
auf die Einseitigkeit.
Ich bin blind
vor Angst.
Angst vor der, wie ich denke, kommenden Erkenntnis.

Da war diese Angst,
die, wie ich denke, mir auch kein Freund war.
Ich vergrub mich in den dunkelsten Orten,
um meine Wunden zu, wie ich dachte, heilen.
Meiner Sinne beraubt,
vom Schmerz betäubt,
vom Leben gezeichnet,
war ich starr vor Angst.
Angst vor der Angst.

Da war diese, wie ich denke, lehrreiche Panik,
gerissene Fratzen ins Gesicht mir lachten,
mir den Spiegel vor mein Gesicht hielt,
Scherben,
in welche ich lachend
sprang, um mich selbst zu attackieren.
Die Luft wurde dünn,
der Verstand kam zur
Vernunft und rief mir zu,
rief tief in mir.
Der Hall der Einsamkeit bebte in mir,
und die Angst erstarrte,
da sie nichts hörte,
keine Schwingungen vernahm,
im Dunkel nichts sah.

Da war dieses, wie ich denke, erfrischende Echo,
das sich unsichtbar näherte und den Schal-
tkreis laut dröhnend, wie zuvor die Angst,
durch-
brach. Bruchstücke wie Scherben,
nur ohne Verletzungsgefahr.
Der Schall wurde zum Ton und durch-
drang nach Lust und Laune jede Phase meines
Scherben-
Körpers, umstrich jedes einzelne Teil
sanft
reihte die Teile wieder aneinander,
und begann eine neue Seite
in einem neuen Kapitel
in einem neuen Buch.

Marmorierter Einband erinnert,
dass ich niemals der gleiche Mensch sein werde,
der ich war.

Jetzt weiß ich,
es war das, wie ich denke,
wie
ich
dachte,
was zu meinem
größten Übel wurde.

Da war dieser, wie ich dachte, Freund,
der zu einem Menschen wurde,
der zu einem, wie ich denke, Fremden wird.
Ich streiche sanft über den marmorierten Einband
meines Innersten.
Ich fühle die Erhebungen und Vertiefungen
der goldenen Linien,
die meine
Teile neu
zusammenfügen.
Da ist das gebrochene Vertrauen,
welches den Buchrücken am stärksten prägt.
Das Loch klafft blutrot in der Mitte,
wo es einst gewesen.
Nun hängt es, noch, lose am Rand,
klammert sich
panisch
um den Buchdeckel.
Halt für die verkohlten,
Schutz für weißen
Blätter.

Und beinahe melancholisch, denke ich,
denke ich an einen Fremden,
der mir einst
so nah,
dass er den schönsten Buchdeckel
mir zum Geschenk machte.

Da war dieser, wie ich dachte, Freund,
der, wie ich denke, nichts davon weiß,
dass er mir ermöglichte,
auszu-
brechen und mit jedem
Bruch
einzu-
brechen
in mein neues Leben.
Ich bin sprachlos
vor Angst
vor der
Freude,
vor der, wie ich denke, kommenden Erkenntnis.
 

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