Die rote Tür

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Aniella

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Ich lasse mich in den Lehnstuhl zurücksinken und bevor ich meine Augen schließe, schaue ich zu dem alten Mann hinüber, der friedlich vor sich hinschlummert.
Auch wenn ich das Knarren einer Tür in meinem Kopf leise vernehme, lasse ich mir noch die Zeit zu warten, bis Alex vor mir wieder aufwachen wird.
Mein bester Freund.
Meine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, als alles begann.

Kurz nach meinem vierten Geburtstag kam mein kleiner Bruder zur Welt. Bereits die Zeit bis zu seiner Ankunft versetzte mich in närrische Freude, ich war stolz darauf, ein großer Bruder zu werden. Max war ein süßes Baby und ich war ganz vernarrt in ihn.
Es machte mir nie etwas aus, mich mit ihm zu beschäftigen und auf ihn aufzupassen. Als er anfing zu laufen, folgte er mir wie ein kleiner Schatten. Er lachte viel, unser kleiner Sonnenschein.
Darum traf es mich hart, als er mit zwei Jahren erkrankte und sich nie wieder erholte. Am Ende durfte ich sein Zimmer nicht mehr betreten. Verschüchtert schlich ich durch das Haus und wagte es nicht, einen Ton von mir zu geben.
Max erlebte seinen dritten Geburtstag nicht mehr. Irgendwann wurde er abgeholt. Meine Eltern fuhren mit mir in ein fremdes Haus. Sie sagten was von Abschied nehmen und dass ich still sein sollte, während sie in einem Raum verschwanden.
Da sah ich sie zum ersten Mal:
Die rote Tür verschloss sich vor meinen Augen, verschlang alles, was ich liebte. Dahinter war Max, das wusste ich, nun auch meine Eltern. Ich starrte lange auf den Lichtschein, der unter der Tür in den dämmrigen Flur drang.
Wir kehrten nach Hause zurück.
Ohne Max.
Damals begriff ich, dass man den Raum hinter der roten Tür nicht immer wieder verlassen konnte. Manche Menschen konnten nicht zurück.
In meiner Trauer um Max hatte ich begonnen, von einem Haus zu träumen, in dem es hinter vielen Türen unbekannte Räume zu erkunden gab.
Für Max hatte es nicht so viele Türen gegeben, sein Haus war nun verschlossen, er verschwand hinter der gefürchteten roten Tür und das viel zu früh. Ich schrieb es auf, um es nicht zu vergessen, aber es war viel zu schnell vorbei, denn es gab nichts mehr nachzutragen.
Ich bekam kein neues Geschwisterchen, obwohl meine Eltern es gewollt hätten; es sollte wohl nicht sein.
Drei Jahre später gab es aber bei unseren unmittelbaren Nachbarn einen kleinen Nachkömmling. Seine große Schwester Marie, ging mit mir in eine Klasse und berichtete mir davon, lud mich zu einem Besuch zu sich nach Hause ein. Dieser Einladung folgte ich irgendwann zögernd.
Er hieß Alexander und er erinnerte mich an Max. Ich verliebte mich in den kleinen Alex sofort.
Ich besuchte den kleinen Kerl so oft ich konnte und auch er hatte bald einen Narren an mir gefressen. Da ich mich geschickt anstellte, durfte ich später auf ihn aufpassen und sobald er laufen konnte, hing er wie eine Klette an mir. Was mich durchaus nicht störte. Ich fand neben meinen Interessen und Pflichten auch immer Zeit für den kleinen Jungen, der mein Herz erobert hatte.
Als Alex in mein Leben trat, begann ich, ein neues Tagebuch zu schreiben. Ich beschloss, Alex durch sein Leben zu begleiten, ihm Türen zu zeigen, die es sich lohnte zu öffnen und Wege zu ebnen, die ihm zu schwierig erschienen. Ich stellte mir vor, es wäre Max, dem ich die Welt zeigte. Ich ging in seinem Haus ein und aus und er hieß mich stets willkommen.
Trotz unseres Altersunterschieds wurden wir mit der Zeit beste Freunde. Je älter Alex wurde, desto weniger spielte der Altersunterschied eine Rolle. Am Anfang war ich sein Idol, er betete mich an und ich genoss es, ihn zu beschützen und zu trösten, wann immer er Trost brauchte. Ob es wegen schulischer Probleme war, Ärger mit den Eltern oder sein erster Liebeskummer, ich half ihm immer so gut ich konnte.
Als ich mit Anfang zwanzig heiratete, war er verunsichert, ob unsere Freundschaft nun zerbrechen würde, aber ich hielt an ihm fest, er war und blieb mein kleiner Bruder im Geiste. Nun war es Alex, der in meinem Haus ein- und ausging. Da unsere Ehe leider kinderlos blieb, war Alex immer gern gesehener Gast.
Er wurde erwachsen.
Ich war stolz, als er mich bat, sein Trauzeuge zu sein. Nun begegneten wir uns mehr und mehr auf Augenhöhe. Wir teilten immer noch Freud und Leid, nicht alles lief problemlos, auch nicht bei Alex, denn ihr erstes Kind verstarb, noch bevor es das Licht der Welt erblickte. Ich lotste meinen Freund stets an der roten Tür vorbei. Heilfroh konnten wir ihn von seinen trüben Gedanken abbringen und ihm wieder Lebensmut einhauchen. Ihm und seiner Frau. Wir waren mit ihnen überglücklich, als sie kurze Zeit später doch noch zwei gesunde Kinder bekamen.
Seitdem Alex seine Familie gegründet hatte, trafen wir uns regelmäßig einmal die Woche abwechselnd bei ihm oder mir. Ein Abend nur für uns beide, so wie früher.
»Heute bei uns, Alex?«, fragte ich ihn einmal.
Er lächelte mich an und nickte. »Ich freu mich drauf. Wollen wir angeln gehen vorher? Oder eine Partie Schach spielen? Na, wir können es uns ja noch überlegen. Ab drei habe ich Zeit.«
Noch standen wir mitten im Leben und hatten nicht mit den Mühen des Alters zu kämpfen. Die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, bestimmten meistens unseren Tagesablauf. Genauso gefiel es uns, es war erfüllend und machte Spaß. Jeder von uns öffnete täglich neue Türen, nicht nur die Kinder. Wir erkundeten gemeinsam, was uns die neuen Räume brachten und waren immer positiv in unserem imaginären Lebenshaus unterwegs, immer auf der Suche nach unbekannten Zielen, neuen Herausforderungen. Unsere Männerabende fanden immer statt und wir tauschten uns regelmäßig über die Arbeit und das Familienleben aus, kleinere und größere Probleme. Wir waren ein perfektes Team. Bis heute hatte sich daran nichts geändert.

