Die Sonnenfinsternis von ´99

„Na dann geh doch!“ hatte ich gesagt – und er ist gegangen. Mal wieder gegangen. Zu dieser Frau. Seiner Frau. Die er nicht mehr liebt. Angeblich.
„Na dann geh doch…“ murmelte ich auch später noch, als ich wütend Richtung Fluss stapfte. Weiter, immer weiter, bis ich keine Menschenseele mehr treffen würde, noch nicht mal heute.
In meiner Tasche befanden sich an diesem speziellen Tag zwei recht spezielle Sachen: Einmal seine Zigaretten, die er neulich nach dem Sex vergessen hatte. Dann noch diese papierene Schutzbrille, mit der man einer Sonnenfinsternis gefahrlos ins Auge sehen kann, angeblich. Ich lief den schmalen Weg in der Aulandschaft entlang. Weit, kilometerweit, an diesem bizarren Sommertag. Bis zu dieser Stelle, wo das Land wie eine Zunge ins Wasser hineinreicht. Eine Halbinsel. Von drei Seiten Wasser, wo die Traun und der Jauckerbach ineinander rinnen. Von der Wasserseite würde bestimmt niemand kommen. Nur von hinten könnte sich jemand nähern, aber normalerweise nicht.
Erleichtert stellte ich fest, dass sich auch heute niemand hierher verlaufen hatte. Sie würden alle andernorts beisammenstehen, um gemeinschaftlich in den Himmel zu glotzen. Auf öffentlichen Plätzen, die leichter zu erreichen sind. Vor ihren geheiligten Vorstadthäusern im Garten, zusammen mit den Nachbarn. Da würde auch er stehen. Mit ihr. Seiner Frau. Sie würden auch das gemeinsam erleben, dieses einmalige Erlebnis. Ein Jahrhundertereignis. Die nächste Sonnenfinsternis für unseren Breitengrad war erst wieder in 82 Jahren angesagt, dann würde ich 101 Jahre alt sein. Ich fühlte, wie jetzt schon die wütenden Tränen in mir aufstiegen. Ich wollte sie mir für später aufsparen. Später, wenn es finster würde. Ich setzte mich auf die Steinstufen, die man an der Wasserkante gebaut hatte, keine Ahnung, wofür. Ich linste nach hinten. Nein, da war niemand.
Es war noch gut Zeit, bis es losgehen sollte. Ich kramte in der Tasche nach den Zigaretten. Unschlüssig drehte ich das Packerl in der Hand. Sein Packerl. Er rauchte Smart mit den schwarzweißgoldenen Streifen und der Weltkugel vorne drauf. Die Packung lag weich in meiner Hand. Kein harter Karton. Man musste aufpassen, dass die Tschick in der Tasche nicht zerdrückt werden. Ich zündete mir die Erste an und schaute aufs Wasser. Der Rauch machte mich husten, aber es roch jetzt nach ihm, tröstlich und tieftraurig zugleich. Fast, als wäre er hier und würde mich umarmen.
Am Himmel hatten sich die Wolken verflüchtigt. Man würde das Spektakel gut sehen können. Der Mond würde sich zwischen Erde und Sonne schieben und eine Finsternis bewirken. Mit Blick auf die Uhr stellte ich fest, die Astronomen hatten korrekt gerechnet. Es fing pünktlich an. Ich setzte mir die Schutzbrille auf und sah zu, wie da oben etwas anfing, sich über die leuchtende Himmelsscheibe zu legen. Ganz langsam, aber unaufhaltsam.

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Ich schwöre: Die Anwesenheit eines Fremden spürte ich, noch ehe ich mich umgedreht hatte und den Engel erblickte.
Dass es ein Engel war, daran gab es eigentlich keinen Zweifel. Es war eine Gestalt aus reinem Licht, die plötzlich da war. Der Kontur nach ein menschliches Wesen, aber eben nur strahlende Umrisse. Ich erkannte kein Gesicht, keine Textur, nur Helligkeit in Form einer Person.
„Nicht erschrecken!“ sagte die Lichtgestalt.
Erstaunlicherweise blieb ich tatsächlich ganz ruhig. Mir fiel die Bibelstelle mit der Jesusgeburt und den Hirten ein. „Fürchtet euch nicht!“ soll der Engel damals gesagt haben. Der Spruch war irgendwie der gleiche.
