Die Rückkehr

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anbas

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Die Rückkehr der Eltern

An einem kalten, verregneten Montagvormittag wurde Thomas K. entlassen. Begnadigt - nach fünfzehn Jahren Haft war er endlich wieder frei. Wie sehr hatte er auf diesen Tag gewartet, voller Freude, aber auch mit großer Furcht. Er war sich nicht sicher, ob und wie er mit seinem neuen Leben außerhalb der Gefängnismauern zurechtkommen würde.

Nachdem sich das Tor hinter ihm geschlossen hatte, zündete er sich bedächtig eine Zigarette an - seine erste in Freiheit. Er genoss es, einfach so dazustehen, und diesen Moment ganz bewusst in sich aufzunehmen. Die Welt um ihn herum schien sich auf einmal völlig verändert zu haben: die Luft, das Licht, die Gerüche, die Geräusche - selbst die Zigarette schmeckte anders.

Der regengraue Himmel begann, sich immer stärker zu verdunkeln. Thomas nahm seine Tasche und schlenderte zu der nahegelegenen Bushaltestelle. In wenigen Minuten sollte der nächste Bus kommen, der ihn in die Stadt bringen würde. Als er so dastand und auf den Bus wartete fiel ihm ein, dass er nur sehr wenig Geld bei sich hatte. Darum beschloss er, in die Stadt zu trampen.

Auf der Hauptstraße war nur wenig Verkehr - etwas ungewöhnlich für einen Montagvormittag. Thomas machte sich zu Fuß auf den Weg. Die sechs Kilometer schreckten ihn nicht - im Gegenteil, es machte ihm Spaß, einfach irgendwo hingehen zu können, ohne dafür um Erlaubnis bitten zu müssen. Wenn ein Auto kam, winkte er, doch keines hielt an. Nach einiger Zeit begann es zu regnen. Als der Regen stärker wurde, flüchtete er unter einen Baum, der an der Straße stand. Dann begann es zu blitzten und zu donnern. Als nach einiger Zeit der Bus an ihm vorbei fuhr, ohne auf sein Winken hin anzuhalten, schickte ihm Thomas einen gewaltigen Fluch hinterher. Doch eigentlich war er viel mehr über sich selber verärgert - seine tief in ihm sitzende Sparsamkeit und dann noch diese blöde Idee, zu Fuß in die Stadt zu gehen. Er wusste, dass der nächste Bus erst wieder in einer Stunde fahren würde. Inzwischen war er nass bis auf die Haut und fror erbärmlich. Der Baum hielt den Regen längst nicht mehr ab.

Obwohl es gerade mal auf Mittag zu ging, versetzte der dunkle Himmel die Straße und die weitere Umgebung in ein schwaches Dämmerlicht. Ein lauter Donnerschlag ließ ihn zusammenfahren. Er blickte sich noch einmal um. Nur noch schemenhaft war das Gefängnis zu sehen. Vereinzelte Lichter durchdrangen die feucht-diesige Luft. Nein, dort würden sie ihn nie wieder sehen - in diesen verhassten Gemäuern. Er dachte zurück an die Zeit, die er dort verbracht hatte, an die ungeliebte Arbeit in der Lackiererei, an den festgelegten Tagesablauf, an die Mithäftlinge und an die Schreie, die Nachts manchmal durch die Gänge hallten, und die ihn so oft wach gehalten hatten.

Wieder zuckte er zusammen. Diesmal war es ein greller Blitz, der direkt über ihm den Himmel zu zerreißen schien. In seinem Schein entdeckte er einen Wagen, der langsam auf ihn zu fuhr. Es war ein schwarzer Wagen. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse fuhr er ohne Licht, weshalb Thomas ihn auch erst so spät gesehen hatte. Wieder winkte er. Der Wagen hielt einige Meter vor ihm an. Thomas lief hin. Das Fenster wurde heruntergekurbelt. Thomas erblasste. - In dem Auto saßen seine Eltern.

Thomas schossen die Gedanken wild durch den Kopf. Schließlich war er wegen des Mordes an ihnen verurteilt worden. Er hatte sie doch beide in der Gerichtsmedizin tot vor sich liegen gesehen. Sogar auf ihrer Beerdigung war er dabei gewesen!