Ich höre, wie sich Alex bewegt und blinzele zu ihm hinüber. Nein, noch schlummert er. Bestimmt träumt er etwas, was ihm Freude bereitet, denn ein angedeutetes Grinsen huscht über sein ansonsten entspanntes Gesicht. Ich merke, dass ich ebenfalls lächle. Solange wie wir Zeit miteinander verbracht haben, war mein größter Wunsch, dass es Alex gutgeht.
Ich weiß, ich muss jetzt Abschied nehmen, aber ich habe meinen Job gut erledigt. Selbst mein Bruder im Herzen ist ein alter Mann geworden. Das war nicht jedem vergönnt.
Max zum Beispiel.
Es ist komisch, dass sich das nur in frühester Jugend und in hohem Alter bemerkbar macht. Wie ähnlich sind sich diese Zeiten doch. Zwischendurch hat es nie eine Rolle gespielt.
Meine Augen gehen bei diesen Gedanken richtig auf, mein Blick liegt auf Alex.
Er schlägt seine Augen auf und fixiert mich fragend, als wenn er meinen Blick gespürt hat. »Was ist?«, fragt er sofort. »Bin ich dir zu still heute? Ich habe geträumt, wie du mich auf dem Schlitten durch die Gegend gezogen hast. In der Kurve warst du zu schnell und ich bin umgekippt. Das ...«
Ein Ächzen von meinen Lippen unterbricht seine Rede und er reißt die Augen auf. »Was hast du?«, fragt er erschrocken und richtet sich alarmiert auf.
Ich winke ab, schiebe dann meine Brille den Nasenrücken hoch, weil sie ein Stück herabgerutscht ist. »Ich fühle mich heute müde, mein Freund«, nuschele ich leise, aber er hat mich verstanden und sein Blick wechselt zu Besorgnis. »Ich kann wieder gehen, dann kannst du dich ausruhen«, bietet er mir an, aber ich schüttele den Kopf. »Ich wollte mit dir reden, Alex«, tue ich ihm kund.
Er schaut mich erwartungsvoll an.
»Du kennst doch die Geschichte von Max und der roten Tür?«, fahre ich fort und er nickt zustimmend und abwartend. »Weißt du ... ich hatte ein Tagebuch für Max angefangen.« Ich atme schwer. »Ich wollte es ihm geben, wenn er erwachsen ist. Nur ist er das ja nie geworden. Dann habe ich dich kennengelernt.« Wieder muss ich tief Luft holen. »Für dich habe ich auch so ein Buch. Ich hatte lange Angst, dass mir die rote Tür auch dich wegnehmen würde. Darum habe ich dir nie davon erzählt.«
Endlich ist es raus.
Alex schaut mich verblüfft an. »Du hast für mich ein Tagebuch geführt?«, fragt er erstaunt.
Ich nicke. »Ich habe das Büchlein in meinem Nachttisch. Vorne steht dein Name drin und dein Geburtstag. Es gehört dir und deinen Kindern. Vielleicht möchte ja jemand darin weiterschreiben?« Ich sehe ihn mit einem zufriedenen Blick gemischt mit Wehmut an, aber er will es noch nicht verstehen.
Er lacht. »Schreib du es lieber weiter. Wir können es ja zwischendurch lesen, wenn du es entbehren kannst.« Er stemmt sich aus seinem Sessel hoch. »Ich glaube, ich gehe doch wieder nach nebenan und schlafen. Die Woche war anstrengend, Markus. Nächste Woche unternehmen wir etwas, das haben wir so lange nicht gemacht. Wir sollten auch mal wieder grillen, was meinst du?« Er steht auf bei seinen Worten und grinst mich an. So, wie er es früher auch immer getan hat.
Ich muss schlucken, weil ich weiß, dass es kein nächstes Treffen mehr geben wird. Ich halte meinen imaginären Hausschlüssel schon in der Hand, mit dem ich mein Haus des Lebens abschließen werde.
Endgültig.
Ich kann nicht verhindern, dass mir Tränen in die Augen schießen, als ich ihm nachblicke, wie er mit mühsamem Gang das Zimmer verlässt und wünsche ihm im Stillen alles Gute.
Ich höre die Tür klappen und schließe die Augen. Hinter mir spüre ich den Windzug. Die rote Tür aus meiner Erinnerung steht offen, ich weiß es. Irgendwann finde ich den Mut, drehe mich zu ihr um, gehe gedanklich auf sie zu und überschreite die Schwelle.
Mein letzter Gedanke gibt mir Trost:
Ich hatte ein gutes Leben.
 
