Die Schnecke auf der Autobahn

Omar Chajjam

Mitglied
Die Schnecke auf der Autobahn

Schnecken überleben eine Autobahnüberquerung nicht. Spätestens in der Mitte der Fahrbahn erwischt sie das Schicksalsauto. Daher ist es eine Lügengeschichte, wenn ihnen jemand in der Kneipe weismachen will, er würde eine Schnecke kennen, die das lebendig überstanden hat. Bei Menschen ist das natürlich etwas anderes. Manche überleben es - sie laufen eben schneller.

Es gibt eine Ausnahme. Am 2. Mai 1995 gelang es einer roten Wegschnecke - arion rufus - von der Gattung der Nacktschnecken die A3 bei Randersacker zu überqueren. Vor ihr tat sich eine neue Schneckenwelt auf. Man muß das Ereignis mit der Überquerung des Atlantiks durch Kolumbus und der Entdeckung der Neuen Welt vergleichen, um die Dimension zu verstehen. Die rote Wegschnecke, wir nennen sie der Einfachheit halber Hannibal nach dem Alpenüberquerer, hatte dieses Glück dem Lastwagenfahrer Otto Gericke zu verdanken, der aus Übermüdung nicht weit von der Stelle der Überquerung am Steuer seines Tanklasters um 22 Uhr 25 Minuten eingeschlafen war und in die Leitplanken fuhr. Er verursachte eine zweistündige vollständige Sperrung der Autobahn nach beiden Richtungen, weswegen die in Randersacker ansässigen Wegschnecken stark dezimiert wurden, weil der Verkehr dorthin umgeleitet wurde. Für Hannibal war das die Chance seines Lebens die Autobahn zu überqueren.

Seit sie gebaut worden war, war es noch keiner Schnecke gleich welcher Art gelungen, die A3 zu überqueren. Daher traf Hannibal auf der anderen Seite auf ganz fremde, unbekannte rote Wegschnecken. Sie hatten überall schwarze Punkte und sie sahen eher goldorange aus. Wenn Menschen den Atlantik überqueren und auf andere Menschen treffen, entdecken sie die gleichen Unterschiede - bis auf die schwarzen Punkte natürlich.

Doch erst einmal beschäftigte sich Hannibal nicht mit den anderen Schnecken sondern mit seinem Traumziel. Von dem verstaubten Schotterweg aus, der in den Weinberg hinein führte und an dem seine Heimatwelt lag, konnte er das satte Grün der Schrebergärten auf der anderen Seite leuchten sehen. Endlich keine verstaubten trockenen Brennesseln mehr, endlich diese großen saftig grünen exotischen Blumenteppiche, von denen Hannibal nicht einmal den Namen kannte, die frischen jungen Salatpflanzen, die - so schien es ihm - eigens für ihn in Reih und Glied gepflanzt worden waren. Hier herrschte offensichtlich ein Schneckengott, der es gut mit seinen Gläubigen meinte. Daß dieser Schneckengott Alfons Merkel hieß und Hobbygärtner war, wußte Hannibal nicht. Auch war der Schneckengott eigentlich ganz und gar nicht freundlich gesinnt und sorgte mit Schnecken-EX manchmal für ein Massensterben unter den Schneckenstämmen des Gartens. Die Schnecken konnten sich diese Epidemien nicht erklären. Die medizinisch Gebildeten führten es auf eine epidemisch auftretende Virusinfektion zurück, konnten das aber den anderen nicht mitteilen. Schnecken sprechen nur mittels Schleimspuren und die reichen für solche komplizierten Sachverhalte nicht aus - oder?