Mit bleichem Gesicht stand er da. Ihm war übel. Eine Gänsehaut nach der anderen lief ihm den Rücken hinunter. Er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Waren sie vielleicht doch nicht umgekommen? Als er sie identifizieren sollte, hatte er große Mühe gehabt, sie zu erkennen. Durch das Feuer und die lange Zeit, die sie im Wasser gelegen hatten, waren ihre Gesichter sehr entstellt gewesen. Trotzdem war er sich ganz sicher gewesen, dass sie es waren. Damals ahnte er schon, dass die Polizei ihm auf der Spur war. Einige Wochen später wurde er dann auch verhaftet. Sein Geständnis hatte ihm während der Verhandlung nicht weitergeholfen. Wegen Doppelmordes war er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

"Thomas, was ist? Warum starrst du mich so an?" Seine Mutter riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte es nicht fassen - sie sprach mit ihm. Ganz deutlich hörte er ihre Stimme. Thomas war nicht in der Lage, sich zu rühren oder auch nur ein Wort zu sagen.

"Steig doch ein, Junge! Oder willst du da draußen erfrieren?" Sein Vater beugte sich zum Fenster hinüber und grinste ihn breit an. Auch die Stimme seines Vaters klang so, wie er sie in Erinnerung hatte. Auch er lebte und sprach mit ihm. Thomas' Herz schlug immer schneller. Ängstlich schaute er von einem zum andern. Er konnte nicht begreifen, was da gerade vor sich ging.

"Nun steig schon ein, Thomas! - Alles andere klären wir später", sagte seine Mutter lächelnd.

Zögernd öffnete er die hintere Tür und stieg ein. Als sie losfuhren, lehnte er sich erst einmal zurück und atmete tief durch. Seine nasse Kleidung und die Tropfen, die ihm aus den Haaren über das Gesicht liefen, bemerkte er kaum. Flüchtig wischte er sich mit dem Ärmel über die Stirn.

"Ich begreife das nicht - ich dachte, ihr seid tot." murmelte Thomas.

Er bekam keine Antwort. Schweigend fuhren sie weiter. Es war so wie damals. Sie hatten nie viel miteinander geredet. Das gegenseitige Anschweigen war wie ein dumpfer, grauer Mantel gewesen, der über der Familie gelegen hatte. Langsam tauchten die Erinnerungen wieder auf. Erinnerungen, die er in den letzten fünfzehn Jahren immer weiter verdrängt hatte.

Dieses Schweigen - dieses grausame und alles erstickende Schweigen. Es war der Schlüssel zu allem gewesen, was später geschehen war. Erst in diesem Moment wurde Thomas das ganz bewusst. Und dann sah er alles wieder vor sich: Der gemeinsame Wochenendausflug mit der kleinen Motorjacht - sein Vater hatte jahrelang nur darauf hin gespart und sich so einen Jugendtraum erfüllt. Das Schlafmittel im Wein, den er als Gastgeschenk mitgebracht hatte. Die Luken des Schiffes, die von ihm so manipuliert worden waren, dass sie sich nicht mehr von innen öffnen ließen. Das sich schnell ausbreitende brennende Benzin und die Brandwunden, die er sich der Glaubwürdigkeit wegen selber zugefügt hatte. Sein Sprung von dem lichterloh brennenden Schiff und die lange Strecke, die er schwimmen musste. Fast wäre er ertrunken, weil er seine Kräfte und die Folgen seiner Verletzungen falsch eingeschätzt hatte. Dann die Ohnmacht, nachdem er mit letzter Kraft ans Ufer gekrochen war. Später das Erwachen im Krankenhaus und die Fragen der Polizisten. Die Beerdigung nachdem man seine Eltern gefunden hatte. Und dann die Verhaftung als er gerade dabei war, sich für die Flucht vorzubereiten - viel zu spät war ihm klar geworden, dass sein Plan doch nicht so gut gewesen war, wie er geglaubt hatte.

Draußen war es noch dunkler geworden. Der schwarze Wagen fuhr eine schnurgerade Straße entlang. Thomas, der in dieser Gegend aufgewachsen war, konnte sich nicht an sie erinnern. Es hatte sich Vieles in den letzten Jahren verändert. Das war ihm schon bei seinen Freigängen aufgefallen. Trotzdem wunderte er sich. In den vergangenen Monaten war er öfters mal mit dem Bus in die Stadt gefahren, doch diese Strecke kannte er nicht. Vor sich sah er aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse nur die schattenhaften Umrisse seiner Eltern.

