Die silberne Nuss

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rogathe

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Die silberne Nuss

Eike, das Eichhörnchen, wurde im Frühjahr geboren und lebt im Stadtpark. Im Lauf des Jahres hat er schon alle Bäume, Büsche und Wiesen dort erkundet. Besonders gerne besucht er den Spielplatz, wohin täglich viele Kinder kommen. Sie schenken ihm nämlich oft köstliche Naschereien. Eikes Mama ist davon nicht begeistert und ermahnt ihn, er solle lieber lernen sein Futter selbst zu finden. Mittlerweile ist es Herbst geworden und die Kinder sind nur noch im Park, um ihre Drachen auf der großen Wiese steigen zu lassen. Eike hat gelernt, Nüsse und Eicheln als Vorrat für den Winter zu sammeln und sicher zu verstecken. Da er jedoch ständig nach Kindern Ausschau hält, achtet er nicht darauf, wohin er das Futter bringt.
Dann ist der Winter da mit kalten Winden, Frost und Schnee. Eike ist ganz schläfrig geworden und bleibt im Kobel, wo es schön kuschelig warm ist. Allerdings grummelt sein Bäuchlein seit kurzem sonderbar. Es ist das Geräusch des Hungers. Notgedrungen verlässt Eike sein Heim und macht sich auf den Weg zu den Futterverstecken. Oh weh! Wo sind sie nur? Wenn er sich doch bloß daran erinnern könnte! Noch dazu sieht der Park jetzt ganz anders aus als im Herbst. Schnee liegt wie ein dicker weißer Teppich auf Wiesen und Wegen, formt Mützen auf Bäumen und Büschen. Eike gräbt an den verschiedensten Stellen, ohne auch nur eine einzige Nuss zu finden. Er friert erbärmlich und wäre am liebsten sofort nach Hause gelaufen, aber dann würde ihn der Hunger noch viel stärker plagen. Wenn doch nur eines der Kinder hier wäre und ihm irgendeine Leckerei schenkte. Aber die sitzen in ihren warmen Zimmern, basteln Geschenke für Weihnachten und lassen sich Schokolade, Marzipan und Plätzchen schmecken. Müde und traurig hockt das Eichhörnchen im Schnee, schließt die Augen und will an nichts mehr denken.
Da fällt ihm etwas Hartes auf den Kopf.
„Aua!“, schreckt Eike auf und blickt ärgerlich nach oben. Dort ist außer Schneeflocken nichts zu sehen, aber da, direkt vor seinen Pfötchen glänzt eine silberne Nuss. Gleich darauf spürt er einen leisen Luftzug und sieht eine weiße kugelrunde Wolke mit silbernen Flügeln neben sich landen.
„'tschuldigung, ich wollte dich nicht treffen!“, klingt ein zartes helles Stimmchen bedauernd daraus hervor.
„Wer bist du denn?“, fragt Eike verblüfft. „So jemanden wie dich habe ich noch nie gesehen. Ich kenne nur Vögel, Schmetterlinge und Bienen mit Flügeln.“
„Unsinn, ich bin ein Weihnachtsengel und für Tiere zuständig. Übrigens heiße ich Anton. Wegen der Kälte habe ich meinen Wolkendaunenmantel an. Deshalb sehe ich momentan nicht gerade wie ein Engel aus, das muss ich allerdings zugeben.“
Aus der Wolke hebt sich ein rundes rotwangiges Gesicht heraus und lächelt das Eichhörnchen freundlich an.
„Ich habe beobachtet, wie du vergeblich nach Nahrung suchst und kann dich ja nicht verhungern lassen. Eigentlich war die Nuss als Geschenk für die Weihnachtsnacht vorgesehen, aber bis dahin dauert es noch viel zu lange. Na, dann wünsche ich dir eben jetzt schon einen guten Appetit!“
Schwupps startet Anton senkrecht in die Höhe. Über Eike schwebend, ruft er ihm noch zu:
„Wenn du nachher satt bist, wird dir wieder einfallen, wo du deine Vorräte versteckt hast. Im nächsten Jahr klappt das dann besser und du brauchst bestimmt nicht mehr zu hungern!“
Im Nu ist er am Himmel zwischen den Schneeflocken verschwunden.
Eike knackt die silberne Nuss und futtert und futtert und futtert. Endlich ist das Bäuchlein zufrieden und still. Jetzt erinnert er sich tatsächlich wieder daran, wo seine Vorräte lagern. Unter der alten Eiche an der großen Wiese, wo die Kinder ihre Drachen steigen ließen, hat er sie vergraben. So ein Weihnachtsengel ist wunderbar, denkt er glücklich.
 

hera

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hm, ja, das war ich. Ich habe die Geschichte mit dem kleinen Eichhörnchen gerne gelesen. Die ist sehr gut geschrieben.

Viele Grüße, hera
 


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