Die Spinne Langbein

Spinne Langbein

Eines Tages wollte die Spinne Langbein sich von der Badezimmerdecke seilen und ein Bad nehmen. Langsam und bedächtig kroch sie an den Fliesen herunter, ihr Handtuch und ein kleines Stück Seife auf dem Rücken. Leider sollte dieser Abend dem Langbein kein Glück bringen, denn die Badewanne stellte sich als unüberwindliches Hindernis heraus. Die Seitenwände waren so glatt, dass sie bei dem Versuch die Wanne zu verlassen, immer wieder und wieder abrutschte. Die Todesangst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Die kleinen Spinnenbeinchen fingen mit jedem Schritt an mehr zu zittern.
Wenige Minuten später erreichte die Todesangst ihren Höhepunkt, denn das Licht ging an. Es bedeutete nichts Gutes. Menschenstimmen näherten sich. ,,Sie sind unberechenbar“ säuselte die Spinne und hatte schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Ihr kleines Handtuch und das Seifenstückchen legte sie an das Abflusssiel. Da hörte sie auch schon den erwarteten Schrei: „Eine Spinne ist in der Wanne! Iieh ieh ieh!“ Es war die Stimme der Frau, die ihr abendliches Waschritual hinter sich bringen wollte, um dann ihren Schlaf zu genießen.
„ Oh, oh nein, ich schaffe es nicht, ich will nicht sterben, was soll ich nur machen?“, sagte Langbein leise vor sich hin. Ihr Ende schien nahe zu sein. Diesmal sollte Langbein jedoch noch mal Glück haben. Eine riesige Hand, welche ein Glas hielt, kam auf sie zu.
Zuerst erschrak Langbein, denn sie dachte an einen qualvollen Erstickungstod. Im Geiste ging sie durch, wer wohl ihre spärliche Hinterlassenschaft erben würde. Schon stülpte sich das Glas über ihr Körperchen, die Sicht war durch das Muster des Gefässes behindert. Sie stellte sich tot, um vielleicht Schlimmeres zu verhindern. Vielleicht würde die Dame ja ablassen und wenn sie endlich aus dem Bad verschwand, ein neuer Fluchtversuch Glück bringen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Es folgte ein Stückchen Papier, welches sich sanft unter das Glas schob. Wenige Minuten später fand sich die Spinne auf dem Terrassentisch wieder, auf welchen sie beim Herausgleiten aus dem Glas rutschte. Eiligen Schrittes, noch mal entkommen zu sein, rannte sie sofort in die Dunkelheit.
Inzwischen spülte die Bewohnerin die Wanne aus. Leider übersah sie dabei das mikroskopisch kleine Handtuch mit der dazugehörigen Seife, welches unvermeidlich in die Kanalisation rutschte.
"Des einen Freud, des anderen Leid", dachte der Wasserkäfer Paul, als er das Handtuch bei einem seiner Streifzüge fand. Er freute sich riesig, denn seine Frau und er waren sehr arm. Schnell brachte er den Fund nach Hause und beide beschlossen, das erworbene Stück am Wochenende mit an den Strand zu nehmen. Ach welcher Neid würde aus den anderen jungen Käfern sprechen, wenn sie dieses schöne Handtuch sahen.
Zum gleichen Zeitpunkt beschloss auch Langbein den Ärger über den Verlust der Badeutensilien mit einem Sonnenbad am Wochenende zu vergessen. Die Ruhe würde auch den Tinnitus lindern und die Sonne würde mal wieder etwas Farbe an die Beinchen bringen. So geschah es, dass Langbein langsam über die Strandpromenade spazierte. Als sie so über den Uferrand blickte, glaubte sie ihren Augen kaum zu trauen. Da lag doch der fette Wasserkäfer Paul auf ihrem Handtuch und hielt die Fühler in die Luft?
„Eh du Dieb, Taugenichts, du liegst auf meinem Handtuch, wo hast du es gestohlen?“
Der Wasserkäfer erzählte ganz verängstigt von der Futtersuche in der Kanalisation. Plötzlich sei ihm das Handtuch direkt in die Fühler getrieben. Auch berichtete er mit traurigen Augen von der Armut und dem Hunger, der erfolglosen Arbeitssuche und der Krankheit seiner Frau.
Langbein hörte aufmerksam zu und Traurigkeit erfüllte ihre Augen. Dicke Tränen rollten ihr Gesichtchen hinab. Sie beschloss dem Käfer Paul das Handtuch zu überlassen.
Seit dieser Zeit webte Langbein nur noch Handtücher für den Eigengebrauch, für die anderen, die eins haben wollten- und als kleines Präsent für Geburtstagsfeiern.
So ist es auch erklärbar, das Langbeine keine Netze weben, denn sie sind alle seit her mit dem Handtuchweben beschäftigt.
 

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