"Wie ist es möglich, dass ihr noch lebt? Ich habe euch doch gesehen und identifiziert. Ich war auf der Beerdigung. Ich war bei allem dabei!"

Wieder bekam Thomas keine Antwort. Es war still im Wagen, nur die Scheibenwischer quietschten monoton. Seit sie auf dieser Straße fuhren, war ihnen kein Auto mehr entgegengekommen. Thomas wurde unruhig.

"Hey, hört ihr nicht? Wie es kommt, dass ihr noch lebt, habe ich gefragt!"

Auch jetzt antworteten seine Eltern ihm nicht. Dieses Schweigen - in Thomas stieg ein längst vergessener und doch immer noch übermächtiger Zorn empor. Der Wagen raste nun mit Höchstgeschwindigkeit dahin. Sein Vater war immer gerne etwas zu schnell gefahren. Doch im Gegensatz zu früher ermahnte ihn seine Mutter diesmal nicht, etwas mehr aufzupassen und nicht so zu rasen.

"Was ist denn los mit euch?" platzte es aus Thomas heraus. "Soll dieses verdammte Anschweigen jetzt gleich weiter gehen?", brüllte er nun außer sich vor Wut. Dann beugte er sich nach vorne und schüttelte seine Mutter an den Schultern. - Thomas schrie auf und erstarrte. Auf den beiden Sitzen vor ihm saßen zwei nach vorne grinsende Skelette.

Thomas zitterte am ganzen Körper. Ungläubig starrte er von einem Skelett zum anderen. Er war kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. In seinem Kopf drehte sich alles. Sein Körper war wie gelähmt.

Währenddessen raste das Auto weiter und schien sogar immer noch schneller zu werden. Als Thomas aufblickte, sah er in einiger Entfernung eine Kurve auftauchen. Seinen Ekel überwindend beugte er sich hastig zwischen den beiden Skeletten hindurch und griff nach dem Lenkrad. Doch es ließ sich nicht bewegen. Hektisch sah er nach vorne. Gleich würden sie die Kurve erreicht haben. Er versuchte, die Türen aufzustoßen, aber sie waren verschlossen. Verzweifelt rüttelte er am Lenker, versuchte an die Bremse zu gelangen oder doch noch eine der Türen zu öffnen - alles ohne Erfolg. Der schwarze Wagen raste unaufhaltsam auf die Kurve zu. Panisch hämmerte und trat Thomas gegen die Türen. Doch sie gaben keinen Millimeter nach. Dann erreichten sie die Kurve, der Motor heulte auf und der Wagen schoss über den Straßenrand hinaus. Im nächsten Moment stürzte er in einen angrenzenden See. Sofort strömte Wasser ins Wageninnere.

Wie ein Wahnsinniger trommelte Thomas gegen die Scheiben. Er rüttelte an den Türen, schrie, tobte und weinte. Es half nichts - der schwarze Wagen versank immer weiter im Wasser. Hasserfüllt und schwer atmend starrte er auf die beiden Skelette, die unverändert grinsend nach vorne blickten. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. - In diesem Moment ging der Wagen langsam, ganz langsam unter.

Am nächsten Morgen fand man Thomas tot in seiner Zelle. - Herzversagen, stellte der Arzt später fest.
 

FrankK

Mitglied
Hallo Andreas

Leichtes Gänsehautgefühl, leichtes schmunzeln zum Schluss.

In wenigen Minuten sollte der nächste Bus kommen, der ihn in die Stadt bringen würde.
...
Thomas machte sich zu Fuß auf den Weg.
...
Nach einiger Zeit begann es zu regnen.
...
Als nach einiger Zeit der Bus an ihm vorbei fuhr, ohne auf sein Winken hin anzuhalten, schickte ihm Thomas einen gewaltigen Fluch hinterher.
Ab hier hatte ich geahnt: Das ist nicht real, nur ein Traum.
Das Timing mit dem Bus hat irgendwie nicht gepasst und irgendwie hatte ich das Gefühl, das war kein Fehler, sondern absichtlich von Dir so eingebaut. Oder täusch ich mich?

Das ganze als Traumerlebnis lässt die Geschichte etwas flach enden. Etwas mehr Pepp, etwas mehr Gruselkabinett wäre besser gewesen.