Zuletzt bearbeitet:

Heinrich VII

Mitglied
Hallo Ariella,

habe deine Geschichte gelesen. Du schreibst gut - dein Thema hier scheint ein erfülltes Leben und der Tod zu sein.
Mit Interesse gelesen -

Gruß, Heinrich
 

Aniella

Mitglied
Hallo Heinrich,

danke für Dein Feedback zu meiner unaufgeregten Kurzgeschichte, die über eine außergewöhnliche Freundschaft und die Bedeutung der roten Tür erzählt. Auch wenn der Mensch dieses Thema gern verdrängt, so ist es dennoch allgegenwärtig. Allerdings, so meine Intention, bedeutet es ja nicht, dass man darüber die schönen Seiten des Lebens vergessen sollte.

LG Aniella
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Aniella,

Deine Geschichte hat etwas von einem Märchen, in dem der Protagonist durch seine frühe Leid-Erfahrung in eine Spur gerät und dann wird die stringente Beibehaltung eines Plans erzählt.
Ich sage Märchen, weil ich das so nicht glaube; das Leben poltert auch später noch dazwischen, aber auch, weil es sich so gut anfühlt, davon zu lesen, dass es vielleicht doch möglich ist, dass man sich entscheidet, was man machen will, sein Leben lang an diesem Plan festhalten kann, und sogar selbst wahrnimmt und damit bestimmen kann, wann man die Lebensfäden aus der Hand gibt/geben muss.
Das hat etwas Tröstliches. Und gut geschrieben ist es auch.