„Vielleicht solltet ihr aufhören, die Leute so zu erschrecken“, antwortete ich dem Wesen und blieb seelenruhig sitzen.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, gab das Wesen zurück. Es kam näher.
Dort, wo ich saß, wurde es auf einmal ganz hell. Das war seltsam, denn ich hatte ja gerade damit gerechnet, dass es dunkler und dunkler werden würde.
„Du bist traurig“, stellte der Engel fest. Es klang widerwärtig mitleidig und enttäuschte mich schwer. Von einem Engel hätte ich mehr erwartet. Ich zuckte die Schultern.
„Ich muss nachdenken. Ich muss eine Entscheidung treffen“, sagte ich.
Anstelle einer Antwort lachte der Engel. Lachte mich aus. Sein Lachen klang glockenhell, aber höhnisch.
„Ich weiß echt nicht, was daran so witzig ist“, reagierte ich patzig.
„Ihr Menschen seid schon komisch. Immer, wenn ihr euch hinsetzt, um Entscheidungen zu treffen, habt ihr euch doch längst entschieden. Wenn überhaupt, dann versucht ihr höchstens noch, euch mit einer längst getroffenen Entscheidung zu arrangieren, wenn ihr grübelt.“
Ich sagte nix drauf, aber ich fürchtete, der Engel hatte recht.
„Du meinst, ich habe mich bereits entschieden?“ vergewisserte ich mich dennoch.
Der Engel lachte erneut. Er setzte sich zu mir auf die Steinstufen, wo es jetzt nochmal heller wurde, blendend beinah. Ich war versucht, die Lichtgestalt anzufassen. Bestimmt könnte ich durch sie hindurchgreifen, sie war ja nur Schein, aber etwas hielt mich zurück. Ich hatte Angst, mir die Finger zu verbrennen oder so. Auf den Stufen drückte ich die Zigarette aus und schnipste sie ins Wasser.
Das Wesen orakelte: „Ich kann dir sagen, dass für dich heuer eine wichtige Entscheidung ansteht. 1999: Ein bedeutendes Jahr. Du bist jung. Du hast dich grade erst an der Universität eingeschrieben. Du wirst fortgehen, aber du wirst ihn nicht vergessen können. Du wirst dich entscheiden müssen. Nun ist es also entschieden, deshalb bist du hierhergekommen.“
Das Wesen machte eine Pause, dann fuhr es fort: „Wenn ich mir dein Leben so anschaue, fällt auf, dass die Zahl Neun für dich eine große Rolle zu spielen scheint. In den Jahreszahlen, die auf Neun enden, stehen immer wieder große Entscheidungen für dich an, das ist interessant. Erinnerst du dich an 1989?“
„´89. Da war ich neun Jahre alt“, entgegnete ich. „Was weißt du schon von mir als Neunjährige?“
„Ich weiß: Damals hast du deine erste große Entscheidung gefällt. Du bist von zuhause ausgerissen und zu deiner Oma gezogen.“
Spätestens jetzt zweifelte ich nicht mehr, dass da vor mir ein Engel stand. Wie sonst könnte er wissen, dass ich es mit neun daheim nicht mehr ausgehalten habe?
„Okay, du weißt ein paar Sachen“, musste ich dem Wesen zugestehen.
Der Engel nickte: „Siehst du, ich weiß, du liebst diesen Mann, der dich heute hierhergetrieben hat. Er bedeutet dir alles und du würdest alles für ihn tun. Und sicherlich, du weißt es: Er liebt dich auch. Aber er ist schwach und du musst dich entscheiden. Heute hast du dich entschieden.“
Ich nickte langsam, weil alles, was der Engel gesagt hatte, wahr war.
„Ist meine Entscheidung nun gut oder schlecht?“
„‘Gut oder schlecht‘: Das sind sehr menschliche Konzepte.“ Der Engel wollte wohl kryptisch bleiben.
„Glaubst du, dass wir jemals glücklich würden – miteinander?“, variierte ich meine Frage.
„Noch so eine menschliche Vorstellung“, antwortete das Wesen.