Viele Grüße
Frank
 

anbas

Mitglied
Hallo Frank,

ich danke Dir für Deine Anmerkungen, die ich auch als Anregung verstehe.

Was den Bus betrifft, so bin ich allerdings erstaunt, dass dies so auf Dich wirkt. Da würden mich durchaus die Eindrücke anderer Leser interessieren. Allerdings habe ich an dieser Stelle immer wieder etwas gewerkelt - vielleicht etwas zu viel.

Na ja, und das Ende ist halt immer so das Ende gewesen :D . Diese Geschichte ist immerhin die erste Kurzgeschichte, die ich je geschrieben habe (vor etwa 30 Jahren). Auch, wenn ich sie kräftig überarbeitet habe, fällt es mir hier nicht so ganz leicht, von dieser Idee abzulassen. Aber mal sehen, ich werde mir darüber sicherlich noch ein paar Gedanken machen.

Liebe Grüße

Andreas
 

anbas

Mitglied
Die Rückkehr

An einem kalten, verregneten Montagvormittag wurde Thomas K. entlassen. Begnadigt - nach achtzehn Jahren Haft wegen des Mordes an seinen Eltern war er endlich wieder frei. Wie sehr hatte er auf diesen Tag gewartet, voller Freude, aber auch mit großer Furcht. Er war sich nicht sicher, ob und wie er mit seinem neuen Leben außerhalb der Gefängnismauern zurechtkommen würde.

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, zündete er sich bedächtig eine Zigarette an - seine erste in Freiheit. Er genoss es, einfach so dazustehen, und diesen Moment ganz bewusst in sich aufzunehmen. Mit seinem ersten Schritt aus dem Gefängnis schien sich die Welt um ihn herum völlig verändert zu haben: die Luft, das Licht, die Gerüche, die Geräusche - selbst die Zigarette schmeckte anders.

Der regengraue Himmel begann, sich immer stärker zu verdunkeln. Thomas nahm seine Tasche und schlenderte zur nahegelegenen Hauptstraße. Von dort aus wollte er in die Stadt trampen. Es waren aber nur wenige Autos unterwegs - etwas ungewöhnlich für einen Montagvormittag. Die Chance, mitgenommen zu werden, war geringer als er es sich gedacht hatte. Darum beschloss er, notfalls die Strecke zu Fuß zu gehen. Die sechs Kilometer schreckten ihn nicht - im Gegenteil, die Vorstellung, nun einfach irgendwo hingehen zu können, ohne dafür um Erlaubnis bitten zu müssen, erweckte in ihm ein großes Glücksgefühl.

Er war schon einige Zeit unterwegs gewesen, als es zu regnen begann. Bisher waren nur wenige Autos an ihm vorbeigefahren, doch auf sein Winken hin hatte keines angehalten. Als der Regen stärker wurde, flüchtete er unter einen Baum, der an der Straße stand. Gleich darauf setzte ein starkes Gewitter ein. Es blitzte und donnerte, und der Baum konnte den Regen schon bald nicht mehr abhalten. Obwohl inzwischen die Mittagszeit gerade erst vorüber war, versetzte der dunkle Himmel die Straße und die weitere Umgebung in ein schwaches Dämmerlicht. Ein lauter Donnerschlag ließ ihn zusammenfahren. Er blickte sich noch einmal um. Von der Anhöhe auf der er sich gerade befand, konnte man bei gutem Wetter weit in das Tal blicken, in dem auch das Gefängnis lag. Jetzt war es nur noch schemenhaft zu sehen. Vereinzelt durchdrangen seine Lichter die regengraue Luft. Nein, dort würden sie ihn nie wieder sehen - in diesen verhassten Gemäuern. Er dachte zurück an die Zeit, die er dort verbracht hatte, an die ungeliebte Arbeit in der Lackiererei, an den festgelegten Tagesablauf, an die Mithäftlinge und an die Schreie, die Nachts manchmal durch die Gänge hallten, und die ihn so oft um den Schlaf gebracht hatten.

Wieder zuckte er zusammen. Diesmal war es ein greller Blitz, der direkt über ihm den Himmel zu zerreißen schien. In seinem Schein entdeckte er einen Wagen, der langsam auf ihn zu fuhr. Es war ein schwarzer Wagen. Trotz der schlechten Sichtverhältnisse fuhr er ohne Licht, weshalb Thomas ihn auch erst sehr spät bemerkt hatte. Wieder winkte er. Der Wagen hielt einige Meter vor ihm an. Thomas lief hin. Das Fenster wurde heruntergekurbelt. Er erblasste. - In dem Auto saßen seine Eltern.