Liebe Grüße
Petra
 

Aniella

Mitglied
Liebe Petra,

vielen Dank für Deine positive Rückmeldung und Deine Bewertung! Darüber freue ich mich natürlich sehr. :)

Erstaunt bin ich über Deine Interpretation als Märchen, aber wenn ich darüber nachdenken, kann ich Dich verstehen. Vielleicht ist es wirklich so, dass ich mir gern etwas ausdenke, das – im Gegensatz zum oft ungerechten Leben – einen positiven Werdegang zulässt. In Wirklichkeit kann man ja nicht immer den Einfluss nehmen, den es dafür braucht. Wenn der Text am Ende auch noch etwas Tröstliches hatte, hat es meinen eigenen Anspruch erfüllt.
Meinst Du, ich hätte da ruhig noch mehr Hürden einbauen sollen, um es glaubwürdiger zu machen? Sie eventuell auch konkreter benennen sollen? Ich habe das meiste davon ja nur angedeutet, außer mit dem ersten Kind, das war konkret. Auf der anderen Seite sollte es auch nicht endlos aufgebauscht werden. Ich bin da noch etwas unschlüssig.

In jedem Fall nochmal ein herzliches Danke an Dich und liebe Grüße von
Aniella
 

Ubertas

Mitglied
Hallo @Aniella ,
wenn ich eine Geschichte bis zum Ende lese und sie mich ergreift, liegt es an der roten Tür.
Sehr gerne habe ich deine Worte gelesen.
Danke dafür!
Lieben Gruß ubertas
 

Aniella

Mitglied
Hallo Ubertas,
was für eine schöne Überraschung heute morgen für mich! :)
Ich danke Dir für die Sterne und die positive Rückmeldung und ich freue mich natürlich sehr, dass ich Dich damit erreichen konnte.
Es ist immer wieder schön, wenn man in Geschichten Träume und Wünsche realisieren kann.
Vielen Dank für Deine Reaktion hier und liebe Grüße von
Aniella
 

petrasmiles

Mitglied
Meinst Du, ich hätte da ruhig noch mehr Hürden einbauen sollen, um es glaubwürdiger zu machen?
Liebe Aniella,

ich denke, Du kannst nicht beides haben.
Dein Impuls zum Schreiben (so nehme ich an) entspricht Deinem Wunsch, diese Fallstricke des Lebens ein bisschen zu korrigieren und es Deinem Protagonisten so zu ermöglichen, an seinem Plan und seiner Haltung festzuhalten.
ich frage mich, was gewonnen wäre, wenn Du dann 'die Realität' doch ein bisschen 'reinholst'?
Meine Bezeichnung 'Märchen' ist ja kein Verdikt. Wir Menschen brauchen Märchen, in denen Dinge gelingen, die wir uns wünschen. Sie sind unser Anker in dem Meer der Hoffnung, dass vieles möglich ist, nur eben nicht immer gelingt.

Liebe Grüße
Petra
 

Aniella

Mitglied
Liebe Petra,

vermutlich stimmt das. Also lasse ich es so, wie es ist, außer jemand findet noch gravierende Fehler.

LG Aniella
 

Shallow

Mitglied
Hallo @Aniella,

vorweg: Die Geschichte hat mir sehr gefallen, @petrasmiles hat etwas Märchenhaftes erwähnt und das beschreibt die Sache auch für mich sehr gut. Dein Stil ist flüssig und gut zu lesen. Gibt nicht viel zu mäkeln, ein paar Dinge im Text sind mir aufgefallen, über die man sprachlich nachdenken könnte - aber nicht muss. Nur als Anregung gemeint:

Damals begriff ich, dass man den Raum hinter der roten Tür nicht immer wieder verlassen konnte. Manche Menschen konnten nicht wieder zurück.

Du verwendest hier zweimal "wieder", möglicherweise ist das zweite entbehrlich, ohne den Text zu beeinträchtigen.

Für Max hatte es nicht so viele Türen gegeben, sein Haus war nun verschlossen, er verschwand hinter der gefürchteten roten Tür

Hier bin ich über das verschlossene Haus gestolpert. Kehrt der Ich-Erzähler nicht wieder in das Haus zurück, ist möglicherweise nur der Raum verrschlossen? Es wäre dann viel vom "Raum" die Rede, aber da könnte ein alternativer Begriff gefunden werden.

nicht alles lief problemlos, auch nicht bei Alex, denn ihr erstes Kind verstarb, noch bevor es das Licht der Welt erblickte.