Hannibal fraß zur Ehre seines neuen Gottes spontan zehn Salatpflanzen und legte sich satt und zufrieden in einem abgeernteten Erdbeerbeet schlafen. Der heißgefahrene trockene Asphalt der A3 hatte ihn doch sehr ermüdet und seinen letzten Schleim gekostet. Er träumte von seinen Eiern, die er auf der anderen Seite zurücklassen müssen und fühlte sich ein wenig einsam. Da fällt mir ein, daß ich den Namen Hannibal vielleicht etwas mißverständlich benutzt habe. Schnecken haben bekanntlich nicht das Problem, sich immer mit ihren Männern herumärgern zu müssen. Sie sind selbst zugleich ihre Ehegatten. Daher werde ich des Ausgleichs wegen in der zweiten Hälfte von Hanni sprechen und lasse -ball weg.

Hanni, wie Frauen nun einmal sind, wenn sie ausgeschlafen haben und voller Abenteuerlust in den neuen Tag spazieren, verliebte sich auf der Stelle unsterblich in jede gelbliche gemeine rote Wegschnecke, die sie nur von Ferne sah. Besonders die schwarzen Punkte fand sie sehr apart. Ihren treu sorgenden Gatten auf der anderen Seite der A3 hatte sie vollständig vergessen. Sie stürzte sich auf die reiche Auswahl sportlicher, athletisch gebauter junger Wegschnecken im Garten von Alfons Merkel. Und die waren auch nicht abgeneigt, als sie die leuchtend rote Farbe von Hanni sahen. Niemand rief „Ausländer raus“ oder „Macht die Rothaut fertig“ oder „Das ist unser Salatblatt“, Schnecken sprechen nicht, sie schleimen nur. Hanni hatte großes Glück, daß sie kein Mensch war. Die Geschichte wäre sonst ohne die Sexstory hier zu Ende.

Schnecken sind beim Sex übrigens sehr brutal. Sie schießen sich gegenseitig Liebespfeile in die Füße, können sie sich das vorstellen? Das Ergebnis bei Schnecken sind Hunderte von Eiern, aus denen jeweils eine kleine Babyschnecke schlüpft.

Diesen Sommer hatte Alfons Merkel eine regelrechte Schneckenplage im Garten. Nur die leuchtendrote Farbe kam ihm seltsam vor. Die hatte er hier noch nicht gesehen. Außerdem kennzeichnete die neue Art, daß sie besonders hartnäckig dem reichlich ausgestreuten Schnecken-Ex widerstand. Vermutlich lag das an dem staubigen Leben am Rande des Weinbergs, das Hanni hatte führen müssen, bevor sie die A3 überquert hatte.

Man lernt daraus, daß aus der Sicht der Schneckenüberlebensstrategie Ausländer eben die besten Argumente haben.
 

Kyra

Mitglied
wie schön, ich würde mir wünschen so komplizierte Dinge so einfach ausdrücken zu können.
(Meine Schnecken im Garten lasse ich leben ;-))

Liebe Grüße

Kyra
 

La Luna

Mitglied
Hallo Omar,

sitze hier und frage mich, wie man(n) dazu kommt über eine Schnecke eine Geschichte zu verfassen.

Sicherlich bist du Kleingärtner und musstest heute feststellen, dass es nichts mehr zu ernten gab, da sich die Schnecken schon deinen Anpflanzungen gewidmet hatten, oder?

Wie dem auch sei - ich habe deine Erzählung sehr genossen.
Locker und leicht von der Seele geschrieben, dass ist der Eindruck, den der Leser bekommt.

Liebe Grüße
Julia
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
schon wieder

eine geschichte von dir, die gut in meine sammlung paßt. danke. du schreibst echt gut. ganz lieb grüßt
 

Omar Chajjam

Mitglied
Danke flammarion, wenn Du so weitersammelst, hast Du ja noch einiges vor Dir. Dann werde ich wohl bald - na sagen wir - den Umfang von Frank Wedekind annehmen im Regal.

Dank auch an La Luna und Kyra, nein, ich bin kein Kleingärtner. Ich frage mich nur immer, warum solch langsame Wesen so erfolgreich sind. Mir gelingt das nicht, so zielgerichtet den richtigen Salatkopf zu finden und zu fressen.

Gruß
Omar
 

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