Thomas schossen die Gedanken wild durch den Kopf. Sie waren doch tot, von ihm ermordet! Er hatte sie beide in der Gerichtsmedizin tot vor sich liegen gesehen. Sogar auf ihrer Beerdigung war er dabei gewesen! Mit bleichem Gesicht stand er da. Ihm war übel. Eine Gänsehaut nach der anderen lief seinen Rücken hinunter. Er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Waren sie vielleicht doch nicht umgekommen? Als er seinen Vater und seine Mutter identifizieren sollte, hatte er große Mühe gehabt, sie zu erkennen. Durch das Feuer und die lange Zeit, die sie im Wasser gelegen hatten, waren ihre Gesichter sehr entstellt gewesen. Trotzdem hatte er nie auch nur einen Momentlang daran gezweifelt, dass seine Eltern damals wirklich umgekommen waren.

"Thomas, was ist? Warum starrst du mich so an?" Seine Mutter sprach mit ihm - er konnte es nicht fassen. Ganz deutlich hörte er ihre Stimme. Thomas war nicht in der Lage, sich zu rühren oder auch nur ein Wort zu sagen.

"Steig doch ein, Junge! Oder willst du da draußen erfrieren?" Sein Vater beugte sich zum Fenster hinüber und grinste ihn breit an. Seine Stimme klang ebenfalls genau so, wie er sie in Erinnerung hatte. Auch er lebte und sprach mit ihm. Thomas' Herz schlug immer schneller. Ängstlich schaute er von einem zum andern. Er konnte nicht begreifen, was da gerade vor sich ging.

"Nun steig schon ein, Thomas! - Alles andere klären wir später", sagte seine Mutter lächelnd.

Zögernd öffnete er die hintere Tür und stieg ein. Als sie losfuhren, lehnte er sich erst einmal zurück und atmete tief durch. Seine nasse Kleidung und die Tropfen, die ihm aus den Haaren über das Gesicht liefen, bemerkte er kaum. Flüchtig wischte er sich mit dem Ärmel über die Stirn.

"Ich begreife das nicht - ich dachte, ihr seid tot." murmelte Thomas.

Er bekam keine Antwort. Schweigend fuhren sie weiter. Es war so wie damals. Sie hatten nie viel miteinander geredet. Das gegenseitige Anschweigen war wie ein dumpfer, grauer Mantel gewesen, der über der Familie gelegen hatte. Langsam tauchten die Erinnerungen wieder auf. Erinnerungen, die er in den letzten achtzehn Jahren immer weiter verdrängt hatte.

Dieses Schweigen - dieses grausame und alles erstickende Schweigen. Es war der Schlüssel zu allem gewesen, was später geschehen war. Erst in diesem Moment wurde Thomas das ganz bewusst. Und dann sah er alles wieder vor sich: Der gemeinsame Wochenendausflug mit der kleinen Motorjacht - sein Vater hatte jahrelang nur darauf hin gespart und sich so einen Jugendtraum erfüllt. Das Schlafmittel im Wein und die versperrten Luken des Schiffes. Dann hatte er Benzin verschüttet, es angesteckt und sich selber Brandwunden zugefügt - es sollte alles nach einem Unfall aussehen. Erst im letzten Moment war er vom brennenden Schiff gesprungen und ans Ufer geschwommen. Als er verhaftet wurde, wollte er gerade seine Flucht vorbereiten - viel zu spät hatte er erkannt, dass sein Plan doch nicht so gut gewesen war, wie er geglaubt hatte.

Draußen war es noch dunkler geworden. Der schwarze Wagen fuhr eine schnurgerade Straße entlang. Thomas, der in dieser Gegend aufgewachsen war, konnte sich nicht an sie erinnern. Es hatte sich Vieles in den letzten Jahren verändert. Das war ihm schon bei seinen Freigängen aufgefallen. Trotzdem wunderte er sich. In den vergangenen Monaten war er öfters mal mit dem Bus in die Stadt gefahren, doch diese Strecke kannte er nicht. Vor sich sah er aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse nur die schattenhaften Umrisse seiner Eltern.