Hier ist m.E. die Zuordnung "ihr" etwas unklar, denn Alex ist ja männlich. Natürlich ist klar, was gesagt werden soll.

obwohl meine Eltern es gewollt hätten; Es sollte wohl nicht sein.

Nach dem Semikolon müsste es klein weitergehen.

Das war`s an Anregungen von meiner Seite, eine gelungene Geschichte und gern gelesen, schönen Gruß

Shallow
 

Aniella

Mitglied
Hallo @Shallow,

danke für Dein positives Feedback und die Verbesserungsvorschläge, die ich teilweise gleich verbessert habe.

Das (Lebens-)Haus ist geschlossen, wenn man die (eigene) rote Tür durchschreitet, das wird spätestens am Schluss nochmal erklärt.
Die Stelle mit dem Kind muss ich noch überlegen. Das müsste dann vermutlich ganz anders gelöst werden, denn es ist ja eindeutig auch nicht nur sein Kind.

Danke für Deine Gedanken!

LG Aniella
 

steyrer

Mitglied
Hallo Aniella!

Ein paar lose Leseeindrücke: Das Bild einer „roten Tür“ ist gelungen. Frühe Erinnerungen sind oft von der Farbe Rot dominiert.

Ich lasse mich in den Lehnstuhl zurücksinken und bevor ich meine Augen schließe, schaue ich zu Alex hinüber, der friedlich vor sich hinschlummert.
Bei dieser Einleitung dachte ich zuerst an eine Mutter und ihren Sohn, weil ich mir unter „Alex“ keinen alten Mann vorstellen konnte.

Das Thema ist der Tod, aber auch die beiläufige Beschreibung der konfliktlosen Freundschaft verbreitet, zumindest für mich, Unbehagen bis leises Grauen: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss, mit einem tödlichen Wasserfall am Ende.

Der Icherzähler weiß, wann er sterben wird. Offenbar entscheidet er sogar selbst darüber.
Ich halte meinen imaginären Hausschlüssel schon in der Hand, mit dem ich mein Haus des Lebens abschließen werde.
Deutlicher gehts nicht mehr. Nebenbei: Ist das Bild eines Schlüssels für die Lebenstür wirklich sinnvoll? Das würde doch bedeuten, dass man sie wieder aufschließen und zurückkommen könnte.

Schöne Grüße
steyrer
 

Aniella

Mitglied
Hallo steyrer,

vielen Dank für Deinen Besuch und die Gedanken zu meinem Text. Ich bin gerade zeitlich etwas eingebunden, war auch eine Zeit weg, melde mich aber die Tage nochmal zu den einzelnen Punkten.

Liebe Grüße
Aniella
 

Aniella

Mitglied
Hallo steyrer,

nach drei Tagen Fieber zwischen 39 und 40 Grad bin ich zwar immer noch etwas matschig, aber für eine Antwort reicht es hoffentlich trotzdem.

Alex ist üblicherweise die Abkürzung eines sehr alten Namens (Alexander), der sich auch heute noch einer großen Beliebtheit erfreut. Ich wollte zu Beginn wenigstens einen der beiden richtig benennen, denn schon im zweiten Satz wird der „alte Mann“ demaskiert. Ist das zu spät? Sollte ich erst vom alten Mann sprechen und Alex erst im zweiten Satz erwähnen? Man könnte darüber nachdenken, werde ich auch noch tun.

Das Thema ist der Tod, aber auch die beiläufige Beschreibung der konfliktlosen Freundschaft verbreitet, zumindest für mich, Unbehagen bis leises Grauen: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss, mit einem tödlichen Wasserfall am Ende.
Das sollte es eigentlich nicht vermitteln. Vielmehr wollte ich damit zeigen, dass es gerade für den Erzähler wichtiger ist, trotz aller Widrigkeiten, die sich im Laufe eines Lebens und auch in einer Freundschaft entwickeln können, sich an den guten Sachen festzuhalten. Es sind genug schlechte Dinge, die passiert sein müssen, aber wäre es für die Schlussfolgerung notwendig, diese alle zu benennen, damit man sieht, wie ungerecht das Leben sein kann, immer wieder? Kennen wir das nicht alle zur Genüge? Reichen nicht die paar Eckpunkte? Bin da etwas zwiegespalten. Eitel Sonnenschein war ihr Leben nicht, aber es war okay und ihre Freundschaft war ein starkes Band.