„Okay, dann so: Wird er jemals von dieser Frau loskommen?“
„Ja und nein“, sagte er Engel.
„Was soll denn das wieder heißen? Entweder er verlässt sie – oder nicht.“
„Ja, er wird sie verlassen.“
„Für mich, also meinetwegen?“
„Nicht nur.“
Wir schwiegen an dieser Stelle. Ich schaute gen Himmel, wo der Schatten über der Sonne immer größer wurde.
„Bist du deswegen heute hier? Wegen der Sonnenfinsternis? Hat Gott dich geschickt?“ wechselte ich aus Verlegenheit das Thema.
„War klar. Immer diese Frage nach den Göttern. Ihr Menschen seid doch alle gleich!“, stöhnte die Gestalt. „Nein, es hat mich niemand geschickt. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass du heute Gesellschaft brauchst“.
Der Engel merkte wohl, dass ich mehr brauchte, denn er setzte nach: „Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir sage, dass du selbst in zehn Jahren mit diesem Mann verheiratet sein kannst. Auf den Tag genau in zehn Jahren. Am elften August 2009 werdet ihr Mann und Frau werden – vor dem Gesetz.“
Mit großen Augen wiederholte ich ungläubig: „Ich werde seine Frau sein?“
„Das wirst du so entscheiden. Zweitausendneun. Vielleicht unbewusst wirst du das Datum wählen und den heutigen Tag im Hinterkopf haben. Es wird die zweitgrößte Entscheidung deines Lebens sein. Mit 29.“
„2009. Das heißt, darauf muss ich jetzt nochmal zehn Jahre warten?“ Zehn Jahre, das war mehr als mein bisheriges halbes Leben, das war lang. Aber das Wesen hatte mir Mut gemacht.
„Du meinst, er kommt schlussendlich doch noch von dieser Frau los?“ hakte ich sicherheitshalber nach.
„Das habe ich nicht gesagt“, bremste mich der Engel gleich wieder ein. „Er wird zwar geschieden sein, aber die Verbindung wird bestehen bleiben. Diese Frau, wie du sie nennst, wird immer wieder versuchen, sich in sein Leben hineinzudrängen und er wird es nicht schaffen, das zu verhindern. Sie wird immer seine erste Frau sein – und das ist nicht chronologisch gemeint. Sie wird Mittel und Wege finden. Sie ist aufdringlich und einsam, eine scheußliche Mischung. Und du weißt, der Mann ist schwach. Seine Taten werden meist lauter sprechen als seine Worte. Das wird sich nicht ändern, auch nicht 2009.“
Ich schluckte.
Der Engel weiter: „Weißt du, was den Mann antreibt, ist nicht nur Liebe. Ein wenig wird er dich auch benutzen, um sich aus dem jetzigen Leben einigermaßen herauszuschälen. Gänzlich frei wird er nie sein. Die erste Frau wird immer präsent sein, ihr Wille ist stark. Sie wird sogar bei eurer Hochzeit…“
„Darfst du mir das alles überhaupt verraten?“ unterbrach ich ihn.
„Wer sollte es mir verbieten?“ spottete der Engel zurück. „Willst du noch mehr wissen?“
„Ich weiß nicht…“
Der Engel überlegte. Dann sagte er mir: „Vielleicht gefällt dir ja das: Ihr werdet ein Kind haben. Du wirst Mutter sein. Du wirst diesem Kind ebenso viel Liebe schenken wie dem Mann. Lieben, darin bist du stark. Warst du immer schon, ich habe es gesehen. Viele verschiedene Arten von Liebe. Für Menschen. Tiere. Immer sehr intensiv.“
„Wird dieses Kind der Grund sein, warum er sie verlässt?“
„Nicht nur“, unkte der Engel.
Die Sonne war nun fast schon zur Hälfte hinter dem Mondschatten verschwunden, sodass sie selbst nur noch eine Sichel war. Der Engel war jetzt erst so richtig in Fahrt. Er schien geradezu erpicht darauf, mir alles Mögliche vorherzusagen.
„Aber ja, du wirst den Mann haben. Viele Jahre lang wirst du alles für diese Beziehung geben. Du setzt voll auf die Liebe. Deine Liebe wird lang und ausdauernd sein. Aber du wirst verletzt werden, enttäuscht und verraten und gedemütigt, immer wieder.