"Wie ist es möglich, dass ihr noch lebt? Ich habe euch doch gesehen und identifiziert. Ich war auf der Beerdigung. Ich war bei allem dabei!"

Wieder bekam Thomas keine Antwort. Es war still im Wagen, nur die Scheibenwischer quietschten monoton. Seitdem sie auf dieser Straße fuhren, war ihnen kein weiteres Auto mehr entgegengekommen. Thomas wurde unruhig.

"Hey, hört ihr nicht? Wie es kommt, dass ihr noch lebt, habe ich gefragt!"

Auch jetzt antworteten seine Eltern ihm nicht. Dieses Schweigen - in Thomas stieg ein längst vergessener und doch immer noch übermächtiger Zorn empor. Der Wagen raste nun mit sehr hoher Geschwindigkeit durch die Dämmerung. Sein Vater war immer gerne etwas zu schnell gefahren. Doch im Gegensatz zu früher ermahnte ihn seine Mutter diesmal nicht, etwas mehr aufzupassen und nicht so zu rasen.

"Was ist denn bloß los mit euch?" platzte es aus Thomas heraus. "Soll dieses verdammte Anschweigen jetzt gleich weiter gehen?", brüllte er nun außer sich vor Wut. Dann beugte er sich nach vorne und schüttelte seine Mutter an den Schultern. - Thomas schrie auf und erstarrte. Auf den beiden Sitzen vor ihm saßen zwei nach vorne grinsende Skelette.

Thomas zitterte am ganzen Körper. Ungläubig starrte er von einem Skelett zum anderen. Er war kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. In seinem Kopf drehte sich alles. Sein Körper war wie gelähmt.

Währenddessen raste das Auto weiter und schien sogar immer noch schneller zu werden. Als Thomas aufblickte, sah er in einiger Entfernung eine Kurve auftauchen. Seinen Ekel überwindend beugte er sich hastig zwischen den beiden Skeletten hindurch und griff nach dem Lenkrad. Doch es ließ sich nicht bewegen. Hektisch sah er nach vorne. Gleich würden sie die Kurve erreicht haben. Er versuchte, die Türen aufzustoßen und die Fenster zu öffnen, aber sie waren fest verschlossen. Verzweifelt rüttelte er am Lenker, probierte an die Bremse zu gelangen oder doch noch eine der Türen oder Fenster aufzubekommen - alles ohne Erfolg. Der schwarze Wagen raste unaufhaltsam auf die Kurve zu. Panisch hämmerte und trat Thomas gegen die Türen. Doch sie gaben keinen Millimeter nach. Dann erreichten sie die Kurve, der Motor heulte auf und der Wagen schoss über den Straßenrand hinaus. Im nächsten Moment stürzte er in einen angrenzenden See. Sofort strömte Wasser in das Wageninnere.

Wie ein Wahnsinniger trommelte Thomas gegen die Scheiben. Er rüttelte an den Türen, schrie, tobte und weinte. Es half nichts - der schwarze Wagen versank immer weiter im Wasser. Hasserfüllt und schwer atmend starrte er auf die beiden Skelette, die unverändert grinsend nach vorne blickten. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. - In diesem Moment ging der Wagen langsam, ganz langsam unter.

Am nächsten Morgen fand man Thomas tot in seiner Zelle - Herzversagen, wie der Arzt später feststellte.
 

anbas

Mitglied
So, aufgrund verschiedener Rückmeldungen habe ich diesen Text noch einmal gründlich überarbeitet. Dank an alle "Mitwirkenden".

Gruß

Andreas
 
S

suzah

Gast
hallo anbass,
ich finde die geschichte jetzt gut, die überarbeitung hat sich gelohnt. (nachdem ich die kommentare gelesen hatte, hab ich mir die frühere version auch angeschaut.)
auch ich habe mühe mit der überarbeitung von kurzgeschichten, deren idee ich zwar nach wie vor gut finde, aber mit der ausführung nicht zufrieden bin.
da ist die konstruktive kritik in der lelu, wie bei deiner geschichte, wirklich sehr hilfreich.
ein gutes ergebnis.
liebe grüße suzah
 

anbas

Mitglied
Vielen Dank für Eure Rückmeldungen. Es tut gut zu hören/lesen, dass sich die Mühe des Überarbeitens und der Abschied von der einen oder anderen Idee gelohnt hat.

Liebe Grüße

Andreas
 

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