Der Icherzähler weiß, wann er sterben wird. Offenbar entscheidet er sogar selbst darüber.
Ich weiß nicht, ob es wirklich so ungewöhnlich ist, sein nahendes Ende zu spüren.
Er entscheidet sich nicht dafür, er wehrt sich nicht mehr dagegen, er nimmt es hin. Indem er die rote Tür abschließt, ist sein Lebenshaus kurze Zeit später ebenfalls verschlossen.

Deutlicher gehts nicht mehr. Nebenbei: Ist das Bild eines Schlüssels für die Lebenstür wirklich sinnvoll? Das würde doch bedeuten, dass man sie wieder aufschließen und zurückkommen könnte.
Manchmal kann jemand durch einen Arzt zurück ins Leben geholt werden, das wäre dann die Möglichkeit, die Tür nochmal zu öffnen, ansonsten ist das Leben in diesem Haus vorbei.

Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht in meine Gedanken bringen.

Viele Grüße
Aniella
 

steyrer

Mitglied
Und nochmals gute Besserung. Ich hatte versehentlich abgespeichert. : )

Sollte ich erst vom alten Mann sprechen und Alex erst im zweiten Satz erwähnen? Man könnte darüber nachdenken, werde ich auch noch tun.
Das ist eine gute Idee!

Ich würde die Abkürzung „Alex” übrigens nur in der wörtlichen Rede verwenden. Im erzählenden Teil führt die Doppelung von „Alex” und „Alexander” etwas zu Verwirrung.

Die Geschichte umfasst einen sehr langen Zeitraum. Daher ist sie nicht mehr als Kurzgeschichte, sondern als kürzere Erzählung einstufen.

Nebenbei: Markus weiß, dass er die nächste Woche nicht erleben wird. Um eine Tür abzuschließen, muss er aktiv werden. Ich hatte deshalb automatisch angenommen, der Erzähler würde Suizid begehen. Das nur zur Erklärung, aber ich bestehe nicht darauf. Mit Missverständnissen ist zu rechnen, wenn Metaphern verwendet werden.

Schöne Grüße
steyrer
 

Aniella

Mitglied
Hallo Steyrer,

ich wollte nochmal kurz auf Deine unten genannten Einwände eingehen:

Ich würde die Abkürzung „Alex” übrigens nur in der wörtlichen Rede verwenden. Im erzählenden Teil führt die Doppelung von „Alex” und „Alexander” etwas zu Verwirrung.

Die Geschichte umfasst einen sehr langen Zeitraum. Daher ist sie nicht mehr als Kurzgeschichte, sondern als kürzere Erzählung einstufen.
Ehe ich Alex nur in der wörtlichen Rede verwenden würde, würde ich eher Alexander rausnehmen. Das taucht ja nur einmal als Erklärung auf, wie der Name komplett aussieht. Ich fände es befremdlich, wenn er in seinen Gedanken nicht an Alex denken würde.

Die Länge des Zeitraums ist meiner Meinung nach nicht entscheidend für die Einstufung als Erzählung oder Kurzgeschichte. Wo sich allerdings zugegebenermaßen die Geister scheiden, ist an der Rückblende. Ich denke, die vor Jahrzehnten "festgelegten" Kriterien für KGs sind auch irgendwie einem gewissen Wandel unterworfen. Ich habe mir sagen lassen, dass die Schriftstellerin Margaret Atwood durchaus auch mit Zeitsprüngen gearbeitet hat, wohl auch sehr erfolgreich. Wenn sich jemand bemüßigt fühlt, meinen Text umzutopfen, meinen Segen hat er. ;-)

VG Aniella
 

steyrer

Mitglied
Zum Namen:
Einheitlich Alex ist natürlich auch möglich, besonders in einer kürzeren Geschichte. Es besteht ohnehin kein Zweifel, dass damit Alexander gemeint ist.

Zur Einordnung als Kurzgeschichte oder Erzählung:
Als „Kritiker“ brauche ich eben Schubladen. Als Autor sehe ich das auch entspannter. : )

Schöne Grüße
steyrer
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Auch hier sind Sternchen zu finden - ist das ein neuer Trend?

Es vergällt mir wirklich das Lesen!

Bitte entfernen.

Gruß DS
 



 
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