2019 wirst du dich schließlich für andere Wege entscheiden. Du hast wieder angefangen zu schreiben und du wirst dich erstmals aus der Deckung wagen. Du wirst Erfolg haben. Du wirst Preise gewinnen und deine erste Veröffentlichung steht an. Du kriegst Anerkennung und Applaus. Das wird Zweitausendneunzehn passieren. Du wirst dann 39 Jahre alt sein. Wie gesagt, die Zahl Neun scheint in deinem Leben eine besondere Rolle zu spielen…“
„Und dann, wie geht es weiter?“ Neugierig geworden, fing ich an, den Engel zu bedrängen: „Wird das mit dem Schreiben wenigstens gut ausgehen? Wird das dann die Erfüllung sein?“
„Ja und nein“, sagte die Lichtgestalt.
Sie fing an, mich zu nerven. Ich meinte: „Kannst du vielleicht mal normal antworten?“
In dieser Minute verfinsterte sich die Sonne komplett. Als hätte die Nacht um zwölf Uhr zweiundvierzig zur Mittagszeit ihre Schattenfolie über die Landschaft gelegt. Das gegenüberliegende Ufer war kaum noch zu erkennen. Flusswasser rann pechschwarz an uns vorbei. Allein dort, wo ich saß, war es taghell, als säße ich neben einer göttlichen Taschenlampe. Bloß, dass das Wesen an meiner Seite von Gott nichts wissen wollte. Beide hielten wir jetzt den Mund und schauten zu.
Die totale Finsternis sollte nicht lange andauern. Keine halbe Minute blieben die Himmelskörper in der entsprechenden Position. Schon blitzte die Sonne wieder hervor, die dunkle Scheibe wanderte weiter. Der Engel saß immer noch da.
„Also 2019 werde ich schreiben. Und dann?“, nahm ich unser Gespräch wieder auf.
Das Wesen seufzte: „Die Welt wird sich verändern, unmittelbar nach deinen ersten Erfolgen. Du wirst es auch hier schwer haben. Auch hier wirst du verletzt und gedemütigt werden, aber du wirst nicht aufgeben, auch das hast du bereits entschieden. Du wirst dir treu bleiben, soviel steht fest. Du bist niemand, der katzbuckelt oder sich andient.“
Ich nickte, weil mein Gegenüber mal wieder recht hatte. So war ich nun mal.
„Wie geht es dann weiter? Was ist mit der nächsten Neun? Was ist 2029?“, fragte ich weiter.
„Zweitausendneunundzwanzig“ wiederholte der Engel leise. Es schien fast, diese Frage hat er nicht kommen sehen. Er senkte den Kopf und verharrte in dieser Position.
„Was ist denn 2029?“ bohrte ich nach.
Der Engel blieb regungslos. Nach einer Weile sagt er: „Ich fürchte, das ist zu weit – und das betrifft längst nicht nur dich. Das ist groß. Das ist noch nicht entschieden.“
Ringsum kehrten langsam das Licht und die Farben zurück. Das Wasser war wieder blaugrün und gluckerte arglos das Flussbett hinunter.
Der Engel sah mich nun unverwandt an. „Vielleicht ist auch noch gar nichts entschieden“, meinte er plötzlich. „Vielleicht ist es besser, wenn du nicht alles weißt…“
Es war das Letzte, was die Lichtgestalt zu mir sagte. In der zunehmenden Helligkeit fing sie an, sich vor meinen Augen aufzulösen. Ich wollte noch fragen, ob wir uns wiedersehen. In zehn Jahren vielleicht? Es kam keine Antwort mehr.
Am frühen Nachmittag war alles vorbei und die Welt sah wieder wie vorher aus. Ich blieb noch lange an der Flussmündung sitzen. Allein.

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Wie bizarr das alles war!
Diesen Tag im August ´99 habe ich nie vergessen - wie könnte ich auch. Es hat sich alles tief bei mir eingebrannt.
Bis heute frage ich mich, was dieser Haberer, von dem ich damals die Zigaretten eingesteckt hatte, bloß geraucht hat.
 



 
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